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Türchen Nummer 23.

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Im Auto zum Mars

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Türchen Nummer 23: Bei Ray Bradburys Chroniken bleibt man gern mal länger sitzen. 

Zwölf Stunden waren wir gefahren. Mehr als tausend Kilometer lagen hinter uns, als wir kurz vor Mitternacht ankamen. Und obwohl nur ein paar Meter entfernt unsere Betten auf uns warteten, blieben wir noch eine gute halbe Stunde im Auto sitzen. Denn die letzte Geschichte war noch nicht zu Ende. Die letzte Geschichte unserer Reise zum Planeten Mars, zu der uns Ray Bradbury mitgenommen hatte.

Und so blieben wir (zwei Erwachsene vorn, drei Kinder hinten) sitzen und lauschten gespannt (und auch ein bisschen sorgenvoll), wie sie wohl ausgehen würde, die Expedition der Menschen zum Roten Planeten, die Bradbury, der große Melancholiker unter den Science-Fiction-Autoren, in seinen „Mars-Chroniken“ beschreibt.

Sie geht natürlich nicht gut aus, die Kolonialisierung des anderen Planeten, denn der Mensch rühmt sich zwar immer seiner schöpferischen Kraft, aber im Grunde ist er ein Zerstörer. Das war zu Zeiten der Kreuzzüge und Kolonialisierung so und setzt sich bis heute fort in der Art, wie die sogenannte Erste Welt die Rohstoffe und Arbeitskraft der ärmeren Länder ausbeutet.

Bradbury macht den Menschen, die Menschheit, nicht schlecht, er verurteilt niemanden dafür, dass es stets höher hinaus und schneller nach vorne gehen muss – er zeigt aber, wie Stolz und Vorurteil und die Überheblichkeit des Einzelnen auch noch die letzte Hoffnung zunichtemachen, dass der Mensch irgendwann die Kurve kriegt.

Bradbury hat seine Vision von der Besiedelung des Weltraums in den 1940er Jahren geschrieben, die Erzählungen spielen in den Jahren zwischen 1999 und 2026. Also gewissermaßen in unserer Zeit. Zwar haben wir noch keine Raketen, die zum Mars fliegen, aber wir haben eine Menge anderen technischen Schnickschnack, der uns lull und lall macht (den hat Bradbury auch schon in so mancher Geschichte beschrieben). Und manchmal wünschte ich mir, wir flögen heute schon mit Raketen zum Mars, statt uns mit dem Ausbau des 5G-Netzes und manipulierten Abgassystemen befassen zu müssen. Aber ich schweife ab.

Bradburys „Mars-Chroniken“ sind absolut lesenswert! Nicht nur, weil sie so fesselnd sein können, dass man nach zwölf Stunden Fahrt für die letzten Meter des Kassettenbandes noch im Auto sitzen bleibt. Sondern auch und vor allem, weil es dem 2012 verstorbenen Autor niemals um das Preisen des technischen Fortschritts ging, sondern immer um die Frage: Was machen die Maschinen, die der Mensch erschafft, mit ihm, was machen sie aus ihm?

Fragen, die in unserer displaygesteuerten Welt 70 Jahre nach dem Erscheinen der Geschichten so aktuell sind wie selten zuvor. Und weil Bradbury eben eher Psychologe als Ingenieur war, stecken in ihnen auch tiefe Wahrheiten über den Menschen und dessen dunkle Seiten. Diese mitunter schmerzlichen Wahrheiten geben Bradburys Geschichten seine Geschichten immer auch einen zerknirschten Ton, etwas traurig-nachdenkliches – und Hans Eckardt, der die Kassetten, von denen Eingangs die Rede war, besprochen hat, trifft diesen Ton genau.

Er hält ihn – und trifft ihn in jeder Geschichte neu. Ein Genuss. Leider gibt es diese Kassetten-Edition nur noch antiquarisch, und die vom oft gepriesenen Rufus Beck gelesene aktuelle Version der Mars-Chroniken kann da nicht mithalten. Nicht nur, weil Beck die Melancholie offenbar nicht spürt und daher den Ton auch nicht trifft, sondern auch, weil dem Hörbuch eine neue, leider etwas seltsam bearbeitete Textfassung als Vorlage diente. Kommt ja nicht oft vor, dass diese Worte im Zusammenhang mit Science-Fiction fallen, aber: Früher war alles besser.

Ray Bradbury: Hörbücher nach Erzählungen von Bradbury (etwa auch „Der illustrierte Mann“) gibt es bei audible und Amazon zum Download. Wer noch Kassetten hören kann, sollte unbedingt nach der 6er-Kassetten-Box Ausschau halten, die von Hans Eckardt eingelesen wurde. Ebenfalls empfehlenswert: Geschichten von Isaac Asimov, dem zweiten großen Sci-Fi-Melancholiker

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