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Biobauer Manfred N. wünscht sich sehnlichst einen Nachfolger für seinen Hof.
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Biobauer Manfred N. wünscht sich sehnlichst einen Nachfolger für seinen Hof.

Rheinland-Pfalz

Bauer sucht Bauer

Viele zieht es aufs Land, aber nur wenige in die Landwirtschaft. Lediglich jeder dritte in Frage kommende Hof in Deutschland hat einen Nachfolger. Das Beispiel des Bauers Manfred N. zeigt die schwierige Suche.

Von Petra Pluwatsch

Manchmal funkt einfach die Natur dazwischen, besonders auf dem Bauernhof. „Die Lena und der David, die hätten gepasst“, sagt Manfred N. „Mit denen hätten wir auskommen können.“ Doch dann sei die Lena ungeplant schwanger geworden und habe nicht auf einem Hof 500 Kilometer entfernt von den Eltern und der Oma leben wollen. „Schade war das“, sagt Manfred N. „Die Schwangerschaft kam einfach zu früh. Denen hätte ich den Hof gern gegeben.“ Der Landwirt stapft voran durch ein Meer aus Gras und Klee und dunkelgrünem Sauerampfer. Späte Gänseblümchen blühen unverdrossen am Rande des Feldes. Die Luft riecht nach Mist und feuchter Wiese, nach Kuh und Gras und Morgentau. Es hat viel geregnet in den vergangenen Tagen. Der Boden ist gesättigt von Feuchtigkeit.

„Wir hinken mit allem hinterher“, sagt Manfred N. und seufzt leise. Schlammspritzer sprenkeln seine kanariengelben Gummistiefel. Auf seinem Kopf sitzt eine selbst gestrickte Wollmütze, die Beine stecken in festen blauen Arbeiterhosen. „Irgendwo dahinten ist die Hofgrenze.“ Der 62-jährige Landwirt deutet mit verhaltenem Stolz in die Ferne, wo ein dunkles Band aus Büschen und Bäumen seinen Besitz befriedet. Kahle Obstbäume sprenkeln das weite, grüne Tal, die Glasfronten zweier Treibhäuser funkeln im Sonnenlicht.

"Jetzt bist du dran"

Seit drei Generationen ist der Hof im Schwarzbachtal in Rheinland-Pfalz in Familienbesitz. 77 Hektar Land, sechs Kühe, zwölf Schweine, 300 Hühner, 300 Apfelbäume und ein Fischteich. Der Großvater von Manfred N. pachtete den Hof 1926 und kaufte ihn 13 Jahre später von den erwirtschafteten Erträgen. Nach seinem Tod 1943 übernahm der zweitälteste Sohn Hermann den Betrieb. Siebzehn Jahre alt sei der Vater damals gewesen, erzählt Manfred N. „Der musste schon mit sieben, acht mit auf den Acker. Da wurde niemand groß gefragt, ob er will oder nicht.“

Das war bei ihm kaum anders. „Als ich zwanzig war, hat der Vater gesagt: Jetzt bist du dran“, erinnert er sich. Manfred N. war immer gern Bauer, auch wenn die Mutter gern einen Studierten aus ihm gemacht hätte. 1981 wandelte der staatlich geprüfte Wirtschafter den Betrieb mit Zustimmung des Vaters in einen Biohof um. Heute ist Manfred N. Vorsitzender des Ökoverbandes Bioland in Rheinland-Pfalz, 2012 erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande für seine Verdienste um den ökologischen Landbau.

Doch nun droht die Kette zu reißen: Seit zwei Jahren sucht der Biobauer vergeblich nach einem Nachfolger für den alteingesessenen Familienbetrieb. „Mehr als 40 Jahre in der Landwirtschaft sind genug“, sagt er. „Da kann man schon mal ans Aufhören denken. Ich hätte schon vor fünf, sechs Jahren alles abgegeben, wenn das gegangen wäre.“ Aber seine drei erwachsenen Kinder zeigten wenig Interesse an der Übernahme des Betriebs.

