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Meeresspektakel: Plötzlich ist das Meer rund um das Schiff aufgewühlt, es spritzt und schäumt und schnattert. Überall springen Delfine aus den Wellen oder sausen direkt unter der Wasseroberfläche neben dem Schiff her.

Wale

Im Bann der sanften Riesen

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1999 wurde im Mittelmeer eine riesige Schutzzone für Wale und andere Meerestiere eingerichtet. Die Walforscherin Sabina Airoldi kennt das Gebiet wie ihre Westentasche. 

Da, eine Wasserfontäne! „Auf elf Uhr!“ Kaum ertönt der Ruf vom Vorderdeck, wird es still auf der „Pelagos“, alle Gespräche verstummen. Sabina Airoldi und die beiden anderen Wissenschaftlerinnen balancieren auf den schwankenden Planken des Motorseglers und richten ihre Ferngläser auf den Meeresabschnitt „elf Uhr“ – das heißt, etwas links vom Bug. Auch die Gäste an Bord starren gebannt in dieselbe Richtung aufs tiefblaue Wasser, auf dem sich weiße Schaumkronen kräuseln.

Seit dem frühen Morgen ist das Schiff unterwegs, etliche Stunden schon. Im Schichtdienst halten je drei Leute durch Ferngläser nach allen Seiten Ausschau. Und nun, endlich! Ein zweites Mal spritzt in der Ferne kurz eine kleine Wassersäule auf. Und dann noch eine.

Es wird hektisch auf der „Pelagos“. Die Forscherinnen rennen unter Deck, um die Kameras mit den großen Objektiven zu holen. Skipper Paolo Pinto, ein Mann mit tief zerfurchtem Gesicht, dreht den Motor hoch und legt an Geschwindigkeit zu. „Es könnten Finnwale sein“, ruft Sabina Airoldi. „Wir haben Glück.“ Dann zieht sie eilig eine Weste mit Karabinerhaken über, um sich an der wackeligen Strickleiter zu sichern und zum Ausguck am Mast hinaufzuklettern.

Acht Walarten sind im Mittelmeer zuhause

Wale? Die vermutet man gemeinhin in den Weiten der Ozeane. Vor Südafrika, rund um die Azoren inmitten des Atlantiks, im Pazifik. Aber im idyllischen Mittelmeer? Nicht weit von den Badeorten Liguriens und der Cote d’Azur entfernt? Die größten Säugetiere der Welt leben auch in mediterranen Gewässern, vor allem im ligurischen Meer zwischen Sanremo und Korsika, das im Sommer besonders algen- und planktonreich ist. Acht Arten von Meeressäugern sind im Mittelmeer zuhause, neben Finnwalen suchen hier auch Pott- und Grindwale sowie Delfine nach Nahrung. Doch obwohl eigens eine Meeresschutzzone für sie eingerichtet wurde, sind sie bedroht.

Die „Pelagos“, der 21 Meter lange Zweimaster des italienischen Walforschungs-Instituts Tethys, hat sich unterdessen dem Sichtungsort genähert. Angestrengt beobachten alle an Bord die Wasseroberfläche. Dann erhebt sich plötzlich majestätisch ein schwarzgrauer Walrücken aus dem Meer, ein paar hundert Meter entfernt, und gleitet wieder ab. Als er wieder auftaucht ist die Finne, die dieser Walart ihren Namen gibt, gut zu erkennen. Und trotz des Winds und der klappernden Takelage ist das „Pfff“, mit dem der Wal Luft aus seinen Lungen bläst, deutlich zu hören. Wie eine kleine Fontäne spritzt Wasser dabei auf.

Hinter dem Giganten taucht ein weiterer schwarzgrauer Rücken auf, dann noch einer. „Es sind drei“, ruft Sabina Airoldi triumphierend vom Ausguck. „Und dort hinten sind noch zwei!“. Ihre Kolleginnen Alessia und Eva fotografieren die Tiere, während der Skipper versucht, uns noch etwas näher an die schwimmende Kolonne heranzusteuern. An diesem Tag werden die Wissenschaftlerinnen von naturinteressierten Touristen und Journalisten begleitet. Die meisten von ihnen haben noch nie Wale gesehen. Alle sind fasziniert.

Finnwale sind nach Blauwalen die zweitgrößten Säugetiere der Erde. Bis zu 24 Meter sind sie lang – länger als die „Pelagos“ also – und bis zu 50 Tonnen schwer. Sie können in mehr als 500 Meter Tiefe tauchen, um Krill, kleine Fische und Tintenfische zu fressen. Alle zehn bis 15 Minuten kommen sie zum Luftholen an die Oberfläche.

„Sie haben etwas Mystisches“

Mehr als eine Stunde begleitet die „Pelagos“ die Wale, ohne ihnen allzu nahe zu kommen. Die scheint das nicht zu stören. Seltsam berührend ist es, die sanften Riesen zu beobachten. Michela, eine Italienerin aus Sanremo, hat Tränen in den Augen. „Ich bin vernarrt in diese Tiere“, sagt sie, „sie haben etwas Mystisches.“ Die regelmäßigen Ausblas-Geräusche der Wale, das elegante Auf- und Abgleiten ihrer massigen Körper, die sich wie in Zeitlupe ihren Weg durch die Wellen bahnen, das zu beobachten ist fast wie eine Meditation.

„Ich erkenne sie alle wieder“: Sabina Airoldi erklimmt den Ausguck.

Sabina Airoldi hat den Walen ihr Berufsleben gewidmet. Als junge Wissenschaftlerin stieß sie 1987 zum Team von Giuseppe Notarbartolo di Sciara, einem Meeresbiologen und Umweltschützer, der sich als erster überhaupt mit den Meeressäugern vor Ligurien beschäftigte. Bis dahin wusste kaum jemand von ihnen. Und bis heute geben sie viele Rätsel auf.

Walbeobachtungsprogramm seit 1986 

Notarbartolo hatte 1986 Tethys gegründet. Dem Forschungsinstitut ist zu es verdanken, dass Italien, Frankreich und das Fürstentum Monaco Jahre später, 1999, das weltweit erste grenzübergreifende Meeresschutzgebiet „Pelagos“ einrichteten. Es reicht von der Nordspitze Sardiniens bis kurz vor Marseille und in Italien bis zu den toskanischen Inseln. Mit fast 90.000 Quadratkilometern ist es doppelt so groß wie Dänemark.

Inzwischen ist Sabina Airoldi 58 Jahre alt – und seit zwei Jahrzehnten Chefin des Tethys-Walbeobachtungsprogramms in der Schutzzone. Es hat heute mehr als 600 wissenschaftliche Veröffentlichungen und die wichtigste Datenbank über Meeressäuger im Mittelmeer vorzuweisen. „Das haben wir alles ohne jede staatliche Unterstützung geschafft“, hatte sie zuvor beim Schichtdienst mit dem Fernglas erzählt. Walforschung ist aufwändig und teuer. Allein die im Yachthafen von Sanremo stationierte „Pegasos“ kostet pro Tag 1500 Euro für Miete, Treibstoff und Skipper. Geld kommt von Spendern und Sponsoren.

Viele der zwei Dutzend beteiligten Wissenschaftler arbeiten ehrenamtlich für das Projekt. Fast alle sind Frauen. Wie die Walforscherin Eva Carpinelli. Die 37-Jährige lebt eigentlich im spanischen Cadiz an der Straße von Gibraltar, einem weiteren Wal-Hotspot. Dort vergleicht sie für ihre Dissertation die Populationen in Mittelmeer und Atlantik. Sie unterscheiden sich nicht nur genetisch, sondern haben sogar unterschiedliche „Dialekte“, erzählt sie. Eva Carpinelli arbeitet gerade unentgeldlich einen Monat an Bord der „Pelagos“. Auch Sabina Airoldi hat jahrelang auf Bezahlung verzichtet und das Geld zum Leben als Kellnerin und Kindermädchen verdient.

Touristen finanzieren das Projekt 

Zur Finanzierung der Walbeobachtung trägt auch ein Freiwilligenprogramm bei. Von Mai bis September können jeweils elf Gäste auf der „Pelagos“ sechs Tage mitfahren. Sie zahlen 700 bis 900 Euro, schlafen in Vierer-Kojen, haben Küchen- und Putzdienste, bekommen eine wissenschaftliche Einführung und unterstützen die Forscher, bei Wal-Sichtungen Informationen zu sammeln. Einige Tausend haben schon teilgenommen. „Von Biologiestudentinnen aus Schweden bis zum Steuerberater aus New York, da ist alles dabei“, sagt Sabina Airoldi.

Während der Sommermonate ist die „Pelagos“ ständig im Schutzgebiet unterwegs. Durch Fotos und Filme, die zum Teil auch mit Drohnen gemacht werden, hat das Team schon mehr als 500 Wale identifiziert. Wie viele es im Mittelmeer gibt, kann Sabina Airoldi nur vermuten. „Es sind auf jeden Fall mehrere hundert, höchstens aber zweitausend.“

Am frühen Nachmittag nimmt unser Schiff dann Kurs auf ein Gebiet mit bis zu 1000 Meter tiefen Unterwasser-Canyons. Denn dort sind manchmal Pottwale anzutreffen. „Das wäre dann aber das ganz große Los“, sagt Skipper Paolo Pinto und sein wettergegerbtes Gesicht bekommt tiefe Lachfalten. „Es gibt auch Tage, da sehen wir gar nichts.“ 

Beobachtunsgdaten werden gesammelt

Projekt-Chefin Airoldi steigt derweil unter Deck, um die Fotos der gesichteten Wale in die Datenbank einzugeben. Der große Computerbildschirm steht in einer Nische direkt neben der winzigen Bordküche, wo Alessia gerade die Edelstahl-Kaffeebecher spült. Plastik ist vom Schiff verbannt. Es schwimmt schon genug davon im Wasser.

