Befreiung von Zwangsarbeitern 1945. Rassismus hat in Deutschland eine bittere Tradition. Bis heute. dpa
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Befreiung von Zwangsarbeitern 1945. Rassismus hat in Deutschland eine bittere Tradition. Bis heute.  

Bundesweiter Aktionstag

Anti-Rassismus-Protest am 8. Mai: „Wir müssen den Alltag stören“

  • Sophie Vorgrimler
    vonSophie Vorgrimler
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Protest am 8. Mai: Der Soziologe Gürsel Yildirim über die Folgen des Anschlags von Hanau und den Tag der ein „migrantischer Streiktag“ werden sollte.


Herr Yildirim, Ihr Bündnis hat am 8. Mai zu einem migrantischen „Tag des Widerstands“ aufgerufen. Warum der 8. Mai?

Ich habe am 22. Februar bei der Gedenkfeier in Hanau gesprochen und dort im Namen der Initiative zu diesem Streik aufgerufen. Die Reaktionen zeigen: Wir haben einen Nerv getroffen, auch bei der jungen Generation. Das Datum hat ein Netzwerk aus Berlin vorgeschlagen. Der 8. Mai ist ein symbolischer Tag mit einem Bezug zu unserem Streik: Es ist der Jahrestag der Befreiung vom Faschismus – aber dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen. In Berlin ist der 8. Mai in diesem Jahr ein Feiertag* und wir wünschen uns, dass er generell dazu erklärt wird. Die Forderung ist angelehnt an die Forderung von Esther Bejarano, Überlebende des KZ Auschwitz-Birkenau und ein Vorbild für uns.

Wofür – oder wogegen – richtet sich die Aktion?

Es besteht ein Macht- und Herrschaftsverhältnis, es gibt verinnerlichte Vorurteile der Mehrheitsgesellschaft. Migranten, Menschen mit Migrationshintergrund, „People of Colour“ – wie auch immer man sie nennen will – werden rassistisch diskriminiert bis hin zu Mord. Um nicht in die „Opferrolle“ zu fallen, ist Selbstorganisierung und Selbstverteidigung gegen Rassismus unser Handlungsaspekt. Unsere soziale Bewegung ist eine antirassistische Migrant_innen-Bewegung.

Nach Anschlag in Hanau: Protest gegen Rassismus am 8. Mai 

Die Ramazan-Avci-Initiative, in der Sie aktiv sind, ist eine Gedenkinitiative. Sie ist benannt nach einem Opfer eines rechtsextremen Übergriffs.

Gürsel Yildirim ist Soziologe und Aktivist. Im Namen der Gedenk-Initiative Ramazan Avci hat er bei der Trauerfeier für die Opfer des rechtsextremen Anschlags in Hanau zu einem migrantischen Generalstreik aufgerufen – nach dem Vorbild der Migrantenbewegung in den 80er und 90er Jahren.

Der Angriff auf Ramazan Avci, der im Dezember 1985 in Hamburg von Nazi-Skins ermordet wurde, war ein Wendepunkt in der Geschichte der Migranten in Deutschland. Unsere Initiative haben wir 2010 gegründet, nachdem ein Aktivist, der als Jugendlicher den Mordfall miterlebte, feststellte: Wir haben Ramazan Avci fast vergessen! Das war auch unser Versprechen an die Angehörigen der Opfer in Hanau: Wir werden sie nicht vergessen. Hanau ist ein weiterer Wendepunkt. Es wird ein „vor Hanau“ und „nach Hanau“ geben. Die Facebook-Seite des Aktionsbündnisses heißt deshalb „Hanau ist überall – Tag des Widerstands am 8. Mai“.

Migrantische Streiks haben eine Tradition. Vor fast 30 Jahren gab es nach dem Brandangriff im November 1992 in Mölln mit drei Toten und dem Anschlag 1993 in Solingen mit fünf Toten eine ganze Reihe von Protesten. Wie haben Sie jene Zeit erlebt?

Ich bin 1981, mit 14 Jahren nach Deutschland gezogen, erst nach Darmstadt, später nach Hamburg. Ich war immer politisch aktiv und habe im Zusammenhang von Gedenkinitiativen einen engen Kontakt zu den Familienangehörigen, vor allem in Hamburg und in Norddeutschland. Nach den rassistischen Anschlägen in Mölln und Solingen formierte sich eine antirassistische Migrantenbewegung, wir haben als „Widerstandsinitiative gegen Rassismus“ sehr schnell selbstorganisierte Aktionen und Streiks in Hamburg organisiert. Tausende Menschen mit oder ohne „Migrationshintergrund“ kamen zu Großkundgebung vor dem Hamburger Rathaus: Arbeiter_innen, Schüler_innen, Studenten_innen, Selbstständige und nicht nur türkeistämmige Organisationen und Vereine. Auch am „Tag des Streiks“, am 2. Juni 1993, war ich beteiligt. Laut „Hamburger Abendblatt“ waren in Altona 90 Prozent der Läden von Migranten dicht, vor dem Großmarkt in Hamburg standen LKW quer.

Initiative „Hanau ist überall“ ruft zum antirassistischen Protest am 8. Mai auf

Ein Generalstreik war die Protestform, die Sie eigentlich im Sinn hatten, als Sie jetzt zum Streiktag aufriefen. Dann kam Corona.

Nachdem wir von dem Massaker in Hanau erfahren haben, wollten wir nicht das gewöhnliche Gerede, sondern andere Wege einschlagen und aktiv werden. Es nützt nichts, in geschlossenen Räumen zu diskutieren und anzuklagen. Wir müssen den Alltag stören. Mit der Idee konnten wir auch viele Initiativen gewinnen. Es gab ein erstes Bündnistreffen mit zirka 60 Personen, zwei Tage später gab es die ersten Einschränkungen wegen Corona. Während der Krise zu einem Generalstreik der Migranten aufzurufen, kam nicht mehr infrage – da zeigen uns die Geschäftsleute einen Vogel.

Trotzdem findet ein Protesttag statt. Aufrufe der teilnehmenden Initiativen werden immer zahlreicher, man findet sie in den sozialen Netzwerken unter „Tag des Zorns“ und „Tag des Widerstands“ und Hashtags wie #HanauIstUeberall, #NieWieder #SayTheirNames, #8.MaiFeiertag und #SelbstverteidigungGegenRassismus. Findet er jetzt nur im Internet statt?

Die Nazis lachen doch, wenn die Leute nach so einem Massaker wie in Hanau schreiben: „Wir sind mehr“ und „unteilbar“. Natürlich sind wir mehr, aber das muss man auch sehen. Dort wo Bewegung ist, da guckt man hin. Auch wir haben Hashtags für die Aktionen und rufen Menschen dazu auf mit den Hashtags ihre Forderungen und Aktionen zu verbreiten. