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Autobahnkirchen: 200 Liter Diesel und ein Gespräch mit Gott

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Von: Harald Biskup

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Mittags schnell zum Burger King - und zum Gebet.
Mittags schnell zum Burger King - und zum Gebet. © Hans Blossey/Imago

Die Autobahn als Ort für den Glauben? Harald Biskup hat sich auf den Weg gemacht und zwischen Trucks und Trucker-Bibeln die Besinnlichkeit gefunden

Das T-Shirt spannt in der Bauchpartie, als der korpulente Mann eine angedeutete Kniebeuge macht und sich bekreuzigt. Der Aufdruck „Silent like Heaven“ wirkt wie für diesen ganz speziellen Ort gemacht, bezieht sich aber auf seinen besonders geräuscharmen 440-PS-Truck, den er auf dem großen Lkw-Parkplatz abgestellt hat. Janis ist zwischen Litauen und Benelux unterwegs und hat Möbel geladen. Es ist lange her, dass er eine Kirche betreten hat.

Janis erzählt, an dem unwirtlich wirkenden Autohof mit Spielhalle, Motel und vier Lkw-Waschanlagen habe er schon häufiger Rast gemacht, aber bisher habe nie die Zeit gereicht, über die Zugangsrampe zu gehen und einen Blick ins Innere des Gotteshauses zu wagen. Für Zufallsbesucher ist es ein gewisses Wagnis, sich für diesen spirituellen Ort zu entscheiden. Wenn man sich zur Einkehr entschließt und sich auf die Aufforderung „Beten hilft! Sprich doch gleich mit dem Höchsten“ einlässt, umfängt einen vor allem eines: Stille. Hörbare Stille. Sobald sich die schwere Glastür schließt, augenblicklich das ewige Verkehrsrauschen von der A45 ab.

„Er hat seinen Engeln befohlen, dich zu behüten“

Neben dem überdachten Eingang ist in chromglänzenden Lettern ein Zitat aus Psalm 91 angebracht: „Er hat seinen Engeln befohlen, dich zu behüten auf allen deinen Wegen“. Die Retro-Gestaltung sei von „Heckklappen-Typografie inspiriert“, teilt die ausführende Designagentur mit. Das Kircheninnere werde „von einer rund anmutenden Kuppelkonstruktion aus Grob-Spanplatten dominiert“, schreibt der Journalist Ulli Tückmantel in seinem ebenso kenntnisreichen wie kuriosen „Autobahnkirchen-Buch fürs Handschuhfach“. „Gott to go“ heißt der Führer, in dem Tückmantel, Pressesprecher der Bezirksregierung Münster, 18 der bundesweit 45 Tankstellen für die Seele vorstellt.

Die Ausstattung der Kirche am südlichen Ende der Sauerlandlinie bestehe aus „billigstem Holz in edelster Schlichtheit“. Sie gilt als Star unter den Kirchen und Kapellen am Rand deutscher Fernverkehrsstraßen und hat schon mehrere Architekturpreise eingeheimst. Der Andachtsraum gleiche einem Bienenstock, „der Geborgenheit und Wärme ausstrahlt“, befand das Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart an der Philipps-Universität Marburg. Diese Optik wird durch vertikal und horizontal ineinander gesetzte dünne, fast filigrane Balken erzeugt.

Ein futuristischer Fuchs? Ein Raumschiff? Oder die Autobahnkirche Siegerland an der A45.
Ein futuristischer Fuchs? Ein Raumschiff? Oder die Autobahnkirche Siegerland an der A45. © Imago

Die Grundausstattung einer Autobahnkirche

Zur Grundausstattung jeder Autobahnkirche gehören neben einem schlichten Altar und einem Kreuz die „Anliegenbücher“, Kladden, in denen man persönliche, oft sehr private Bitten und Klagen, aber auch Dank, etwa für eine überstandene schwere Krankheit oder eine geglückte Prüfung, vermerken kann. In Wilnsdorf liegen diese Hefte, eine Art moderne Votivtafeln, wie sie früher in Wallfahrtsorten aufgehängt wurden, auf Stehpulten aus. Eine aufschlussreiche Lektüre für Religionssoziologen, denn trotz dramatischer Kirchenaustrittszahlen scheint es um die persönliche Frömmigkeit nicht so schlecht bestellt zu sein, wie zu vermuten wäre.

