Sie sind niedlich, aber keine Streicheltiere – nur 25 Prozent der verletzten Koalas überleben. Stein-Abel
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Sie sind niedlich, aber keine Streicheltiere – nur 25 Prozent der verletzten Koalas überleben. 

Koalas

Brände in Australien: Koalas - Gebeutelte Tiere

  • vonSissi Stein-Abel
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Die Buschfeuer in Australien haben in manchen Regionen die Koala-Population halbiert, fürchten Experten. Freiwillige Helfer nehmen sich der verletzten Tiere an.

  • Die Buschfeuer in Australien wüten weiter
  • Besonders leidet die Tierwelt
  • Die Population der Koalas ist bereits halbiert

In Cheryls Wohnzimmer in Greenwith, in den Adelaide Hills nordöstlich von Adelaide, ist eine dicke Astgabel als Kletterbaum aufgebaut. Darauf döst der sieben Monate alte Austen, die ein, zwei Monate ältere Maisy klettert von Ast zu Ast. Die beiden Koala-Babys – Joeys genannt – sind Waisenkinder. Austen wurde weinend unter einem Auto in Lobethal gefunden, von der Mutter keine Spur. Keiner weiß, ob sie noch lebt. Oder ob sie zu schwach war, um für ihren Nachwuchs zu sorgen, ob sie bei einem Baumwechsel von einem Hund angegriffen oder von einem Auto angefahren wurde und das Baby dabei von ihrem Rücken fiel.

Verheerende Buschfeuer im Krisengebiet

Damals waren die Temperaturen noch erträglich, jetzt wüten auch in dieser Gegend des Bundesstaates South Australia verheerende Buschfeuer. Die Lage im Krisengebiet um Cudlee Creek, Woodside, Lobethal und Gumeracha war nach Weihnachten so katastrophal, dass die für solche Situationen geschulten und lizenzierten Koala-Retter keinen Zutritt mehr hatten. Nun ist das Feuer unter Kontrolle, aber noch immer werden täglich verletzte Tiere aufgelesen. Sie werden mit Infusionen rehydriert, das angesengte Fell wird gestutzt, die verbrannten Pfoten mit Salbe eingecremt und bandagiert, Verbände gewechselt. Das findet meistens beim Tierarzt statt, der Vorgang ist so schmerzhaft, dass manche Koalas dafür betäubt werden müssen. „Das ist nicht ideal“, sagt Dee Hearne-Hellon, „aber wenn man das nicht macht, werden die Helfer verletzt. Man darf nicht vergessen, dass Koalas wilde Tiere sind. Sie können nicht domestiziert werden.“

Die „Adelaide and Hills Koala Rescue“-Gruppe ist mit rund 30 Mitgliedern die größte Freiwilligenorganisation in Südaustralien, wo derzeit der Fokus auf Kangaroo Island gerichtet ist. Die halbe Insel – die drittgrößte Australiens – ist ein Inferno, und es wird befürchtet, dass die Hälfte der Koala-Population von rund 50 000 in den Flammen umgekommen ist. Einige Mitglieder der Gruppe haben mit der Fähre in das 130 Kilometer südwestlich von Adelaide gelegene Tierparadies übergesetzt und packen mit an, um zu retten, was zu retten ist. Es ist nicht viel.

Buschbrände in Australien: Extreme Temperaturen trocknen die Eukalyptusblätter aus

Wade und Mish Simpson mit Koala-Waisenkind Harry.

Gruppe in den Adelaide Hills – und Merridy die „Queen Koala“, die laut Cheryl „unser Guru ist und alles weiß“. Dee postet regelmäßig lustige Erfolgsgeschichten auf Facebook, aber die Wahrheit ist, dass selbst in Zeiten ohne Buschfeuer nur 25 Prozent der geretteten Koalas überleben. „Wir behalten viele traurige Geschichten für uns, um die Leute, die verletzte oder kranke Koalas finden, nicht zu demotivieren“, sagt sie. „Wir wollen, dass sie uns weiterhin anrufen und Schalen mit Wasser in ihre Gärten und in Koala-Reviere stellen, damit die Tiere bei Hitze trinken können.“ Bei den extremen Temperaturen trocknen auch die Eukalyptusblätter aus, von denen sich die in den Baumkronen lebenden Koalas fast ausschließlich ernähren. In den Buschfeuern explodieren die Bäume aufgrund ihres Ölgehalts förmlich, und die Koalas haben kaum eine Chance zu überleben.

