+
Verena, Ärztin.

Menschen mit Masken

„Aus Angst trage ich das verfluchte Ding“

  • schließen

Zur neuen Realität in Zeiten der Pandemie zählt auch das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes. Der Mannheimer Fotograf Luigi Toscano porträtiert Menschen mit ihren Masken und fragt, wie es ihnen damit geht.Von Thoralf Cleven

Eigentlich wollte Luigi Toscano im April Ausstellungen in Tel Aviv und in Süddeutschland eröffnen. Doch wie allen machte das Corona-Virus auch dem Mannheimer Fotografen ein Strich durch die Rechnung. Im doppelten Sinne. Denn der Künstler, bekannt geworden durch seine riesigen Porträts von Holocaust-Überlebenden auf öffentlichen Plätzen in Berlin, Washington, New York, Wien oder Genf, ist nicht nur wegen der gebotenen Abstandsregeln gehandicapt. Sein internationales Holocaust-Projekt „Lest We Forget“ stockt auch, weil die Überlebenden weltweit nun durch ein Virus zur Risikogruppe gehören und er sie deshalb nicht fotografieren kann.

Menschen mit Masken

Maskentragen aus Angst: Enza, Hotelfachfrau. © Luigi Toscano
Hanni, Rentnerin. © Luigi Toscano
Jacqueline, Arzthelferin © Luigi Toscano
Jörg, Germanist und Rapper © Luigi Toscano
Momo, Künstlerin © Luigi Toscano
Noah, Schüler © Luigi Toscano
Steffi, Angestellte im Marketing. © Luigi Toscano
Timo, Redakteur © Luigi Toscano
Geste der Solidarität: Ursula, Lehrerin. © Luigi Toscano
Luigi: Selbstporträt mit Maske. © Luigi Toscano

Toscano, gerade 48 Jahre alt geworden, ist ein Typ, der gern auf Tuchfühlung geht. Der menschliche Abstand sei für ihn wie ein Alptraum, sagt er. Als Fotograf, der normalerweise mit seiner Linse vor allem in Gesichtern forscht, stört ihn natürlich der Mundschutz. Auch an sich selbst. „Ich habe mich gefragt: Geht es den Leuten wie mir?“ Toscano beobachtete, wie sich die gesamte Körpersprache durch die nun unsichtbare Mimik verändert, wie gepresst die Stimmen klingen. „Wir verlieren unsere übliche Kommunikation.“

Er begann sich deshalb dafür zu interessieren, was die Maske mit den Gesichtern macht – vor allem aber mit den Menschen dahinter. Dann ging er auf die Straße und sprach die Leute in seiner Heimatstadt an. „Viele sprudelten geradezu“, erzählt Toscano. „Einige schienen richtig froh zu sein, dass sie jemand fragt, wie es so geht.“ Wie in seinem Projekt mit den Holocaust-Überlebenden setzte er Männer, Frauen und Kinder mit dem Gesicht dicht vor einen Lichtkreis und fotografierte hindurch. Dann konnte jeder einen Kommentar abgeben.

Die Reaktionen fallen sehr unterschiedlich aus. Die Lehrerin Ursula zum Beispiel sagt über ihre Maske: „Ich fühle mich sicherer und es ist eine Geste der Solidarität.“ Die Hotelfachfrau Enza ist hingegen wütend: „Ich lehne es ab, diese Maske zu tragen, aber ich muss. Zwei Menschen aus meiner Familie in Italien sind an Covid-19 gestorben. Aus Angst trage ich das verfluchte Ding.“

Der Schüler Noah findet „es einfach nur krass, was gerade passiert“, während sich der Anlagenbauer Charlie fragt: „Was kommt als nächstes?“

Luigi Toscano, 48, ist das Kind italienischer Gastarbeiter. Bevor er Fotograf wurde, hat er als Türsteher und Dachecker gearbeitet. Info: www.luigi-toscano.com

Selbst mit vielen gegensätzlichen Reaktionen könne er sich identifizieren, sagt Luigi Toscano. Die Arbeit an diesem „Masken-Projekt“, wie er es nennt, sei deshalb auch ein bisschen Selbsttherapie, glaubt er. „Es ist ein Ausgleich für meine eigenen Emotionen. Vielleicht geht es Betrachtern ähnlich.“

Meltem Avci-Werning kann sich das sehr gut vorstellen. Die Psychologin aus Hannover, die als Präsidentin ihrem Berufsverband vorsteht, sagt, die vielen widersprüchlichen Emotionen der Menschen seien eine „normale Reaktion auf eine unnormale Situation“.

Die Expertin bestätigt, dass sich Kommunikation derzeit ändere. Sie empfiehlt: „Wir sollten ruhig nachfragen, wenn wir etwas nicht verstanden haben. Man kann aber auch sagen: ‚Ich sehe jetzt gar nicht, ob Du böse schaust oder schmunzelst.‘ Das kann angespannte Situationen lösen.“

Luigi Toscano hat übrigens signifikante Unterschiede zwischen Frauen und Männern wahrgenommen, mit der Situation zurecht zu kommen. „Frauen gehen pragmatisch mit dieser Zeit um. Sie sind zielgerichtet, machen irgendwie das Beste draus.“ Und die Männer? Toscano grinst: „Männer klagen über fehlende Luft.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare