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Licht, Luft und Sauberkeit: die Siedlung „Am Gries“ um 1925.
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Licht, Luft und Sauberkeit: die Siedlung „Am Gries“ um 1925.

Heinrich Tessenow

Atmosphäre statt Dogma

Der Architekt Heinrich Tessenow nannte Kleinstädte den bestmöglichen Lebensraum. Vor 100 Jahren wurden im thüringischen Pößneck gleich mehrere Siedlungen nach seinen Entwürfen gebaut – und im Laufe der Zeit vergessen. Jetzt tut sich was.

Siegbert Würzl wartet am unteren Bahnhof. Hier enden die Züge aus Richtung Jena und fahren wieder zurück. Die ehemalige ostthüringische Industriestadt Pößneck mit rund 12 000 Einwohnern besitzt auch einen oberen Bahnhof. Von dort fahren die Züge Richtung Halle nach Berlin. 1871 wurde Pößneck an das Eisenbahnnetz angeschlossen und galt als eine der reichsten Städte der Region.

„Hier sehen Sie schon die ersten Tessenow-Bauten“, sagt Würzl und zeigt sichtlich stolz auf die Häuser, etwa fünfzig Meter entfernt vom Bahnsteig. „Das ist die Siedlung Neustädter Straße/Saalbahnstraße. Aber wir fahren zuerst in die Siedlung Am Gruneberg. Dort wohne ich, und es war die erste Siedlung, die Tessenow hier ab 1920 gebaut hat.“

Seine Stadt liegt Würzl am Herzen. Der 78-Jährige hat hier viel mitgestaltet in den Jahren nach der Wende und saß bis 2019 für die FDP im Stadtrat. Er engagierte sich auch dafür, dass das Schützenhaus 2012 nach Jahren rechtsextremer Aktivitäten wieder in den Besitz der Stadt gelangte. Pößneck hat sein unerwartetes Erbe mit drei Siedlungen und noch 74 bestehenden Bauten des Reformarchitekten Heinrich Tessenow 2019 wiederentdeckt. Auf den weltweit größten Bestand machte man im Jahr der Moderne in einem Doppelausstellungsprojekt zu Leben und Werk Tessenows im Stadtmuseum sowie mit einer Musterwohnung und Führungen aufmerksam.

Vor jedem Haus ein Apfelbaum: die Siedlung „Am Gruneberg“ 1925.

Zu verdanken ist die Wiederentdeckung Carsten Liesenberg vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Thüringen. Liesenberg ist auch Mitglied der Tessenow–Gesellschaft und kennt sich aus mit dem Reformarchitekten: „Das Schöne an Tessenows Lösungen ist, dass man sie nicht merkt, wenn sie funktionieren“, schwärmt Liesenberg. Tessenow verbreite Atmosphäre. Anders als bei den gängigen Vorstellungen von der klassischen Moderne, wo man die großen weißen Flächen hat. Kaum Pflanzen sind.

„Diese Dogmatik, die es bei vielen Vertretern des Bauhauses gab – ab jetzt baut man nur noch Flachdächer, ab jetzt gibt es überhaupt keine Ornamente mehr, ab jetzt macht man nur noch diese Farbgebung“, die gebe es bei Tessenow nicht, betont Liesenberg. „Deswegen ist die Verbindung von Städtebau, Architektur und Innengestaltung bis hin zur Möblierung bei ihm so wichtig.“

Siegbert Würzl steuert seinen Wagen zielsicher durch die Straßen. „Wie überall in Deutschland war nach dem Ersten Weltkrieg auch in Pößneck der Wohnraum knapp“, erzählt er. „Hier waren vor allem Textil- und Lederindustrie, Porzellanherstellung und ab den 1890er Jahren das Druckerei- und Verlagswesen angesiedelt.“ Spuren der Industriekultur sind in der Stadt noch überall zu sehen. Auch große Fabrikantenvillen zeugen vom ehemaligen Reichtum. Hier und dort aber stehen noch unsanierte Häuser.