Die Weinbauregion McLaren Vale, südlich von Adelaide, ist in diesem Jahr – mit Ausnahme eines Grasfeuers, bei dem Koalas verletzt wurden – von den Flammen verschont geblieben. Aber auch dort sind die Koalas in Not. Im Garten von Mish und Wade Simpson in Onkaparinga, einem kleinen Ort 35 Kilometer südlich der Hauptstadt von South Australia, sitzt der kleine Harry in einem Birnbaum und klettert auf den Ästen. Dann lässt er sich auf den Boden gleiten und benutzt Mish als Kletterbaum. Das ist schmerzhaft, denn Koalas springen mit Schwung auf Bäume und krallen sich fest, und je jünger ein Koala ist, desto schärfer sind die Krallen. Sie stumpfen erst durch jahrelanges Klettern ab. Kratzer und Narben an Händen, Armen und Hals sind die Erkennungsmerkmale von Menschen, die verwaiste, verletzte und kranke Koalas pflegen. Und Augenringe, denn die Joeys müssen alle vier bis sechs Stunden gefüttert werden - es gibt Muttermilchersatz aus der Flasche.

Koalas werden eingesammelt

Es ist ein unbezahlter Rund-um-die-Uhr-Job neben Beruf und Haushalt, denn nach jedem Notruf fährt das Ehepaar Simpson, egal ob Tag oder Nacht, meilenweit durch die Gegend und sammelt Koalas ein. Mish (34), die in Adelaide als Datenwissenschaftlerin für die Landesregierung arbeitet, und Wade (36), der zwei Autowerkstätten besitzt, sind die „Southern Koala Rescue“. Wade nennt sich selbst „Koala-Mutter“, und so ist das auch. Die beiden sind Muttertierersatz und müssen diesem unfassbar goldigen dunkelgrauen Beuteltier alles beibringen, was es später in der Wildnis braucht. Harry schläft in einer plüschigen Kuschelhülle, dem Ersatz für den Beutel seiner echten Mutter, in dem er die ersten sechs, sieben Lebensmonate verbracht hätte. Und statt sich auf Mamas Rücken festzukrallen, steigt er Mish auf die Schulter.

Mittlerweile ist Harry alt genug, um tagsüber in einem großen Gehege Eukalyptusblätter zu knabbern, zu klettern und einen Plüschteddy zu knuddeln. Vier solche Gehege für je zwei Koalas haben die Simpsons im Garten, alle selbst finanziert. Wer Koalas rettet und versorgt, ist auf Spenden und Sponsoren angewiesen. Im Gegensatz zur freien Wildbahn, wo die Tiere Einzelgänger sind, freunden sich Koalas in den Gehegen an, das verringert den Stress. Jetzt während der Hitzewelle kommen manche Tiere nur für zwei, drei Tage, werden rehydriert und dann wieder in die Freiheit entlassen.

Buschbrände in Australien: Die Lage ist dramatisch

Summer und ihr Joey Blaze sind länger da. Blaze erlitt einen Hitzschlag und fiel aus dem Baum. Summer wurde eingefangen und mit Blaze wiedervereinigt. Im Gehege genießen die beiden vor ihrer Entlassung die Kaltwasser-Sprühanlage und die frischen Eukalyptusblätter. Nebenan sitzt Priscilla und brüllt, weil sie Angst und Schmerzen hat. Sie ist von einem Hund angefallen worden, eine ihrer Krallen fehlt. Das röhrende Koala-Brüllen passt so gar nicht zu den niedlichen Gesichtern dieser liebreizenden Beuteltiere, die nur in den Eukalyptuswäldern der Ostküsten-Staaten New South Wales, Victoria und Süd-Queensland sowie im Südosten von South Australia vorkommen. Die Behandlung von infizierten Wunden ist problematisch, weil Antibiotika die Darmbakterien töten, die Koalas zur Verdauung der giftigen Eukalyptusblätter benötigen.

„Wir tun es für die Koalas“

Abgesehen von Buschfeuern sind Hunde und Autos die größten Koala-Killer. Verletzte Koalas werden zum Röntgen und für Infusionen zum Tierarzt gebracht. Andere Untersuchungen können die Ersthelfer selbst durchführen. Mit einem Abstrich wird auf die Infektionskrankheit Chlamydia getestet, von der in Südaustralien rund 40 Prozent der Population befallen sind. Auf Kangaroo Island sind die Tiere frei von Chlamydia. Trinkt ein Koala auffällig viel, wird eine Urinprobe genommen. Bestätigt sich der Verdacht auf eine Nierenfunktionsstörung, wird das Tier eingeschläfert, um ein langes und elendes Sterben abzukürzen. Aufgabe der Helfer ist auch, den sogenannten Pap zuzubereiten und Joeys damit zu füttern, die zu Waisen wurden, als sie noch im Beutel lebten. Pap ist ein kotähnliches Ausscheidungsprodukt, das die Babys fressen müssen, um nach dem Ende ihrer Ernährung mit Muttermilch die giftigen Eukalyptusblätter verdauen zu können.

