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Keith Richards im Interview: „Ich bin von ziemlich solider Bauweise“

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„Yeah!“: Keith Richards beim Konzert der Rolling Stones im Oktober 2021 im kalifornischen Inglewood.
„Yeah!“: Keith Richards beim Konzert der Rolling Stones im Oktober 2021 im kalifornischen Inglewood. © Rich Fury/AFP

Eine heitere Plauderei mit Keith Richards, Gitarrist und Gründungsmitglied der Rolling Stones – der auch mit 78 Jahren noch nicht ans Aufhören denkt.

Frankfurt - Die Rolling Stones kommen erstmals seit 2018 und pünktlich zu ihrem 60. Bandjubiläum wieder auf Europatournee. Im Interview erzählt Gitarrist Keith Richards (78), der sich auf die Minute pünktlich zur vereinbarten Zeit telefonisch aus seinem Domizil in Weston im US-Bundesstaat Connecticut meldet, wie er sich auf die Konzerte vorbereitet und warum das Aufhören noch immer keine ernsthafte Option ist – und das alles per Du.

Keith Richards im Interview

Hallo, hier spricht Keith Richards.

Hallo, Keith. Geht es dir gut?

Danke, könnte nicht besser sein.

Es ist früher Nachmittag. Womit bist du gerade beschäftigt?

Mit Kofferpacken. Wir reisen in Kürze nach Europa, um zu proben und dann unsere Konzerte zu spielen. Ich kann versprechen: Das wird richtig gut.

Was darf in deinem Reisegepäck, abgesehen von den Gitarren , nicht fehlen?

Um die Gitarren kümmern sich tatsächlich die Mitarbeiter. Was sonst noch? Mann, also vor mir stehen zwei Koffer. In den einen habe ich meine T-Shirts geworfen, in den anderen kommen die restlichen Klamotten, dann nehme ich auch noch eine Tasche voller CDs und ein paar Platten mit. Diese Packerei ist nicht so richtig spannend. Ich mache das ja schon seit so vielen Jahren, viel zu lange eigentlich (lacht).

Keith Richards freut sich auf Europatournee mit den Rolling Stones

Freust du dich auf die Europatournee mit den Rolling Stones?

Oh Mann, meine Freude ist gigantisch. Ich spiele immer supergerne in Europa, und es ist ja schon eine Weile her, dass wir dort waren, vier Jahre, wenn ich mich nicht irre. Europa hat mir gefehlt, ich sehne mich nach dem Kontinent und nach euch Menschen. Einige Dinge haben sich verändert, seit wir das letzte Mal bei euch waren.

Einige zum Guten, einige zum Schlechten.

Yeah.

Hast du die Coronazeit in deinem Haus in Connecticut verbracht?

Ja, wie fast alle Menschen, die ich kenne, habe ich zu Hause gehockt. Ich habe den einen oder anderen Song geschrieben und darauf aufgepasst, dass es allen soweit gut geht. Das war ja echt ein total globales Ding und für uns alle die gleiche seltsame Erfahrung. Ich bin nur sehr froh, heile am anderen Ende dieser Geschichte rausgekommen zu sein und „Hello again“ sagen zu können.

Du machst das seit 60 Jahren.

Und es fühlt sich an, als seien es schon 120 (lacht). Nein, ach, es fühlt sich eigentlich so an wie immer. Mein Job hat sich nicht sehr stark verändert. Im Ernst, ich bin ziemlich glücklich, dass ich immer noch diese Arbeit habe. Was sollte denn sonst aus mir werden?

 Auf alle Fälle wäre ich nur ein lausiger Klempner geworden, ha!

Keith Richards

Du musstest dir diese Frage ja tatsächlich nie stellen. Was denkst du, was wäre ohne die Rolling Stones aus Keith Richards geworden?

