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So nah und doch so fern: Im vergangenen Jahr hat es Familie Siedler nicht mal geschafft, auch nur ein paar Stunden am See zu verbringen.

Starnberger See

Fünf Kilometer bis zum Paradies

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Rund um den Starnberger See geht es nicht nur mondän zu. Sevil Siedler lernte dort, wie schwer es ist, mit wenig Geld inmitten von Wohlstand zu leben.

Sevil Siedler schwitzt. Schon als sie den Pincode eingibt, der ihr Einlass ins Haus gewährt. Sie streift die Schuhe von den Füßen, stülpt ihre pinken Socken in Plastik-Hausschlappen, grüßt den Hausherrn, der heute Home-Office am Esszimmertisch macht. Er hat keine Zeit für Gespräche. Er müsse unhöflich sein, sagt er. Die Arbeit.

Sevil Siedler redet trotzdem. Sie redet immer. Erzählt ihm von einem Bewerbungsgespräch, das sie kürzlich hatte, von ihren Söhnen. Er sitzt es aus. Im Haus der Familie, für die Sevil Siedler putzt, ist es knapp zwanzig Grad kühler als draußen. Ein breites Sofa und ein Regal voller Bücher säumen die Wand zur Terrassentür. Heinrich Mann, die Odyssee, Werke zur Kunstgeschichte schweigen im Regal wie der Hausherr hinter dem Laptop.

Die Doppelhaushälfte der Familie liegt in Niederpöcking, ein Ortsteil direkt am Starnberger See. Anwesen mit Blankoschildern an den Klingeln und blankgeputzten Autos in den Einfahrten säumen die Hauptstraße. Der Landkreis Starnberg hat das höchste Pro-Kopf-Einkommen in Deutschland, wie die Hans-Böckler-Stiftung im Frühjahr 2019 veröffentlicht hat.

In Starnberg ist alles teuer

Aber der größere Teil der Starnberger ist nicht reich. Am Bahnhofskiosk lungern rumänische und moldawische Gastarbeiter. Flaschensammler und Gestrandete flankieren das Seeufer. Wer wenig Geld hat, sucht sich eine Holzbank, wartet, dass die Zeit verstreicht. Am Schiffsanleger schnarcht ein Bärtiger im Unterhemd. Ein Mann mit wirren weißen Haaren fährt auf dem Gepäckträger seines Fahrrades drei Bierkästen mit Pfandflaschen zum Supermarkt. Jeden Donnerstag versorgen sich um die 150 Starnberger bei der Tafel. Auf den Bierbänken vor der evangelischen Kirche sitzen etwa dreißig Alte und Kranke. Eine Zeltplane schützt sie vor der beißenden Sonne. Was ihnen wie auch Sevil Siedler am meisten zu schaffen macht: In Starnberg ist alles teuer. „Wenn ich hier bei Netto Mehl kaufe, zahle ich 85 Cent. Woanders sind es nur 65“, erklärt sie.

Schöne Aussichten: Nicht alle haben ihren eigenen Zugang zum See.

Sevil Siedler geht putzen, weil sie nichts gelernt hat, wie sie sagt. „Als ich 17 war, hat mein Vater entschieden, dass ich einen türkischen Mann in Deutschland heirate. Zur Schule bin ich da schon lange nicht mehr gegangen.“ Heute ist sie vierzig, zu ihrer Familie in Adana hat sie kaum Kontakt. Mit 18 ist sie zu ihrem Mann nach Seefeld im Landkreis Starnberg gezogen. Nach seinem Tod 2009 war sie allein mit zwei Söhnen, bis sie als Küchenhilfe im Altersheim ihren jetzigen Mann Frank kennengelernt hat. Frank ist Koch. Er hat kurz darauf den Gasthof zur Post in Seefeld übernommen und zwei Jahre lang geführt. Was ihn heute daran erinnert, sind 100 000 Euro Schulden.

Sevil und Frank müssen sich jeden Tag dem Starnberger Reichtum stellen. Während Sevil im oberen Bad Kalkflecken wegwischt und Haare aus dem Waschbecken fischt, kommt die Tochter der Familie vom See zurück. Sie grüßt kurz. Johanna hat in Charlotte in den USA studiert. „Aber ohne das Sportstipendium hätten wir uns die hohen Studiengebühren nicht leisten können. Johanna ist im Ruderverein“, sagt ihre Mutter, Ursula G. „So reich, wie man vielleicht meint, sind wir nicht.“

Gegenüber der Badezimmertür im Flur hängt ein etwa zwei mal zwei Meter großes Gemälde, das Porträt einer Familie im Goldrahmen. Ein Geschenk von Freunden aus dem Nachbarort Berg.

