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Christliche Schule in Australien muss „Verdammung“ zurücknehmen

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Von: Nadja Austel

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Homosexuelles Paar hält sich vor Regenbogenflagge an den Händen
Medialer und gesellschaftlicher Widerstand zum Wohle der LGBTQIA+ Community (Symbolbild) © Michael Reichel / dpa

Sodomie, Pädophilie, Homosexualität – eine Privatschule in Australien hatte diese „Sünden“ aus der Bildungsstätte verbannen wollen. Nun rudert sie zurück.

Update vom Mittwoch, 09.02.2022: Der öffentliche Widerstand von Eltern, Lehrern, Politikern und Medien gegen die von der christlichen Privatschule in Brisbane, Australien, zeigt Wirkung. Das Citipointe Christian College wandte sich mit einer Entschuldigung an die Eltern. Das berichtet ABC News Australia. Darin habe sich die Schule dafür entschuldigt, dass sich einige Schüler:innen durch den zu unterschreibenden Vertrag (siehe Erstmeldung) diskriminiert gefühlt haben könnten.

Weiter wurde zugesichert, dass die Schule weder jetzt noch in Zukunft Schüler:innen aufgrund ihrer Sexualität oder geschlechtlichen Identität diskriminieren würde. Transsexualität und Homosexualität würden außerdem „im Auge Gottes“ die Würde des Menschen nicht mindern. Diese Aussagen stehen im extremen Kontrast zu denen, die ursprünglich im Schulvertrag genannt waren. Darin wurde Homosexualität auf die gleiche Stufe gestellt mit Sodomie und Pädophilie; verlangt wurde zudem, dass Schüler:innen sich mit dem bei ihrer Geburt festgelegten Geschlecht identifizieren.

Im Zuge dessen waren mehrere Schüler:innen von der Schule abgemeldet worden. Die mediale Berichterstattung über den diskriminierenden Vertrag war enorm. Eine Online-Petition für die Rücknahme des Vertrages durch die Schule wurde laut ABC News über 150.00 Mal unterzeichnet (Stand 03.2.2022). Das zuständige Gremium zur Akkreditierung nicht-staatlicher Schulen hatte einen Besprechungstermin für den Fall anberaumt. Dieses entfällt aufgrund der Rücknahme des Vertrages.

Unterschrift oder Exmatrikulation: Schule in Australien „verdammt“ Homosexualität

Ein Teilnehmer des Christopher Street Days läuft bei sommerlichen Temperaturen mit einer Regenbogenfahne durch die Tropfen eines Springbrunnens.
An einer australischen Schule soll die Diskriminierung der LGBTQAI-Community von Eltern unterstützt werden. (Symbolbild) © dpa/Sven Hoppe

Erstmeldung vom Mittwoch, 02.02.2022: Brisbane – „Uns wurde sehr anschaulich beschrieben, was mit uns in der Hölle passieren würde“, sagt Katrina Patterson im Interview mit 7News in Australien. Sie machte im Jahr 2000 ihren Abschluss an der privaten christlichen Schule in Brisbane (Bundesstaat Queensland), die in den Fokus der Medien geraten ist. „Im Alter von acht oder neun Jahren wurden uns in dieser Schule grausame Videos vorgespielt, in denen Menschen von Guillotinen enthauptet wurden“, sagt Patterson. Dieses fragwürdige Vorgehen habe die Kinder vor homosexuellen Handlungen abschrecken sollen, so der australische Nachrichtensender.

Das Citipointe Christian College hatte den Eltern der Schüler:innen per Mail die Anmeldeformulare zusammen mit einem Vertrag zugesendet. In diesem sollten sie durch ihre Unterschrift bestätigen, dass sie die Leitlinien der Schule zu den Themen Sexualität und Geschlecht akzeptieren.

