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Die „Estonia“ wurde zwischen Stockholm und Tallinn eingesetzt. Warum ging sie im September 1994 in der Ostsee unter? Diese Frage ist bis heute nicht abschließend beantwortet.  dpa
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Die „Estonia“ wurde zwischen Stockholm und Tallinn eingesetzt. Warum ging sie im September 1994 in der Ostsee unter? Diese Frage ist bis heute nicht abschließend beantwortet. dpa

„Estonia“-Unglück

Auf Tauchgang in der Grauzone

  • Thomas Borchert
    vonThomas Borchert
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26 Jahre nach dem Untergang der Ostseefähre „Estonia“ stehen nun zwei Schweden vor Gericht. Dabei könnten ihre Unterwasseraufnahmen entscheidend zur späten Aufklärung der Katastrophe beitragen

Für Außenstehende mag es nur eine weitere Episode in der unendlichen Geschichte einer verschleppten Aufklärung sein – für die Überlebenden und die Hinterbliebenen der Opfer des „Estonia“-Unglücks könnte ein Vierteljahrhundert nach dem Untergang der Ostseefähre ein neues Kapitel beginnen. Denn seit gestern stehen im westschwedischen Göteborg zwei Männer vor Gericht, die vielleicht entscheidend zu einer späten Aufklärung der Katastrophe beitragen könnten. Der 33-jährige Journalist Henrik Evertsson und der 37-jährige Unterwasserfilmer Linus Andersson sind wegen „Verletzung des Grabfriedens“ angeklagt. Sie hatten im September 2019 einen Tauchroboter zum Wrack der „Estonia“ herabgelassen – und mit ihrer Entdeckung eines 1,20 Meter breiten und etwa vier Meter langen Lochs im Schiffsrumpf nicht nur für einiges Aufsehen gesorgt, sondern auch Bewegung in die ins Stocken geratene Aufarbeitung des Unglücks gebracht.

So befürworten die Regierungen der betroffenen Länder Schweden, Estland und Finnland jetzt neue Untersuchungen am Wrack, um der sensationellen Entdeckung auf den Grund zu gehen. Fassungslos fragen sich nicht nur Medienschaffende: Wie konnte dieses gewaltige Loch 26 Jahre unentdeckt bleiben? Und warum ist es mit keinem Wort im offiziellen Bericht der Havariekommission von 1997 erwähnt?

Doch bevor die nächsten Untersuchungen beginnen können, muss erst das Gesetz geändert werden, mit dem das Schiffswrack nahe der Insel Utö zur Grabstätte erklärt wurde, an der alle Tauchaktivitäten verboten sind. Den Untergang am 28. September 1994 auf der Überfahrt von Tallinn nach Stockholm hatten nur 137 der 989 Menschen an Bord überlebt. 94 Tote konnten geborgen werden. Für alle anderen Opfer ist das Wrack in 80 Meter Tiefe auch ihr Grab geworden.

„Es zeigt sich, dass da was nicht stimmt“, sagte der „Estonia“-Überlebende Kent Härstedt der schwedischen Zeitung „Aftonbladet“ über die neuen TV-Aufnahmen. Was Evertsson und Andersson bei ihrem Tauchgang aufgespürt haben, das biete laut Härstedt „eine historische Chance zur Aufklärung“. Der heute 55-Jährige wurde nach der Unglücksnacht durch die dramatischen Umstände seiner Rettung zusammen mit der ihm bis dahin unbekannten Sara Hedrenius berühmt. Medien verkitschten ohne Hemmungen zur Romanze, wie beide in letzter Sekunde beschlossen hatten, zusammen von Bord zu springen und einander beizustehen. „Ohne Sara hätte ich nicht überlebt“, erinnert sich Härstedt. Sie hielt ihn in der Unglücksnacht auf einer kopfüber im Wasser gelandeten Rettungsinsel davon ab, erneut ins Wasser zu springen, weil er „lieber kämpfend sterben als den Tod langsam erwarten wollte“.

