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Abkühlung: Für Sonnenanbeter und erhitzte Gemüter.

"Dunkirk"

Atempause für London

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Bei dem patriotischen Film "Dunkirk" erholt sich die britische Hauptstadt im Sommer 2017 von Terror, der Brandkatastrophe von Kensington und der giftigen Brexit-Debatte.

Der Streifen des britischen Regisseurs Christopher Nolan dominiert die Kinos in London. Der Film handelt nicht von den Schönheiten der verschlafenen Hafenstadt Dünkirchen am äußersten Nordzipfel Frankreichs. Aufgearbeitet wird vielmehr eine der zahlreichen militärischen Katastrophen, welche Großbritannien zu Beginn des zweiten Weltkriegs erlitt. In diesem Fall geht es um den ungeordneten Rückzug des britischen Expeditionsheeres sowie einiger Zehntausend französischer Verbündeter vor dem Ansturm der Nazi-Panzerspitzen.

Gewiss hatten die Tage Ende Mai und Anfang Juni 1940 auch etwas Positives. Mithilfe des „Wunders der kleinen Boote“ – Fischerkähne, Segeljollen, winzige Holzschalen mit Außenbordmotor – konnten immerhin 330.000 Soldaten vor der Gefangenschaft gerettet werden. „Dunkirk“ feiert dies als Triumph britischer Improvisationskunst, der größere Zusammenhang bleibt ausgeblendet, die Zuschauer werden mit patriotisch stolzgeschwellter Brust nach Hause geschickt. Kriegspremier Winston Churchill brachte aber schon damals im Unterhaus die bittere Wahrheit auf den Punkt: „Mit Rückzügen gewinnt man keinen Krieg.“

Ins London des Sommers 2017 ist Frieden eingekehrt. Die Straßen gehören den Touristen aus aller Welt, die Einheimischen genießen die Urlaubsstille – Erholung von blutigen Terroranschlägen, Ablenkung von der grässlichen Brandkatastrophe im Grenfell-Tower von Kensington, eine Beruhigung der hässlichen politischen Debatte der vergangenen Monate, nicht zuletzt über den Brexit.


Freilich scheinen die meisten zu spüren: Es handelt sich um eine Atempause, eine Art Entziehungskur vom Adrenalin-Überschuss der vergangenen Monate, nicht mehr. Terrorattacken bleiben ohnehin jederzeit möglich, die Wachsamkeit der Hauptstädter hat in dieser Beziehung nicht nachgelassen. An den großen Museen, vor Konzertsälen wie der riesigen Albert Hall, wo die wunderbaren BBC-Promenadekonzerte gespielt werden, werden Taschen und Koffer neuerdings gründlich kontrolliert; am Parlament und vor den Königlichen Palästen gehören Polizeibeamte mit Maschinenpistolen zum Straßenbild.

Wer Albert Hall und das grandiose Museenviertel im Süden von Kensington hinter sich lässt und weiter nach Nordwesten geht, dem verschlägt noch immer der Anblick des ausgebrannten Grenfell-Hochhauses den Atem.

Erinnerungen an das andere London

Wie ein gewaltiger fauler Zahn im Antlitz wohlhabender Gutbürgerlichkeit erinnert das Massengrab von mindestens 80 Menschen – die Anwohner nennen es „das Krematorium“ – auf brutale Weise an das andere London: an die Millionen von Einheimischen und Zuwanderern aus aller Welt, deren Lebensstandard in den letzten Jahren gesunken ist, während die Reichen immer reicher wurden. Oligarchen aus aller Welt haben ihr Geld in Londoner Immobilien angelegt, die Mieten steigen scheinbar unaufhaltsam, den sozialen Wohnungsbau haben Regierungen unterschiedlicher Couleur seit Jahrzehnten vernachlässigt.


Was von den Meetings der Grenfell-Überlebenden mit dem von der Regierung eingesetzten unabhängigen Untersuchungsführer Martin Moore-Bick, 70 Jahre alt, an die Öffentlichkeit dringt, zeugt von tiefer Verbitterung und unversöhnlichem Misstrauen der Betroffenen gegen die gesellschaftliche Elite. Geduldig erläutert der pensionierte Richter am Appellationsgericht seinen Auftrag: zu klären, wie es zu dem Großbrand kommen konnte; möglichst rasch Vorschläge zu unterbreiten, wie eine ähnliche Katastrophe in Zukunft vermieden werden kann. Die Anwohner aber schreien nach Rache, wollen die Verantwortlichen der Bezirksregierung des Mordes, wenigstens des Totschlags angeklagt sehen.

Manche schrillen Töne schießen weit übers Ziel hinaus. Die Qualifikation des weißen Richters wurde von den überwiegend dunkelhäutigen Grenfell-Bewohnern und deren Propagandisten so abfällig in Zweifel gezogen, dass sich rasch der Eindruck von Rassismus festsetzte. Sonderlich schlau war es allerdings nicht, dass sich unter Moore-Bicks fünf Beratern lediglich ein Vertreter ethnischer Minderheiten befindet.


