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Christopher Lee sieht sich nicht als Ober-Bösewicht.

Christopher Lee im Interview

"Banker sind die wahren Schurken"

Schauspiel-Veteran Christopher Lee ist jetzt Unicef-Botschafter, steht aber auch mit 86 noch vor der Kamera. Im FR-Interview spricht er über Blutsauger in der Finanzwelt, Unmoral und den idealen Bond.

Mr. Lee, schon Ihre allererste Bühnenrolle im Kindertheater soll ja nicht sehr sympathisch gewesen sein: das Rumpelstilzchen...

Das stimmt, aber ich hatte das in der Zwischenzeit mal vollkommen vergessen. Ich war zu der Zeit sechs oder sieben Jahre alt und ging in eine Schweizer Schule. Es war eine Pantomime, wie man sie auch in England sehr liebte, aber ich habe mich nicht sehr mit Ruhm bekleckert.

Zurzeit kann man das Gefühl haben, dass wir tatsächlich in einem finsteren Märchen leben. Gierige Mächte haben die Welt in eine Schieflage gebracht. Sie können Milliardenbeträge wegzaubern und niemand kann sie dafür belangen.

Sie sprechen von der Finanzkrise? Ich verstehe nicht viel von Ökonomie und der Finanzwelt, aber wer tut das schon? Ich kenne viele Menschen die dort hohe Positionen bekleiden und auch sehr viele aus der Politik. Einer sagte erst neulich zu mir: Dieses ganze Problem wurde ausgelöst von gierigen jungen Bankern. Sie wissen schon, das sind diese Leute, die ständig prahlen: "Ich habe einen Maserati, was hast du, einen Ferrari? Ach nein, einen Bentley, so so..." Es gibt nur: Protz! Protz! Protz! Haben! Haben! Haben! Jeden Tag Champagner und in die Nachtclubs gehen bis morgens drei oder vier. Oder mit den so genannten Berühmtheiten gesehen werden, die - wie wir ja wissen - gar keine sind. Und dann streichen sie diese enormen Gehälter und Boni ein. Was diese Manager machen, ist im Prinzip Folgendes: Sie verleihen das Geld der Banken an Menschen oder Firmen, von denen sie irgendwann erfahren, dass die es nicht mehr zurückgeben können. Das ist das eigentliche Problem: Diese Leute lebten jahrelang über ihre Verhältnisse.

Shop til you drop, wie es beispielsweise der amerikanische Lifestyle vorgibt.

Genau. Wer eine Kreditkarte vorzeigt, bekommt dafür alles, was er möchte. Und vergisst dabei, dass er eines Tages das Geld auf den Tisch legen muss. Diese Finanzjongleure leben in einer Art Traum. Das ist das eine. Das andere ist, sie haben hohe Hypotheken. Die man ihnen gerne wegen der Zinsen gegeben hat. Wie sich die Banken ja gerne auch untereinander für diese Zinsen Geld geliehen haben. Jeden Tag werden heute dafür drei, vier Topmanager gefeuert. Und noch mit millionenschweren Abfindungen belohnt. Die kommen aus der Bank. Aber woher kommt das Geld in der Bank? Von Ihnen und von mir.

Anders als die Schurken, die Sie in Ihren Filmen meist so würdevoll gespielt haben, haben diese Übeltäter also nicht einmal einen Rest von Lebensart?

Das ist etwas anderes: Die Bank-Manager sind ja Realität. Diesen Menschen fehlt jede Form von Verantwortung. Ihnen ist alles egal außer dem einen: ich, ich, ich! Und das nächste ist dann: Geld, Geld, Geld! Diese beiden Obsessionen haben all unsere gegenwärtigen Probleme verursacht.

Ich weiß, dass Sie über Dracula, Ihre bekannteste Filmrolle, nicht mehr sprechen - aber haben wir es in der momentanen Finanzkrise nicht mit den weniger gut erzogenen Nachfahren der klassischen Blutsauger zu tun?

Ich habe in meiner ganzen Karriere nie eine Figur gespielt, die so böse gewesen wäre wie das, was diese Menschen getan haben. Nicht nur in Amerika oder Großbritannien. Auch hier in Deutschland: Alles lässt sich auf diesen Menschenschlag der jungen, gierigen Banker zurückführen.

Als Unicef-Botschafter muss Sie diese Art von Geldvernichtung erst recht wütend machen.

Es ist eine große Schande, dass so viele Kinder auf der Erde von Hunger, Armut und Tod bedroht sind. Jährlich sterben 9,2 Millionen Kinder, die jünger als fünf Jahre sind, die meisten davon in Afrika. Was ich möchte, ist, diesen Kindern, die unsere Zukunft sind, eine Stimme zu geben. Jeder kann etwas tun gegen diese Tragödie, da würde ich gerne ein Vorbild sein.

Mr. Lee, Sie haben in Ihrer langen Karriere ja alle erdenklichen Filmfiguren verkörpert...

...bis auf eine, die ich liebend gerne spielen würde: den Spanier Don Quixote.

Wäre das nicht etwas für Ihren Stammregisseur Jess Franco gewesen? Immerhin vollendete er damals als Cutter die Don-Quixote-Filmversion von Orson Welles.

Jess Franco! Ich habe seit Jahren nichts mehr von ihm gehört. Er war ein viel besserer Regisseur, als man es ihm im Allgemeinen zutraute. Nun ja, er machte schon auch etwas seltsame Filme, wie man mir erzählt.