Kent Härstedt machte später als sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter politische Karriere und arbeitet heute als Reise-Diplomat für Schwedens Regierung, derzeit vor allem in Korea. Vor diesem Hintergrund dürfte klar sein, dass er eher kein Anhänger von Verschwörungstheorien ist – zum Untergang der „Estonia“, der bis heute als schwerstes ziviles Schiffsunglück seit 1945 gilt, wünsche er sich nun doch eine „unabhängige internationale Untersuchung“, sagte Härstedt nach Bekanntwerden des Lochs im Rumpf.

Er glaubt nicht an die bisherige amtliche Version, dass sich bei zu schneller Fahrt auf stürmischer See – 36 Kilometer pro Stunde bei Windstärke 8 – die Bugklappe geöffnet habe und abgerissen sei: „Wir sind ja nie als Zeugen gehört worden, und das scheint mir eine äußerst bemerkenswerte, ernste Sache zu sein.“ Der Funker der „Estonia“ schickte seinen Notruf um 0.24 Uhr Ortszeit an die in der Nähe positionierte Fähre „Silja Europa“: „Mayday, Mayday. Wir haben hier ein Problem, schwere Schlagseite nach Steuerbord, ich glaube 20 bis 30 Grad.“ Um diese Zeit hörte Härstedt wie andere Überlebende an Bord zwei Explosionen, die das Schiff jeweils blitzschnell in Schlagseite brachten, ehe es sich kurz wieder aufrichtete.

das unglück

Der Untergang der „Estonia“ gilt als Europas größte Schiffskatastrophe der Nachkriegsgeschichte. Die Fähre war in der Nacht zum 28. September 1994 mit 989 Menschen an Bord auf ihrem Weg von Tallinn nach Stockholm in internationalen Gewässern vor der finnischen Südküste gesunken. 852 Menschen starben, 137 überlebten. Weil viele der Toten nicht geborgen werden konnten, steht das Wrack als Ruhestätte unter Schutz und darf nicht aufgesucht werden – das legt der Grabfrieden fest. Warum die „Estonia“ unterging, konnte bis heute nicht zweifelsfrei geklärt werden. Laut dem offiziellen Untersuchungsbericht von 1997 war das abgerissene Bugvisier der Fähre die Ursache für den Untergang. Überlebende und Hinterbliebene fordern jedoch seit langem, dass die Untersuchungen wieder aufgenommen werden. dpa

Das passt nicht mit dem Untersuchungsergebnis der staatlichen Havariekommission zusammen, wonach Wasser nur von vorn ins Fahrzeugdeck eingedrungen sei. Die Kommission sprach gar von einem Konstruktionsfehler: Die Meyer-Werft in Papenburg, wo das Schiff 1980 vom Stapel gelaufen war, sei verantwortlich, dass die Bugklappe abgerissen war. Ein französisches Gericht sprach die Werft 2019 von diesem Vorwurf frei.

Was aber könnte die beiden Explosionen ausgelöst haben? Genau dazu gibt es etliche Theorien, die von amtlicher Seite stets als konspirativ oder auch Unsinn abgetan worden sind. Vor allem der heimliche Transport von Militärgütern auf der von der Estline-Reederei betriebenen Fähre taucht immer wieder auf. Es dauerte mehr als 20 Jahre, ehe schwedische und estnische Behörden zugaben, dass es tatsächlich solche nicht auf Listen registrierten Transporte gegeben habe. Eine weitere Spekulation: Womöglich habe der russische Geheimdienst, damals noch KGB genannt, die „Estonia“ mit einem Bombenanschlag sinken lassen, um das drohende Bekanntwerden der Transporte zu verhindern.

Einer genau so wilden Theorie zufolge war es der „Estonia“-Kapitän Arvo Andresson höchstpersönlich, der das Bugvisier auf hoher See öffnen ließ, um Heroinlieferungen im Auftrag der Mafia in der Ostsee verschwinden zu lassen. Andresson gehört zu den 852 Toten des Unglücks.