Lieber Finanzbeamter

Manfred N. hat dafür Verständnis. „Die haben heute einfach andere Möglichkeiten als wir damals.“ Der einzige Sohn wolle Finanzbeamter werden. Ihm, dem 21 Jahre alten Nachzügler, traue er am allerwenigsten zu, den elterlichen Betrieb weiterzuführen, sagt der Vater ohne Vorwurf. „Dafür hat er andere Gaben.“ Die Töchter, beide jenseits der dreißig, haben eigene Familien. Die Älteste ist mit einem Großbauern, die Zweitgeborene mit einem Pfarrer verheiratet. „Die hätte das Zeug dazu gehabt, den Laden zu managen.“

Ist er enttäuscht? Manfred N. schüttelt den Kopf. „Natürlich wäre es schön, wenn alles in der Familie bliebe. Doch ich sehe das so: Wir sind nur Gast auf Erden. Ich habe den Hof lediglich für eine gewisse Zeit anvertraut bekommen und versucht, pfleglich mit ihm umzugehen. Nun soll ihn jemand weiterführen, der das auch wirklich will. Wenn das die Kinder sind, ist es gut. Wenn das jemand anderes ist, auch gut.“

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Ausweg Internet? Manfred N. sucht per Internet einen Nachfolger für seinen Hof.

Als er vor zwei Jahren sechzig wurde, hat er auf einer Internetplattform ein Inserat platziert: „Gemischtbetrieb in Rheinland-Pfalz sucht Nachfolger.“ Dieser soll zunächst den Biohof und später auch den dazugehörigen Laden als Pächter übernehmen. Und er wird mit Manfred N., seiner Ehefrau Marianne und N.s hochbetagten Eltern, die als Altbauern lebenslanges Wohnrecht genießen, zusammenleben müssen. „Wer den Hof will, der muss vier Alte dazu nehmen“, sagt Manfred N. trocken. „Meine Eltern kann man nicht mehr verpflanzen. Und meine Frau will nicht weggehen.“

Bis zu fünf Jahre hat er für die Suche nach einem geeigneten Nachfolger veranschlagt. „Es muss halt alles zusammenpassen.“ Das Menschliche und der ganze Rest. So wie bei Lena und David aus Westfalen. Wenn nicht Lenas Schwangerschaft dazwischengekommen wäre und damit die Diskussion um die zu große Entfernung zwischen Rheinland-Pfalz und dem westfälischen Sauerland, wo ihre Familie lebt.

Zu jung, zu alt, zu wenig Geld

Rund zwei Dutzend Bewerber hätten sich bislang auf die Anzeige im Internet gemeldet, etwa die Hälfte habe er gleich abhaken können, sagt der Bauer. Zu jung, zu alt, keine landwirtschaftliche Ausbildung, zu wenig Startkapital. „Das Ganze darf nicht im finanziellen Chaos enden. Ich will den Betrieb schließlich nicht in ein paar Jahren wiederhaben.“ Zu romantisch waren vielleicht auch die Vorstellungen einiger Städter vom Siedeln auf dem Lande.

„Wir leben hier nicht in einem Hochglanzmagazin. Das ist harte Arbeit“, stellt Manfred N. klar. Anderen Paaren seien vier Alte, die sie durchfüttern müssen, zu viel gewesen. Auch dafür hat er Verständnis. „Ich frage mich ja selber, ob ich es anderen Menschen zumuten kann, zwanzig, dreißig Jahre für uns da zu sein und gleichzeitig den ganzen Betrieb hier zu unterhalten. Halten die das aus? Ist das noch zeitgemäß?“

Manfred N. ist nicht der Einzige, der im Internet einen Nachfolger für seinen Hof sucht. Längst ist es nicht mehr selbstverständlich, dass ein landwirtschaftlicher Betrieb über Generationen in Familienbesitz bleibt. Bundesweit sind inzwischen etwa zwei Drittel aller Höfe, deren Besitzer älter als 45 Jahre sind, ohne Nachfolger. In Berlin und Brandenburg ist die Hofnachfolge lediglich bei 28 Prozent der Betriebe gesichert, in Rheinland-Pfalz sogar nur bei 17 Prozent. Die Landwirte selber schätzen die Chancen, rechtzeitig einen geeigneten Kandidaten zur Hofübernahme zu finden, heute wesentlich schlechter ein als noch Ende des vergangenen Jahrhunderts.