Tja, was wäre aus mir geworden (lacht). Ich stehe auf dem Schlauch, ich habe tatsächlich keine Antwort parat. Ich habe mir diesen Beruf ausgesucht, weil ich keine andere Verwendung für mich gefunden hätte. Auf alle Fälle wäre ich nur ein lausiger Klempner geworden, ha! Ich halte es wirklich für eine glückliche Fügung des Lebens, dass ich frühzeitig etwas gefunden habe, was ich gut konnte und was ich immer gerne gemacht habe. Ich habe von Beginn an nie an meinem Job gezweifelt, ihn nie in Frage gestellt. Ich kann mich in Anbetracht meines Lebens nur bedanken und beten.

Keith Richards über Charlie Watts

Vergangenes Jahr ist etwas sehr Trauriges geschehen: Euer Schlagzeuger Charlie Watts ist gestorben. Anschließend seid ihr in Nordamerika auf Tournee gewesen. Inwiefern fühlt es sich für dich jetzt anders an ohne Charlie – auf der Bühne, aber auch im Leben?

Das war eine unglaublich schwierige Zeit für uns. Glücklicherweise war Steve Jordan, ein Freund der Band und insbesondere ein persönlicher Freund von mir seit mehr als 30 Jahren, bereit, die Aufgabe zu übernehmen. Charlie selbst hatte uns Steve noch vorgeschlagen, er sagte zu uns: Ich werde diese Tournee nicht selbst spielen können, aber wenn ihr wollt, ist Steve euer Mann. Und ganz ohne Zweifel macht er das großartig. Steve ist ein anderer Schlagzeuger und ein anderer Mensch als Charlie, wir mussten unser Spiel ein bisschen neu auf ihn ausrichten, der gesamte Sound der Stones hat durch ihn eine leicht veränderte Dynamik bekommen.

Du spielst in deiner Hobby- und Freizeitband X-Pensive Winos seit vielen Jahren mit Steve Jordan zusammen.

Wir haben Spaß daran, unser Zusammenspiel und unsere Harmonie nun in die Stones einzubringen und letztlich mit den Stones zusammenzuführen. Das macht echt Spaß und ist, wenn du so willst, der tröstende Aspekt innerhalb der Tragödie, Charlie verloren zu haben. Als Freund vermisse ich Charlie Watts immens. Aber wir müssen ja irgendwie weitermachen, weißt du.

Du hast einmal gesagt, Charlie Watts gebe dir auf der Bühne die Freiheit zu fliegen.

Ja, das stimmt.

Bist du jetzt dabei, dir ein neues Paar Flügel wachsen zu lassen?

Nein, erfreulicherweise funktionieren meine alten Flügel auch mit Steve Jordan. Und Charlie hat seine eigenen Flügel an Steve weitergegeben.

Hat sich das Verhältnis zwischen euch dreien – Mick Jagger, Ronnie Wood und dir – durch Charlies Tod noch einmal verändert?

Ja. Ich denke, wir sind uns durch den Verlust von Charlie nähergekommen. Wenn solche Schicksalsschläge passieren, raufen sich die Überlebenden in aller Regel zusammen. So haben auch wir es getan. Unser gemeinsames wichtigstes Anliegen ist es stets, das Beste für die Rolling Stones zu erreichen und die Weichen im Sinne der Band zu stellen. Was einfacher klingt, als es oft ist. Ich habe immer das Gefühl, dass man die Geschicke der Stones nicht wirklich planen oder gar kontrollieren kann. Und dass diese Band so viel größer ist als die Summe ihrer Teile. In vielerlei Hinsicht kommt es mir vor, als wäre auch ich nur ein Angestellter im Dienste der großen Sache, der Stones (lacht).

Denkst du nicht manchmal, du musst der glücklichste Mensch auf Erden sein?

Naja, da bin ich mir nicht allzu sicher. Bestimmt gibt es einige Leute da draußen, die noch glücklicher sind. Aber ich kann mich nicht beklagen, das steht mal fest.

Hast du dir jemals ein Leben als Pensionär vorzustellen versucht?

(Lacht): Als was? Für so etwas kann ich viel zu schlecht stillhalten. Ich muss immer in Bewegung sein.