„Vor der Wende war Pößneck mit dem VEB Rotasym ein bedeutender Standort für die Produktion von Wälzlagern“, erzählt Würzl weiter und hält vor einem sanierten Industriedenkmal. „Nachdem das Unternehmen 1988 noch mit neuesten Maschinen ausgerüstet worden war, wurde es 1991 von der FAG-Kugelfischer aus Schweinfurt zu einem Bruchteil des Wertes übernommen. Das Werk wurde schließlich geschlossen, die Maschinen nach Schweinfurt verlagert und 1000 Mitarbeiter entlassen“. Insgesamt gab es in Pößneck in den Jahren nach der Wende bis zu 1800 Arbeitslose. Viele sind weggezogen. „Langsam erholt sich aber die Stadt“, freut sich der ehemalige Ingenieur. „Mittelständische, auch international agierende Unternehmen bringen Stabilität und auch wieder neue Einwohner.“

Der Siedlungsbau Tessenows von 1920 bis 1923 war eng verbunden mit der sozialen Frage guten Wohnens für alle. Licht, Luft, Hygiene und gesunde Lebensführung gehörten für ihn zum Wohnen dazu. Auf den ersten Blick wirken die Häuser zwar unscheinbar und eher zweckmäßig. Vieles ist durch die Jahrzehnte überformt. Aber die Anordnung der Bauten und deren Architektur ergibt in jeder Siedlung ein Ganzes, das sich in den Stadtraum einfügt: In der Mitte ein Platz, ein Hof, eine Straße. Siegbert Würzl führt gern durch seine Siedlung Am Gruneberg, die den ländlichsten Charakter besitzt. Alle Häuser haben einen Garten hinter dem Haus.

Zur Person

Tessenow wurde 1876 in Rostock geboren. Er absolvierte eine Zimmermannsausbildung, studierte in Leipzig und München und lehrte später Architektur in Wien, Dresden und Berlin. Bekannt ist Tessenow vor allem durch die Gartenstädte in Dresden-Hellerau oder Inowroclaw (Hohensalza) im heutigen Polen, deren Gestaltung er wesentlich prägte. Mit dem Festspielhaus Hellerau (1911) und der Umgestaltung der Schinkelschen Neuen Wache Unter den Linden in Berlin im Jahr 1931 wurde er international bekannt. Er starb 1950.

Dort wohnt er mit Unterbrechung seit 1947. Im Alter von fünf Jahren zog seine Mutter mit ihm in das Haus zu den Großeltern. „Es war keine einfache Zeit. Der Vater ist im Krieg geblieben, der Großvater 1949 verstorben. Ich musste schon früh Holz hacken. Wir hatten auch ein Trockenklo. Da hab ich mit der Jauche den Garten düngen müssen. Meine Mitschüler haben immer die Nase gerümpft, wenn sie mich besucht haben. Die hatten schon ein Wasser-WC“, erzählt er amüsiert.

Heinrich Tessenow

Die Siedlung Am Gruneberg mit 22 Ein- und zwei Mehrfamilienhäusern besteht aus einem unteren und einem oberen Teil, dessen Abschluss ein Mehrfamilienhaus bildet. Für Tessenow stellten Kleinstädte mit bis zu 20 000 Einwohnern den bestmöglichen Lebensraum dar. Man gründete eine Gemeinnützige Baugesellschaft mit finanziellen Anteilen der Stadt und aus Firmen, die preiswerten Wohnraum für ihre Mitarbeiter schaffen wollten. Am 25. Oktober 1920 wurde die Bauerlaubnis für die Siedlung Am Gruneberg erteilt. Die Häuser sind alle unterschiedlich, besonders in den Details. Vor jedes Haus hatte Tessenow einen Apfelbaum setzen lassen und in jeden Garten eine Bank. Nur vor der Nummer 10 steht heute noch ein Apfelbaum. Die Bewohner der anderen Häuser haben ihn entweder durch Fichten oder Kirschlorbeer ersetzt. Oder ganz entfernt.

„Vieles wurde hier verändert, die Fenster sind ganz selten original, die Streben wurden rausgenommen, die Giebel verändert. Auch wir haben in unserem Haus innen viel umgebaut, schon in den Siebzigerjahren. Das war der Zeitgeist, vor allem nach 1990“, erzählt Würzl. Den Denkmalschutz, unter den die Siedlung zu DDR-Zeiten 1985 gestellt wurde, setzten Bürgerbegehren und fachliche Unkenntnis Ende der 1990er Jahre außer Kraft. Inzwischen stehen die Siedlungen formal wieder unter Schutz. Die Grundstücke mit Einfamilienhäusern sind alle privatisiert. „Hier wohnten einfache Fabrikarbeiter mit ihren Familien, aber auch Handwerker“, erzählt Würzl, der seit vielen Jahren Stadtführungen anbietet. „Wir wohnen in einem fast quadratischen Baukörper mit Flachbau dran, wo wir Bad und Küche drin haben. Andere Häuser sind mit schräger Wand, weil sie ein Giebeldach haben.“ Den Häusern allen gleich sei die große Wohnküche. Das war Bestandteil des Konzepts von Heinrich Tessenow: Die Familie sollte einen beheizten Raum haben, mit Essecke und Herd, in dem sich alle versammeln konnten. „Die Wohnküche ist für viele noch der zentrale Raum“, sagt Würzl.