Aus Estlands Hauptstadt Tallinn meldete sich im September 2019, unmittelbar nach Bekanntwerden der neuen Unterwasseraufnahmen, der Ex-Oberstaatsanwalt und „Estonia“-Gutachter Margus Kurm zu Wort: Er glaube nun, dass die Kollision mit einem U-Boot zum Untergang der „Estonia“ geführt habe: „Ich bin nicht hundert Prozent sicher. Aber da der Schaden unter der Wasserlinie liegt und Überlebende kein anderes Schiff auf dem Wasser gesichtet haben, deutet alles auf ein U-Boot hin.“ Auf die Frage, ob „die Machthaber in einem Land mit freundschaftlichen Beziehungen den Esten dazu etwas vorgelogen haben“, antwortet Kurm: „Ja, ja.“ Und verwies dann auch noch ausdrücklich auf Übungen der schwedischen Marine zum Unglückszeitpunkt Ende September 1994 ganz in der Nähe. Der damalige Verteidigungsminister in Stockholm, Anders Björck, hat darauf mit einem schnellen, aber defensiv gehaltenen Dementi reagiert: „Davon hätten wir sofort einen Bericht bekommen müssen. Es hätte einer enormen Vertuschungsaktion bedurft, wenn so etwas passiert wäre und man das unter Verschluss hätte halten wollen.“

Für viele Überlebende und Hinterbliebene der „Estonia“-Opfer sind solche Äußerungen nur die Fortsetzung von staatlichem Versagen bei der Aufklärung des Unglücks. Und sie nähren außerdem den Verdacht, dass hier bewusst ein ganz großer Skandal vertuscht werden soll. „Warum präsentierte man die Idee, das Schiffswrack einzubetonieren? Was wollte man verbergen?“, fragen jüngst 94 Kinder von Umgekommenen sowie Überlebende in einem gemeinsamen Aufruf. Und vor allem: Warum hätten die Politiker ihr erstes Versprechen plötzlich zurückgenommen, so viele der Opfer wie möglich aus den zugänglichen Teilen des Wracks zu bergen? „Nach Angaben von Tauchern wäre das ein Leichtes gewesen.“ Der schwedische Regierungsplan, die „Estonia“ in Beton zu gießen, wurde nach massiven öffentlichen Protesten aufgegeben. Aus der Perspektive der Überlebenden und der Hinterbliebenen der Opfer dürfte aber auch das Deklarieren des Wracks zur Grabstätte als Versuch zur Vertuschung unliebsamer Wahrheiten erscheinen.

Dass der Journalist Evertsson und der Unterwasserfilmer Andersson trotzdem dort filmten und das Loch in der Schiffswand entdeckt haben, hat ihnen erst den großen schwedischen Journalistenpreis für die wichtigste Enthüllung 2020 eingebracht. Und im Anschluss die aktuelle Anklage vor dem Göteborger Amtsgericht. Evertsson beruft sich darauf, die Tauchgänge seien mit einem Roboter in internationalen Gewässern vom deutschen Schiff „Fritz Reuter“ aus unternommen worden. Deutschland sei dem Abkommen über die „Estonia“ als Grabstelle nicht beigetreten. „Wir haben auch den Grabfrieden nicht gestört,“ sagte er bei der Verhandlung.

Derweil arbeitet Schwedens Innenminister Mikael Damberg unter massivem öffentlichen Druck daran, mit einer Gesetzesänderung neue Untersuchungen am und im Wrack der „Estonia“ wieder möglich zu machen. „Justierten Grabfrieden“ nennt er das. Ob dieser „justierte Grabfrieden“ nun durchgesetzt werden kann oder nicht – Henrik Evertsson und Linus Andersson müssen mit bis zu zwei Jahren Haft rechnen. Auch wenn sie betonen, nicht gesetzeswidrig gehandelt zu haben.

Falsche Fährte? Die abgerissene Bugklappe der „Estonia“. dpa

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