Wer glaubt auf der Fahrt?

Die Besuchszahlen steigen laut Schätzungen kontinuierlich – eine gegenläufige Tendenz zu den stetig abnehmenden Gottesdienstgästen in katholischen und evangelischen Gemeinden. Die „Konferenz der Autobahnkirchen in Deutschland“ geht von mindestens einer Million Menschen aus, die jedes Jahr in einer der 44 spirituellen Raststätten einkehren. 19 sind in evangelischer, nur acht in katholischer und 17 in ökumenischer Trägerschaft.

Als 1958 das erste Gotteshaus am Rand einer Autobahn eröffnet wurde, „Maria, Schutz der Reisenden“ an der A8 zwischen München und Stuttgart, war das Motiv, Katholiken unterwegs ein Gottesdienstangebot zu machen. Dieses Konzept hat sich längst überlebt.

Männer über 50 , gebildet und religiös „nicht unmusikalisch“, suchen laut einer Untersuchung der Versicherungsgruppe VRK am häufigsten Autobahnkirchen auf. Doch sie wollen keine kirchlichen Dienstleistungen in Anspruch nehmen und vermissen auch den Pfarrer nicht. Sie schätzen Ruhe, Anonymität und Unverbindlichkeit. Viele Besucher haben keine oder allenfalls eine lockere Beziehung zu einer der beiden großen christlichen Kirchen und halten sich im Schnitt nur etwa 15 bis 20 Minuten auf. bk

„Guter heiliger Gott“, ist da in krakeliger Schrift zu lesen, „danke für deine Treue, Gnade, Barmherzigkeit und Liebe.“ Ein paar Seiten weiter: „Lieber Gott, behüte und beschütze meine ganze Familie, alle Zwei- und Vierbeiner. Diana.“ Ein Karsten hat notiert: „Danke für die Möglichkeit, hier bei dir zu sein. Draußen lädt mein Tesla auf, ich kann es hier bei dir.“ Darunter ein anonymer Eintrag, Verzweiflung und Anklage. „Bin heute zum ersten Mal allein hier. Mein Mann verstarb im Oktober. Er wurde vom Krankenhaus in die Geriatrie verlegt. Dort sagten sie, er ist halbtot, wir geben ihm Morphium. Von seinem Sterben wurde ich nicht unterrichtet. Ich habe die Klinik verklagt. Bitte lieber Heiland, gib mir die Kraft, die Verhandlung durchzukämpfen und die Wahrheit zu erfahren.“ Beinahe kindliches Vertrauen neben tiefen Zweifeln an einem gütigen und gerechten Gott. „Bitte lass meinen Vater mich so akzeptieren, wie ich bin. Pass auf alle auf, die ich liebe, wenn du weißt, was Liebe ist. Ach, und sei mal etwas netter zu uns.“ Kerstin D. „Lieber Gott, hilf uns, dass die Welt wieder so sein wird, wie du sie erschaffen hast. Ohne Leid, Hunger, Krieg, Elend, Tierquälerei, Kindesmissbrauch.“ Naiv oder tiefgläubig? Eine Anne aus Düsseldorf schreibt sich ihren Ärger mit ein paar Zeilen von Reinhard Mey aus seinem Song „Sei wachsam“ von der Seele: „Der Minister nimmt flüsternd den Bischof beim Arm. Halt’ du sie dumm, ich halt’ sie arm!“ Wie recht er doch gehabt habe, 1996, als er das Lied schrieb.

Mit Ägypten hat diese Pyramide wenig zu tun. Die zeltförmige Kirche an der A5 ist St. Christophorus gewidmet.
Mit Ägypten hat diese Pyramide wenig zu tun. Die zeltförmige Kirche an der A5 ist St. Christophorus gewidmet. © Hofer/Imago

Janis, der litauische Fernfahrer, nimmt sich eine kostenlose „Trucker-Bibel“ mit, auf Russisch.

Es gibt auch Stammbesucher. Tags zuvor erst hat eine Gruppe der „Holy Riders“ wieder mit ihren Harleys Station gemacht. Sie nennen sich „christlich orientierte Biker“ und verstehen sich als Glaubensboten in einer wenig christlich geprägten Community. Für ihre Mission werden sie gern belächelt: „Jesus ist unser Road Captain und die Bibel unser Navi“.

