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Der Rauch des Feuers ist schon da, aber sie wollen bleiben, solange es geht: Nancy und Brian Allen vor ihrem Haus in Nowra, New South Wales.

Feuer außer Kontrolle

Die Übermacht des Feuerinfernos

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Die Buschbrände in Australien nehmen kein Ende, ein Minister vergleicht die Folgen mit denen einer Atombombe. Nicht wenige kritisieren den Umgang damit. 

Die Nase ist angesengt, das Fell verkohlt, die Pfoten verbrannt: Das Foto des Koalas, der in einen Tierpark auf Kangaroo Island eingeliefert wurde, ist herzerweichend. Dabei hat er noch Glück im Unglück gehabt. Tausende andere kamen in den Feuern, die derzeit in dem australischen Naturparadies Kangaroo Island lodern, ums Leben. Erste Schätzungen gehen davon aus, dass mehr als die Hälfte der insgesamt 50 000 Koalas auf der Insel ums Leben gekommen sein könnte.

Buschbrände in Australien - Lage eskaliert

Die Buschbrände in Australien lodern seit Monaten – und Kangaroo Island ist nur eine von vielen betroffenen Regionen. Seit einer Woche eskaliert die Lage in gleich mehreren Bundesstaaten. Extreme Temperaturen am Samstag fachten die Feuer weiter an. „Ich kann ehrlich sagen, dass ich noch nie eine solche Feueraktivität gesehen habe“, sagte Dean Gray, der 18 Jahre als Berufsfeuerwehrmann gearbeitet hat. „Diese Brände sind beispiellos.“ Vielerorts sind die Feuer so mächtig, dass sie ihre eigenen Wettersysteme bilden, mitunter wachsen die Winde zu Stürmen an, die mit ihren Blitzen weitere Feuer auslösen. „Dies ist der größte, der absolut größte Notfall, den wir jemals hatten“, bestätigte auch John White, der Bürgermeister von East Gippsland, einer Region im Südosten des Landes, die besonders schlimm betroffen ist.

Im Bundesstaat New South Wales wurden dieser Tage noch rund 170 Buschbrände gezählt, auch am Sonntagmorgen gab es vielerorts keinen Strom. Im Nachbarstaat Victoria wüteten am Wochenende noch etwa 50 Brände, sechs Menschen werden ion der Region vermisst. Die Opferzahl könnte also noch weiter steigen.

Australien: Sydney zeitweise von Feuern eingekesselt

Auch ist noch nicht abzusehen, wie groß die Schäden sind. Der Deutschen Presse-Agentur (dpa) gegenüber sprach der regionale Feuerwehrchef Shane Fitzsimmons angesichts des auch über die Nacht zu Sonntag wütenden Infernos von einem „schrecklichen Tag“. Am Sonntagabend (Ortszeit) regnete es – für die betroffenen Orte sei das psychologisch wichtig. „Aber leider löscht das die Feuer nicht“, so Fitzsimmons. Schon vorab war die Wetterprognose für Sonntag etwas günstiger ausgefallen, nachdem die Temperaturen westlich der Millionenmetropole Sydney tags zuvor fast 50 Grad erreicht hatten.

Ein ausgebrannter Traktor im Kangaroo Valley, New South Wales.

Seit die ersten Brände im Frühling auf der Südhalbkugel begannen, sind mehr als sechs Millionen Hektar Busch abgebrannt. Im Vergleich: Im Amazonas-Regenwald zerstörten Feuer im vergangenen Jahr 900 000 Hektar, während in der sibirischen Steppe 2,6 Millionen Hektar in Asche verwandelt wurden. Die knochentrockene Landschaft – Australien leidet unter einer extremen Dürre – ermöglichte es den Flammen, sich rasant schnell auszubreiten. Selbst die Millionenstadt Sydney war zu einem Zeitpunkt von Feuern eingekesselt.

Bisher sind laut dpa mindestens 24 Menschen gestorben, zuletzt erlitt ein 47-Jähriger einen tödlichen Herzinfarkt, als er südwestlich von Canberra ein Grundstück vor der Feuersbrunst schützen wollte, wie die Polizei des Bundesstaates New South Wales am Sonntag mitteilte. Auch für die Tierwelt haben die Buschbrände fatale Folge, Schätzungen zufolge sind rund eine halbe Milliarde Tiere ums Leben gekommen. Einige Arten könnten durch die Verwüstung an den Rand des Aussterbens gebracht werden.

Noch am Samstag hieß es, über 1500 Häuser seien abgebrannt, doch auch diese Zahl wird nach dem verheerenden Wochenende nicht mehr standhalten. Mehrere hundert weitere Häuser sollen in Flammen aufgegangen sein. In manchen Orten ist die gesamte Innenstadt verwüstet. Frustrierend für die Rettungskräfte ist, dass es inmitten der Katastrophe nach wie vor Menschen gibt, die unabsichtlich oder gar bewusst Feuer legen. So verhaftete die Polizei einen 79-Jährigen in Südaustralien, der mit Absicht vier Buschfeuer gelegt haben soll.

