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Tote Meerestiere werden an der Küste der Halbinsel angespült.

Kamtschatka

Naturkatastrophe in Russland: „Auf dem Grund des Ozeans ist alles tot“

  • Stefan Scholl
    vonStefan Scholl
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Vor der russischen Halbinsel Kamtschatka werden tonnenweise verendete Meerestiere an Land gespült. Über die Ursache der Katastrophe wird gestritten, Lösungsansätze gibt es noch nicht.

  • Umweltkatastrophe in Russland: Tote Fische an Küste der Halbinsel Kamtschatka.
  • Umweltschützer befürchten Vergiftung des Meeres durch Chemikalien in Russland.
  • Naturschutzgebiet „Vulkane Kamtschatkas“ ist UNESCO-Weltkulturerbe.

Mit brennenden Augen hat alles begonnen. Ende September schmerzten Surfern am Chalaktyrsky-Strand die Augen, viele hatten Sehprobleme. „Als ich aus dem Wasser kam, streckte ich die Hand aus, sie verschwand im Nebel“, erzählt der Surfer Alexei der Agentur RIA Nowosti. Die Ärzte diagnostizierten bei ihm Verbrennungen der Augenhornhaut. „Ich habe alle medizinischen Tests gemacht, das Blut ist halbwegs in Ordnung. Aber die Leber hat sich leicht vergrößert.“

Russische Halbhinsel Kamtschatka: Ärztliche Behandlung von Surfern notwendig

Etwa 60 Surfer vom Chataktyrsky-Strand auf der russischen Pazifikhalbinsel Kamtschatka mussten ärztlich behandelt werden. Aber nicht nur Wassersportler leiden. Seit gut einer Woche werden tonnenweise tote Fische und Meeressäuger auf einem bislang 60 Kilometer breiten Uferstreifen an Land gespült. Der Pazifik vor der Ostküste Kamtschatkas hat sich dunkel verfärbt, seinen Geruch verändert. Die Behörden glauben an natürliche Ursachen, Umweltschützer aber befürchten, dass hochgiftige Chemikalien ins Meer geflossen sind oder noch fließen. Das Meer ist verpestet, aber noch sind die Ausmaße und die Ursachen der Katastrophe unbekannt.

Meeresforscher der Föderalen Fernost-Universität berichteten nach einem Rundflug am Mittwoch von einem 40 Kilometer langen und 30 bis 100 Meter breiten Film mit schaumiger, dunkelgrüner Flüssigkeit. Die Strände sind übersät mit verendeten Fischen, Krebsen, Tintenfischen und Seehunden. Der Ozeanologe Iwan Ussatow stellte bei einem Tauchgang in der Awatschinskaja Bucht fest: in einer Meerestiefe von 10 bis 15 Meter sei das Leben auf dem Meeresgrund zu 95 Prozent vernichtet. Und Greenpeace-Experten warnen, der tödliche Schaumstreifen bewege sich weiter in Richtung Süden, auf das Naturschutzgebiet „Vulkane Kamtschatkas“ zu. Die Region, ein UNESCO Weltnaturerbe, gilt als Brutstätte seltener Vögel. Dort leben auch 40 Prozent der vom Aussterben bedrohten Riesenseeadler, die sich vorwiegend von Fischen ernähren.

Russland: Hoher Phosphat-Gehalt im Meer - Umweltkatastrophe wird befürchtet

Das russische Umweltministerium teilte am Donnerstag mit, bei der Untersuchung von Meerwasserproben habe man 10,8-fach erhöhte Phosphat-Ionen-, 6,7 mal erhöhte Eisen- und 2,9 mal erhöhte Phenolanteile festgestellt. Doch Jelena Sakirko, Leiterin des Greenpeace-Projekts „Kamtschatka“, sagt unserer Zeitung, diese Angaben seien unzureichend, um die Quelle des Giftfilms zu bestimmen. „Alle Experten sagen, dafür müsse man vor allem den Mageninhalt und Gewebeproben der umgekommenen Meerestiere analysieren.“ Das Ministerium erklärt, für genauere Untersuchungen der Proben bedürfe es mehr Zeit. So bleiben die Gründe für die Katastrophe weiter strittig.

Die Behörden reden von natürlichen Ursachen, favorisieren ein Beben am Meeresgrund, einen Vulkanausbruch oder das massenhafte Auftauchen giftiger Algen in Folge eines Sturmes. Allerdings schreibt Danila Tschebrow, Geophysiker der Russischen Akademie der Wissenschaften, in einer Analyse auf dem Portal seiner Organisation, noch nie habe ein Erdbeben zu Land oder zu Wasser Massenvergiftungen ausgelöst. Zudem habe man seit langem praktisch keine seismische Tätigkeit in dem betroffenen Gebiet registriert. Das gelte auch für den potentiellen Ausbruch eines bisher nicht bekannten Vulkans vor der Küste Kamtschatkas. Jelena Sakirko hält auch giftige Algen nicht für die Verursacher. „Sie treten in diesem Gebiet und zu dieser Jahreszeit nicht auf. Und sie wären auch anderswo nicht imstande, die Meeresfauna so massenhaft zu vernichten.“

Viele Einwohner der Halbinsel reden nun von einer geheimen U-Boot-Basis und einem möglichen Unfall dort. Vielleicht sei dabei giftiger Raketentreibstoff ausgelaufen. Umweltschutzgruppen und Medien dagegen verdächtigen ein Chemiemüll-Lager am Fuße des Koselsker Vulkans. Dort gebunkerte Pestizide könnten in den Fluss Nalytschewa geraten sein und von dort ins Meer. „Wir halten diese Möglichkeit für sehr wahrscheinlich“, sagt Sakirko. „Das Lager ist ohne Aufsicht, niemand fühlt sich verantwortlich.“ Es sei bekannt, welche Chemikalien dort gelagert werden, Greenpeace habe im Fluss Proben genommen und warte nun die Auswertung ab.

Umweltkatastrophe in Russland: Was ist die Ursache für das große Fischsterben?

Am Donnerstag erklärten Forscher der Fernost-Universität, auch sie hätten die Gewässer um das Koselsker Mülllager gründlich in Augenschein genommen, sie seien völlig sauber. Man habe vier verschiedene Organismen entdeckt, die nur in „kristallklarem“ Wasser überlebten. Dagegen erklärte Iwan Ussatow, er und seine Kollegen hätten ebenfalls Proben aus dem Fluss Nalytschewa genommen. „Wir haben keinerlei Lebewesen festgestellt.“ So bleibt unklar, wann die wirkliche Ursache für das große Fischsterben vor Kamtschatka gefunden sein wird. Und noch fehlt jeder Vorschlag, wie man es bekämpfen soll.

Eine Sporttaucherin erzählte dem Portal „lenta.ru“, auch einige ihre Kameraden seien in den Pazifik getaucht und weinend aus dem Wasser gekommen. „Keiner hat so etwas erwartet. Auf dem Grund des Ozeans ist alles tot. Alle Fische sehen aus, als wären sie gekocht, alle sind weiß. Wir hatten eine sehr schöne Unterwasserwelt hier, aber jetzt ist sie ausgestorben. Selbst den Seeigeln sind die Stachel ausgefallen.“ (Von Stefan Scholl)

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