Musik auf dem „Friedhof der Dörfer“. Und im Hintergrund ein paar Schilder, die gleichermaßen Hoffnung und Willen ausdrücken.

Hambach

Beethoven an der Abbruchkante

  • vonBarbara Schnell
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Wie ein musikalisches Experiment nahe Garzweiler Kultur und Widerstand verbindet.

Es ist ein Bild, von dem man vermuten darf, dass es Ludwig van Beethoven gefreut hätte: An einem Spätfrühlingstag spazieren sommerlich gekleidete Menschen mit Sonnenschirmen durch eine alte rheinische Kulturlandschaft, während rings um sie herum seine Sechste Sinfonie erklingt – die Pastorale. Nichts scheint den Kulturgenuss trüben zu können – bis zu dem Moment, an dem die Spazierenden den Vierkanthof verlassen, zwischen dessen Mauern Reinmar Neuner sein Ensemble dirigiert, und sie sich unversehens auf dem „Friedhof der Dörfer“ wiederfinden.

Denn was am Pfingstmontag in der Ortschaft Keyenberg ein paar hundert Meter südlich von Mönchengladbachs Stadtgrenze stattfindet, ist nicht irgendeine Open-Air-Aufführung der Pastorale im Beethovenjahr. Es ist auch der Versuch, einem auswärtigen Publikum zu vermitteln, was an diesem Ort auf dem Spiel steht: Denn nur 200 Meter östlich des Hofs der Familie Winzen, auf dem das Konzert stattfindet, verläuft die Abbruchkante des Tagebaus Garzweiler. Diesem sollen der Mehrgenerationenhof und das 1100 Jahre alte Dorf im Lauf der nächsten drei Jahre zum Opfer fallen.

„Es ist ja toll, dass Beethoven gerade in aller Munde ist – aber was hätte Beethoven wohl zum Hambacher Wald gesagt?“, hatte sich Michael Bergen, Bratschist des Bonner Beethovenorchesters, Anfang des Jahres gefragt. Und sich dann mit seiner Idee eines Pastorale-Konzerts am Tagebau an Kohlekommissionsmitglied Antje Grothus gewandt.

Grothus wiederum verwies Bergen an Norbert Winzen, der seit Jahren um den Erhalt seines Zuhauses kämpft. Sie sagt: „Zwar belegen aktuelle Studien, dass eine Abbaggerung der Garzweiler-Dörfer energiepolitisch nicht mehr nötig ist. Dennoch halten Landesregierung und RWE daran fest, und die Bundesregierung will diesen Bestandsschutz für ein privates Unternehmen jetzt sogar in einen öffentlich-rechtlichen Vertrag gießen“ Und in Bergens Konzert-Idee, erklärt Grothus, „sah und sehe ich eine wunderbare Möglichkeit zu zeigen, dass der Protest in der Region nicht nur ‚dagegen‘ ist, sondern auch eine Vision von einem guten Leben hat“.

Dann durchkreuzte die CoronaKrise alle Veranstaltungspläne. Während Michael Bergen dennoch in privater Initiative begann, bei Musikern aus diversen Orchestern für seine Idee zu werben, wurden die Organisatoren vor Ort erfinderisch. Um die Musiker mit Sicherheitsabstand auf dem ganzen Gelände verteilen und das Publikum durch das Orchester hindurchwandeln lassen zu können, holten sie sich ungewöhnliche Hilfe: Der Bonner DJ Darius Darek brachte die Kopfhörer mit, unter denen sich sonst bei seinen „Silent Partys“ die Tänzer bewegen; alle Musiker wurden „remote“ verbunden und konnten auf diese Weise auf dem Hof, in Scheunen und Ställen und schließlich auf den Wiesen ringsum ihren ganz eigenen „Surround Sound“ erzeugen.

So auch auf dem „Friedhof der Dörfer“. Zwar hatte der Braunkohlekonzern RWE seinen Schaufelradbagger, der noch Tage zuvor direkt vor dem Winzen-Hof auf der ersten Sohle gestanden hatte, rechtzeitig zum Eintreffen des Kulturpublikums aus dem Blick gerückt. Doch die Installation aus gut zwei Dutzend „Ortstafeln“ erinnert an die Dörfer, die bereits in den Gruben verschwunden sind – und fordert auf weiteren Tafeln Einhalt, von „Hambi bleibt!“ bis „Keyenberg bleibt!“.

Am Ende zeigte sich nicht nur das Publikum bewegt von dem Experiment aus musikalischer Perfektion und organisatorischer Improvisation – auch die ortsfremden Musiker waren beeindruckt von der schaurigschönen Atmosphäre des Aufführungsortes, über dem bei aller ländlichen Idylle doch auch immer die Bedrohung schwebt. Tosender Applaus daher für das Orchester genauso wie für Michael Bergens Wunsch, die Aktion „genau hier in fünf Jahren“ zu wiederholen – also zwei Jahre nach der geplanten Zerstörung von Keyenberg.

Den Kompromiss zwischen Perfektionsanspruch und Improvisation zu finden, war auch die Herausforderung, der sich die Musiker des Kölner Streich- Sextetts gegenüber sahen, die zeitgleich die Pastorale im Hambacher Wald spielten. Ein deutlich kleineres, stationäres Konzert, dem vor allem die Baumhausbewohner lauschten, über dem aber ähnliche Ungewissheit schwebte.

„Zwar ist der Erhalt des Waldes mit dem Kohlekompromiss beschlossen“, sagt Antje Grothus, die dafür in der Kommission besonders gekämpft hatte. „Aber RWE will die Äcker rund um den Wald nun als Füllmaterial benutzen und gräbt daher trotzdem an seinen Wurzeln, und auch die Dürre setzt ihm sichtlich zu. Daher ist es auch hier leider zu früh für eine Entwarnung – und kreativer Protest tut weiter not.“

Dabei war sich Violinistin Elisabeth Polyzoides alles andere als sicher, was sie in dem umstrittenen Wald erwarten würde. „Wir erleben alle, wie die Klimabewegung kriminalisiert wird, und ich hatte schon ein mulmiges Gefühl, ein 350 Jahre altes Instrument mit an diesen Ort zu nehmen. Aber am Ende war es ein Wahnsinnsgefühl, die Pastorale hier zu spielen. Und ich hatte auf einmal das Gefühl, die Geige sagt mir, sie ist hier zu Hause.“

Auch das hätte Beethoven vermutlich gefreut.

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