Die Nachfrage nach Vermittlung ist groß

„Es ist ein schwieriger Beruf“, sagt Anke Friedrich vom Deutschen Bauernverband in Berlin. „Ein Landwirt muss heute ein vielseitiger Manager sein. Er muss eine Vielzahl von Verordnungen und Gesetzen beachten, ein Großteil der Arbeit ist Büroarbeit. Nicht jeder will das, auch wenn er auf einem Bauernhof aufgewachsen ist.“

Etwa die Hälfte der potenziellen Hofnachfolger verwirkliche lieber eigene Berufsvorstellungen, statt den elterlichen Betrieb zu übernehmen, jeder Vierte halte eine Weiterführung für nicht lohnend, sagt Christian Vieth, der Initiator von www.hofgruender.de. Rund 3000 Kontakte hat der Agrarökonom und Sohn eines Winzers seit 2008 zwischen Bauernhofbesitzern und möglichen Interessenten vermittelt.

„Wir sind keine Immobilienbörse“, das betont der 37-Jährige gern. „Unser Ziel ist, dass die Höfe wie bisher weitergeführt werden“ – und zwar zu Bedingungen, wie sie innerhalb der Familie gelten. „Die abgebenden Bauern sollen das Wohnrecht behalten und eine Rente von ihren Nachfolgern bekommen.“

Die meisten Landwirte beziehen nur eine geringe Altersrente und sind auf die Einnahmen aus dem Hofübergabevertrag, das traditionelle Altenteil, angewiesen. Die Nachfrage nach Beratung und Vermittlung ist unvermindert groß. „Die Bauern haben das Reden oft nicht gelernt“, sagt Vieth. „Viele, die Hilfe bei uns suchen, haben zudem Idealvorstellungen, die sich nicht erfüllen lassen.“ Sein Angebot umfasst daher neben Seminaren auch begleitende Gespräche.

Haupteinnahmequelle Bioladen

Manfred N. stapft zurück Richtung Haus, vorbei am Fischteich mit dem selbstgezimmerten Holzsteg. Quer über den schlammigen Hof Richtung Stallungen. Vorbei am Hühnerhaus mit der hölzernen Stiege. Ein paar Hühner scharren eifrig in der Erde – „Mistkratzer“ nennt er die Freigänger. „Die fangen im Sommer im Schweinestall die Insekten weg.“

Im großzügigen Außengehege des Stalls grunzen fette Schweine und schnüffeln im Stroh. Heute Morgen hat Manfred N. zwei von ihnen zum Schlachter gebracht. Ihr Fleisch wird zu Wurst und zu Pfälzer Schwartenmagen verarbeitet. Die Produkte verkauft Marianne N. anschließend im hofeigenen Bioladen, einem 40 Quadratmeter großen Raum, dem eine Erweiterung gut tun würde.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Hoffnungen für Manfred N.

Die Regale des Hofladens sind vollgestellt mit Bioprodukten – Honig und Marmelade, Konservendosen mit Schwartenmagen und Leberwurst. Vor dem Laden stehen zwei Holzbänke und ein schwerer Tisch, dessen Holz von den vielen Jahren ganz dunkel geworden ist. An diesem Tisch trifft sich die Stammkundschaft nach dem Einkauf zum Schwatzen. Neben dem Eingang stapeln sich weitere Obst- und Gemüsekisten. Der Hofladen ist hier die Haupteinnahmequelle. „Manche Kunden kommen schon in der zweiten Generation, weil sie nicht das Zeug aus dem Supermarkt kaufen wollen“, sagt Manfred N. Auch diese Kunden würden ihn inzwischen immer öfter fragen, wie es bei ihnen auf dem Hof weitergeht.