Bis 1923 entstanden zwei weitere Siedlungen, doch aufgrund der Inflation konnten die geplanten Häuser nicht fertiggestellt werden und wurden zum Teil verkauft. Das Landesamt für Denkmalpflege und die Stadt Pößneck möchten alle drei Siedlungen wieder unter Schutz stellen. Carsten Liesenberg freut sich über jedes originale Detail, das noch zu finden ist. So entdeckte man 2017 in der Neustädter Straße 101 bei einer Sanierung alte Farbfassungen und konnte das Haus denkmalgerecht sanieren. Dort befand sich bis Ende 2019 eine Musterwohnung, die einen Einblick in die Wohnkultur um 1920 bietet. Mit floralen Ornamenten, dunklen Böden und Türen, original Tessenow-Möbeln und detailgetreu nachgebauten Möbeln. Der junge Innenarchitekt Elia Schneider aus Lugano entwickelte für seine Bachelorarbeit ein Konzept, das er 2019 in Pößneck umsetzen konnte. Die Wohnungen in der Siedlung „Neustädter Straße/Saalbahnstraße“ waren Mietwohnungen und hatten mit Wassertoiletten einen hohen Standard für die damalige Zeit.

Einzig: „Das kann man beispielhaft mal an einer Wohnung so machen und zeigen“, sagt Anke Bocker von der Wohnungsgesellschaft Pößneck. „Aber in der Vermietung ist das schwieriger, da sind wir mit der glatten einfarbigen Wand besser bedient, denn die Mieter möchten sich ja auch nach ihrem Geschmack einrichten.“ In besagtem Haus sind sechs Wohnungen saniert worden, fünf davon konventionell in Anlehnung an den historischen Bestand, aber von der Farbigkeit dem modernen Wohnempfinden angepasst. Die Wohnungen sind hell, 60 Quadratmeter groß und haben einen Balkon zum Innenhof. Nach Fertigstellung im Sommer 2019 waren alle vermietet. Die Musterwohnung wird zukünftig als Ferienwohnung buchbar sein.

„Wir haben in den drei Tessenow-Siedlungen acht Häuser im Bestand“, erklärt Anke Bocker. „Sieben Häuser sind noch nicht saniert, stehen in nächster Zeit auf der Agenda. In dem unsanierten Bestand haben wir immer 50 Prozent Leerstand. Da gibt’s ein paar einzelne Mieter, die schon ewig drin wohnen und die drin wohnen bleiben wollen. Aber die Nachfrage nach saniertem Wohnraum wächst.“

Die Siedlung „Am Gruneberg“ besteht aus 26 Tessenow-Häusern: In ganz Pößneck existieren heute noch insgesamt 74 Häuser des Reformarchitekten.

Das Haus Neustädter Straße 101 ist ein Einzeldenkmal. Die anderen Objekte gehören zu einem Denkmalensemble. Das bedeutet, dass die äußere Kubatur erhalten bleiben muss. „Aber in dieser Art werden wir weiter sanieren“, sagt Anke Bocker. Und Carsten Liesenberg ergänzt: „Ich halte es nicht für sinnvoll, Dinge in den Ursprungszustand zurückführen, die ganz stark verändert sind. Es geht darum, dass man es vom Stadt- und Straßenbild wieder stärker erkennbar macht und an bestimmten Stellen modellhaft Dinge mit stärkerem Substanzbezug saniert.“

Interessierte können sich mit einem Flyer der Stadtinformation auf die Spuren Tessenows begeben. Auf das wiederentdeckte Erbe seiner Stadt ist Bürgermeister Michael Modde (parteilos) besonders stolz und hofft, Pößneck weiter aufzuwerten. „Kleinere Städte könnten zukünftig eine Alternative für die überfrachteten Großstädte bieten“, überlegt er. Die Universitätsstadt Jena, derzeit eine der teuersten Städte in Thüringen, ist mit der Bahn in einer guten halben Stunde zu erreichen.

Weitere Informationen zu Tessenows Wirken in Pößneck finden sich in einem Buch von Carsten Liesenberg über „Die Tessenow-Siedlungen in Pößneck“, E. Reinhold Verlag, 2019. In Pößneck gibt es in einer der Siedlungen eine „Tessenow-Ferienwohnung“. Sie wurde nach originalen Befunden restauriert und mit nachgefertigtem Tessenow-Mobiliar ausgestattet.

Von Ulrike Sebert

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