Alle paar Tage fahren Mish und Wade elf Kilometer in ein Schutzgebiet in der Nähe von McLaren Flat, um nach Bugsy und Evie zu schauen. Die Jungtiere, die einst als Joeys zu den Simpsons kamen, sitzen auf einem hohen Eukalyptusbaum, um sich an das Leben ohne Menschenkontakt zu gewöhnen. Der Rutenförmige Eukalyptus (Eucalyptus viminalis) ist von einer hohen Aluminiumwand umgeben, um Hunde und Wildkatzen fernzuhalten. Unter dem Baum stehen Behälter mit Zweigen von drei anderen Eukalyptusarten aus Tasmanien, Süd- und Westaustralien. Diese Vielfalt benötigen die Koalas, denn irgendwann unterm Jahr ist die Toxizität ihrer Lieblingsbäume so hoch, dass sie sich damit vergiften würden. Haben sie auch diese letzte Lektion gelernt, werden sie ausgewildert. „Einmal in Freiheit, klettern sie auf einen Baum und wollen dich nicht mehr sehen“, sagt Mish. „Es ist ein bisschen traurig, aber es ist der Grund, warum wir Koalas retten.“ Oder, wie Merridy es ausdrückt: „Wir tun es für die Koalas, nicht für unser Ego.“

Mehr Infos unter   www.facebook.com/1300Koalaz/ und unter www.facebook.com/SouthernKoalaRescue/

Info: Koalas

Koalas sind keine Bären (Bären sind Säugetiere), sondern Beuteltiere. Der Nachwuchs wird unreif geboren und entwickelt sich erst im Schutz des Beutels weiter. Dort leben die Babys, Joeys genannt, sechs bis sieben Monate und ernähren sich ausschließlich von Muttermilch. Bevor sich die Jungen mit Eukalyptusblättern ernähren können, müssen sie eine Zeit lang kotähnliche Verdauungsprodukte der Mutter fressen, Pap genannt, um die giftigen Blätter verdauen zu können. Erst danach verlassen sie den Beutel und halten sich vornehmlich auf dem Rücken der Mutter auf. 

Vor der Ankunft der europäischen Siedler in Australien 1788 lebten Millionen Koalas in den Eukalyptuswäldern der Ostküste und im Südosten Südaustraliens. Durch den Handel mit Koala-Fellen wurden die Bestände dramatisch reduziert. Großbritannien importierte von 1888 bis 1918 allein 4,1 Millionen Felle. Der Fellhandel endete 1927, als der spätere US-Präsident Herbert Hoover ein Importverbot verhängte. Zu diesem Zeitpunkt gab es nur noch in Queensland reichlich Koalas, in Victoria rund 1000, in New South Wales wenige Hundert, in Südaustralien waren sie ausgestorben. Zwischen 1923 und 1925 wurden 18 Koalas aus Victoria auf Kangaroo Island ausgewildert und vermehrten sich dort sprunghaft. Koalas von dieser Insel wurden zwischen 1959 und 1969 in Südaustralien angesiedelt, auch in Gegenden, in denen es früher keine Koalas gegeben hatte. Aufgrund dieser Inzucht fehlt den Koalas in Südaustralien die genetische Vielfalt. 

Genetische Vielfalt zu erzielen, ist sehr schwierig, da Koalas nicht einfach umgesiedelt und gekreuzt werden können. Sie passen sich zwar ihrer Umgebung an, aber es gibt zwei grundlegend unterschiedliche Arten. Der Nord-Koala, der im tropischen Queensland und nördlichen New South Wales vorkommt, hat kurzes, weiches, hellgraues Fell, ist kleiner und wesentlich leichter als der Süd-Koala im südlichen New South Wales, Victoria, der Region um Canberra und Südaustralien. Der Süd-Koala hat ein dichteres, längeres und wolligeres Fell für die kalten Winter und ist dunkelbraun bis dunkelgrau. 

Gastbeitrag: Die Feuer in Australien sind ein Fenster in die Zukunft der Klimakrise

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