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Frank Plasberg diskutiert mit seinen Gästen bei Talkrunde "Hart aber fair"

Talkrunde in der ARD

"Hart aber fair" ist aus der Sommerpause zurück: "Plasberg steht daneben, wie ein verwirrtes Kind"

Eine laute, chaotische und sehr emotionale Talkrunde zur Umweltgerechtigkeit wurde dem Sendungstitel "Hart aber fair" ausnahmsweise mal gerecht.

Der Kampf hat begonnen. Ob es ein Strohfeuer ist oder ein waschechter Generationenkonflikt – wer kann das schon sagen? Aber wenn das so weitergeht, dann könnten diese Polit-Talkshows fast 20 Jahre nach ihrer Etablierung tatsächlich noch relevant werden. Ein Format, dass sich in der Konsens-Gesellschaft der Merkel-Jahre spürbar bemüht hat, kontrovers und streitbar zu sein – es könnte endlich den richtigen Konflikt gefunden haben.

Es hat eine gewisse Ironie, dass dieser Funke ausgerechnet in der ersten Sendung nach der Sommerpause bei Frank Plasberg zündet, der sonst am krampfhaftesten bemüht war, Konflikt und Kontroverse zu beschwören. In diesen 75 Minuten steht er meist mit offenem Mund daneben, wie ein verwirrtes Kind, dessen Gebete unerwarteterweise plötzlich erhört wurden. 

Hart aber fair in der ARD: Es hagelt Kritik

Einmal will er auf den Faktencheck hinweisen – und wird von seinen eigenen Gästen abgeschnitten und niedergebrüllt. Später versucht er, die überschäumenden Emotionen und die gleichzeitig tönenden Gäste zu beruhigen – mit Metaphern, die zeigen, wie ungewohnt ihm diese Rolle ist: „Der Chorsgesang gehört in die Kirche, nicht in diese Sendung.“

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Ohne Startschuss geht es los. Erstmal hagelt es von allen Seiten Vorab-Kritik am Klimagesetz-Paket, das die große Koalition Ende dieser Woche beschließen möchte. Die „Zeit“-Autorin Petra Pinzler ist „wenig hoffnungsfroh“ und fragt, wo denn eigentlich das jahrelang angekündigte Kohle-Ausstieg-Gesetz bleibt? Der Ökonom Daniel Stelter winkt auch wütend ab und attestiert der Regierung völliges Versagen, weil sie „ohne Effekt“ Geld zum Fenster rauswerfen – aber seine durchaus überraschende Analyse wird man dank des Durcheinanderrufens erst viel später erfahren. Matthias Miersch, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion für die Bereiche Umwelt, Naturschutz und Energie, fühlt sich von so viel Aktivismus überfahren, schwimmt aber gerne mit auf der Welle der Dramatik: „Es wird überhaupt nicht so sein, dass wir weiterleben können wie bisher.“ 

ARD Talk "Hart aber fair": Klima-Aktivistin holt großen Hammer raus

Die “Fridays for Future”-Klima-Aktivistin Leonie Bremer holt derweil den ganz großen Hammer heraus und wirft der Regierung nichts weniger als die Zerstörung der Welt vor: „Dieses Klimakabinett wird nicht ausreichen, um den Planeten zu retten.“ Eine erste Duftmarke, ein erstes entsetztes Luftschnappen des Publikums. „Rums!“, flüstert Plasberg in die anschließende betretene Stille hinein, halb begeistert, halb verängstigt angesichts der Geister, die er da rief.

Peter Altmaier, CDU-Wirtschafts- und Energieminister, versucht zu beruhigen, poltert aber genauso laut über die Sorgen der Landbevölkerung, über die strukturschwachen Regionen und über Anreize für den Co2-Einsparung. „Wir müssen zeigen, daß wir das ernst nehmen“, tönt er – und beweist durch das pure Aussprechen, wie wenig er das ernst nimmt. Entsprechend wird er von allen Seiten angegriffen. Die Geduld für brave Floskeln ist offensichtlich verbraucht, das Vertrauen der Mitdiskutanten in die Regierung ist nach dem enttäuschenden Windenergiegipfel und nach dem ausbleibenden Kohle-Ausstieg endgültig weg. Was in anderen Zeiten eine harmlose SPD-CDU-Auseinandersetzung darüber wäre, ob man mehr mit Karotte oder mit Knute erreicht, wird dadurch zu einer hochgradig unterhaltsamen, aber auch chaotischen Klima- Schlachtplatte.

Reden wir nicht drumrum: Das Feuer in dieser Diskussion kommt von der jungen Umweltaktivistin Leonie Bremer. Sie ist eine reine Heckenschützin, die jede freundliche Floskel mit ihren teils rabiaten Einwürfen abschießt: Man muss eine Mischung aus Förderung und Forderung finden, sagen die GroKo-Politiker. „Und was ist mit den 45 Milliarden Förderung für die Kohle-Energie?“, ruft Bremer rein. Die Bundesrepublik ist auf einem guten Weg, versichern die Politiker, und die Industrie zieht auch mit beim... „Und deswegen werden gerade auf der IAA die schlimmsten Dreckschleudern als Autos der Zukunft vorgestellt?“, unterbricht Bremer. Das Publikum johlt, Altmaier und Miersch sind von dem Tonfall durchaus mitgenommen, und die anderen Gäste werfen sich kurzerhand noch oben auf das Körperknäuel mit drauf.