In dem Dokument steht unter anderem geschrieben: „Die Schule nimmt Bewerbungen von Schülern nur an, wenn das ihnen bei Geburt zugeschriebene Geschlecht mit dem übereinstimmt, mit dem sie sich identifizieren.“ Das gelte sowohl für den Zeitpunkt des Schuleintritts, als auch für den gesamten Zeitraum des Schulbesuchs. Für transsexuelle Schüler:innen bedeutet das, dass die Schule sie gar nicht erst annehmen würde oder, falls sie ihre Transsexualität während der Schulzeit entdecken und ihr entsprechend leben wollen, in direkter Folge vom Schulbesuch ausgeschlossen würden.

Schule in Australien setzt Homosexualität mit Pädophilie gleich

Weiter heißt es mit Berufung auf biblische Texte, Sex sei von Gott nur für Mann und Frau im Rahmen der Ehe vorgesehen. Ehebruch, außerehelicher Sex, Sodomie, Inzest und Pädophilie werden dabei in einem Zug erwähnt mit Pornografie und bisexuellen und homosexuellen Handlungen. All das sei von Gott verurteilt und würde menschliche Beziehungen und die Gesellschaft zerstören, heißt es weiter.

Wofür steht LGBTQIA?

Das Akronym LGBTQIA steht für die englischen Wörter Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual beziehungsweise Transgender, Queer, Intersexual und Asexual. Es wird als Abkürzung für alle Menschen verwendet, die lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender, queer, intersexuell oder asexuell sind. Das Plus steht für alle, die sich der Community zugehörig fühlen, sich aber nicht mit einem dieser Begriffe identifizieren. Menschen innerhalb der LGBTQIA+ Community erfahren aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihres Geschlechts häufig Diskriminierung.

Lesbian (lesbisch) und Gay (schwul) stehen für Homosexualität, also Frauen, die Frauen lieben, und Männer, die Männer lieben.

Bisexual (bisexuell) bezeichnet Menschen, die sowohl das andere Geschlecht lieben (heterosexuell) als auch das eigene Geschlecht (homosexuell).

Transsexual und Transgender (transsexuell) stehen für Menschen, die ihr biologisches Geschlecht nicht als ihr eigentliches Geschlecht empfinden. Beispielsweise kann ein Mensch als Junge geboren worden sein, sich aber als Mädchen fühlen und andersherum. (Im Englischen gibt es einen sprachlichen Unterschied, das Wort „Sex“ bezeichnet das biologische Geschlecht, während „Gender“ sich auf die soziale Geschlechterrolle bezieht.)

Queer (wörtliche Übersetzung etwa: anders) ist eine Bezeichnung von und für Menschen, die diese verschiedenen Begriffe einschränkend finden oder sich darin nicht wiederfinden. Der Begriff „queer“ wird mittlerweile auch im Deutschen verwendet und meint Menschen, die anders lieben oder fühlen als heterosexuelle Menschen.

Intersexual (intersexuell) ist ein Begriff für Menschen, die seit Geburt im biologischen Sinne sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtsorgane haben. Es kann beispielsweise sein, dass ein Kind bei der Geburt als biologisch weiblich bezeichnet wird, sich aber herausstellt, dass es auch innenliegende Hoden besitzt. Häufig werden diese Kinder schon im Kleinkindalter Operationen unterzogen, die eine künstliche und vermeintlich eindeutige Zuordnung zum männlichen oder weiblichen Geschlecht ermöglicht.

Asexual (asexuell) steht für Menschen, die keinerlei Bedürfnis nach körperlicher Intimität mit anderen Menschen egal welchen Geschlechts verspüren.

Das Plus + (manchmal auch *) dient als Platzhalter für weitere Geschlechteridentitäten und sexuellen Orientierungen. Dazu gehören beispielsweise Pansexualität, non-binäre oder genderfluide Menschen und viele mehr.

„Dass so etwas heutzutage passiert, ist ehrlich gesagt kaum zu glauben“, äußerte sich die Bildungsministerin des australischen Bundesstaats Queensland, Graziella Grace, in einem emotionalen Interview. Sie selbst sei Mutter eines Kindes, das sich als nicht-binär identifiziere. „Es ist ziemlich erschütternd, dass jemand [wie mein Kind] von dieser Schule so behandelt würde“, sagte Grace gegenüber ABC News mit brechender Stimme.

