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Eisbären an der Beaufortsee: „Wenn einer zu nahe gekommen ist, muss man stehen bleiben und versuchen, ihn zu verscheuchen.“

Klimawandel

Bären ohne Eis

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Weil ihre Lebensgrundlage schmilzt, rücken die Polarbären in Russlands Norden den Menschen auf den Pelz.

Am wichtigsten sei es, nicht wegzulaufen. „Ein Schritt zurück und ihr Beutefangtrieb erwacht. Eisbären sind eher neugierig als aggressiv. Wenn einer zu nahe gekommen ist, muss man stehen bleiben und versuchen, ihn zu verscheuchen“, erklärte Tatjana Minenko aus dem Polarküstendorf Ryrkajpi auf der Halbinsel Tschukotka schon vor drei Jahren der Zeitschrift „Wokrug Sweta“. „Man muss Feuerwerkskörper abschießen, Steine werfen, dem Bären zeigen, dass man Menschen tunlichst in Ruhe lassen sollte.“

Bärenpatrouillen in Siedlungen an den Nordufern

Vergangene Woche machten Eisbären Schlagzeilen in Russlands Medien. 52 Tiere hatten zwei Ortschaften auf dem arktischen Küstenarchipel Nowaja Semlja im Gebiet Archangelsk in helle Aufregung versetzt. Die Einwohner filmten Bären, die unternehmungslustig durch Straßen und Hausflure zogen. Und ganze Rudel, die sich hungrig um Müllcontainer drängten. Dann zogen die Raubtiere friedlich wieder ab, Opfer gab es keine.

„Sie haben eine Müllkippe mit Essensresten leer gefressen und sind wieder gegangen“, erklärt Michail Stischow, russischer Projektkoordinator für den Erhalt der arktischen Artenvielfalt bei der Naturschutzorganisation World Wide Fund for Nature (WWF) unserer Zeitung. „Außerdem gab es vor der Küste längere Zeit kein Eis, jetzt hat es sich wieder neu gebildet.“

Es ist zu erwarten, dass dies nicht der letzte Besuch der „Weißbären“, wie die Russen sie nennen, in den Ortschaften auf Nowaja Semlja gewesen ist. Weiter östlich, an den Polarküsten Jakutiens und Tschukotkas hat der WWF-Russland schon 2006 die ersten „Bärenpatrouillen“ organisiert: Volontäre der Stiftung beobachten gemeinsam mit örtlichen Anwohnern auf Motorschlitten die Küste, um die Bevölkerung rechtzeitig vor anmarschierenden Bären zu warnen, diese zu vertreiben und vor Wilderern zu schützen.

Die Bärenpatrouillen sind inzwischen in 15 Siedlungen an den Nordufern Russlands aktiv. Tatjana Minenko aus Ryrkajpi kommandiert eine von ihnen. Fünf Kilometer entfernt entdeckte ihre Patrouille im Winter 2015 etwa 50 Eisbären, die gekommen waren, um sich an zwei gestrandeten Grauwalen gütlich zu tun. Auch vergangenen Herbst „belagerten“ mehrere Dutzend der bis zu 450 Kilogramm schweren Raubtiere das Dorf. Minenko selbst begegnete Mitte der neunziger Jahre ihrem ersten Polarbären – er rannte im Dorfzentrum auf sie und ihr Kleinkind zu, Polizisten verjagten ihn mit Schüssen.

Die Bären werden von toten Seeelefanten oder Walen, aber auch von Nahrungs- oder Schlachtabfällen angelockt. „Der Polarbär ist schwer zu berechnen, er hat keine angeborene Angst vor Menschen“, sagt Stischow. „Aber er betrachtet ihn auch nicht als Jagdbeute.“ Angriffe auf Menschen sind selten und meist Folge menschlicher Dummheit oder Aggressivität. So töteten vor einigen Jahren drei junge Eisbären in einem verlassenen Schweinestall der Siedlung Mys Schmidta auf Tschukotka einen Betrunkenen, der versucht hatte, sie mit einem lebendigen Hund zu füttern.

Die Eisbären leiden unter dem Klimawandel. Das Eis vor den Polarküsten verschwindet und damit verlieren sie ihre natürlichen Jagdgründe. Sie gelten als hochspezialisierte Raubtiere, ihre Nahrungsgrundlage stellen Robben dar, denen sie an Löchern und Spalten im Eis auflauern.

Das Abtauen der Polkappen hat nach Ansicht des US-Ökologen Anthony Pagano zur Folge, dass sich ein Teil der Bären mit dem schwindenden Eis Richtung Nordpol zurückziehen, andere aber am Ufer bleiben und dort nach anderen Nahrungsquellen suchen. Schon jetzt sei ihre Gesamtzahl um 40 Prozent geschrumpft. Eine andere amerikanische Forschungsgruppe unter dem Biologen Michael Runge sagt gar das Aussterben der Eisbären binnen zehn Jahren voraus – wenn die Treibhausgas-Ausstöße nicht stark sinken. Und 2004 berichteten Zoologen einer Forschungsstation auf Alaska von ersten Fällen von Kannibalismus – Eisbären hätten begonnen, sich aus Hunger gegenseitig aufzufressen.

Viele russische Medien aber betrachten solche westlichen Beobachtungen und Prognosen als Ammenmärchen. Die Zahl der Tiere sinke keineswegs, versichert das Boulevard-Portal „life.ru“, der Eisbär hätte im Laufe der Erdgeschichte ganz andere Wärmeperioden überlebt. „Die Einflüsse der Menschen auf das Klima werden noch viele Jahrhunderte nicht ausreichen, um das stärkste Raubtier Russlands auszurotten.“

Polargebiet als zukünftiger Wirtschaftsraum

Andererseits gilt das Polargebiet in Russland als Wirtschaftsraum der Zukunft. Schon jetzt ist die Schifffahrtsroute durch das Polarmeer von Juni bis Oktober befahrbar, Russland hofft auf ganzjährige Befahrbarkeit und will mit neuen Fördertürmen arktische Öl- und Gasschätze erschließen. „Das Tauen der Eisfelder bedeutet günstige Bedingungen für die ökonomische Nutzung der Region“, erklärt Wladimir Putin.

WWF-Experte Schischkow hofft auf die Flexibilität des Eisbären. Er könne hunderte Kilometer schwimmen, um seine eisigen Jagdreviere zu erreichen. „Und vor allem kann er sein Verhalten ändern. Wir haben schon Bären erlebt, die erfolgreich Jagd auf Lemminge in ihren Erdlöchern machten.“ Den Eisbären mag eine Zukunft erwarten, in der er ganz ohne Eis auskommen muss.

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