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Auf der Route der Widrigkeiten

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Von: Stefan Scholl

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Mal durchlässig, mal nicht: Der Bahnhof Jagodin, bewacht von ukrainischen Grenzern. Dmytro Durnjew
Mal durchlässig, mal nicht: Der Bahnhof Jagodin, bewacht von ukrainischen Grenzern. © Dmytro Durnjew

Zwischen Kiew, Warschau, Kaliningrad und Moskau sind täglich Hunderte Menschen unterwegs, die aus der umkämpften Ukraine oder dem verbündeten Europa ins feindliche Russland wollen. Ein Reisebericht

Nach eineinhalb Stunden Fahrt rollt der Bus auf die russische Grenze zu, der Schnee liegt hier schon einen halben Meter hoch. Vor uns tauchen die Gitterzäune der polnischen Grenzanlage auf, darüber hängt rosiger Dunst, Dunst der Kälte und des Ostens. Als führen wir in einen Agentenfilm über den Kalten Krieg hinein.

Aber unsere Route führt durch einen anderen Krieg, den Krieg zwischen der Ukraine, Europa und Russland, teils blutige Feldschlacht, teils hybrider Nervenkrieg. Auf dieser Route kann man noch aus der bedrängten Ukraine über das verbündete Polen ins feindliche Russland gelangen. Kiew – Warschau – Danzig – Kaliningrad – Moskau. 1100 Kilometer Schiene, 170 Kilometer Bus und 1600 Kilometer mit dem Flugzeug. Eine Route voller Schikanen, verpasster Anschlüsse und Feindseligkeit.

„Es riecht nach Korruption“

In Warschau will ich meinen ukrainischen Kollegen Dmytro Durnjew treffen, er kommt mit dem Nachtzug aus Kiew, besucht Frau und Kinder, die in Frankfurt Zuflucht gefunden haben. Viele Ukrainer:innen verlassen die Route in Warschau wie er: eine Charkiwer Familie, die vor den russischen Raketen nach Irland flieht, oder ein Kiewer Medienjurist, der zu einem Vortrag nach London fliegt.

Aber Dmytro kommt nicht, am ukrainischen Grenzbahnhof Jagodin haben ihn Grenzer aus dem Zug geholt. Wegen des Krieges dürfen Männer unter 60 die Ukraine nicht verlassen, aber als vierfacher Vater ist Dmytro eine Ausnahme, hat die Grenze hier schon dreimal passiert. Doch diesmal verkündet der kommandierende Offizier, der sich Wolodja nennt, er lasse Dmytro nicht hinaus: „Sie haben mir letztes Mal versprochen, Ihre Heiratsurkunde mitzubringen“, behauptet er. Die Geburtsurkunden der Kinder lässt Wolodja diesmal nicht gelten. Aber als der Zug schon weg ist, wird Dmytro im Wartesaal von einem Mann angesprochen, der ihm für 4000 Hrywnja , also rund 100 Euro, eine Mitfahrgelegenheit zu einem anderen Grenzübergang besorgt. Dort passiert Dmytro als kinderreicher Vater anstandslos.

„In Jagodin riecht es nach Korruption!“, sagt Dmytro. Sein Helfer in der Not habe noch einen Wagen voll ebenso abgewiesener Studenten nach Lemberg kutschiert, wer wisse, ob nicht Wolodja einen Teil seiner Einnahmen kassiere. Doch Dmytro ist Patriot. An der Front lägen die Jungs unter Dauerbeschuss im Dreck, da klage man nicht über Kleinigkeiten. Warschau erreicht Dmytro mit eintägiger Verspätung.

Ich verbringe den Tag ohne ihn, der Zug nach Danzig geht erst um zwei Uhr nachts, ich schaue noch in der Bar „Fische, Fritten und Saucen“ vorbei, die eigentlich schon zu hat. Letzter Gast ist eine blonde Hünin, die auf Russisch „Ruhm der Ukraine“ durch den Saal ruft. Dann wird sie aufdringlich, sie komme aus Belarus, alle wollten, dass sie dort Präsidentin wird. Warschau ist zur Stadt der postsowjetischen Emigranten, auch der Gestrandeten, geworden. Der Wirt schiebt sie genervt zur Tür hinaus.

Am Bahnhof warten schlechte Nachrichten: Der Zug nach Danzig hat wegen Schneefalls zwei Stunden Verspätung. Meinen Bus nach Kaliningrad werde ich verpassen.

Nein, das sei eine Privatfirma. „Die kennen wir nicht, für die verkaufen wir keine Tickets“, die runde Frau am Schalter des Danziger Busbahnhof antwortet auf Polnisch auf mein Russisch und Englisch. Ich stehe neben einem stämmigen grauhaarigen Oleg (Name von der Redaktion geändert) aus dem ostukrainischen Saporischschja, auch er hat wegen des verspäteten Zuges den 7-Uhr-Bus verpasst. Ich krame in meinem Handy, meine letzte Hoffnung sind ein paar Uhrzeiten auf der russischen Website des Kaliningrader Busbahnhofs. Ich halte den Bildschirm ans Schalterglas, hinter dem die Polin plötzlich etwas gnädiger schaut: Ja der Neun- Uhr-Bus nach Kaliningrad, Tickets gibt es noch…

Russische Stimmen sind rar geworden und unbeliebt in Danzig. Früher flogen Reisende aus Kaliningrad von hier mit Ryanair in Urlaub, jetzt verweigern ihnen die Polen die Einreise. Wie Balten und Finnen betrachten sie Russen als Gefahr für die nationale Sicherheit.