Wir sind auf der A5 von Karlsruhe Richtung Basel unterwegs. Nicht nur im Sommer eine viel frequentierte Urlaubsroute. Am Rasthof Baden-Baden führt kein Weg vorbei. Preisbewusste Autofahrer machen gerade jetzt einen Bogen um sündhaft teure Autobahn-Tankstellen. Das halte Menschen, die unterwegs „ein bisschen spirituell auftanken wollen“, aber nicht davon ab, „bei uns eine Pause zu machen“, sagt Norbert Kasper. Er ist Pastoralreferent und ausgebildeter Meditationslehrer und betreut die auf dem Raststättengelände gelegene Autobahnkirche St. Christophorus. Das in den Jahren 1976 bis 1978 gebaute katholische Gotteshaus ist einer der Klassiker unter den „Gott to go“-Angeboten.

Es braucht mehrere Rekorde

Es bricht mehrere Rekorde, sagt Autor Tückmantel. „Baden-Baden ist nicht nur die größte eigens für die Autobahn-Seelsorge errichtete Kirchenanlage, sondern auch die mit den geschätzt etwa 300 000 Besucherinnen und Besuchern im Jahr am intensivsten genutzte.“ Konkurrenzlos ist auch ihr Bildprogramm mit mehr als 2000 biblischen Motiven, die sich den überwiegend flüchtigen Besuchern allerdings ebenso wie die Bilderwelt der eigenwillig-kunstvoll gestalteten Außenanlagen nicht leicht erschließen.

Die bunten Kirchenfenster werden auch von nicht religiösen Gästen bestaunt.
Die bunten Kirchenfenster werden auch von nicht religiösen Gästen bestaunt. © Hofer/Imago

Das mindert aber nicht ihren Reiz, und es gehe nicht um fertige Antworten, findet Theologe Kasper. Fragen und individuelle Interpretationen seien ausdrücklich erwünscht. Immer wieder ist der pyramidenförmige Bau mit seinen auf viele Gäste rätselhaft wirkenden Außenanlagen mit einem Inka-Tempel verglichen worden. Busgruppen, Biker, Fernfahrer, Familien auf dem Weg in den Schwarzwald-Urlaub, aber auch Leute aus der Region – sie alle fühlen sich irgendwie angezogen von St. Christophorus, einem teuren pastoralen Prestigeprojekt des Erzbistums Freiburg. Viele wollen sich nur ein paar Minuten die Beine vertreten, andere nehmen sich mehr Zeit und lassen sich von der wohltuenden Ruhe im Inneren der Pyramide zu einer „Zwiesprache mit Gott“ animieren. Oder weniger anspruchsvoll zu einem stillen Gebet.

Der Atmosphäre kann man sich kaum entziehen

Auch wer wenig Bezug zum christlichen Glauben hat oder nicht konfessionell gebunden ist, kann sich der Atmosphäre kaum entziehen. Erzeugt wird sie vor allem durch die bunten Glaswände des Betonbaus. Vermutlich nicht allzu viele Besucher werden der komplizierten Deutung des Künstlers Emil Wachter („exemplarische Szenen aus dem Leben Jesu erscheinen im Wechsel mit Szenen der Apokalypse“) folgen können. „Macht nichts“, sagt Norbert Kasper, „vielleicht haben wir nur das Staunen verlernt.“ Das erlebt er immer wieder, wenn Leute die Reliefs an den wuchtigen Beton-Türmen betrachten. Sie stehen am Eingang zu den schnurgeraden Ahorn-Alleen, die vom Parkplatz auf die Kirche zuführen. Sie sollen Moses, Noah, Elia und Johannes den Täufer darstellen. Was die Gäste auf Zeit offenkundig nicht verlernt hätten, sei, so altmodisch sich das vielleicht anhöre: Ehrfurcht. Kaum Schmierereien oder Beleidigungen in den Fürbittbüchern, keine Störungen der Stille oder provokative Auftritte bei der Sonntagsmesse um elf, keine Verschandelung des parkartigen Geländes. Gerade Biker respektierten die ungeschriebenen Regeln im Haus Gottes besonders strikt. Helm ab zum Gebet. (Harald Biskup)

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