Altbauer Hermann N. hat die Türen des Hühnerstalls geöffnet. Die Legehennen stürzen gackernd ins Freie und picken nach etwas Essbarem. Hermann N. ist in diesem Jahr 88 Jahre alt geworden. Gemeinsam mit seiner Frau Frieda, die drei Jahre jünger ist als er, lebt er in der Einliegerwohnung über dem Laden und kümmert sich um das Federvieh.

Ein Stück Lebenswerk

Die Eltern täten sich noch etwas schwer mit seiner Entscheidung, den Hof in fremde Hände zu übergeben, sagt Manfred N. Da kämen schon mal Sprüche wie: „Du hast doch acht Enkel. Vielleicht ist ja einer dabei, der den Hof später übernehmen will.“ Aber soll er noch 20 Jahre warten, bis der erste erwachsen ist?

„Mein größter Wunsch ist, dass der Hof als Öko- oder Biolandhof in seiner jetzigen Struktur erhalten bleibt und weiterentwickelt wird“, sagt Manfred N. Der Bereich Gemüse und Eier sei durchaus ausbaufähig, doch darüber müsse der Nachfolger entscheiden. Geduldig rührt er währenddessen in einem Topf mit Erbsensuppe und Siedewurst, der Tisch in der kleinen Küche mit Blick auf den Garten ist für drei Personen gedeckt. Ehefrau Marianne ist zu einer Geburtstagsfeier eingeladen und hat vorgekocht. Auf dem Fensterbrett stehen Fotos der acht Enkel, die orangefarbene Tapete stammt aus den Siebzigerjahren. Im Wohnzimmer über der Sitzecke hängt ein selbst gemaltes Bild vom Hof.

„Natürlich könnte ich das Land verpachten oder verkaufen und die Gebäude sich selbst überlassen“, sagt Manfred N. Manch einer hat ihm dazu geraten. „Doch das ist nicht das, was ich will. Der Hof ist ein Stück Lebenswerk, und es wäre schön zu sehen, dass etwas, das man angefangen hat, nicht einfach plattgemacht wird, sondern eine Zukunftsperspektive hat.“

Er weiß, wie Höfe aussehen, die aufgegeben wurden, und das macht ihm Angst. „Die Alten wohnen noch drin, und ringsum fällt alles zusammen, weil das Geld zur Instandhaltung fehlt. Soll ich zusehen, wie die Gebäude, in denen ich mein Leben lang gearbeitet habe, verfallen? Das ist für mich keine Perspektive.“

Die Hoffnung bleibt

Der Erbseneintopf steht auf dem Tisch. „Otto!“, ruft Manfred N. Otto, ein schwerer Mann mit graublonden Locken, ist der einzige Festangestellte auf dem Hof. Eben hat der 56-Jährige ein drittes Treibhaus zusammengebaut und Drainagen gelegt, um den Boden zu entwässern. „Der Hof muss erhalten bleiben“, brummt auch er in seine Suppe.

Die Aussichten dafür stehen nicht schlecht. Im vergangenen Herbst hat sich ein junges Ehepaar mit zwei kleinen Kindern auf dem Biohof vorgestellt. Es würde den Betrieb gern zu Manfred N.‘s Bedingungen übernehmen.

Die ersten Treffen liefen gut, ein weiterer Termin ist bereits avisiert. „Dann geht es in die Phase der konkreten Planung.“

Und wenn es auch diesmal nicht klappt? Manfred N. blickt aus dem Fenster in den Garten. „Dann“, sagt er nach einer Weile, „würde ich einen Teil verkaufen und aus dem Rest einen Reiterhof machen. Oder ein Sozialprojekt für Behinderte. Das wäre mir noch lieber.“

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