ARD: Hart aber fair-Runde diskutiert über Klimagerechtigkeit

Teilweise ist es ein Wettlauf um die radikalste Position. Pinzler beschwört die Klimagerechtigkeit gegenüber der jungen Generation, gibt Bremer in allen Punkten recht und legt deren Radikalität in konkrete Forderungen um: „Das ist doch alles Stückwerk! Werden wir es schaffen, CO2 einen Preis zu geben? Alles andere ist doch von hinten her gedacht. Danach kann man darüber nachdenken, wen man entlastet, aber alle reden immer zuerst von den Entlastungen und vergessen dann die Hauptsache.“ Stetler stellt seinen eigenen Plan vor, der auf seine Weise radikaler ist als alle anderen. Er findet, dass die CO2-Reduzierung nicht weit genug geht, man muss neue Technologien entwickeln, die CO2 aus der Atmosphäre ziehen. Radikale Innovation statt kleingeistiger Vermeidung. (Nur als er später den englischen Kohle-Ausstieg unter Thatcher in den 80ern als großes Vorbild hinzustellen versucht, macht er sich dann doch unglaubwürdig.) Und plötzlich will auch Miersch radikal sein: „Wir müssen dieses System verändern.“ Doch wie bei jedem gut gemeinten SPD-Initiative der letzten Jahre wurde vergessen, dass man selbst in der Regierung sitzt und eigentlich solche Ziele tatsächlich umsetzen könnte. Daraufhin wieder aufgebrachtes Rufen von allen Seiten. „Ich liebe leidenschaftliche Diskussionen, aber hören Sie doch bitte mal zu“, jammert nun ein Frank Plasberg, der sein Talker-Glück kaum fassen kann.

Bei der Klimawende kann man nicht alle zufrieden stellen

Dass die Sendung sich dann doch etwas beruhigte und sogar leicht jovial wurde, hatte Plasberg nur sich selbst anzukreiden, weil er Leonie Bremer so schrecklich ausbremste. Wie so viele Leute vor ihm machte er den Fehler, die jungen Klima-Aktivisten wie Politiker zu behandeln und sie nach fachfremden Komplikationen zu fragen, in diesem Fall: Wenn man bei der Klimawende nicht extra-sanft alle Bevölkerungsgruppen zufriedenstellt, wie kann man dann ein Erstarken der AfD verhindern? An dieser Steller hat Bremer es leider verpasst, wie FFT-Kolleginnen vor ihr, auf die Absurdität hinzuweisen, von einer Mittzwanzigerin Lösungsvorschläge für die Bundespolitik zu fordern. Es ist der gleiche Denkfehler, den schon Lindner und andere gemacht haben: Wenn Politiker eine Schülerin oder Studentin fragen, wie sie ihren Job machen sollen, ist das eher ein Armutszeugnis für den Politiker. Die Aufgabe der jungen Klima-Aktivisten ist es, dafür zu sorgen, dass die Politiker ihren Job machen und die von ihnen selbst gesteckten Klimaziele* einhalten. Wenn ein Klempner einen Wasserschaden nicht beheben kann, obwohl er das vorher versprochen hat, dann sollte er auch nicht den sich beschwerenden Kunden um Rat fragen.

"Hart aber fair" - Dann kommt der größte Lacher des Abends

Diese unangebrachte Frage, auf die keiner eine Antwort hat, bringt Leonie Bremer für einige Minuten zum Schwiegen und den restlichen Gästen etwas Verschnaufpause. Pinzler kann von ihrem privaten Klima-Kreuzzug erzählen, der von ihrer Tochter angestoßen wurde. Und Altmaier darf sich auch ganz ohne Einwürfe noch tiefer reinreiten. Als Plasberg anregt, dass die noch in Bonn verbliebenen Ministerien rund 100.000 Flüge jährlich verursachen, schwärmt der Minister von den strammen Qualitäten der Rheinländer, die man schon aus emotionalen Gründen in der Regierung halten müsste. „Aber selbstverständlich muss man überprüfen, wo man Dinge effizienter machen kann“, schiebt er hinterher, als hätte er nicht gerade völlig ohne Not eine riesige Ressourcenverschwendung mit politischer Romantik gerechtfertigt. Bei einer Fragen nach der Flugbereitschaft der Regierung, die ebenfalls noch in Bonn sitzt und dadurch jährlich 850 Leerflüge verursacht, kriegt er dann auch noch den größten Lacher des Abends – unfreiwillig: Man wollte mit dem Umzug auf den neuen Flughafen Berlin-Brandenburg warten. Manche Witze werden niemals alt.

Nur Altmaier wirkt an diesem Abend alt, sehr alt sogar. Während um ihn herum die veganen Klimadamen über den fossilen Fußabdruck fachsimpeln, faselt er von seinem Umstieg von Rind auf Hähnchen, und dass er im Sommer ja manchmal auch Fahrrad fährt, aber natürlich nicht wegen der Umwelt. Wie wenig er wirlich begriffen hat, zigt sich am Ende, als er wieder ganz von vorne anfangen möchte: „Dass wir die Klimaziele erreichen, ist doch gar keine Frage.“ Das weckt dann sogar den Kampfgeist von Leonie Bremer wieder, die ihm da deutlich widerspricht. Eigentlich sollten da mehrere Leute überrascht sein, das hatten anfangs der Sendung einige stark angezweifelt. Aber bevor das „Jeder gegen jeden“-Scharmützel des Anfangs wieder losgeht, beendet Plasberg die Sendung lieber schnell. Mal sehen, ob das Klima-Thema nach der nächste Wahl wieder in den Hintergrund gedrängt wird, oder ob wir nun viele Jahre lang solche Diskussionen haben dürfen.

Von D.J. Frederiksson

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