Sie drehten mit ihm unter anderem "Die Folterkammer des Dr. Fu Manchu"...

...aber er war sehr amüsant. Und wusste, was er tat: Als Orson Welles seinen "Falstaff" drehte, inszenierte Jess Franco für ihn die Schlachtszenen. Eigentlich heißt er ja Jesus Franco, und als ich zuerst mit ihm in Spanien drehte, war der andere Franco ja auch noch im Amt. Ich meinte zu ihm: Mit den beiden Namen Jesus und Franco werden Sie hier gewiss keine Schwierigkeiten bekommen. Er war sehr humorvoll, nur einmal war er nicht so nett zu mir. Da erhielt ich einen Anruf von seinem Produzenten, ob ich nicht in einem Film nach De Sade spielen könne, nach "Die Philosophie im Boudoir". Ich sollte den Hollywood-Star George Sanders ersetzen und in einem Drehtag wäre alles erledigt. Da ich Zeit hatte, sagte ich zu.

Der Film hatte dann später den schönen deutschen Titel "Die Jungfrau und die Peitsche"...

Ich spielte meine Szene in einem roten Jackett, und hinter mir standen noch viele Menschen, aber die waren alle ebenfalls angezogen. Ein paar Monate später traf ich einen Bekannten in London. Er fragte mich, ob ich kürzlich in Soho gewesen sei, da gebe es doch ein Kino. Ich sagte: "Ja, in der Old Compton Street. Aber in solche Filme gehe ich nicht, da laufen doch nur diese so genannten Softpornos." Mein Bekannter sagte nur: "Aber du bist selbst drin! Dein Name steht vor dem Kino groß angeschlagen!" "Unmöglich", sagte ich. "Nein, wirklich", insistierte er, "du bist in dem Film: ?Eugene\'s Reise in die Perversion\'." Ich ging sofort zu meinem Anwalt. Doch der sagte, da sei nichts zu machen. Was geschehen war, war dies: Als ich meine Szene gespielt hatte, ließen alle anderen hinter mir ihre Hüllen fallen.

Nicht zu fassen.

Doch, es ist genauso passiert. Dank Jess Franco! Und ich werde nicht zulassen, dass er es je vergisst.

Sie haben damals ja auch in Deutschland Filme gedreht, die man dank Ihnen dann auch nicht vergessen hat. Zum Beispiel unter der Regie von Harald Reinl - Tarantino ist ein großer Fan davon - "Die Schlangengrube und das Pendel". Das war eine, man darf sagen, sehr freie Verfilmung von Edgar Allan Poe...

Ja, mit seiner Frau Karin Dor und Lex Barker. Es wurde ganz anders als geplant. Ans Drehbuch hielt sich bald niemand mehr, es war fürchterlich - aber den Vertrag hatte ich nun einmal unterschrieben und konnte nicht mehr weg. Der Film ist ein einziges Chaos, aber nicht meinetwegen.

Vielleicht hätte Ihre Karriere einen anderen Weg genommen, wenn es nach Ihrem Onkel gegangen wäre, dem James-Bond-Erfinder Ian Fleming...

Er wollte, dass ich Dr. No spiele. Doch als er es den Produzenten vorschlug, war es leider schon zu spät und jemand anderer bekam die Rolle, der heute sogar auch noch lebendig und guter Dinge ist. Ich habe das schon einmal erklärt: Connery hatte die physische Präsenz, Roger den Humor. Lazenby war ziemlich gut in seinem einzigen Film. Timothy Dalton gab eine Theaterdarbietung und Pierce Brosnan fand ich wirklich sehr gut. Daniel Craig ist ein sehr guter Schauspieler, ob sich Ian Fleming die Figur so vorstellte, weiß ich nicht. Aber haben Sie Craig in "Capote" gesehen? Das ist das Beste, was ich von ihm kenne. Als einer der beiden Mörder mit schwarzem Haar - absolut exzellent.

Sie sind ja bestens informiert. Sind Sie noch ein aktiver Kinogänger?

Sehr selten. Tatsächlich schickt man mir inzwischen viele DVDs. Die muss ich mir dann ansehen, weil ich als Academy-Mitglied die Oscars mitwähle, und die meisten finde ich sehr gut. Das geht jetzt bald wieder los, dass diese große Flut einsetzt.

Dann lassen Sie mich doch noch kurz nach einem der jüngeren Regisseure fragen, mit denen Sie immer wieder arbeiten, Tim Burton. Sehen Sie ihn auf einer Stufe mit den Meistern des klassischen Kinos?

Man kann die Menschen nicht vergleichen. Wie könnte man John Huston, Nicholas Ray, Steven Spielberg. Peter Jackson oder George Lucas und Tim Burton miteinander vergleichen? Und das sind nur Regisseure, die ich kannte. Billy Wilder war zweifellos der größte Regisseur, mit dem ich je arbeitete. Aber Tim Burton ist ganz eigen, er hat einen ganz anderen Stil. Er ist ein wunderbarer Regisseur, er mag gerne finstere Filme drehen und ist furchtbar hilfreich für sein Team. Selbst wenn er etwas schlecht findet, sagt er: Das war toll, machen wir es doch noch mal. Man kann mit ihm herrlich arbeiten. Das gilt übrigens genauso für Johnny Depp.

Interview: Daniel Kothenschulte

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