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Begehrtes und gefährliches Ziel – der Gipfel des Elbrus.
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Begehrtes und gefährliches Ziel – der Gipfel des Elbrus.

Tödliche Wandertour

Drama in Russland: Schneesturm am Elbrus führt zur Katastrophe

  • Stefan Scholl
    VonStefan Scholl
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Am Elbrus, Russlands höchstem Berg, kommen fünf Menschen ums Leben. Offenbar waren die Teilnehmenden der Wandertour nicht besonders fit. Die Tourenführer werden verantwortlich gemacht

Kaukasus/Russland - Die Probleme hätten an einem Seilgeländer beim Abstieg begonnen. „Das Wetter verschlechterte sich rasant, der Luftdruck fiel, mit einer Windgeschwindigkeit von 70 Meter pro Sekunde jagte uns feiner, staubiger Schnee ins Gesicht“, erzählte der Bergführer Anton Nikiforow. „Die Leute fingen an zu erblinden, mein Kollege konnte nach einer halben Stunde nichts mehr sehen, ich unten am Bergsattel.“ Bei diesen Worten saß Nikiforow schon in einem Moskauer TV-Studio, mit einem von dunkelroten Frostwunden und Schuldbewusstsein entstellten Gesicht.

Vergangenen Donnerstag (23.09.2021) geriet am Elbrus, dem 5642 hohen Gipfelberg des Kaukasus, eine Gruppe von 15 Freizeitalpinist:innen und vier Bergführern bei minus 20 Grad in einen Schneesturm, fünf Menschen starben, elf landeten mit Erfrierungen im Krankenhaus. Die Katastrophe rief eine nationale Debatte über Ursachen und Verantwortliche hervor. Das Staatsfernsehen veranstaltete eine Sondersendung der Talkshow „Pust Goworit“. Dort flehte am Ende Nikiforow den ebenfalls vom Frost gezeichneten Bergtouristen Dmitri Parachin um Verzeihung für den Tod von dessen Frau Irina Galtschuk an.

Russlands Katastrophenschutz hatte vor dem Schneesturm gewarnt

Das russische Ermittlungskomitee hat mittlerweile ein Strafverfahren wegen „Fahrlässigkeit bei einer Dienstleistung, die zum Tod von zwei und mehr Menschen führte“ eröffnet. Nikiforows Chef Denis Alimow, Inhaber der Firma „Elbrus Guide“, wurde festgenommen, er soll bereits gestanden haben.

Die Zeitung „Komsomolskaja Prawda“ zitierte eine Erklärung, die „Elbrus Guide“ seine Kundinnen und Kunden vor dem Gipfelsturm unterschreiben lasse: „Sie sind einverstanden, dass Ihr Aufenthalt in Höhen von über 3000 Meter zu Verletzungen oder zum Tod führen können.“ Auch der örtliche Katastrophenschutzoffizier Albert Chadschijew kritisiert Alimow: „Die Wettervorhersage war schlecht, wir haben alle gewarnt. Andere Gruppen verzichteten auf einen Aufstieg, diese nicht.“

Der Elbrus

Da zwischen Europa uns Asien keine eindeutig marine Grenze verläuft, ist die Zuordnung des Elbrus zu Europa oder Asien umstritten. Es gibt mehrere unterschiedliche Definitionen des Grenzverlaufs. So wird der Elbrus auch von Bergsteigenden gerne als höchster Berg Europas bezeichnet, rechnet man den Berg hingegen Asien zu, wäre der Mont Blanc mit 4809 Metern oben auf dem Siegertreppchen.

In Asien würde der Elbrus hinter den hohen Gipfeln des Himalaya und des Karakorum-Gebirges sogar die Top 100 weit verfehlen. Definitiv ist der Elbrus mit dem höheren seines Doppelgipfels und 5642 Metern die höchste Erhebung des Kaukasus und Russlands.

Allerdings starteten in dieser Nacht mindestens zwei weitere Gruppen zum Elbrus-Gipfel. Der höchste Berg Russlands ist sehr populär. Auch weil er ohne Kletterpassagen zu „erwandern“ ist. Laut des Alpinismus-Verbands Russland, hat sich die Zahl der Menschen, die den Gipfel in Angriff nehmen, in den vergangenen Jahren auf etwa 15 000 verdoppelt.

Elbrus in Russland gilt als unberechenbar

Eine geführte Elbrus-Tour kann man für umgerechnet 500 Euro buchen. Ein Großteil der Anbietenden drängt Vorbereitung und Besteigung auf einen achttägigen Kurzurlaub zusammen, obwohl die elbruserfahrene Bergtouristin Natalja Rutkowskaja unserer Zeitung sagte, für 5600 Meter bedürfe es mindestens 14 Tage Akklimatisierung.

Unter Bergsteigenden gilt der Elbrus als unberechenbar, es lauern Wetterumbrüche und Gletscherspalten. Vor allem die sauerstoffarme Höhe kann außer zu Schwindel und Übelkeit auch zu einem lebensgefährlichem Druckanstieg im Gehirn führen. Der Elbrus sei keine Achterbahn, wo es Todesunfälle nur gäbe, wenn der Veranstalter schlampe, sondern eine Naturgewalt, sagt der Alpinist Kiril Filtschenkow dem Kanal „TV Doschd“. „Wer dorthin geht, kann die Verantwortung für das eigene Leben bei keinem Führer abgeben.“

Bergführer bittet im russischen Fernsehen um Verzeihung

Am Unglückstag wurde einer jungen Frau schon beim Aufstieg schlecht, ein Bergführer kehrte mit ihr zurück. Sie aber konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten, verlor das Bewusstsein und starb. Auch andere aus der Gruppe schwächelten offenbar, die Gruppe brauchte etwa zehn Stunden bis zum Gipfel, auf dem Abstieg holte sie das Unwetter ein. Ein Mann brach sich ein Bein, vier weitere Teilnehmende konnten sich nicht mehr auf den Beinen halten und erfroren, auch Irina Galtschuk.

Bergführer Nikiforow hatte die sterbende Frau mit seinem Kollegen Taulan Kipkejew zurückgelassen, um andere ins Tal zu bringen. „Wir hatten kein Recht, die zu verlassen, die hilflos und stöhnend im Schnee lagen“, klagte Kipkejew in der Talkshow. „Aber wir konnten auch die nicht allein lassen, die noch gehen konnten.“

Galtschuks Gatte Parachin weigerte sich trotzdem, Nikiforow den Tod seiner Frau zu verzeihen. Obwohl sich später in der Sendung herausstellte, dass sie trotz eines Asthmaleidens zum Elbrus aufgebrochen war.

2018 erlitten sieben Bergsteiger im Himalaya ein ähnliches Schicksal. Sie waren am 7193 Meter hohen Gurja Himal unterwegs, als sie von einem Schneesturm überrascht wurden. (Stefan Scholl)

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