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Auszeit wegen Periode? Menstruationsforscherin Lara Owens über den Umgang mit der Monatsblutung

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Von: Stefanie Nickel

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Tabuthema Menstruation.
Tabuthema Menstruation. © imago images/YAY Images

Die Britin Lara Owen ist Pionierin der Menstruationsforschung. Noch vor 30 Jahren war das Thema ihrer Arbeit ein massives Tabu. Heute reden Frauen freier über ihre Monatsblutung, doch Owen ist schon einen Schritt weiter

Frau Owen, als Sie in den frühen 1990er Jahren ein Buch über Ihre Menstruation veröffentlichten, brachen Sie ein massives gesellschaftliches Tabu. In „Her Blood Is Gold“ beschrieben Sie, wie Sie sich in die Berge Kaliforniens zurückzogen, um Ihren Zyklus zu studieren und mit ihm im Einklang zu leben. Wie haben die Menschen in Ihrem Umfeld reagiert?

Sie waren entsetzt. Ein Mann auf einer Party fragte mich einmal, worüber ich als Autorin schreibe. Ich sagte: Menstruation. Er wurde weiß, ließ mich wortlos stehen und ging weg. Das war normal damals. Es war peinlich, darüber zu reden, dass man blutete. Ich war dagegen ein Stück weit immun. Es reizte mich, dieses Tabu zu brechen. Trotzdem war es eine psychische Belastung, dieses Buch zu schreiben, und es erforderte viel Mut.

Heute sprechen Frauen zunehmend freier über ihre Monatsblutung. Hätten Sie gedacht, dass es so lange dauern würde?

Ich wusste, dass das Buch seiner Zeit voraus war. Aber ich dachte eher an fünf Jahre. Dass es mehr als 20 Jahre dauern würde, bis die Diskussion in Gang kommt, hätte ich nicht gedacht.

Für viele Frauen ist die Menstruation vor allem lästig. Wie entwickelten Sie einen positiven Zugang dazu?

Als ich mit Anfang 20 die Pille absetzte, war ich fasziniert, was mit meinem Körper passierte. Plötzlich konnte ich meinen Zyklus und die Veränderungen, die damit einhergehen, spüren. Das war überwältigend. Rund um meinen Eisprung fühlte mich fröhlicher, kreativer, produktiver und war sexuell aktiver. Kurz vor und während meiner Menstruation wurde ich nachdenklicher und introvertierter. Ich ließ mich auf diese Veränderungen ein, ruhte mich aus, wenn ich blutete, verlangsamte mein Leben, meditierte und wurde ganz still. Ich bekam einen ganz anderen Zugang zu mir, entdeckte meine zyklische Natur. Ich hatte das Gefühl, wieder „ich“ sein zu können. In dieser Zeit beschäftigte ich mich auch intensiv damit, wie Frauen in verschiedenen Kulturen mit ihrer Menstruation umgehen, darunter die Navajo im amerikanischen Südwesten, die orthodoxe jüdische Kultur und Frauen in Japan und Australien. Zuvor hatte mich mein Studium der Traditionellen Chinesischen Medizin schon geprägt, und ich hatte mich mit Glauben und Praktiken der amerikanischen Ureinwohner vertraut gemacht.

Harper Collins veröffentlichte schließlich Ihr Buch, in dem Sie intensiv von Ihrem Selbststudium berichten. Wie waren die Reaktionen?

Der Verlag hatte gesehen, dass das Thema kommen würde. In Kalifornien diskutierte man in den frühen 1990er Jahren über weibliche Spiritualität und interessierte sich für das Konzept der Göttinnenreligion. Menstruation war in diesen Kreisen ein Thema, und es gab erste Veröffentlichungen dazu wie „Blood, Bread and Roses“ von Judy Grahn. Und „Blood Relations“ von dem Anthropologen Chris Knight. Aber dieser Moment währte nur kurz. Die meisten Medien ignorierten mein Buch. Ich habe mehrere schreckliche Radiointerviews gegeben, in denen ich von männlichen Talkshow-Moderatoren in Cincinnati oder Las Vegas ausgelacht wurde. Die Interviews mündeten in Tampon-Kommentare und frauenfeindliche „Witze“ – und ich hörte auf, sie zu geben.

