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Lawinenhund Sita hat ein vom Schnee verschüttetes Opfer aufgespürt - bei einer Demonstration für die Presse in den Alpen.
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Lawinenhund Sita hat ein vom Schnee verschüttetes Opfer aufgespürt - bei einer Demonstration für die Presse in den Alpen.

Tengelmann-Chef Haub

Auch einfache Routen bergen Gefahren

  • Martin Brust
    VonMartin Brust
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Für den in den Alpen verschollenen Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub gibt es wohl keine Überlebenschance mehr. Wie gefährlich ist der alpine Freizeitsport heute?

Noch immer weiß niemand, wo Karl-Erivan Haub, der Tengelmann-Chef, sich befindet. Wahrscheinlich ist, dass er verunglückt ist, seine Familie ließ am Freitag mitteilen, sie habe keine Hoffnung mehr, ihn noch lebend zu finden.Das Letzte, was man sicher weiß, ist seine Auffahrt zur Bergstation Klein-Matterhorn, wo er von einer Kamera gefilmt wurde.

Auf dem Tourenportal alpenvereinaktiv.com, dass vom Deutschen Alpenverein (DAV) gemeinsam mit den Alpenvereinen aus Österreich und Südtirol betrieben wird, gibt es von dort aus eine Skitour auf das Breithorn mit Abfahrt bis nach Zermatt. Die Tour enthält, laut Beschreibung, einen der leichtesten Ski-4000er der Alpen und eine „nicht schwere, aber hochalpine“ Abfahrt mit deutlicher Spaltensturzgefahr. Es gibt dort auch viele andere mögliche Routen für einen routinierten Skibergsteiger wie Haub. Aber für sein Vorhaben, für einen der härtesten Skiwettkämpfe der Welt zu trainieren, wäre diese Tour geeignet gewesen.

Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um, sagt ein Sprichwort. Aber es hilft nicht viel bei der Abschätzung alpiner Risiken. Und auch der Spruch so manches Alpinisten „Die Anreise zur Bergtour auf der Autobahn ist riskanter als die Bergtour selbst“ taugt nicht zur Gefahrenanalyse – auch wenn er für viele Bergsportarten sogar statistisch belegbar sein soll. Es gibt Beispiele von Extremsportlern, die bei ihrem Sport ums Leben gekommen sind, und von anderen, die ebenso extreme Touren überlebten, aber auf andere tragische Weise starben.

So der wohl bekannteste deutsche Extremkletterer Wolfgang Güllich, der jahrelang die Grenzen und Maßstäbe des schweren Kletterns im Mittel- und Hochgebirge definierte und verschob, aber 1992 bei einem Unfall auf der Autobahn verunglückte. Laut Polizeibericht war er wahrscheinlich eingeschlafen.

Stichhaltigeres zur Sicherheit im Alpinsport kann man beim Deutschen Alpenverein (DAV) erfahren, denn er führt seit 1952 eine Bergunfallstatistik für seine Mitgliedschaft. „Der Anteil der tödlichen Bergunfälle und der schweren Verletzungen bei Unfällen in den Bergen nimmt seit den 1950er Jahren im Verhältnis zur Mitgliederzahl ab“, sagt Franz Güntner, DAV-Sprecher. 1952, im ersten Jahr der Statistik, als Kletterer sich noch mit Hanfseilen und ohne Gerätehilfe mit reiner Muskelkraft gegen Absturz sicherten, starben 43 DAV-Mitglieder in den Bergen. 2016 – die Zahlen für 2017 liegen noch nicht vor – waren es 30 Tote, die niedrigste vom DAV je registrierte Zahl.

1952 hatte der DAV aber nur rund 114 000 Mitglieder, aktuell sind es 1,2 Millionen, mehr als zehnmal so viele. Der DAV ist größer als die Alpenvereine von Österreich, der Schweiz und Südtirol zusammen, man kann diese Statistik durchaus als Trend für die Alpen nehmen, auch wenn sie sich nur auf Mitglieder bezieht.