Brände in Australien: Flüge werden umgeleitet, später gestrichen

Während südlich von Sydney nach wie vor Tausende aufgerufen sind, die Gegend zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen, holte im Bundesstaat Victoria die Marine eingeschlossene Menschen aus den Feuerregionen heraus. Rund 4000 mussten sich in der Region East Gippsland an Silvester vor den Feuern an den Strand flüchten. 25 Orte in der Region sind nach wie vor wegen der Feuer – oder weil Brücken zerstört wurden – nicht erreichbar. Hier warf das Militär Satellitentelefone, Lebensmittel und Verhaltensanweisungen aus der Luft ab. Tausende Atemmasken sollen in den kommenden Tagen an Rettungskräfte, Polizei und all die Menschen verteilt werden, die in den betroffenen Regionen bleiben wollen, nachdem der Rauch an vielen Orten die Luft völlig verpestet hat. Einige Passagierflüge in Australien mussten wegen der Rauchentwicklung umgeleitet werden, im Verlauf des Tages wurden einige Flüge gestrichen.

Die in Australien lebende Deutsche Cosima Schroller erlebte bange Stunden nahe dem Küstenort Mallacoota, wo sie über den Jahreswechsel Urlaub machte. Sie bekam mit, wie die Feuer bedrohlich nahe kamen und die Straßen gesperrt wurden, wie die 31-Jährige der dpa erzählte. Die Rettungsaktion mit einem Marine-Schiff erlebte sie als sehr gut organisiert, auch wenn improvisiert wurde. „Wir haben überall geschlafen, wo Platz war.“

Australien: Feuerwehrchefs wollten den Premier schon im April treffen

Neben der Armee wurden inzwischen auch 3000 Reservisten eingezogen, die helfen sollen, die Lage unter Kontrolle zu bringen, wie Australiens Premierminister Scott Morrison am Samstag verkündete. Außerdem sollen vier neue Flugzeuge im Kampf gegen die Feuer eingesetzt werden. Für viele Feuerwehrleute sei das jedoch „zu wenig“ und „zu spät“, sagte der ehemalige Feuerwehrmann Dean Gray. Ihn verärgert besonders, dass Feuerwehrchefs den Premierminister bereits im April 2019 treffen wollten, um ihre Besorgnis über die anstehende Buschfeuersaison zum Ausdruck zu bringen. Morrison hatte ein Treffen damals abgelehnt.

Versuch einer Annäherung: Premier Scott Morrison gibt eine Pressekonferenz. 

Überhaupt steht das Krisenmanagement Morrisons seit Wochen in der Kritik. Zunächst fuhr er mit seiner Familie nach Hawaii in den Urlaub, später spielte er die aktuelle Buschfeuer-Krise mit Worten runter wie „solche Katastrophen“ habe es „schon immer“ in Australien gegeben. Über Neujahr empfing er Cricketspieler in Sydney, während die Feuerwehrleute in den Brandgebieten ihr Leben riskierten. Als er mit Tagen Verspätung schließlich die ersten betroffenen Gemeinden besuchte, hatten Buschfeueropfer und Feuerwehrleute nur noch wenig freundliche Worte für ihn. Etliche weigerten sich, ihm die Hand zu schütteln, viele buhten ihn aus.

Während die Regierung versagt, kommt jedoch das Volk zusammen. Menschen in ganz Australien organisieren Essen und Hilfsmittel für die Betroffenen, viele haben ihr Haus geöffnet, um Menschen aufzunehmen, die evakuiert werden mussten oder ihr Haus verloren haben. Die Dankbarkeit gegenüber den Feuerwehrleuten, die ihr Leben riskieren ist, ist riesengroß. „Was aus all der Finsternis, der persönlichen Trauer und dem Verlust heraus inspiriert, ist der Freiwilligengeist“, sagte dann auch der frühere australische Premierminister John Howard. „Sie sind großartig, diese Männer und Frauen, die freiwillig für die Feuerwehr arbeiten.“

Tropfen auf die kleine Flamme: Ein Feuerwehrmann in den Wäldern nahe Nowra.

Australien brennt, Menschen und Tiere leiden. Ein Thinktank fordert nun, auch die Kohleindustrie an den Kosten für den Wiederaufbau in Australien zu beteiligen. Während es in Australien brennt, beginnt dort in einem Dschungel das Dschungelcamp. Das Trash-Format wirft angesichts der Buschbrände in Australien mehr als sonst ethische Fragen auf. 

Gastbeitrag: Die Feuer in Australien sind ein Fenster in die Zukunft der Klimakrise

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