Wie machst du dich eigentlich fit für so eine Tournee? Kommt drei Mal pro Woche der Personal Trainer und nimmt dich so richtig ran?

Nein, nein. Solche Sachen mache ich nicht. Mein Workout sind unsere Proben für die Tour. Wenn die Show nach etwa drei, vier Wochen soweit ist, dass wir sie auf die Bühne bringen können, dann werden auch mein Körper und ich optimal in Form sein.

Also nix mit E-Bike-Touren, Yoga oder Dauerläufen?

Nein, mir reicht es völlig, wenn ich ein bisschen auf meine Atmung achte. Ich tue so gut wie nichts für meinen Körper, was mit Anstrengung zu tun hat. Vielleicht sollte ich lieber mehr machen. Aber ich fühle mich perfekt so, wie ich bin.

Sehen deine Ärzte das auch so?

Die Ärzte sagen mir auch, dass alles in Ordnung ist. Ich glaube denen gern. Und ehrlich, das hört sich jetzt so lässig an, wenn ich sage, die Proben sind mein Sport. Aber weißt du, was Proben bei den Stones bedeutet? Zehn bis zwölf Stunden am Tag auf den Beinen zu sein, mit einer Gitarre um den Hals.

Zur Person

Keith Richards , geboren am 18. Dezember 1943 im englischen Dartford, ist – das lässt sich ohne Übertreibung sagen – eine lebende Legende. Als Gitarrist und Songwriter der Rolling Stones trägt er maßgeblich zum Erfolg der Band bei. Sein Gitarrenriff von „(I Can’t Get No) Satisfaction“ im Jahr 1965 macht den Song zum unverwechselbaren Klassiker.

In den 1970er Jahren ist Richards schwer heroinabhängig, der endgültige Entzug gelingt ihm 1979, er konsumiert allerdings weiterhin Drogen wie Kokain, diverse Beruhigungsmittel und Alkohol. 2006 erleidet er bei einem Unfall eine schwere Kopfverletzung, die ihn zur völligen Abstinenz zwingt. Mittlerweile lebt er mit seiner Frau, dem Model Patti Hansen, in dem eher beschaulichen Ort Wilson im US-Bundesstaat Connecticut. Die beiden haben die gemeinsamen Töchter Theodora und Alexandra, die wie ihre Mutter erfolgreiche Models sind. Aus seiner früheren Beziehung hat Richards einen Sohn und eine Tochter. (osk)

Tourdaten: www.rollingstones.com/tour

Keith Richards – unzerstörbar?

Lustig, dass deine Ärzte dir beste Gesundheit bescheinigen. Scheinbar wirst du gesünder, je älter du wirst.

In diesem Punkt zähle ich mich zu den Perversen.

Verwundert es dich selbst, dass dein nicht eben gesundheitsbewusstes Leben keine Spätfolgen hinterlassen hat?

Ich vermeide es, meinen Gesundheitsexperten Fragen zu meiner Verfassung zu stellen, denn möglicherweise würden mir die Antworten nicht besonders gut gefallen. Andererseits halte ich mich jetzt auch nicht für ein Wunder der Medizin. Vermutlich bin ich einfach nur ein alter Knacker, der sich halbwegs gut gehalten hat und der einfach auch ein bisschen Glück hatte. Ich zerbreche mir über meine Gesundheit aktuell nicht den Kopf, das überlasse ich den Journalisten (lacht). So lange ich nicht hinfalle und nicht mehr ohne Hilfe aufstehen kann, bin ich zufrieden.

Du hast so viele ungesunde Gewohnheiten aufgegeben…

Wie wahr, wie wahr. Ich bin sie alle losgeworden. Die erste Hälfte meines Lebens habe ich damit verbracht, die Süchte einzusammeln. Die zweite Hälfte habe ich genutzt, sie wieder abzuschütteln.

Da kann man ja nur gratulieren.

Gerne. Dennoch ist das eine Vorgehensweise, die ich nicht jedem empfehlen möchte.

Ist Keith Richards unzerstörbar?

