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Mal ein etwas anderes Workout am Abend: Die Autorin hilft bei der Mahd und recht das Heu zusammen.

Osttirol

Bäuerin auf Zeit

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Die freiwillige Mitarbeit auf einem Bergbauernhof in Osttirol gewährt spannende Einblicke in das arbeitsreiche Leben inmitten einer wunderschönen Alpenkulisse – die allerdings so manche eine Herausforderung mit sich bringt.

Wer glaubt, Kühe von der Weide in den Stall zu treiben, sei eine eintönige Angelegenheit, der irrt. Das ganze Prozedere beginnt am frühen Abend damit, dass ich zunächst hochmotiviert das abschüssige, weitläufige Wald- und Wiesengrundstück durchkämme in der Hoffnung, irgendwo ein braun-weiß-geschecktes Simmentaler Fleckvieh zu erspähen. Sind die beiden dann grasend oder wiederkäuend irgendwo geortet worden, muss ich mich ihnen so geschickt von hinten nähern, damit sie sich dann mehr oder weniger freiwillig in die gewünschte Richtung bewegen.

Der Stampferhof liegt auf einer Höhe von 1164 Metern.

Das klappt mal mehr, mal weniger gut: Beispielsweise wenn man die falsche Kuh erwischt. Es hilft nichts, wenn Dorina schon brav auf dem Weg zum Stall steht, während sich aber Leitkuh Mary in aller Seelenruhe weiter auf der Weide verlustiert und gar keine Anstalten unternimmt, uns freundlicherweise zu folgen. Die anhängliche Dorina macht prompt auf dem Absatz kehrt und trabt flott zurück zu Mary. Da bleibt mir nichts anderes übrig, als wieder von vorn anzufangen – diesmal schnappe ich mir aber die Leitkuh.

Der Sommer in den Alpen ist kurz; nur vier Monate lang kann der osttiroler Landwirt Paul Ruggenthaler seine Kühe, Schafe und Ziegen draußen auf den Weiden und Almen grasen lassen. Im Mai ist Almauftrieb, je nach Wetter folgt dann Ende September oder im Oktober der Almabtrieb: Das wird mit einem großen Fest, zu dem auch Freunde und Verwandte anreisen, gefeiert. In der Küche herrscht dann Hochbetrieb; zwei, drei Schafe werden geschlachtet und gekocht, denn dann wird der Schöpsenbraten, eine österreichische Spezialität, aufgetischt.

Das Mähen am Steilhang erfordert von Landwirt Paul Ruggenthaler vollen Körpereinsatz. 

Paul Ruggenthaler steht in der warmen Jahreszeit um sechs Uhr in der Früh auf, um die Kühe zur Weide zu treiben; meist begleitet ihn auf seinen Arbeitswegen sein Hund Bello. Von klein auf hat der Osttiroler auf dem Hof mitgeholfen, den seine Familie in zehnter Generation mit großen Arbeits-ethos als Erbhof betreibt. „Sogar meine verstorbene Mutter hat sich noch mit 85 Jahren um unseren Garten gekümmert“, berichtet Paul Ruggenthaler. Er erinnert sich sogar noch an vergangene Zeiten, als sie das Heu mit Ästen und Stricken zusammengebunden haben und es den langen Weg von der Alm bis ins Tal über den Schnee gezogen haben: „Das war eine Wissenschaft für sich“, erinnert er sich.

Insgesamt besitzen die Ruggenthalers rund 50 Hektar Land, zu dem auch die etwa eine Stunde entfernte, höhergelegene Katalalm sowie Waldstücke gehören, um die er sich gemeinsam mit der dörflichen Agrargemeinschaft kümmert; beispielsweise verjüngen sie den Wald regelmäßig zum Schutz gegen Lawinen und Muren. Die Fleischrinder mit den Jungtieren und Kälbern, die 14 Ziegen und 92 Schafe weiden in den Sommermonaten auf der Alm. Im Herbst verkauft der Landwirt dann einen Großteil der Tiere an Schlacht- oder Mästbetriebe.

Die restliche Zeit des Jahres bleiben die Tiere im Stall – und müssen gefüttert werden: Neben Kraftfutter mit einem Haufen Heu, das während der Wachstumsperiode geerntet wird. Mit der Mahd hat Paul Ruggenthaler im Juli und dann ein zweites Mal im August und September alle Hände voll zu tun. Er bewirtschaftet rund 17 Hektar. Bei fast der gesamten Fläche handelt es sich allerdings um Steilhänge, was die Arbeit beschwerlich und langwierig macht.

Deshalb freut er sich über jeden, der ihm dabei hilft. Wenn es zeitlich passt, packen seine zwei Söhne mit an; die Familie auf dem Stampferhof mitten im Nationalpark Hohe Tauern nimmt auch gern freiwillige Helfer auf, die im Tausch gegen Verpflegung und Unterkunft mitarbeiten.

Nach dem Tag auf der Weide ist Kuh Dorina durstig.

Der Hof liegt in einer wundervollen Bergkulisse, inmitten eines alpinen Wandergebiets. Nur wenige Gehstunden entfernt verläuft beispielsweise der anspruchsvolle Venediger Höhenweg, und viele Bergsteiger erklimmen den 3657 Meter hohen Großvenediger. Auch wenn das Landschaftspanorama eindeutig die Arbeit auf den Wiesen erschwert, entschädigt es einen durch gute Luft, herrliche Blicke auf blühende Alpenwiesen und reißende Gebirgsbäche auch wieder für all die Mühen.