Da präsentiert sich die Elite, angefangen bei Premierministerin Theresa May bis hinunter zur Bezirksregierung, merkwürdig ungeschickt, abwehrend selbst vernünftig begründeter Skepsis gegenüber, spaltend statt integrierend. Zunächst das Schottland-Referendum, dann die Brexit-Abstimmung, zuletzt auch die Unterhauswahl haben bestätigt: Die britische Gesellschaft ist tief gespalten, zwischen Jungen und Alten, zwischen Wohlhabenden und sozial Schwachen, zwischen dem prosperierenden Süden rund um London und den stolzen Nationen Schottland und Wales sowie Regionen in Nord- und Mittel-England, die den industriellen Kahlschlag der 1980er Jahre bis heute nicht ausgleichen konnten.

Weder Regierung noch Opposition haben darauf eine Antwort. Die Elite verstärkt damit den Eindruck eines Kontrollverlustes und der Ratlosigkeit, wie die Spaltung der Gesellschaft überwunden werden soll. Der Schriftsteller Robert Winder, 57 Jahre alt, fühlt sich an die 1970er Jahre erinnert, an Streiks, soziale Unruhen, einen diffusen Zorn. Sein Land wirke auf ihn wie die Insassen eines Autos, sagt Winder, „das auf die Klippe zusteuert. Anstatt auf die Bremse zu latschen wird unentwegt gehupt.“

Tatsächlich haben im öffentlichen Diskurs zuletzt giftige Invektiven die rationale Erörterung der anstehenden Probleme ersetzt. Insbesondere weibliche Abgeordnete erhalten immer wieder Drohungen von Fanatikern, sie würden „wie Jo Cox enden“ – die Labour-Parlamentarierin war eine Woche vor dem Brexit-Referendum 2016 auf offener Straße von einem Rechtsextremen ermordet worden.

Auch Spitzenpolitiker bedienen sich aufgeheizter Rhetorik. Labour-Finanzsprecher John McDonnell, ein enger Vertrauter des Parteichefs Jeremy Corbyn, beschuldigte die Verantwortlichen der fatalen Grenfell-Umbauarbeiten des „Mordes“. Die Kabinettsmitglieder Andrea Leadsom und Liam Fox fordern von der BBC „mehr Patriotismus“. Das Boulevardblatt „Daily Mail“ brandmarkte Richter am High Court im Nazi-Stil als „Volksfeinde“ und machte sich die Forderung der Premierministerin zueigen, die angeblichen Brexit-Saboteure müssten „vernichtet“ werden.

Bitter-ironisches Timing

Spätestens im September wird der brutale Schlagabtausch im Parlament weitergehen, bisher deutet nichts auf eine Abkühlung der Gemüter hin. Die Themen bleiben brisant: Dann sollen neue Antiterror-Gesetze beraten, muss die Krise im sozialen Wohnungsbau angepackt werden, die durch Grenfell ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gezerrt wurde.

Vor allem aber stehen den Briten und ihren parlamentarischen Vertretern lange, endlos scheinende Debatten darüber ins Haus, wie der jüngste Rückzug vom Kontinent doch noch so organisiert werden kann, dass er nicht vollends dem Chaos des Frühsommers 1940 gleicht. Insofern wirkt das Timing des Films „Dunkirk“ bitter ironisch.

Vorschnelle Parallelen zu den 77 Jahre zurückliegenden Ereignissen zu ziehen wäre albern, schließlich hat der Brexit nichts mit Krieg zu tun. Immerhin ist eines verblüffend: Der Film verweigert sich jedem Versuch, Dünkirchen einen historischen Kontext zu geben. Stattdessen konzentriert er sich gänzlich auf das subjektive Erlebnis der britischen Kombattanten und Zivilisten, Franzosen spielen winzige Nebenrollen, deutsche Soldaten tauchen erst ganz am Schluss in Silhouette auf.

Ignoranz paart sich mit Hochmut

Ähnlich geht es im London des Jahres 2017 zu: Die Briten sind sich selbst genug, von den Verhandlungspartnern (oder -gegnern?) ist kaum die Rede. Wie schon vor dem Referendum vom vergangenen Jahr spielt auch jetzt die Debatte auf dem Kontinent, die Feinabstimmung zwischen EU-Kommission und den 27 verbleibenden Partnerländern kaum eine Rolle. Europäische Politik gilt nach wie vor als unsexy; Delegationen anderer Parlamente berichten von „skandalöser Unkenntnis“ ihrer britischen Pendants.
 

Die Ignoranz paart sich, wie so häufig, mit Hochmut. Es wird zwar selten offen ausgesprochen, aber viele Briten halten sich und ihr Land für eine Ausnahme-Erscheinung, was Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Freiheit von Korruption angeht. Dieser Exzeptionalismus kennzeichnete nicht zuletzt die bisherige Herangehensweise der Regierung an die Brexit-Verhandlungen mit der EU.

Ob sich nach den jüngsten Auseinandersetzungen im Kabinett über den besten Brexit-Kurs eine Trendwende abzeichnet? Die politisch bestens vernetzte Medientrainerin Scarlett MccGwire glaubt daran. Bisher habe sie ihr Land auf den Abgrund zusteuern sehen, inzwischen aber neue Hoffnung geschöpft: „Jetzt sieht alles nach Stillstand aus. Das ist doch ein echter Fortschritt“, sagt sie und lacht.

Ihren schwarzen Humor haben die Londoner also noch nicht verloren. Irgendwie beruhigend.

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