Sabina Airoldi trägt Kopfhörer, während sie die geografische Position, Wetterbedingungen, Wellenhöhe, Größe und Zustand der Tiere eintippt. Sie lauscht gleichzeitig auf die Signale des Unterwasser-Mikrofons, das die „Pelagos“ an einer 280 Meter langen Leine hinter sich herzieht. Sollten irgendwo im Umkreis von bis zu 15 Kilometern Pottwale sein, dann würde es die Klicklaute registrieren, mit denen sie kommunizieren und Beute orten. Aber weit und breit sind keine Klicks auszumachen.

„Ich erkenne sie alle wieder“

„Schade“, sagt Sabina Airoldi. Anders als bei Finnwalen ragt bei abtauchenden Pottwalen die Schwanzflosse aus dem Wasser – ein spektakuläres Schauspiel. Die Flosse ist wie ein Fingerabdruck, mit individuellen Farbzeichnungen und Formen, erklärt Sabina. Sie selbst trägt so eine Walflosse als hölzernen Kettenanhänger um den Hals. „Die ist der von Dave nachempfunden.“ Tatsächlich haben alle fotografierten Pottwale Namen. Dave, Nino, Fredy haben die Forscher sie getauft, oder Forty. Den hatte sie an ihrem 40. Geburtstag erstmals gesichtet, erzählt Sabina Airoldi. Auf dem Bildschirm ruft sie die Fotogalerie der Schwanzflossen von 160 Pottwalen auf. „Ich erkenne sie alle wieder“, sagt sie lachend.

Oft ist die dicke graue Haut der Tiere von weißlichen Kerben und Ritzen überzogen. Die Narben stammen von Zusammenstößen mit Kreuzfahrtriesen und Tankern oder von deren Antriebspropellern. Etwa 9000 Schiffe sind tagtäglich im Schutzgebiet unterwegs. Es müsste dringend ein Tempolimit für die besonders Großen darunter geben, sagt Sabina Airoldi. Dann könnten die Wale eher ausweichen.

Kurz darauf zuckt sie zusammen. Im Kopfhörer dröhnt es – der Motor eines in der Ferne vorbeifahrenden Schiffes. Für die hochempfindlichen Wale ist das ein verstörender Lärm. Besonders schlimm sind Schallimpulse, die Militär-Schiffe bei Übungen aussenden, um U-Boote zu orten, sagt Airoldi. Die akustische Umweltverschmutzung kann schlimme Folgen haben. Die Cuvier-Schnabelwale etwa, die bis zur Rekordtiefe von zwei Kilometern in die Dunkelheit abtauchen und den Atem zwei Stunden lang anhalten können, reagieren dann panisch. Sie steigen zu schnell an die Oberfläche und sterben an Embolien. Probebohrungen, um Öl- und Gas im Meeresboden zu finden, haben eine ähnliche Wirkung.

Plastik wird Walen zum Verhängnis 

Und natürlich ist auch der Plastikmüll eine Gefahr für Wale und Delfine. Während wir mit dem Fernglas Ausschau halten, schwimmen immer wieder leere Wasserflaschen, Tüten und sogar eine Styropor-Box vorbei. Erst im April war im Norden Sardiniens ein schwangeres Pottwal-Weibchen angespült worden, das 22 Kilo Plastik im Magen hatte. Auch Delfine und Schildkröten fressen das Plastik. Es schwächt ihr Immunsystem und macht sie anfällig für Krankheiten und Parasiten, sagt Sabina Airoldi. Ganz zu schweigen vom Mikroplastik, das über Fische auch in den menschlichen Körper gelangt.

Inzwischen ist es später Nachmittag geworden. Die „Pelagos“ macht sich auf den zweistündigen Rückweg zum Hafen Portosole von Sanremo. Plötzlich ist das Meer rund um das Schiff aufgewühlt, es spritzt und schäumt und schnattert. Überall springen Delfine aus den Wellen – es sind Dutzende – oder sausen direkt unter der Wasseroberfläche neben der „Pelagos“ her, als lieferten sie sich einen spielerischen Wettlauf. Pottwale haben wir an diesem Tag zwar keine gesehen – dafür durften wir hier, unweit der Küste, erleben, wie glücklich auch kleine Fische machen können.

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