Ein Diebstahl erschüttert die Nachbarschaft

Ursula G. sitzt in einem Zimmer im ersten Stock. Eine schmale Frau Mitte fünfzig. Sie sitzt im Rollstuhl, Diagnose Multiple Sklerose. Das Haus verlässt sie nicht oft, dafür kommen Nachbarinnen regelmäßig zum Kaffee vorbei. Als ihr Sohn anruft, nimmt sie behutsam den Hörer ab. Sie bewegt sich langsam. Jonathan ist mit Freunden im Urlaub in Barcelona. Nach drei Minuten legt Ursula G. den Hörer auf, lächelt zufrieden. „Er hat jetzt Abitur gemacht. Als Jahrgangsbester“, erzählt sie. Auch dass er Tennis spiele. Ursula G. war früher Lehrerin, dann Redakteurin. Heute verdient ihr Mann das Geld. Er ist Gründer einer IT-Consulting-Firma. „Er hatte sich vorgenommen, bis er vierzig ist, ein eigenes Haus zu kaufen, und das haben wir gemacht. Hier leben wir neben dem Paradies“, sagt sie und lächelt breit. Sie spielt damit auf die Parkanlage an, die am Seeufer in Pöcking diesen Namen trägt. Die Niederpöckinger haben einen privaten Zugang. Ein eingezäuntes Wiesengrundstück, zu dem nur Anwohner einen Schlüssel haben. Wo sie ihre Boote kostenlos auf die Wiese legen konnten. Bis ein Diebstahl die Nachbarschaft erschüttert hat. Drei Boote wurden auf einen Schlag geklaut. „Da muss einer nachts vom See gekommen sein und die Boote an seins angedockt haben.“ Ursula G. ist immer noch schockiert.

Sevil Siedler hat andere Sorgen: 100 000 Euro Schulden, drei Jungs, 900 Euro Hartz IV für die ganze Familie. Die Wohnung in Starnberg hat ihnen nach Franks Insolvenz 2013 das Landratsamt vermittelt. Vier Zimmer teilt Sevil mit ihrem Mann, den drei Söhnen und der Freundin des Ältesten. 1000 Euro warm. Günstiger gibt es nichts. Sevil macht das zu schaffen: „Manchmal möchte ich weg. Das Leben hier ist so teuer. Aber ich habe Angst. Wir sind hier zu Hause. Ich weiß nicht, ob sich die Kinder woanders wohlfühlen würden.“

Hier wohnen Maffay und Ballack

Putzfrau am See: Sevil Siedler.

Viele Familien mit geringem Einkommen verlassen den Landkreis Starnberg. Es ist die größte Sorge von Rupert Monn, Bürgermeister in Berg. Der Gemeinde am Ostufer, in der Peter Maffay und Michael Ballack ihre Villen haben. Doch davon hat der Ort nicht viel mehr als Zäune, Gartentore, Strafzettel. „Ein Strafzettel in Berg kostet weniger als ein Parkticket in München“, sagt Rupert Monn resigniert. Die Haupteinnahmen der Gemeinde bringt die Einkommenssteuer der Einwohner, die 30 000 bis 60 000 Euro im Jahr verdienen. Von denen leben in Berg überdurchschnittlich viele. „Aber wer mehr hat, findet seine Wege an der Steuer vorbei zu wirtschaften. Sie legen ihr Geld in Stiftungen an. Davon haben wir nichts.“

Rupert Monn ist ein untersetzter Mann, der viel lächelt. Auf offiziellen Bildern trägt er Janker, heute, ein normaler Dienstag, kleidet ihn ein weißes Hemd. Seit 19 Jahren ist er Bürgermeister, der beliebteste der Region. Mit 73 Prozent wurde er 2012 im Amt bestätigt. Im kommenden Jahr gibt er den Posten auf.

Die Fläche des Ortes Berg besteht zu 45 Prozent aus Wald. Naturschutzgebiet, Landschaftsschutzgebiet, Privatgrund. Was Monn fehlt, ist Baugrund für öffentliche Einrichtungen und bezahlbare Wohnungen. „Am meisten belastet mich, anzusehen, dass junge Familien, die hier ihre Heimat haben, in Berg keine Wohnung finden, da sie die hohen Preise nicht zahlen können. Es macht mich traurig, dass sie deshalb wegziehen.“

Doch darauf hat er keinen Einfluss. Im Schritttempo fährt er in seinem BMW den Weg am Ufer entlang. Die Straße durchschneidet die Grundstücke. Hinten verbergen eiserne Gartentore, Bäume, Büsche und Hecken die Anwesen am Hang. Vorn sind kleine Abschnitte, wo sie ihre Bootshäuser und privaten Seezugang haben. Mit 1000 Euro pro Quadratmeter ist der Grund so teuer, dass eine kleine Gemeinde wie Berg davon nichts kaufen kann. Nicht für Wohnungssuchende, nicht für Parks und Badestrände. Vom Tourismus, der anderen Orten am See Geld einbringt, hat Berg nichts. Wenige Radfahrer und Badegäste kommen her. Und Neugierige. Aber wenn der Magen knurrt, sind sie fort. Es gibt keine Lokale am See. Auch in den Ortsteilen von Berg haben Wirtschaften in den vergangenen Jahren schließen müssen. Monn blickt mit Sorge auf die Entwicklung des Dorflebens.

