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Schwimmen im Freibad: „Es herrscht schonungslose Offenheit“

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Von: Peter Riesbeck

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Ich plansche, also bin ich? Für manche wiederum ist die Liegeweise das eigentlich schöne am Schwimmbad-Besuch.
Ich plansche, also bin ich? Für manche wiederum ist die Liegeweise das eigentlich schöne am Schwimmbad-Besuch. © dpa

Die Badesaison hat begonnen: Historiker Matthias Oloew im FR-Interview über die Schwimmkultur in Deutschland.

Frankfurt – Zum Start der Bädersaison ein Gespräch mit Historiker Matthias Oloew über die alte „Duschen oder Schwimmen“-Diskussion und warum das Freibad bis heute eine Welt für sich ist.

Herr Oloew, in Magdeburg öffnet 1830 die erste neuzeitliche Badeanstalt hierzulande. Wie kommt es zur Renaissance des öffentlichen Badens?

Es war eine schiere Notwendigkeit. Im Zuge der Industrialisierung und der größer werdenden Städte stellte sich die Frage nach besseren hygienischen Verhältnissen – auch in Deutschland. Es ging darum, gesunde Lebensverhältnisse zu schaffen. Heute nennen wir das Daseinsvorsorge. Dafür waren schon damals die Kommunen zuständig. Die sollten in den Städten für gesunde Lebensbedingungen sorgen, durch Kanalisation, Markthallen, Schulen – aber auch ein System öffentlicher Bäder. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in Rom die Caracalla-Therme freigelegt. Ganz Europa staunte über die Leistung, die in der Antike erbracht worden war. Nicht allein aus technischer, sondern auch aus hydrologischer Sicht. Große Schwimmbecken, in denen sich Menschen beiderlei Geschlechts bewegten. Das war sensationell.

Es bilden sich zwei Schulen. Der Hamburger Arzt Oscar Lassar tritt mit der Maxime „Wöchentlich ein Bad“ für das öffentliche Bad als Reinigungsanstalt ein. Der Architekt Josef Stübben propagiert das Schwimmen mit Bewegung – auch zum Vergnügen. Was kennzeichnet die Debatte?

Lassar ging es vorrangig um Hygiene. Das Volksbad war für ihn ein Brausebad. Sein Credo: Das Bad muss baulich einfach sein, damit es eine große Verbreitung findet. Zur Berliner Hygieneausstellung 1882 präsentierte er eine Wellblechkonstruktion, die 10 000 Menschen innerhalb von zwei Wochen zum Duschen nutzten. Für ihn ein Riesenerfolg. Der Architekt und Stadtplaner Josef Stübben hingegen vertrat die Auffassung: Das Baden sollte nicht allein aus Pflicht geschehen, sondern mit Freude wahrgenommen werden. Stübben war auch der Auffassung, dass das gemeinschaftlich erlebte Baden in einem Schwimmbecken wesentlicher Teil der Attraktivität des öffentlichen Bades ist.

Also: Das Schwimmbad als Ort nicht nur zum sauber werden, sondern auch als Ort zum Sehen und Gesehen werden?

Ja, und so kam es zum Schwimmbad, architektonisch ausladend gestaltet und zudem auch effizienter. In ein Schwimmbecken passen mehrere Menschen gleichzeitig, anders als Lassars Brausebad muss es nicht nach jedem Duschvorgang geschrubbt werden. Damit war auch das Diktum Lassars, das Brausebad sei das wahre Volksbad, weil es das kostengünstigste sei, weitgehend entkräftet.

Dennoch gibt es im Kaiserreich Vorbehalte gegen zu viel antike Freizügigkeit. Warum?

Man fürchtete Sittenlosigkeit und spätrömische Dekadenz. Es herrschte die irrige Vorstellung, der zügellose Umgang in den Thermen habe zum Untergang Roms geführt. Das 1871 ausgerufene Deutsche Kaiserreich wollten die Pioniere – viele von ihnen waren nationalistisch gesinnt – auch durch Badedisziplin und nicht zu luxuriöser Architektur der öffentlichen Bäder vor einem solchen Schicksal bewahren.

Sie verstehen Schwimmen auch als Spiegel der Gesellschaft. Die Brausebäder trennten damals nicht nur Männer und Frauen, sondern kannten auch Tickets erster, zweiter und dritter Klasse – wie das preußische Wahlrecht. Inwiefern war das öffentliche Bad Spiegelbild der wilhelminischen Klassengesellschaft?

Der Pionier und der Historiker

Der Dermatologe Oscar Lassar (1849 bis 1907) wird in Hamburg als Sohn eines Kaufmanns geboren und setzt sich früh für eine öffentliche Bäderkultur ein. Als Hautarzt erfindet er eine Zinkpaste gegen Ekzeme, die heute noch in der Medizin verwendet wird.