Nein. Und ich möchte es auch nicht auf den Versuch ankommen lassen oder die Sache ausreizen, ganz sicher mache ich das nicht. Ich habe den festen Vorsatz, so gut es geht auf mich aufzupassen. Ich halte mich nicht für unzerstörbar. Ich bin einfach nur von ziemlich solider Bauweise, das ist alles.

Sind deine Enkel eigentlich fasziniert von den Abenteuern ihres Opas?

Teils, teils. Die Großen sind ja schon lange alt genug, um zu wissen, wer ich bin. Besonders süß ist es, wenn noch Kleine kommen. Die Babys sind so drollig. Mein jüngstes Enkelkind wird jetzt ein Jahr alt und ist heute gerade bei mir.

Viele Menschen, speziell Männer, die beruflich sehr eingespannt waren, holen bei ihren Enkeln nach, was sie bei ihren Kindern versäumt haben. Du auch?

Ja, da ist etwas Wahres dran. Ich genieße es, Opa zu sein. Du musst nicht mehr die langweiligen Sachen machen wie zum Beispiel Windeln wechseln oder die Babys füttern, das sollen mal schön die Eltern erledigen (lacht). Ich sorge dann für den Spaß. Aber ja, es ist eine wunderbare Sache, diese kleinen Wesen aufwachsen zu sehen.

Aber logisch, Rock’n’Roll, das Originalzeug, ist auf alle Fälle immer noch echt verdammt gut. Alles Gute dem Rock’n’Roll.

Keith Richards

Keith, du bist ja persönlich nach wie vor sehr munter. Aber wie steht es um den Rock’n’Roll. Wird er uns überleben?

Ja, in der einen oder anderen Form wird es so etwas wie Rock’n’Roll immer geben. Es gab ihn ja auch schon, bevor der Name „Rock’n’Roll“ überhaupt existierte. Es ist aus meiner Sicht einfach nur ein Rhythmus und letzten Endes ein anderes Wort für „Musik“ an sich. Jede Generation hat einen neuen Ansatzpunkt, und immer wieder kommen neue Technologien und Möglichkeiten auf. Musik berührt die Menschen, sie wird niemals aus unserem Leben verschwinden. Aber logisch, Rock’n’Roll, das Originalzeug, ist auf alle Fälle immer noch echt verdammt gut. Alles Gute dem Rock’n’Roll.

Du bist also zuversichtlich, dass in 200 Jahren die Menschen die Rolling Stones hören, so wie sie heute Beethoven oder Mozart hören?

Vorausgesetzt, in 200 Jahren gibt es noch Menschen, dann ja (lacht laut). Ich möchte es jedenfalls hoffen.

Oh, glaubst du, wir machen uns bis dahin eventuell den Garaus?

Ich bin ein Optimist und sage, die nächsten 200 Jahre bekommen wir auch noch hin. Allerdings müssen wir uns ganz schön zusammenreißen, wenn wir dieses Ziel erreichen wollen.

Keith Richards kommt sich jung vor - verglichen mit der Queen

Du warst in den 1950er Jahren im Knabenchor. Mit zwölf hast du in Westminster Abbey bei einem Weihnachtsgottesdienst auch vor Queen Elizabeth gesungen.

Jau, und sie ist immer noch da!

Sie ist sogar noch zehn Jahre länger in ihrem Job als du. Was denkst du in Anbetracht ihres 70. Thronjubiläums?

Die Queen ist ein Teil Großbritanniens. Ich wünsche ihr wirklich alles Gute, sie sei gesegnet, auch wenn ich keine starken Gefühle der Monarchie gegenüber empfinde. Aber diese Frau macht echt einen absoluten Knochenjob, a hell of a gig. Und das schon, seit ich ein kleiner Junge war.

Sie ist zehn Jahre länger dabei als du.

Ich weiß. Und um einiges älter als ich.

96.

Wahnsinn. Tolle Leistung. Verglichen mit der Queen komme ich mir plötzlich jung vor.

(Interview: Steffen Rüth)

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