Nigeria

„Baby-Fabrik“ ausgehoben

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Erneuter Fall in Nigeria: Schwangere Frauen festgehalten, Kinder verkauft.

Kein halbes Jahr vergeht, ohne dass aus dem westafrikanischen Staat Nigeria nicht eine derartige Meldung kommt: Die Polizei habe eine „Baby-Fabrik“ in der Hafenstadt Lagos ausgehoben und Dutzende schwangere Frauen befreit. Gefunden wurden 26 Frauen und Mädchen sowie vier Kleinkinder, die in einem abgesicherten Gebäudekomplex monatelang festgehalten worden waren.

Die weiblichen Gefangenen im Alter zwischen 15 und 28 Jahren seien zumeist unter Vortäuschung falscher Tatsachen aus verschiedenen Teilen des Landes entführt worden, teilte Polizeisprecher Bala Elkana mit. Dort seien sie geschwängert worden, um ihre Babys schließlich auf dem Schwarzmarkt verkaufen zu können. „Jungs werden für 500 000 Naira angeboten“, so der Polizeisprecher, das sind rund 1500 Euro. „Für Mädchen werden 300 000 Naira verlangt.“

Die Verantwortlichen der „Baby-Fabrik“, zwei Frauen im Alter von 54 und 40 Jahren, seien festgenommen worden, hieß es weiter. Ein dritter Verdächtiger werde noch gesucht. Eine der Schwangeren, die ihren Namen nicht nennen wollte, erzählte der nigerianischen Tageszeitung „Vanguard“, sie sei von einer Frau an einer Bushaltestelle angesprochen worden, die ihr eine Anstellung als Haushaltshilfe in Lagos versprach.

In der Hafenmetrople angekommen habe ihr die „Madam“ des Hauses eröffnet, dass sie frühestens nach einem Jahr wieder nach Hause zurückkehren könne – wenn sie ein Kind geboren habe, für das sie „ansehnlich“ bezahlt werden würde. Anschließend habe sie mit insgesamt sieben Männern schlafen müssen.

Diese Praxis hat im bevölkerungsreichsten Staat Afrikas seit eineinhalb Jahrzehnten Tradition. Der erste Fall wurde 2004 aus der Stadt Enugu bekannt, zwei Jahre später machte die Unesco auf den neu entstandenen kriminellen Geschäftszweig aufmerksam. „Es folgte eine genauso beispiellose wie besorgniserregende Eskalation“, sagt Oluwatobi Alabi, der dem Phänomen in einer Studie nachgegangen ist. Seitdem wurden mehr als 25 Fälle bekannt, in die mehrere Hundert Frauen und Mädchen verwickelt waren.

Nicht immer werden die Frauen in die „Baby-Fabriken“ gezwungen. Gelegentlich kommt es vor, dass sich Schwangere freiwillig in die als Kliniken oder Waisenhäuser getarnten Einrichtungen begeben, um ungewollte Kinder loszuwerden. Sie sei von ihrer Tante in dorthin geschickt worden, nachdem sie ein Kind von ihrem Freund erwartet habe, erzählt eine der Befreiten in Lagos. Allerdings sei ihr Kind gestorben, nachdem die Geburt schon nach sieben Monaten künstlich eingeleitetet wurde.

Probleme beim Verkauf der Babys gibt es offenbar nicht. Sozialforscher Alabi glaubt, das zunehmende Phänomen der Kinderlosigkeit treibe die Nachfrage in die Höhe. Aber auch Kindersklaverei und die archaische Tradition der schwarzen Magie, bei der Kinderorgane verwendet werden, nennt er als Gründe.

Am häufigsten werden Babys jedoch zum Zweck illegaler „Adoptionen“ gehandelt. Kinderlosigkeit gilt in weiten Teilen Afrikas noch immer als Schande, die nicht selten mit dem heimlichen Erwerb eines Babys kaschiert wird. Darüber hinaus ist in den vergangenen Jahren auch der internationale Handel mit Kindern in die zunehmend von Kinderlosigkeit geprägten Industrienationen gestiegen. Als erstes Land hat Dänemark die Adoption nigerianischer Kinder nach Bekanntwerden der dortigen „Baby-Fabriken“ verboten.

Auf Nigeria beschränken lässt sich das Phänomen allerdings nicht. Auch aus dem Tschad, Äthiopien, Ägypten, Ghana, Kenia, Uganda und Südafrika wurden bereits Fälle von Kinderhandel gemeldet. Neben dem Kampf gegen die Armut, die als größter Anreiz für dieses Geschäftemachen gilt, fordern Kinderschutzorganisationen Kampagnen gegen überkommene Vorstellungen und die Stigmatisierung der Kinderlosigkeit – aber auch eine schärfere strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen. Oft wüssten die Anwohner sehr wohl, was hinter den Mauern der „Baby-Fabriken“ vor sich ginge, ist Sozialforscher Alabi überzeugt: „Ihr Schweigen muss ein Ende haben.“

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