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Gustav Gerst, undatiertes Foto.
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Gustav Gerst, undatiertes Foto.

Nationalsozialismus

Auf Turmvaters Spuren: Eine Suche nach dem Stifter des Frankfurter Goetheturms Gustav Gerst

  • Sebastian Moll
    VonSebastian Moll
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Vor 90 Jahren wurde der Frankfurter Goetheturm gebaut, finanziert von dem jüdischen Kaufmann Gustav Gerst. Die Nazis zwangen ihn und seine Angehörigen zur Flucht in die USA. Dort hat sich unser FR-Reporter auf die Suche nach ihnen gemacht – die dramatische Geschichte einer Familie

Die erste Geschichte, die Bill Rudolf zu seiner Geburtsstadt Frankfurt einfällt, ist die seines Großvaters. In den 1910er Jahren, lange bevor Bill 1928 als Wolfgang Ephraim am Main zur Welt kam, hatte sein Großvater Martin, ein angesehener Frankfurter Anwalt, den Ehrgeiz, in den Staatsdienst einzutreten. Doch Martin Ephraim wurde nie Frankfurter Richter. Denn die Stadt Frankfurt gab ihm zu verstehen, dass er, um das Richteramt auszuüben, seinen jüdischen Glauben aufgeben müsse. Es hat seinen Grund, dass William, genannt Bill, heute 93 Jahre alt, sich erst einmal diese Anekdote von der Seele reden möchte, als wir zum ersten Mal Kontakt mit ihm aufnehmen. Er will es den Journalisten aus Frankfurt nicht zu leicht machen, nach all diesen Jahren wieder die Brücke zu schlagen. Sein Verhältnis zu der Stadt, aus der er im Alter von zwei Jahren fliehen musste und die ihm und seiner Familie alles genommen hat, das möchte Bill erst einmal klarstellen, bleibt kompliziert.

Neugierig ist er aber trotzdem. Als wir ihn über seine Tochter Margaret, eine etablierte Psychiaterin im neuenglischen New Haven, kontaktieren, reagiert er sofort. Wenige Wochen später sitzen wir alle gemeinsam im Wohnzimmer seines geräumigen Einfamilienhauses in einer Siedlung an den Rändern der Stadt.

Auf Spurensuche nach Gustav Gerst: Nachfahren des „Turmvaters“ leben in den USA

Bill und sein Familie zu finden, war nicht schwer gewesen, ein paar Klicks, ein paar Anrufe, und schon waren wir da. Auslöser für die Suche war ein großer Artikel in der FR über den „Turmvater“ Gustav Gerst – jenen großzügigen Frankfurter Kaufmann, der im Jahr 1931 den Goetheturm gestiftet hatte. Etwas mehr als zehn Jahre später mussten Gerst und seine Frau Ella, die bis dahin in einer Villa an der Niederräder Landstraße gewohnt hatten, mit nichts als einem Koffer aus Deutschland fliehen. Ihre Spur verlor sich in Schweden, man wusste nur, dass sie es irgendwann nach dem Krieg in die USA geschafft hatten. Was genau aus ihnen und ihrer Familie wurde, war nicht bekannt.

Die Geschichte berührte mich und packte mich bei meinem Reporter-Ehrgeiz. So begann ich von meiner Wohnung im oberen Manhattan, das einst wegen der vielen deutsch-jüdischen Geflüchteten auch „Frankfurt on the Hudson“ genannt wurde, ein wenig zu forschen. Wie sich herausstellte, waren Gustav und Ella Gerst im Jahr 1946 in einer Wohnung an der Nummer 706 Riverside Drive gelandet – keine fünf Minuten Fußweg von mir entfernt. Die Todesanzeigen in der deutsch-jüdischen New Yorker Zeitung „Forward“ ergaben, dass Gustav bereits 1948 verstarb, Ella jedoch bis zum Jahr 1974 alleine in New York lebte.

Todesanzeige im „Forward“, 1948.

Die Anzeigen führten mich auch zu der näheren Familie und somit schließlich in Bill Rudolfs Wohnzimmer. Zu Ellas Tod hatten im „Forward“ unter anderen Max Rudolf und sein Sohn William kondoliert. Ein William Rudolf war wiederum als Gründer und Direktor im Ruhestand einer internationalen diplomatischen Beratungsfirma in New York zu finden. Und die Praxis seiner Tochter Margaret sprang bei einer einfachen Suchmaschinenabfrage sofort auf den Bildschirm.

Stifter des Goetheturms: Das Erbe von Gustav Gerst

Für unseren Besuch hat Alex Coffey, Margarets Sohn und selbst Filmemacher, einen Stapel Fotoalben vorbereitet. Es ist ein Schatz und bis auf Tagebücher und Briefe alles, was von einem Leben in einer anderen Zeit auf einem anderen Kontinent übriggeblieben ist. Nun beugt sich William, von einem kürzlichen Sturz geschwächt, aber gleichwohl hellwach, über die Alben, die eine abenteuerliche Flucht rund um die Welt überlebt haben. Er beginnt zu blättern, lässt die Gedanken schweifen, seine Erinnerungen sprechen.

