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Sportmoderator Rolf Töpperwien moderiert am Samstag sein letztes Spiel.
Sportmoderator Rolf Töpperwien moderiert am Samstag sein letztes Spiel. © dpa

Am Samstag kommentiert Rolf Töpperwien sein letztes Spiel. Die einen werden jubeln, die anderen betrübt sein. Kalt hat der Fußballreporter niemanden gelassen.

Von Jan Freitag

Um diesen Mann zu verstehen, muss man in der Zeit eine Weile zurückreisen. 20 Jahre ist es her, da wurde Rolf Töpperwien zum ersten Mal Vater. „Eine schwere Geburt, sehr erschöpfend.“ Er sagt es wie einer, der dabei war, der bis heute die Erschöpfung von damals nachspürt. Aber er war gar nicht dabei.

Der eben Vater Gewordene war auch an diesem Tag ganz und gar das, was er immer und in erster Linie sein wollte: Fußballreporter. „Am Abend habe ich Kaiserslautern gegen 1860 übertragen“, erzählt er ohne Anflug von Reue und klingt dabei so, wie man ihn aus seinen Reportagen kennt: ein bisschen zu hastig, in knackigen Worten, die miteinander verwachsen, ein Singsang, in dem man immer einen unterdrückten Lacher vermutet, irgendwas zwischen Lukas Podolski und Didi Hallervorden.

Ganz gleich ob Familiäres oder Fußball, Anekdote oder Analyse, ob vom eigenen Kind oder Dortmunds Niederlage: Rolf Töpperwien, 59, zum zweiten Mal verheiratet, zwei Kinder, Eintracht-Braunschweig-Fan, berichtet mit jener kindlichen Aufgeregtheit, die in den 37 Jahren, die er auf den Plätzen unterwegs ist, zu seinem Markenzeichen geworden ist, einem naturgegebenem, wenn man so will. „Ich bin wie ich bin“, sagt er. Es sind seine Abschiedsworte in eigener Sache.

Wehmut, sagt er, verspüre er nicht

Heute, am Tag vor seinem 60. Geburtstag, kommentiert der Mann, den alle nur „Töppi“ nennen, sein letztes Fußballspiel. „Stecker raus, Ende, Aus.“ Wehmut verspüre er nicht. „Sonst würde ich ja weitermachen.“

Er macht es nicht. Und so tritt mit ihm einer ab, der mehr war als nur die Summe seiner Eigenarten. Es geht einer, der das Fußballland spaltet. Diese Locken, diese bunten Pullover, das betonierte Grinsen, diese Untertänigkeit besonders jenen Fußballhalbgöttern gegenüber, die sich schon zur Genüge selbst anbeten – furchtbar, motzen Spötter. Dieses lexikalische Fußballwissen, das dauernde Glühen, all diese Marotten, die bunten Pullover – unverwechselbar, jubelt der Rest. Die Meinungsmitte bleibt bei ihm unbesetzt, kalt lässt er niemanden.

Als „Putzerfisch“ gehänselt, der seinen Gesprächspartnern durch permanentes Kopfnicken Zustimmung signalisiert, mal als „unprofessionell“, weil die Gäule der Euphorie mit ihm durchgehen. Legendäre Momente kamen dabei in vier Jahrzehnten Reporterleben heraus, oft großartige, nicht selten peinliche.

Viele blieben haften wie jener vom Frühjahr 1984, als er sich nach dem legendären 6:6 im DFB-Pokalhalbfinale zwischen Schalke und Bayern durch ein Knäuel enthemmter Schalke-Fans wühlte. „Junge, Junge, Junge, mach doch mal Platz“, brüllte er da wie entfesselt auf dem Weg zum Schalker Thon, „ich will doch den Olaf intervie-wen“. Damals war Töpperwien bekannter als Thon, vielleicht schaffte er es auch deswegen, dem überwältigten Jungstar auf die Pelle zu rücken und ihm das Geständnis zu entlocken, er, also Thon, schlafe ja mit Vorliebe in Bayern-Bettwäsche.

Heute nähern sich die Feldreporter den Spielern so aufgeräumt und demonstrativ gelassen wie Bundestagskorrespondenten Politikern. Journalistische Distanz wahren sie dabei genauso wenig wie Töpperwien. Nur bei dem fällt die Nähe auf. Wann immer er Otto Rehhagel nach einem Spiel vor das Mikro bekam, und er bekam ihn oft, man ist befreundet, zeigte sich in Töpperwiens Mimik der unbedingte Wille zur Spiegelung. War Rehhagel glücklich, stand es Töpperwien ins Gesicht geschrieben, war der Meistertrainer zerknirscht, machte Töpperwien ein Hundegesicht.