Seit etwa zehn Jahren ist die Quote der verunglückten und in Notlagen geratenen DAV-Bergsportler konstant auf niedrigem Niveau. Allerdings waren die Werte insgesamt auch schon mal niedriger, seit den 1990er Jahren steigen sie wieder leicht an. Eine Rolle spielt dabei auch der Klimawandel: Hitzesommer führen zu vielen Alarmierungen, weil zu wenig Wasser eingepackt wurde. Auch der zunehmende Run auf Mode- und Prestigeberge sowie der Boom beim Klettersteiggehen spielen da eine Rolle.

DAV-Sprecher Güntner weiß jedenfalls: „Die Zahl der Rettungseinsätze und Alarmierungen steigt. Das hat vor allem mit der leichteren Alarmierung zu tun.“ Immer mehr Bergsportler, die einen Notruf absetzen, werden unverletzt geborgen.

Die Ausbreitung der Mobiltelefone und der immer bessere Empfang selbst in den Bergen führt zu mehr Einsätzen der Bergwacht. In Verbindung mit besserer Ausrüstung und besserer Ausbildung der Aktiven dürften die Handys großen Anteil daran haben, dass aus einer brenzligen Lage heute eher als in den 50er Jahren „nur“ ein Rettungseinsatz wird, aber kein schwerer Unfall mit Verletzung und Tod.

Die Statistik der Bergwacht Bayern bestätigt die DAV-Zahlen: Bergsportler gewinnen an Sicherheit, wodurch das Risiko sinkt, schreibt die Bergwacht in ihrem aktuellem Jahresbericht 2017. In der Statistik des schweizerischen Alpenvereins bewegt sich die Zahl der tödlichen Bergunfälle seit 1984 in einem relativ stabilen Bereich mit Ausreißern nach oben wie nach unten, in den letzten 15 Jahren eher mit einer Tendenz unter dem langjährigen Durchschnitt.

Der Alpenverein beobachtet dabei ein relativ neues Phänomen: „Bei den Anlässen für Rettungseinsätze hat die Zahl der Blockierungen stark zugenommen. Das sind Personen, die weder vorwärts- noch zurückkommen, ohne dass sie verletzt sind“, so Güntner. „Das tritt besonders beim Begehen von Klettersteigen auf, kommt aber in deutlich geringerem Umfang auch beim Wandern, Klettern oder dem klassischen Bergsteigen vor.“ Erklärung: Klettersteiggehen liegt im Trend, weil es Touren möglich macht, die ohne Drahtseile zu schwer wären. Aber Stahlstifte und Drahtseile bergen auch ein Risiko. Sie bieten eine begrenzte Sicherheit, aber, so DAV-Sprecher Güntner, „dadurch sinkt auch die Einstiegshürde – anders als beim Klettern, für das man ja zunächst Sicherungstechniken lernen muss“. Es seien aber nicht automatisch Neulinge, die in der Rettungsstatistik landen: „Unserer Erfahrung nach überschätzen sich Klettersteiganfänger bei den ersten zehn Klettersteigen selten. Das passiert erst später, ungefähr ab dem zehnten, wenn man meint, den Bogen raus zu haben. Dann wagt man sich an längere, schwierigere Steige und überschätzt sich dann schnell.“

Gefahren lauern aber keineswegs nur auf objektiv schweren Routen. Tödliche Unfälle gibt es auch auf sehr leichten Wegen, wie etwa dem Krumbacher Höhenweg. Die Alpininfo Oberstdorf nennt diesen Wanderweg zwischen zwei Hütten „einen der einfachsten in den Allgäuer Alpen“ – trotzdem rutschte im Juli 2017 dort ein 53-jähriger Wanderer auf nassem Untergrund aus, stürzte einen Hang hinab und starb. Es kann so schnell gehen: Der Autor selbst ist in den Alpen als Wanderer, Hoch- und Skitourengeher und Kletterer aktiv und hat einen Notabstieg durch steiles, nasses und deshalb extrem rutschiges Grasgelände in Kauf genommen, um bei Gewitter von einem blitzschlaggefährdeten Grat herunterzukommen. Andere Bergsteiger setzten trotz des Gewitters unverdrossen ihre Grattour fort. Aber auch sie überlebten und wurden später auf der Hütte wiedergesehen.

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