Diskriminierung – Schule in Australien gibt Eltern zwei Wochen Frist

Das Papier mit den diskriminierenden Klauseln wurde zudem ohne das Wissen der eigenen Lehrkräfte herausgegeben. Die Mutter eines der Kinder, die gleichzeitig Lehrerin am Citipointe Christian College ist, erfuhr lediglich über ihre Rolle als Elternteil davon, erklärte sie gegenüber ABC News Australien. Sie sei nun auf der Suche nach einer neuen Schule für ihr Kind, da sie den Vertrag unmöglich unterschreiben könne. 

„Ich muss [dem Kind] nun zumuten, dass es seine Freunde zurücklässt, ohne, dass [es] etwas dafür kann. Wir wurden nicht vorgewarnt, dass das passieren würde und uns wurde gesagt, wir haben zwei Wochen, um zu unterschreiben“, ansonsten könne das Kind die Schule nicht besuchen. Besonders verärgert ist die Mutter, die anonym bleiben will, über den Zeitpunkt: Am Freitag direkt vor Schulbeginn wurde das Dokument verschickt. „Ich habe mich in die Ecke gedrängt gefühlt“, sagt sie gegenüber dem australischen Nachrichtenportal.

Die Schule beruft sich auf die Bibel – „Religiöse Freiheit ist keine Diskriminierung“

Citipointe Christian College, eine private Schule, die von der Grundschule bis zur Abschlussklasse zwölf die komplette Bandbreite des australischen Schulsystems anbietet, beruft sich derweil in einer Videobotschaft an die Eltern auf die Bibel: „Religiöse Freiheit ist keine Diskriminierung“, so der Schuldirektor Pastor Brian Mulheran darin. Die Schüler:innen sollten sich, so der Pastor weiter, für ihren lebenslangen Ehepartner aufheben, so wie es das biblische Verständnis von der Ehe verlange.

Das Nachrichtenportal 7News Australien verweist auf die Debatte über ein landesweites Gesetz, das derzeit diskutiert würde. Die Gesetzesvorlage zur religiösen Diskriminierung würde Schulen wie das Citipointe Christian College vor den strengen Gesetzen gegen Diskriminierung – wie im Bundesstaat Queensland in Kraft – schützen.

Australien –Vertrag der christlichen Schule „gesetzeswidrig“

Mittlerweile habe die Menschenrechtskommission von Queensland eine formelle Warnung an die Schule gerichtet. Das Kontrollgremium, das nicht-staatliche Schulen akkreditiert, wird am Donnerstag über den Fall des Citipointe Colleges beraten. Matilda Alexander von der LGBTQIA-Rechtsberatung erklärt gegenüber 7News zur aktuellen juristischen Situation: „Der Vertrag ist gesetzeswidrig. Er ist schädlich für Kinder und ihre Eltern.“ Sie rate deshalb allen Betroffenen, sich an einen Anwalt zu wenden.

In der Bevölkerung wird ebenfalls Widerstand laut. Wie ABC News Australien berichtet, wurde eine Online-Petition, die die Rücknahme des Vertrags vonseiten der Schule fordert, bis heute (02.02.2022) bereits über 110.000 Mal unterzeichnet. Die Schule beantwortet Presseanfragen weiterhin nicht und veröffentlichte am Montag lediglich ein Statement, in dem sie behauptete, Schüler mit anderen Lebensentwürfen und Überzeugungen nicht zu verurteilen. Den Vertrag hatte sie dabei jedoch nicht widerrufen.

Dass sich modernes Christentum durchaus mit Homosexualität vereinbaren lässt, daran glauben die 125 Mitarbeiter:innen der katholischen Kirche, die sich unlängst kollektiv öffentlich geoutet hatten. Sie folgen dem Beispiel von Schauspieler:innen, die im letzten Jahr ähnlich geschlossen mit ihrem Coming-out gegen die Diskriminierung von Mitgliedern der LGBTQIA-Community gestellt hatten. Um die Diskriminierung im Alltag zu reduzieren, wird hierzulande in den Medien immer mehr auf inklusive Sprache geachtet, dazu gehört das Gendern, das zu akzeptieren vor allem älteren Herren schwerfällt. (na)

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