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Atom-Streit in der Kultur-Szene

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Dürfen sich Kulturschaffende nach Fukushima noch von der Atomindustrie sponsern lassen? In Hamburg ist darüber eine ...

Hamburg. Dürfen sich Kulturschaffende nach Fukushima noch von der Atomindustrie sponsern lassen? In Hamburg ist darüber eine Debatte entbrannt. Anlass: Die von dem Energiekonzern unterstützten «Vattenfall-Lesetage».

Die einen kämpfen nun gegen «die Vereinnahmung der Literatur durch die Atomindustrie», die andern fürchten politische Agitation auf Kosten der Literatur.

Nobelpreisträger Günter Grass und Punk-Ikone Nina Hagen setzen sich sogar vor das pannenbedingt abgeschaltete Kraftwerk in Krümmel, um gegen Atomenergie und die Energiepolitik von Vattenfall zu protestieren. Eben jenem Konzern, der seit Jahren ein großes Lesefest in der Hansestadt organisiert und dem nun ein scharfer Wind entgegenbläst. Die Debatte in der Szene ist entfacht: «Muss eine sinnvolle und beliebte Veranstaltung wie die "Hamburger Lesetage" in den Händen eines Konzerns liegen, der mit seinen Aktivitäten die Gesundheit aller bedroht», fragt die Initiative «Lesetage selber machen».

An ihren rund 50 alternativen Veranstaltungen beteiligen sich Autoren wie Frank Schulz, Harry Rowohlt oder Büchner-Preisträgerin Brigitte Kronauer. Der für zahlreiche Pannen in seinen Atomanlagen Krümmel und Brunsbüttel verantwortliche Konzern versuche mit den Lesetagen offenbar, sein ramponiertes Firmenimage zu polieren, heißt es bei der zweiten Initiative «Lesen ohne Atomstrom», die Hagen, Grass und Bestseller-Autor Feridun Zaimoglu als Unterstützer gewinnen konnte.

«Hamburg als "Umwelthauptstadt Europas" überlässt die Finanzierung von Kultur zunehmend der Atomindustrie», sagt Zaimoglu. «Das ist eine erschreckende Entwicklung, die wir nicht hinnehmen sollten.» Seine Empörung richte sich aber nicht gegen die Kollegen, die bei dem Lesefest auftreten, sagte der Kieler Autor, der selbst schon zweimal bei den «Vattenfall Lesetagen» dabei war. «Eine erneute Teilnahme würde ich nach der Katastrophe in Japan aber ablehnen.»

Die Förderung von Kulturveranstaltungen durch Energiekonzerne und Stromversorger ist nicht ungewöhnlich: RWE sponsort das Harbourfront Literaturfestival in Hamburg, die Kölner Lit-Cologne wird von der RheinEnergie AG unterstützt, und Hauptsponsor des Schleswig-Holstein-Musikfestivals ist E-On Hanse. Die seit Donnerstag laufenden Vattenfall-Lesetage umfassen rund 120 Veranstaltungen, unter anderem präsentieren Moritz Rinke, Peter Stamm oder Tina Uebel ihre Werke. Dass das beliebte Festival nun solchen Attacken ausgesetzt ist, ist für Autoren wie Mario Giordano und Andreas Schlüter nicht nachvollziehbar: Das Engagement des Konzerns für Literatur und Leseförderung sei vorbildlich, erklären die beiden.

«Jeder kann seinen Stromanbieter heute frei wählen. Ich tue das auch. Um die Abschaltung sämtlicher AKWs zu erwirken, gibt es basisdemokratische und politische Mittel», sagt Giordano. Aber es sei ungeheuerlich, Politik auf dem Rücken der Literatur auszutragen. Ähnlich sieht es seine Kollegin, Autorin Regula Venske: «In meiner Jugend wurde darüber diskutiert, ob man in Brokdorf oder Itzehoe demonstriert. Und nun gegen die Lesetage? Wenn sie am Ende, was ich nicht hoffe, stillgelegt und abgeschaltet würden - welcher politische Erfolg sollte das denn bitte schön sein?» (dpa)

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