Wann bemerkten Sie, dass sich der Zeitgeist änderte?

Erste Anzeichen sah ich 2009, 16 Jahre, nachdem ich mein Buch veröffentlicht hatte. Der „Guardian“ brachte einen Artikel über eine Aktivistin, die mit ihrem Menstruationsblut Bilder malte. Ein paar Jahre später erklärte Tennisprofi Heather Watson, dass sie ein Spiel bei den Australian Open verloren hatte, weil sie ihre Periode hatte.

Wo stehen wir heute in der Diskussion?

Es ist deutlich leichter geworden, über Menstruation zu reden und zu forschen. Das ist ein riesiger Schritt. Wer sich in den 1980er und 1990er Jahren wissenschaftlich damit beschäftigen wollte, riskierte die Karriere. Das hat sich verändert. In den letzten fünf Jahren ist die Zahl der akademischen Arbeiten exponentiell angestiegen. Es gibt also eine Basis, von der aus wir arbeiten können. Gleichzeitig leben wir immer noch in einer Welt, die den männlichen Körper und die männliche Erfahrung bevorzugt. Frauen fühlen sich dazu angehalten, sich an männliche Codes anzupassen und das Weibliche zu unterdrücken, um erfolgreich zu sein. In dieser Welt wird es als unangenehm empfunden, eine Periode zu haben. Deshalb verbannen viele Frauen ihre Periode noch immer aus ihrem Leben.

Was meinen Sie mit „verbannen“?

Viele Mädchen im Teenageralter nehmen Hormone zur Empfängnisverhütung, um ihre Schmerzen oder die Akne in den Griff zu bekommen. Diese Mädchen haben keinen Eisprungzyklus und auch keine richtige Monatsblutung, sondern eine Abbruchblutung. Man spricht von Zyklusregulierung, aber in Wirklichkeit wird nicht reguliert, sondern der Eisprung eliminiert. Das hat eine Menge potenziell negativer Auswirkungen. Eine große dänische Studie hat zuletzt gezeigt, dass junge Frauen, die die Pille nehmen, auf lange Sicht häufiger Angstzustände und Depressionen haben. Die gleiche Studie zeigt auch, dass ein natürlicher Ovulationszyklus wichtig für eine gesunde Entwicklung von Knochen und Gehirn ist.

Hormonelle Verhütung erlaubt es Frauen, ihre Sexualität auszuleben, ohne gleich mit einer Schwangerschaft rechnen zu müssen. Und durch die Pille nehmen häufig auch die Menstruationsschmerzen ab. Spricht das nicht für eine Einnahme?

Ich habe selbst schmerzhafte Perioden gehabt und daher Verständnis für diese Perspektive. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass meine Beschwerden weniger wurden oder ganz verschwanden, wenn ich es mir erlaubte, langsamer zu werden und mich auszuruhen. Der Schmerz wurde für mich ein Signal meines Körpers, ich fing an, meine zyklische Natur zu akzeptieren. Die meisten Frauen aber erwarten von sich, dass sie die ganze Zeit hart arbeiten. Wir haben es ja auch nie anders gelernt. Die Tamponwerbung zeigt Frauen mit engen weißen Jeans, die auf einem Pferd reiten, wenn sie bluten. Und suggeriert, dass das Leben wie gewohnt weitergehen kann. Aber mal ehrlich: Welche Frau will während ihrer Menstruation in einer hautengen Jeans auf einem Pferd sitzen?

Zur Person

Lara Owen forscht als Wissenschaftlerin zu den Themen Monatsblutung, Wechseljahren und Frauengesundheit. Derzeit recherchiert sie Periodenpolitik an der schottischen St. Andrews Universität und der Western Sydney Universität in Australien.

