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Gesehen in Wien.

Coronaarchiv

Augenblicke, die erinnern helfen

Vier Historiker haben ein Portal gegründet, das Texte, Bilder und Gedanken zur Pandemie für die Nachwelt sichert.

Ein Foto zeigt eine lange Schlange aus bunt angemalten Steinen, ein anderes eine leere Kirche, auf dem Altar brennt eine Kerze. „Wir vermissen euch“ haben Erzieher auf Plakate geschrieben und diese an den Zaun eines Würzburger Kindergartens gehängt. Geigenunterricht online, selbstgenähter Mundschutz. Ein „Toilettenpapierbaum“ in Frankfurt: eine Trauerweide mit Klopapier bestückt. Wer im „Coronarchiv“ stöbert, findet kein Ende, so anregend und bewegend sind die Beiträge.

Eine Maske zu Ostern.

In das offene Onlineportal kann jeder seine Fotos, Texte, Fundstücke, Gedanken und Videos zur Corona-Pandemie einstellen. Die Einsendungen aus der Krisenzeit sollen langfristig dokumentiert werden und später auch Forschern eine Rückschau auf das Jahr 2020 ermöglichen.

Initiatoren des Archivs sind vier Historiker aus Gießen, Hamburg und Bochum. Sie seien „von der Resonanz überwältigt“, sagt Benjamin Roers, wissenschaftlicher Mitarbeiter am kulturwissenschaftlichen Graduiertenzentrum der Universität Gießen, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Hunderte Beiträge sind seit dem Start Ende März bereits eingegangen. Sie sollen helfen, eines Tages die Corona-Krise aufzuarbeiten und zu verstehen.

Hoffnung ist ein Thema

Thematisch drehten sich die Einsendungen zum Beispiel um Bewältigungsstrategien wie Heimsport, Homeoffice oder eine Vorfreude-Zettel-Sammelbox für „die Zeit danach“, erklärt Roers. „Hoffnung ist ein großes Thema und auch Öffentlichkeit: leere Plätze, leere Busse, geschlossene Kinos, aber auch Graffitis, Kreidebilder auf der Straße, Kinotafeln, Aushänge.“

Einige Nutzer fänden die Situation derzeit entspannter als ihren Alltag zuvor, andere fühlten sich wegen Kinderbetreuung, Homeoffice oder fehlender Struktur stärker belastet. Thema seien auch Fernbeziehungen oder die erhebliche Belastung in den systemrelevanten Berufen. Einige Menschen äußerten Zukunftsängste, „weil sie zur Hochrisikogruppe gehören oder sich und ihr Studium aufgrund von Jobverlust gerade nicht finanzieren können“, erzählt Roers.

Die vier Historiker Christian Bunnenberg, Thorsten Logge, Benjamin Roers und Nils Steffen betreuen das Archiv neben ihren regulären Jobs und geraten daher „leider oft an zeitliche und andere Kapazitätsgrenzen“, wie Roers sagt. Die Wissenschaftler werden von mehreren Studenten ehrenamtlich bei der Moderation des Archivs unterstützt. Das Portal ist über die Internetseite sowie in den sozialen Medien Facebook, Twitter, Instagram und TikTok zu finden.

Lernen für die Zeit danach

Viele sortieren Altes aus.

Er freue sich sehr über Bilder der Solidarität, sagt Roers: von Gabenzäunen oder von Bannern, die auf die katastrophale Lage der Flüchtlinge auf Lesbos hinwiesen. „Außerdem ist erkennbar, dass sich Menschen schon jetzt Gedanken machen, was sie aus dieser Krise lernen können: Achtsamkeit, Verantwortung, Entschleunigung, Dankbarkeit und Wertschätzung gegenüber Menschen und Dingen, die gerade fehlen.“

Ein Post im „Coronarchiv“ auf Twitter weist auf eine „Wand der Einsamkeit“ hin, die sich seit 2018 im Hauptschiff der katholischen Pfarr- und Universitätskirche St. Ludwig in München befindet. „Corona macht noch einsamer ich bin völlig allein!“ hat dort jemand geschrieben. (Stefanie Walter, epd)

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