Es beginnt alles in der Niederräder Landstraße Nummer 10. Es sind die späten 1920er Jahre. Die Familie sitzt zu Kaffee und Kuchen um einen großen Tisch auf der Veranda. Alle sind sie da – Gustav und Ella, Williams Vater Max, damals junger Dirigent am hessischen Staatstheater in Darmstadt, seine Frau Liese, sein Bruder Friedrich und Williams geliebte Großmutter Toni.

Es sind glückliche Zeiten, man lebt als wohlhabende und wohlgelittene jüdische Familie in Frankfurt. Wie die Geschichte sie in den kommenden Jahren in die Welt zerstreuen wird, ist nicht einmal eine dunkle Vorahnung. Alleine Williams Vater Max hatte damals schon Bedenken. „Er hatte ,Mein Kampf‘ gelesen“, berichtet William in astreinem Hochdeutsch, das auch im Exil in seiner Familie gepflegt wurde. „Deshalb hatte er sich schon früh vorgenommen, die erste Anstellung im nicht-deutschen Ausland anzunehmen, die sich ihm bietet.“

„Turmvater“ Gustav Gerst: Stifter des Goetheturms floh während des Nationalsozialismus in die USA

Diese kam im Jahr 1930 an der Oper in Prag. Als erster Teil der Familie verließ der junge Max Rudolf, der damals noch nicht den jüdisch-klingenden Nachnamen Ephraim abgelegt hatte, mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn Deutschland, auch wenn sie noch bis 1937 regelmäßig zu Besuch nach Frankfurt kamen. 1935 zog die Familie weiter nach Schweden. Das Risiko, als jüdische Familie in einem von Nazis besetzten Gebiet zu landen, wollte der weitsichtige Max auch drei Jahre vor der Reichspogromnacht nicht eingehen. Als nächstes verließ Max’ Bruder Fritz, der sich später Frederic nannte, Deutschland – allerdings weniger aus Furcht, denn aus Abenteuerlust. „Er war in vielerlei Hinsicht das exakte Gegenteil meines Vaters“, sagt William. „Er war ein echter Draufgänger.“

So schillernd ist die Figur des Frederic, dass Williams Enkel Alex an einem Drehbuch zur Verfilmung seines Lebens arbeitet. Im Jahr 1933 wechselt Frederic als Philosophiestudent von Heidelberg aus an die Sorbonne. Bis zur deutschen Invasion lebt er in Paris ein Leben der Bohème, unterbrochen nur von abenteuerlichen Zugreisen ins Nazi-Deutschland, bei denen er das Vermögen von Freunden und Bekannten nach Frankreich schmuggelte. „Er zog sich seine Uniform aus dem Ersten Weltkrieg und ein Monokel an und sah aus wie ein preußischer Offizier“, erzählt William. Oft nahm er Goldbarren mit, die er mit Schokolade überzog. „Wenn ein deutscher Beamter ihn durchsuchen wollte, dann salutierte er einfach mit dem Hitlergruß. Sie haben ihn immer in Ruhe gelassen.“

Mit der Familie Gerst eng verbunden: William „Bill“ Rudolf mit seiner Tochter Margaret und deren Sohn Alex.

Mit der Invasion verschwand Frederic jedoch spurlos in Nordafrika. Wie sich später herausstellte, hatte er sich freiwillig zur Fremdenlegion gemeldet. Bis zum Kriegsende kämpfte er Seite an Seite mit den Alliierten, nachdem er im Ersten Weltkrieg eine deutsche Uniform getragen hatte. 1945 gehörte er zu den ersten Truppen, die in Paris einmarschierten. Die US-Army verlieh ihm den Bronze-Star, die oberste Tapferkeitsmedaille, weil er im Alleingang ein deutsches Maschinengewehrnest ausgehoben und eine ganze US-Kompanie gerettet hatte. Auf den Familienfotos ist Frederic nur selten zu sehen, bei den gemeinsamen Treffen in Niederrad war der Abenteurer wohl nur unregelmäßig zugegen. Anders als sein Bruder, der charismatische, unverschämt gut aussehende Musiker, der stets im Zentrum des Familiengeschehens zu stehen schien. Max Rudolf war es dann auch, der mit seiner Weitsicht die Familie schlussendlich sicher in die USA brachte. Bis auf seinen Bruder Frederic, der sich nach dem Krieg in der Schweiz niederließ. „Er hielt die Amerikaner für Barbaren“, witzelt Bill über seinen Onkel, den er bis in die 1970er Jahre in seiner Villa in Lugano regelmäßig besuchte.

Er war sehr förmlich, würdevoll. Und man hörte nie eine Klage über sein Schicksal aus seinem Mund.

Bill Rudolf über seinen Onkel Gustav Gerst

Schon als Max Rudolf 1935 mit seiner Familie von Prag nach Göteborg übersiedelte, drängte er auch Gustav und Ella Gerst, Frankfurt zu verlassen. „Aber Gustav wollte nicht“, erinnert sich Bill. Wie so viele jüdische deutsche Bürger:innen war er sich sicher, dass ihm nichts passieren würde. Immerhin konnte Max Gustav davon überzeugen, nicht sein ganzes Geld in sein Warenhausunternehmen Tietz zu investieren, sondern zumindest einen Teil des Vermögens in die Schweiz zu schaffen.

Erst im Jahr 1938, nachdem die Nazis ihnen auch die Villa in der Niederräder Landstraße genommen hatten, entkamen Gustav und Ella Gerst mit knapper Not. Gerettet hat sie Ellas Freundschaft zu der Frau eines SS-Offiziers; sie hatte die Familie gewarnt, dass eine Deportation bevorsteht.

Von Frankfurt in die USA: Auf der Suche nach Gustav Gersts Nachfahren

Für eine kurze Zeit lebten die beiden Familien, die Gersts und die Rudolfs, dann zusammen in Göteborg. Bill, damals zwölf Jahre alt, erinnert Gustav Gerst als einen Gentleman durch und durch. „Das ließ er sich nicht nehmen.“ Auch wenn er alles verloren hatte, habe er sich jeden Tag seinen Dreiteiler angezogen, seine Umgangsformen seien makellos gewesen: „Er war sehr förmlich, würdevoll. Und man hörte nie eine Klage über sein Schicksal aus seinem Mund“.

Die Familie Rudolf emigrierte bereits 1940 in die USA, nicht auf direktem Weg, sondern mit dem Zug quer durch Russland und dann mit dem Schiff nach San Francisco. „Wir sind exakt ein Jahr vor Pearl Harbor in den USA gelandet“, erinnert sich Bill, der die ganze Reise in einem Tagebuch aufgezeichnet hat. Nach knapp vier Monaten landeten sie endlich bei Verwandten in Cleveland.

Aufnahme aus dem Familienalbum, späte 1920er Jahre.

Für den kleinen Bill erschien das alles noch wie ein Abenteuer. In Briefen an seine Großmutter, die noch immer in Schweden lebte, schrieb er von Steak-Dinners in Cleveland, seinen Erfahrungen bei den US-amerikanischen Pfadfindern und davon, wie viel Spaß ihm der gänzlich neue Baseballsport machte. Die Briefe sind in Englisch geschrieben, das der 13-jährige in Windeseile gelernt hatte. Die Tagebücher der Reise waren noch in Schwedisch verfasst. Erst nach dem Krieg kam die Familie wieder in New York zusammen. Max Rudolf hatte auf Empfehlung des großen österreichisch-ungarischen Dirigenten George Szell eine Anstellung an der New Yorker Oper gefunden. Der kleine Bill fand sich wie immer im Nu zurecht. In seinen Briefen berichtet er, dass er Klassenbester in Spanisch sei, schwärmt von der herrlichen Aussicht über den Hudson River von seiner Wohnung aus und von dem Wunder der U-Bahn, die in jeden Winkel der Stadt fährt.

Erinnerungen an den Stifter des Goetheturms Gustav Gerst

Gustav und Ella Gerst nahmen schließlich am 10. Oktober 1946 den Dampfer „Drottingholm“ von Göteborg nach New York. Gustav war zu jener Zeit schon schwer an Krebs erkrankt. Die beiden fanden Unterschlupf in der Wohnung am Riverside Drive, die über jener der Rudolfs lag. Gustav Gerst erlag zwei Jahre später seinem Krebsleiden, Ella Gerst übersiedelte dann in ein Wohnhotel an der 72nd Street. „Es war eine einfache aber komfortable Wohnung“, erinnert sich Margaret, die dort Tante Ella jedes Wochenende bis zu deren Tod im Jahr 1974 besuchte. Doch auch Tante Ella habe, wie Gustav Gerst, nie über ihr Schicksal geklagt. Allerdings habe sie immer von Frankfurt geschwärmt, von der Villa am Rand des Stadtwalds, den Pferden, von dem Leben, dass ihr von ihrem Zimmer in New York aus vorkam wie ein Märchen. „Sie hatte immer eine gewisse Traurigkeit“, sagt Margaret, „die konnte sie nie abschütteln.“

Max Rudolf machte derweil eine große Karriere als Dirigent in den USA. Er leitete über Jahrzehnte die Symphonieorchester von Cincinnati und Dallas und schrieb ein Standardwerk über die Kunst des Dirigierens. Sein Sohn Bill wurde ein erfolgreicher internationaler Unternehmensberater und Diplomat.

Nach drei Stunden des Erinnerns und Erzählens ist Bill ein wenig müde und zieht sich zurück. Margaret lädt uns auf die Veranda ein, um dort einen wunderbar milden neuenglischen Frühlingstag ausklingen zu lassen. Frankfurt ist weit weg und doch so gegenwärtig in diesem Moment.

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