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Was aussieht wie der Eingang zur Tiefgarage im Skigebiet, ist die Pforte zum Saatgutspeicher auf Spitzbergen, einer Art globalem Backup genetischer Informationen. Mehr als eine Million Pflanzensamen aus aller Welt lagern hier.

Spitzbergen

Arche Noah in der Arktis

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Hunderttausende Pflanzensamen aus aller Welt lagern in einem Hightech-Tresor auf Spitzbergen. Doch der Klimawandel gefährdet das Gebäude

Fröstelndes Warten bei null Grad Celsius und eiskaltem Wind im Örtchen Longyearbyen auf der Insel Spitzbergen. Mit der Tour „From Seed to Summit“, zu deutsch „vom Samenkorn zum Gipfel“, sollen ein paar Abenteuerlustige zum Weltsaatgutspeicher gebracht werden und danach auf den Berg steigen, in dessen Fels die Anlage gebaut wurde. Im Hightech-Tresor des Global Seed Vault wird Saatgut der wichtigsten Nutzpflanzenarten aus aller Welt aufbewahrt. Im Falle eines Atomkrieges oder einer Naturkatastrophe sollen sie die Ernährung der Menschen und die globale Artenvielfalt sicherstellen.

Der Samentresor liegt in der Nähe des Flughafens von Longyearbyen, auf dem 78. Breitengrad, etwa 1300 Kilometer vom Nordpol entfernt, tief im Permafrostboden des Berges Platåberget. Die Tour dorthin wird geleitet von Braga, einer jungen, eher zierlichen Frau. Sie erklärt die Regeln für die Tour. Das Wichtigste: Immer in ihrer Nähe bleiben. Braga trägt eine Signalpistole und ein Großkalibergewehr. Das alles dient dem Schutz gegen Eisbären, von denen auf Spitzbergen mehr Exemplare leben als Menschen. Die Tiere können ein Risiko sein, wenn man nicht genau weiß, wie man sich verhalten soll. Braga hat auch ihren Hund dabei. Der würde einen Eisbären schon wittern, bevor die Gruppe das Raubtier überhaupt sähe.

Die Fahrt zum Weltsamenspeicher dauert nur wenige Minuten, der Küstenort ist klein. Eine steile Straße führt hinauf. Schon von unten ist der Eingang gut zu sehen. Doch er ist nicht opulent, nicht riesig, nicht hinter hohen Zäunen verschanzt. Der Speicher wirkt völlig unscheinbar, geradezu unspektakulär. Doch hier lagern für den Fall einer globalen Katastrophe Samen von Reis, Mais und Weizen, Kartoffeln, Äpfeln, Maniok, Wasserbrotwurzel und Nüssen. Das Einlagern ist kostenlos. Die Anlage wird vollständig von der norwegischen Regierung finanziert. Insgesamt befinden sich derzeit mehr als 933 000 Saatgutproben von 5384 Arten im Tresor. Darunter sind allein 70 000 Reis- und 15 000 Bohnensorten. Ende Februar, anlässlich des zehnten Jahrestags der Errichtung des Speichers, wurden neue Samen eingelagert.

Vor zehn Jahren, am 26. Februar 2008, wurde der Weltsamenspeicher in Betrieb genommen. Spitzbergen galt als idealer Aufbewahrungsort: In dem Gebiet gibt es keine tektonische Aktivität. Die Infrastruktur ist gut ausgebaut, es gibt tägliche Flüge und mit dem örtlichen Kraftwerk eine zuverlässige Energiequelle. Sollte es einmal ausfallen, hat der Tresor einen eigenen Generator. Außerdem sind das kalte Klima und der Permafrostboden wichtige Voraussetzungen für unterirdische Kühlräume. Die Anlage befindet sich auf einer Höhe von 130 Metern, tief im Felsen. So bleiben die Räume kalt, selbst bei einem Ausfall des mechanischen Kühlsystems und bei steigenden Außentemperaturen aufgrund von Klimaveränderungen. Schätzungen zufolge würde es zweihundert Jahre dauern, den Tresor auf 0 Grad Celsius zu erwärmen. Konstant kalte Temperaturen sind wichtig für die Haltbarkeit der Samen, die Temperatur darf nie über minus 3,5 Grad Celsius steigen.

Erstmals wurden im September 2015 Reserven aus dem Weltsamenspeicher angefordert. Gebraucht wurden sie in Syrien, die Bestände von Futterpflanzen und Getreide sollten aufgestockt werden. Angefragt hatte das Internationale Zentrum für landwirtschaftliche Forschung in Trockengebieten in Aleppo. Die Samen sollen nach ihrer Vervielfältigung wieder in den Speicher zurückkehren. Doch das wird vermutlich Jahre dauern.

Bevor Saatgut im Tresor eingelagert wird, muss kontrolliert werden, dass sich in den Kisten auch wirklich nur Samen befinden. Wenn die Behälter mit dem Saatgut am Flughafen ankommen, werden sie mit dem Röntgenscanner geprüft. Dafür verantwortlich ist eine externe Firma namens Nordgen. Deren Mitarbeiter verwalten und koordinieren die Kisten. Zudem sind sie verantwortlich für die Datenbank, in der festgehalten ist, welche Samen aus welchen Ländern in den Boxen lagern.

Wenn die Kontrolle am Flughafen abgeschlossen ist, werden die Kisten zum Tresor gebracht. Dort herrschen strenge Sicherheitsvorkehrungen. Mitarbeiter brauchen mehrere Schlüssel, um die Sicherheitstüren zu passieren. Für Besucher ist die Saatgutbank nur von außen erreichbar, ein Blick in das Innere ist über die Internetseite www.croptrust.org möglich. Allerdings ist das Innenleben nicht viel aufregender als das rundum unscheinbare Gebäude in dieser kargen Felslandschaft: Vom Eingang führt ein 150 Meter langer Tunnel in den Berg hinein.

Am Ende des Gangs befinden sich drei Kammern, darin stehen deckenhohe, schlichte Metallregale. Dort hinein gestapelt sind schwarze Kisten. In ihnen lagern die wertvollen Samenproben, verpackt in Plastikbeuteln oder Glasröhrchen. Eine der interessantesten Kisten auf Spitzbergen ist wahrscheinlich die Box Nummer 7, es sind Samen aus Nordkorea – unter anderem von Mais, Mungobohnen und Reis.

Doch die Saatgutbank auf Spitzbergen ist nicht die einzige Anlage, die Pflanzensamen lagert. Weltweit gibt es mehr als 1400 kleinere, lokale Aufbewahrungsanlagen. Die Hauptaufgabe dieser Tresore ist, die genetische Vielfalt im Agrarsektor sicherzustellen und die Samen Forschern, Züchtern und Landwirten zur Verfügung zu stellen. Außerdem wird dort an dem Saatgut geforscht. Nicht so im Global Seed Vault. Das dort gelagerte Saatgut wird von den lokalen Banken der verschiedenen Länder nach Spitzbergen geliefert und dort nur aufbewahrt.

Der Tresor auf Spitzbergen ist also eine Art globales Backup genetischer Informationen. Doch im Jahr 2008 gab es schon die ersten Probleme, hervorgerufen durch das langsame Auftauen des Permafrostbodens rund um den Eingang des Tresors. Die Statik des Gebäudes war gefährdet, der Stahlmantel verformte sich, es musste nachgebessert werden. Dabei sollte das Gebäude so konzipiert sein, dass der Betrieb auch ohne Menschen möglich ist.

2016 folgte das nächste Problem: Es war überdurchschnittlich warm auf Spitzbergen. Das Tauwasser gelangte in den Eingangstunnel und gefror. Die Verantwortlichen mussten erneut nachbessern. Innerhalb der Anlage wurden Pumpen und Drainagen installiert. Infolge der warmen Temperaturen wurden 2017 alle elektrischen Geräte, die eine potenzielle Wärmequelle darstellten, aus dem Tunnel entfernt. Wasserdichte Schutzwände wurden eingezogen, außerhalb der Anlage Entwässerungsgräben gezogen.

Doch was passiert, wenn die Temperatur weiter steigt? Kann die kühle und trockene Lagerung gewährleistet werden? Experten erwarten einen globalen Temperaturanstieg zwischen 1,8 und 4 Grad Celsius bis zum Jahr 2100. Diese dramatische Klimaveränderung hätte immense Auswirkungen auf die Arktis-Region. Dazu gehören starke Niederschläge und der Anstieg des Meeresspiegels durch das Schmelzen des Arktischen Eisschildes.

Die norwegische Regierung hat Experten damit beauftragt, mögliche technische und bauliche Neuerungen des Saatgut-Tresors zu prüfen, um dem „gestiegenen Wasseraufkommen etwas entgegenzusetzen, das durch ein feuchtes und wärmeres Klima“ auf Spitzbergen entstanden sei, wie die Regierung erklärte. Das Expertenteam soll Pläne entwickeln, die die sichere Lagerung der Samen gewährleisten. Eine Möglichkeit wäre die Umlegung des Eingangs und des Tunnels, um das Eindringen von Wasser künftig zu verhindern. Die erarbeiteten Vorschläge sollen in diesem Frühjahr vorgestellt werden.

Inzwischen ist eine weitere Besuchergruppe mit einem Bus am Tresor angekommen. Er ist mittlerweile eine Attraktion und ein fester Bestandteil vieler Touristenausflüge geworden. Aber, anders als bei der kleinen Tour mit Braga und ihrem Hund, ist die Gruppe im Bus zu groß. Sie dürfen den Bus nicht verlassen, weil bei so vielen Menschen niemand für deren Schutz vor Eisbären garantieren könnte. An diesem Tag war zwar keines der Raubtiere in die Nähe des Saatguttresors gekommen – aber: Sicher ist sicher.

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