Ihr Buch „Her Blood is Gold“ (nur auf Englisch erschienen) beschäftigt sich mit der Tatsache, dass inzwischen mehr Menschen auf der Welt menstruieren als je zuvor. Owen schreibt darin auch über spirituelle Aspekte der Periode. Erschienen 2009 bei Archive Publishing, 216 S., ab etwa 16 Euro. FR

Hinter starken Menstruationsschmerzen kann auch eine ernsthafte Erkrankung wie Endometriose stecken.

Natürlich sollten Frauen mit starken Schmerzen zu einem Arzt oder einer Ärztin gehen. Trotzdem ist nicht jeder Krampf und jedes Ziehen pathologisch. 71 Prozent der Frauen zwischen 18 und 25 Jahren haben Menstruationsschmerzen und das Gefühl, dass diese ihre Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen. Es ist eine sehr stabile Zahl auf der ganzen Welt. Eigentlich ist es also normal, Menstruationsschmerzen zu haben. Sie gehören zum Frausein und zu den Gesamtkosten der Reproduktion der Menschheit. Zu sagen, dass sie nicht da sind oder nicht da sein sollten, bedeutet eigentlich nur, Fakten und die gelebte Erfahrung der Frauen zu leugnen.

Noch immer müssen Frauen für ihren Platz in der Arbeitswelt kämpfen. Ist es da nicht kontraproduktiv zu sagen, dass der weibliche Körper weniger leistungsfähig ist?

Ich verstehe das Argument des feministischen Mainstreams, dass wir nicht darüber reden sollten, dass wir Frauen sind, weil es schwer genug war, an einen Arbeitsplatz zu kommen. Es ist einfacher, so zu tun, als würden wir wie Männer funktionieren. Das Problem aber ist: Das ist nicht wahr. Frauen sind nicht wie Männer. Den Großteil unseres Lebens arbeitet im Hintergrund ein ganzes Reproduktionssystem. Wir menstruieren, sind schwanger, bekommen Babys, stillen und durchlaufen die Wechseljahre. Das ist eine Form der Arbeit, die in keiner Weise angemessen kompensiert oder bezahlt wird. Im Gegenteil. Aus meiner Sicht ist die Menstruation eine Unterbrechung der beruflichen Laufbahn wie eine Schwangerschaft und das Kinderkriegen. Wenn man symptomatische Regelblutungen hat, muss man jeden Monat eine Auszeit nehmen. Dafür müssen wir Frauen entschädigen. Es wird aber erwartet, dass wir es einfach schlucken.

Was fordern Sie?

Unternehmen müssen eine Periodenpolitik entwickeln. Es ist eine Tatsache, dass Frauen jeden Monat bluten. Es muss also ein Umfeld geschaffen werden, in dem sie menstruieren können, ohne Kompromisse im Hinblick auf ihre Gesundheit zu machen. Frauen sollten auch im Job auf ihren Zyklus reagieren können. Es darf nicht der Standard sein, dass sie jeden Monat Medikamente oder Hormone nehmen müssen, um sich nichts anmerken zu lassen.

Sie haben mehrere Jahre in Melbourne, Australien, an der Monash University Business School zu menstrualen Arbeitsplatzrichtlinien geforscht und dazu auch promoviert. Wie können Job und Menstruation in Einklang gebracht werden?

Die gute Nachricht ist: Es ist möglich, dem Zyklus zu folgen, und es schmälert die Produktivität auf den Monat gerechnet auch nicht. Während meiner Promotion habe ich ein kleines kommunales Unternehmen in Bristol namens Coexist bei der Entwicklung einer Menstruationspolitik begleitet. Wir fanden heraus, dass besonders Frauen, die im ständigen Kontakt mit Kunden stehen, während ihrer Menstruation Hilfe und mehr Auszeiten brauchen. Sie können nicht einfach eine E-Mail langsamer schreiben, sie müssen immer direkt reagieren. Bei Coexist erstellten wir für diese Frauen einen Notfallplan mit Leuten, die einspringen konnten, damit sie entweder nach Hause gehen oder sich für eine Zeit zurückziehen konnten. Es ging vor allem um flexiblere Arbeitsstrukturen – und um eine Offenheit für das Thema.