„Diese Leute wollen ihre Ruhe“

„Wer hier herzieht und genug Geld hat, sich ein Grundstück zu kaufen, sucht vor allem Ruhe“, erklärt Andreas Botas. Er ist Makler für Luxusimmobilien. Botas lebt auf einem Gut mitten im Wald. „Wer viel Geld hat, arbeitet meistens auch viel. Wenn diese Leute nach Hause kommen, wollen sie ihre Ruhe. Nichts als das.“ Er selbst hat das Gut geerbt. Wenn er drei Immobilien im Jahr verkauft, ist er zufrieden. Feldafing am Westufer ist zurzeit die beste Lage. „Wichtig ist eine gute Verbindung nach München und zum Flughafen.“ Das Ostufer hat zwar die Abendsonne, aber wegen der Anbindung wird auch das Westufer immer gefragter. Die S-Bahn fährt direkt nach München. Im Auto ist man in einer knappen Stunde am Flughafen.

Für Leute wie Sevil Siedler, die ohne Flieger und Auto unterwegs sind, ist die Anbindung ein Problem. Jeden Tag läuft sie eine halbe Stunde von Niederpöcking nach Starnberg zurück. Um arbeiten zu können, nimmt sie Morphium. Die Arthrose lässt sie das sonst nicht aushalten. Die Wirkung lässt auf dem Rückweg nach. Der Bus fährt nur einmal pro Stunde und kostet drei Euro. Geld, das sie nicht übrig hat. Ihr strömen Familien entgegen, in bunten Sommerkleidern mit großen Taschen, gepackt für einen Tag am See mit Tupperdosen und Badehosen. „Jedes Mal, wenn ich von der Arbeit hier lang zurücklaufe, träume ich davon, so zu leben wie sie. In so einer Villa. Auf der Terrasse sitzen. In Ruhe.“

Am Bahnhof Starnberg nimmt sie den Bus. 1,50 Euro. Sie fährt zum Sozialkaufhaus der Caritas, wo ihr Mann Frank arbeitet. Wegen einer Durchblutungsstörung ist er krankgeschrieben. Einen normalen Job kann er nicht ausüben. Nur drei Stunden am Tag Verwaltungsaufgaben bei der Caritas geben ihm etwas Abwechslung, eine Beschäftigungsmaßnahme, vom Jobcenter vermittelt. Das bedeutet ihm viel. Er mag den Kontakt mit Leuten. Viele kommen, um zu spenden. In der Kleiderkammer liegen Markenklamotten, Marco Polo und Ralph Lauren, auch Möbel sind unter den Spenden, oft in gutem Zustand. Die Caritas profitiert vom Reichtum der Anwohner. Die Leiterin des Sozialkaufhauses erzählt von einer Frau, die alle paar Wochen ein fast neues Paar Schuhe bringt: „Ihr Mann kauft sich immer schwarze Lederschuhe und kann es nicht leiden, wenn an der Zehenpartie diese Falte vom Laufen entsteht. Also trägt er sie kaum zehn Mal und dann bekommen wir die Schuhe.“

„Jetzt sollen die Kinder arbeiten“

Um 17 Uhr hat Frank Feierabend. Als er mit Sevil im Auto sitzt, schaut sie besorgt auf die Wetterapp ihres Handys. Sie hat ihrem Neunjährigen versprochen, am Sonntag baden zu gehen. Jetzt soll es regnen. Im vergangenen Jahr hat es Familie Siedler nicht mal geschafft, auch nur ein paar Stunden am See zu verbringen. Dabei leben sie kaum zwei Kilometer davon entfernt.

Sevil Siedler sitzt auf dem Ecksofa ihrer Wohnung, legt die Füße hoch, lässt sich kühle Luft ins Gesicht pusten. Ihr Mann war in Weilheim, um zwei kleine Ventilatoren zu besorgen. Jeweils zehn Euro. Einer davon surrt jetzt auf dem Wohnzimmertisch. Ansonsten wäre die Hitze kaum auszuhalten. Frank steht am Grill auf dem kleinen Balkon, sie versuchen, jeden Abend zusammen zu essen. Mit ihrer grellen Stimme ruft Sevil die Jungs zum Tischdecken und bittet sie, ihr etwas zu trinken zu bringen. „Jetzt sollen die Kinder arbeiten“, sagt sie, „ich mache heute nichts mehr.“

Auch wenn das Paradies sonst fünf Kilometer entfernt liegt, zwischen Tutzing und Pöcking – in solchen Momenten scheint es auch für Sevil Siedler zum Greifen nah. Und sei es nur für ein paar Minuten.

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