Die Reiseroute.
Die Reiseroute. © FR

„Und, sind Sie ein Spion?“

Oleg aber will in einen Moskauer Vorort, ein Haus zu Ende bauen, er redet Russisch, kein Ukrainisch. Aber zuerst muss er über die Grenze. Er sagt, er habe auch die russische Staatsbürgerschaft, aber der Pass dazu liege in Moskau. „Weil, wenn die Ukrainer ihn fänden, würde ich sofort verhaftet.“ Mit seinem ukrainischen Pass aber erwartet ihn bei den russischen Grenzern ein langes Verhör oder gar ein Einreiseverbot.

Am Grenzübergang Grzehotiki-Mamonowo 2 bauen zwei feindselige Welten Widrigkeiten gegeneinander auf. Die Polen lassen Russen hinaus, aber kaum noch herein, die Russen kontrollieren Ukrainer, oft auch Polen, schikanös gründlich. Aber es gibt noch berüchtigtere Übergänge. Am Kontrollpunkt Burtschatki zwischen Lettland und Russland warten Busreisende oft sieben Stunden, bis alle ukrainischen Mitreisenden verhört worden sind. Ich selbst wurde dort zu einem 50-minütigen politischen Meinungsaustausch mit zwei jungen FSB-Beamten gebeten, der in der Frage gipfelte: „Und, sind Sie ein westlicher Spion?“

Diesmal drückt mir die russische Grenzbeamtin nach drei Minuten einen Stempel in meinen Pass. Auch die anderen 30 Passagiere – außer die vier Ukrainer – werden zügig abgefertigt. Eine junge Sibirierin, die mit ihrem britischen Gatten zu Verwandten nach Kemerowo fliegt, ein südrussischer Schiffskapitän, der Heimaturlaub macht, ein polnischer Extremtourist, der in Jakutien die kältesten Temperaturen der Welt erleben möchte. Sie alle geben sich neutral, reden nicht über Politik, nicht über Krieg. Zwei deutsche Geschäftsleute fachsimpeln, es wäre klüger gewesen, für 250 Euro eines der seit kurzem kursierenden Shuttle-Taxis aus Danzig zum Kaliningrader Flughafen zu bestellen. So aber müssen auch sie zwei Stunden warten, bis alle Ukrainer kontrolliert sind. Aber Oleg steigt nicht wieder ein.

Er taucht erst im Wartesaal des Kaliningrader Flughafen Chrabrowo wieder auf. Die russischen Grenzer hätten ihm wegen eines fehlenden Papiers 2000 Rubel (27 Euro) Strafe abgenommen und dann in einen passierenden Wagen nach Kaliningrad gesetzt. Er freut sich auf Russland. Und den Abwehrkampf seiner Landsleute gegen die Russen scheint er für überflüssig zu halten. „Man sollte es so machen, wie dieser Bursche vorschlägt, der Raumschiffe ins All schießt: Volksabstimmung in allen umstrittenen Gebieten unter internationaler Aufsicht.“ Wie Elon Musk hat Oleg sich noch nicht überlegt, ob die russischen Truppen vorher abziehen müssen…

Manchmal schon die Endstation: der Flughafen Chrabrowo in Kaliningrad, aufgenommen im Juli 2021. imago images
Manchmal schon die Endstation: der Flughafen Chrabrowo in Kaliningrad, aufgenommen im Juli 2021 © Imago

„Warum aufs Taxi warten?“

Was die russischen Panzer überhaupt machen in der Ukraine? „Die Nato hat doch angefangen, mit ihrer Ausbreitung.“ Unklar, ob Oleg den Nato-Beitritt Polens 1999 oder der baltischen Staaten 2004 meint. Oder den künftigen Beitritt der Ukraine, den Russlands Propaganda an die Wand malt. Oleg gehört wohl zur Minderheit der Ostukrainer:innen, die nicht nur Russisch sprechen und lange in Russland gearbeitet haben, sondern auch russisches Staatsfernsehen schauen und – wie viele Deutschlandrussen – Putin verehren.

Der Flieger aus Kaliningrad landet um ein Uhr nachts in Moskau, eineinhalb Stunden Verspätung wegen Schneesturm.

Es stürmt auch vor dem Flughafen Scheremetjewo, hunderte Menschen drängen sich mit eingezogenen Köpfen um gelbe Taxis, darüber flitzen harte, beißende, Schneeflocken wie ein Schwarm eisiger Insekten. Oleg ist verschwunden, ein junger Mann neben mir schielt auf mein Handy, wo die Taxi-App den Fahrpreis anzeigt. „Für 1800 Rubel fahre ich Sie auch, warum lange aufs Taxi warten?“ Ich bin kolossal müde, folge ihm zu seinem Auto, nach zehn Metern hat er noch einen Passagier aufgetan, der zufällig in dieselbe Richtung will. Ob ich auch aus Kaliningrad komme, erkundigt er sich. Ein Athlet mit offenem Gesicht, fast zwei Meter hoch. Sonderbar, im Flieger habe ich den Riesen nicht gesehen. „Setzen Sie sich nur nach vorn!“, sagt er.

Erst jetzt dämmert mir, dass sich so in Moskau früher Raubüberfälle anbahnten. Niemals allein in ein Taxi mit zwei Fremden einsteigen, war Faustregel in den 90er Jahren. Sicher, die Medien berichten über keine neue Kriminalitätswelle. Aber Russland will ja zurück in die Sowjetunion, wo Gewaltverbrechen oft totgeschwiegen wurden. Ich schnappe mein Gepäck und lasse die zwei stehen. Vielleicht tue ich ihnen Unrecht. Aber Moskau ist kein Reiseziel mehr, an dem man sich sicher fühlt.

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