Es sollte aber doch eine Selbstverständlichkeit sein, dass Menschen nach Hause gehen dürfen, wenn Sie sich nicht wohlfühlen – egal, ob sie Migräne oder Menstruationskrämpfe haben. Warum braucht es eine Periodenpolitik?

Weil Menstruation noch immer mit einem Stigma belegt ist. Frauen fühlen sich nicht in der Lage, darüber offen zu sprechen und ihre Bedürfnisse zu äußern. Sie sind es gewohnt, es einfach zu ertragen. Solange es keine formale Politik gibt, werden die meisten Frauen das Gefühl haben, dass es ihnen nicht erlaubt ist, sich wegen Menstruationsbeschwerden freizunehmen.

Menstruationsforscherin Lara Owens
Menstruationsforscherin Lara Owens. © Martin Phelps

Fühlten sich die Männer bei Coexist benachteiligt?

Im Gegenteil. Auch sie hatten das Gefühl, ehrlicher mit ihrem Körper umgehen zu dürfen. Und sie begannen, besser auf sich zu achten. Die Männer bei Coexist waren wertschätzend, weil sie verstanden, dass die Menschheit ohne den weiblichen Zyklus aussterben würde. Nun ist Coexist eine fortschrittliche Organisation, die sich stark für humanitäre Prozesse einsetzt. Aber eigentlich müsste es überall so sein.

Wie reagieren Unternehmen auf Ihre Forderung nach menstrualen Arbeitsplatzrichtlinien?

Diese Idee ist sehr neu. Die meisten Unternehmen, mit denen ich in Kontakt gekommen bin, waren grundsätzlich offen, aber skeptisch, wie das in der Praxis funktionieren soll. Initiativen zur Unterstützung von Frauen in den Wechseljahren sind in den englischsprachigen Ländern deutlich weiter fortgeschritten. Das liegt sicher daran, dass Wechseljahre zeitlich begrenzt sind. Aber das Thema öffnet die Tür für Gespräche über die Menstruation am Arbeitsplatz.

In Japan, Indonesien und Taiwan gibt es den sogenannten „menstrual leave“. Frauen können während ihrer Periode an einzelnen Tagen zu Hause bleiben. Ist das eine Möglichkeit für Unternehmen, mehr auf die Bedürfnisse der Frauen einzugehen?

Für moderne Arbeitsplätze in der entwickelten Welt ist der pauschale Menstruationsurlaub aus meiner Sicht nicht geeignet. Ich glaube, dass es viel nützlicher ist, Pausen flexibel abzusprechen und für den Fall Leute zu haben, die einspringen können. Der Menstruationsurlaub, bei dem alle Frauen ein oder zwei Tage frei bekommen, funktioniert eigentlich nur dort, wo Frauen sehr schlecht bezahlte Tätigkeiten ausüben, bei denen sie nicht mit Männern konkurrieren.

Fürchten Sie, dass Sie mit Ihrer Idee, Strukturen für eine bessere Menstruation am Arbeitsplatz zu schaffen, Ihrer Zeit wieder um 20 Jahre voraus sind?

Eines der Dinge, die ich gelernt habe, als ich das Buch in den 1990er Jahren geschrieben habe und so lange auf Resonanz warten musste, ist: Geduld. Es ist ein großes Stück kultureller Neuordnung, das wir anstreben. Es wird nicht über Nacht geschehen, dass Frauen selbstbewusst mit ihrer Periode umgehen. Es braucht mehrere Generationen von feministischen Müttern, bevor die Töchter sagen: „Hey, ich habe meine Tage. Ich mache heute nichts.“ Wenn mein Körper tun kann, was er tun muss, ist es kein Problem. Es ist nur ein Problem, wenn du mir sagst, dass ich wie ein Mann sein soll.

Interview: Stefanie Nickel

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