Matthias Oloew, 53, studierte an der FU Berlin Geschichte, Politikwissenschaften und Publizistik. Der Journalist arbeitet seit 2009 als Pressesprecher der Berliner Bäder-Betriebe. In seiner Promotion hat er sich mit der Bädergeschichte befasst. rp

Man muss unterscheiden: Bei den Reinigungsbädern, also Dusch- oder Wannenbädern, wurde recht häufig in Klassen unterteilt. Das geschah auch, um eine zahlungskräftige Klientel zu gewinnen, die bereit war, für die Bäder mehr zu bezahlen und somit einen wesentlichen Beitrag zur Finanzierung des Badewesens beizutragen. Das Schwimmbad galt den Bäder-Pionieren des 19. Jahrhunderts jedoch von Anfang an als ein Instrument, die Klassenschranken im wilhelminischen Deutschland zu mildern. Zwar gab es auch hierzulande einzelne Stadtbäder, die Schwimmbecken erster und zweiter Klasse vorhielten – Frankfurt am Main oder Hannover etwa – das war jedoch, im Gegensatz zu England, nicht der Standard. Interessanterweise wurden öffentliche Bäder immer als Beleg der Klassentrennung gesehen.

Oscar Lassar im Jahr 1901.
Oscar Lassar im Jahr 1901. © Imago Images

Die Wende kommt am Berliner Wannsee. Am 8. Mai 1907 eröffnet dort das erste Familienbad in Deutschland. Sie sprechen von einem Tag der Befreiung in der deutschen Bädergeschichte. Wie ist das gemeint mit der Befreiung?

Statt der erwarteten Handvoll Naturburschen folgten Tausende dem Lockruf des freien Badens. Frei hieß: Männer und Frauen badeten gemeinsam und das öffentlich. Schon das war unerhört. Und das ganze Treiben ließ sich von bekleideten Spaziergängern auch noch vom Ufer beobachten. Das war völlig neu und wirklich revolutionär. Und: Der Eintritt war frei. Danach setzte sich dieses Familienbad mehr und mehr durch – nicht nur in Preußen.

Der nächste emanzipatorische Schritt vollzieht sich nach 1918 in der Weimarer Republik. Der Bäderfachmann Georg Bennecke preist die Schwimmbäder der Zeit als „sozialste und liberalste Einrichtung“. Dort herrsche „wirklich Freiheit, wenn der Gast, ob Geheimrat oder Arbeiter nur mit der Badehose bekleidet die Auskleidezelle verlässt“. Inwiefern ist das Schwimmbad ein Ort der Gleichheit?

Im Schwimmbad galten für alle die gleichen Rechte. Statussymbole spielten keine Rolle. Frauen und Männer waren nicht nur nach der neuen Verfassung gleichberechtigt, es gab auch mehr und mehr Bäder, die die Geschlechtertrennung aufhoben. Andere Länder wie die Niederlande und Österreich haben gezeigt, dass das Familienbad mehr Menschen anzieht. Deshalb zog man auch in Deutschland nach. Und es kommt das 50-Meter-Becken. Die getrennten Becken für Männer und Frauen wurden zu einem Becken zusammengefasst. Damit wurde man dem Sport eher gerecht. Und Männer und Frauen schwammen zusammen. Das ist ja auch schön.

Um noch einmal auf das Schwimmbad als Spiegel der Gesellschaft zu kommen: Der Soziologe Andreas Reckwitz ruft die „Gesellschaft der Singularitäten“ aus, sein Kollege Gerhard Schulze spricht von der „Erlebnisgesellschaft“. Begünstigt die Individualisierung die Tendenz zum Spaßbad?

Beim reinen Spaßbad ja. Aber das hat sich nicht als Aufgabe des kommunalen Badewesens durchgesetzt. Bewegung im Wasser ist letztlich doch Sport. Und Bewegung im Wasser ist das Gesündeste, das man machen kann. Das gilt für alle Altersstufen.

Der Autor John von Düffel, ein bekennender Seeschwimmer, sagt: „Ein See ist ein Biotop, das Freibad ein Soziotop.“ Wie sehen Sie das?

Genauso. Das Biotop bezieht sich auf das Gefühl, in einem See allein mit sich und dem Element Wasser zu sein. Ein Freibad hat einen anderen Charakter. Nirgendwo lässt sich ein Mensch so gut beobachten, wie in einem Freibad. Dort herrscht schonungslose Offenheit.

(Interview: Peter Riesbeck)

Währenddessen ist der Freibad-Besuch in Frankfurt gesichert: Die Stadt schnappt dem Investor das Grundstück weg und sichert so den dauerhaften Erhalt des Freibads im Stadtteil Unterliederbach.

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