Ich staune trotzdem nicht schlecht, als ich erfahre, dass schwer zugängliche Stellen am Hang nur mit der Hand gesenst werden können und das Heu größtenteils mit einem Rechen angehäufelt wird – wie das schon seit Jahrhunderten geschieht. Andere Flächen bearbeitet Paul Ruggenthaler mit dem Motormäher oder der Motorsense, was ebenfalls viel Geschick, körperliche Ausdauer und Erfahrung erfordert.

Wenn das Heu nach einigen Tagen getrocknet ist, geht die Knochenarbeit weiter. Aufgrund der Steillage kann der Traktor das Heu am Hang nicht einsammeln. Also wird es in Handarbeit zusammengerecht und den Hang hinunter befördert. Mitunter kommt dabei auch ein Laubbläser zum Einsatz. Das morgendliche und abendliche Heu-Workout macht Spaß, auch wenn es eine schweißtreibende Angelegenheit ist - neben einer gewissen Grundfitness ist dabei festes Schuhwerk vorteilhaft. Wie gut, dass ich meine Wanderschuhe eingepackt habe! Da ein Bergbauer nie weiß, ob er im Sommer genug Heu für den Winter zusammenbekommt, der manchmal sehr lange dauern kann, bemühen wir uns, nahezu jeden Grashalm einzusammeln. Als die Arbeit geschafft und alles Heu eingefahren ist, bedankt er sich herzlich bei mir mit den Worten: „Viele Hände, rasches Ende!“

Mitarbeiten

Für einzelne Tage oder aber längere Zeiträume können freiwillige Helfer auch ohne Vorkenntnisse gegen Kost und Logis bei Bergbauernhöfen in Österreich unentgeltlich mithelfen. Der Verein „Freiwillig am Bauernhof“ vermittelt den Kontakt zu landwirtschaftlichen Betrieben, die aufgrund der geografischen Lage in Nord- und Osttirol oft unter schwierigen Bedingungen arbeiten. Aufgrund von versicherungsrechtlichen Aspekten gilt für den Einsatz ein Mindestalter von 18 und ein Höchstalter von 75 Jahren.

Die Teilnehmer erhalten Einblicke in das Leben und Arbeiten am Bergbauernhof. Vorwiegend helfen sie bei der Heuernte, aber auch bei der Stallarbeit, im Haushalt oder bei der Kinder-betreuung. Der Verein erhielt im vergangenen Jahr 575 Anmeldungen von Freiwilligen aus 13 Nationen. Kontakt unter der Telefonnummer 00 43/59 06 07 00 oder der Emailadresse: info@freiwilligambauernhof.at. Mehr Informationen sowie ein Kontaktformular im Internet unter: www.freiwilligambauernhof.at

Dass Paul Ruggenthaler den Erbhof weiterführt, ist nicht selbstverständlich. „Viele Bergbauern geben die Höfe auf“, berichtet er, während wir gemütlich beim zünftigen Essen in der Küche sitzen; es gibt hausgemachte Käseknödel. Ohne die Förderung durch die Europäische Union könnte er den traditionsreichen Bauernhof sofort schließen, sagt er, doch auch die Summe von bis zu 15 000 Euro an Jahr reiche nicht aus, „um davon zu leben“. Schließlich muss er stetig in seinen Maschinenpark und die Erhaltung des Hofes investieren. Aus diesem Grund ist seine Frau Astrid für das andere wirtschaftliche Standbein des Hofes verantwortlich: die Zimmervermietung an Feriengäste (Infos unter www.stampferhof-osttirol.at).

Von früh bis spät kümmert sich die Bauersfrau um die Buchungen, die diversen Abrechnungen und die Zimmerreinigung, sie kocht für die Familie, bewirtet die Gäste, geht in Matrei, dem nächst größeren Ort einkaufen, und betreut zwischendurch auch noch ihre Enkel. „Seit ich vor 25 Jahren geheiratet habe, war ich noch kein Mal im Urlaub“, sagt sie. Selbst im Winter hat sie mit den Skiurlaubern genügend zu tun.

Dass so ein Bauernhof vor allem einen Berg Arbeit macht, merke ich schnell. Es gibt immer etwas zu tun: Jeden Tag müssen mehrere Ladungen Wäsche aufgehängt werden, die Mahlzeiten vorbereitet und die Tiere versorgt werden. Wenn Zeit ist, stellt Astrid Ruggenthaler selbst Quark, Grau- oder Bergkäse und Butter her. Ich ernte einen Tag lang ein Dutzend Johannisbeersträucher ab, die die Österreicher „Ribisel“ nennen, und verarbeite diese zu Marmelade. Überhaupt lerne ich nebenbei viele österreichische Namensbezeichnungen wie Kren (Meerrettich), Topfen (Quark) oder Marillen (Aprikosen).

Und nicht nur das: Innerhalb von vier Tagen lerne ich vier Generationen der Familie kennen, auch auf Astrids kleine Enkeltochter passe ich auf.

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