Töpperwien wollte den Staub aus den Studios pusten

Als Rolf Töpperwien 1973 im „Aktuellen Sportstudio“ des ZDF erstmals über die Bundesliga (Wuppertaler SV gegen MSV Duisburg) berichtete, waren die Zeiten ganz andere. Alle Spiele begannen samstags Punkt 15.30 Uhr, vier davon zeigte die „Sportschau“, drei weitere das ZDF zur Nacht. Wenn seine Braunschweiger nicht darunter waren, „musste ich mich am Montag durch die Regionalprogramme wühlen“.

Harte Zeiten. Er lacht darüber. Besonders harte Zeiten auch für ihn, weil er aneckte. Chronisten wie Ernst Hubert, Rudi Michel oder Rolf Kramer verkündeten auch bei LiveÜbertragungen Tore wie Aktenvermerke. Töpperwien wollte den Staub aus den Studios pusten. Er wurde der „Vater aller Feldreporter“, wie ihn ein schreibender Kollege kürzlich nannte, wollte dahin, wo der Schweiß rinnt und manchmal Blut: an den Platz. Das gefiel im öffentlich-rechtlichen Apparat nicht allen; dem Publikum umso mehr. Und so schleifte der junge Niedersachse die Trutzburg der alten Männer und half ein wenig mit, Fußball zum Event von heute zu machen.

Dabei sieht er sich keineswegs als Revoluzzer. Der „treue CDU-Wähler“, wie Töpperwien sich in seiner Biografie „Von Braunschweig bis Johannesburg“ bezeichnet, wollte „einfach nur zum Fernsehen und Sportreporter werden“, statt mit Göttinger Kommilitonen das System zu stürzen. 20 war er damals, ein Junge aus Osterode, Provinz, der seine Magisterarbeit in Geschichte über Turnvater Jahn schrieb und Opel Admiral fuhr. Drei Jahre später kaufte er sich vom ZDF-Honorar eine Ledergarnitur.

Fast stolz erzählt er, Computer und E-Mails zu hassen. Nur Mamas Gänsebraten, den liebt er. In diesem Licht erscheint eine Biografie, die der Vielleser zurzeit liest, nur logisch: über Fidel Castro. Auch dem Máximo Líder ist Veränderung ja eher verdächtig.

Offenbar hält sich Töpperwien für den Siegelbewahrer einer Zeit, die er überwunden und geprägt hat zugleich. Seine Memoiren sind voller Anekdoten über die Tradition im Aufbruch, über riesige Ü-Wagen, die er zu den Bolzplätzen der Republik lotste, auf dass die große Fußballwelt ihre Wurzeln nicht vergesse.

Jede freie Minute, so schreibt er, zieht es den verhinderten Fußballer in diese Niederungen, weil nur dort, bei Rot-Weiß gegen Schwarz-Weiss Essen, bei Hummelsbüttel gegen den SV Lurup, „nur da unten“, sein Sport atmet.

In der Kreisklasse kennt er sich aus wie in der Bundesliga

Immerhin kann auch er belegen, dass er das Klischee vom sauberen Unterklassenfußball lebt. In der Kreisliga kennt er sich so gut aus wie in der Bundesliga, weil er Tabellen studiert und bei seiner vierstündigen „Kicker“-Exegese die Formkurve eines jeden Landesligisten verfolgt. Seiner jüngeren Schwester riet er sogar davon ab, in seine Fußstapfen zu treten, weil sie doch nicht der Typ sei „für die Schlangengrube“. Sie hörte nicht auf ihn. Sie ist als Radiokommentatorin in der ARD-Bundesligaschaltkonferenz fast so bekannt wie er.

Als der kleine Rolf den Fußball entdeckte, musste er die Weltmeisterschaft noch vor dem Radio verfolgen; als der Teenager das erste WM-Spiel live sah, war mit Uwe Seeler die Bodenständigkeit in Person sein Idol; als er mit kaum 23 bei einem Zweitligaspiel in Braunschweig debütierte, hatte sein Lieblingsverein mit dem Jägermeister-Hirschen auf der Brust gerade erst die Trikotwerbung importiert; und als der Neuling kurz darauf die erste von gut 1500 Erstligapartien zusammenfasste, standen Millionentransfers noch bevor.

Trotz Bundesligaskandal, aufkommendem Kommerz und Günter Netzer – 1974 ging es beschaulich zu im deutschen Fußball.

Ruhig genug für sein konservatives Weltbild, zu ruhig für seine Idee vom Fernsehen. So wurde Rolf Töpperwien zum „Pokalsensationsreporter“, ein „Kabinenschreck“, der maximale Nähe zum Hauptdarsteller sucht, „gerade wenn der Kleine den Großen schlägt, die Gesänge in der Kabine, dieses Feuer, diese Freude. Da bin ich Journalist, aber auch Fan“.

Beides war er schon daheim im Zonenrandgebiet, als der Achtjährige bei Oma im Garten die Oberligapartien seiner Eintracht nachkickte – Stürmer, Torwart, Zuschauer, Reporter, alles zur gleichen Zeit. Was den Jungen von einst vom ergrauten Veteranen der Gegenwart unterscheidet? Töpperwien zögert keine Sekunde: „Nichts!Erklären kann er diese Hingabe nicht, große Worte über den Fußball sind nicht seins. „Meine Leidenschaft erwächst aus unbedingter Begeisterung für den Fußball“, sagt er. Doch sie lässt ihn auch oft vergessen, dass da ja noch Kameras stehen, in die er spricht. Etwa, als er dem KSC-Stürmer Edgar Schmitt Anfang der 90er Jahre auf dem Weg nachsetzte und rief: „1:3 zur Pause, ein hoffnungsloser Rückstand, jetzt ist Euro-Eddy gefragt, geht da noch was?“ Edgar Schmitt blickte ihn fassungslos an und ging. Oder Jahre später. Unbeirrbar nannte er den Bremer Spieler Andreasen Andröööhsen. Als er sich korrigierte, blökte er mehrfach Andrääähsen in die Kamera.

Es scheint zuweilen, als kenne er kein Schamgefühl, als sei ihm nichts peinlich. Darauf angesprochen, erzählt er ohne jede Verlegenheit von jener Bordellrechnung über 4000 Mark, deren Richtigkeit er einst auf ZDF-Briefpapier bezweifelt hatte, worauf er zum Bild-Titel wurde. „Das war ein Fehler.“ Um dann einschränkend zu betonen, dass er doch nicht der Einzige sei, der ins Bordell gehe – gerade so, als wäre er, „der Töppi“, im Puff nur einer von vielen.

Als er sich vor zehn Jahren im Kokain-Vollrausch fast verbrannt hatte und im Koma lag, ließ er sich bei seiner Rückkehr im Stadion feiern. Mit Töppi-Rufen, sagt er. Dass nicht wenige in der Kurve auch „Töppi in den Puff“ skandierten und nicht ohne Respekt darüber staunten, dass der offen Verhöhnte da unten noch aufmunternd mitklatschte, hat er verdrängt. Vielleicht hat er die Sprechchöre auch überhört.

Wer am Abend seiner Hochzeit auf der Tribüne seines Lieblingsklubs sitzt, kann jedenfalls kein gewöhnlicher Mensch sein. „Eintracht Braunschweig gegen Fortuna Düsseldorf“, erinnert er sich, „das Spiel wollte ich unbedingt kommentieren.“ Da das aber selbst dem damaligen ZDF-Sportchef Hanns-Joachim Friedrichs zu weit ging, hat er Töpperwiens Braut eine Pressekarte besorgt. Eine Hochzeitsreise auf die Tribüne? Rolf Töpperwien lacht: „Kann man so sagen.“

Eine Freundin war ihm mal davongerannt wegen Fußball, 1966 war das, Weltmeisterschaft in England. Der junge Rolf sah Fußball, dachte an Fußball, er redete über Fußball, drei Wochen lang ohne Unterlass. Und er hatte eine Vision: Reporter sein. Er hat sie bald danach beim Göttinger Tageblatt mit jener bissigen Zielstrebigkeit und Akribie verfolgt, die ihn auch sonst kennzeichnen. Für jede Reportage notiert er sich auf 36 Zetteln jedes Detail, um dann der Welt, und sei es nur für dieses eine Spiel, seine Ordnung zu geben, in der noch der Heimatverein des Schiedsrichters verkündet sein muss. „Töpperwien beeindruckte mehr durch Kenntnisse des Platzwarts vom ZFC Meuselwitz als durch Fußballverstand“, zitiert er einen Zeitungsartikel und fügt hinzu: „Als schlösse Kompetenz das eine oder andere aus…“

Am heutigen Samstag wird er nochmals versuchen, beides miteinander zu verknüpfen, das Relevante mit dem Redundanten. Werder Bremen gegen den HSV, so lautet sein Finale. Sicher falle der Abschied nicht leicht, sagt er. Aber nun stehe eben sein fünfjähriger Sohn im Mittelpunkt, „den liebe ich noch mehr als Fußball“. Louis spielt längst selbst, wenn auch nicht beim Wiesbadener Klub ums Eck, sondern weiter entfernt, wo man nicht so früh auf Leistung setze. „Der Junge soll einfach nur Spaß haben.“ Der Eifer kommt früh genug. Bei dem Vater.

Rolf Töpperwien: Von Braunschweig bis Johannesburg, Rotbuch Verlag Berlin 2010, 272 S. 19,95 Euro.

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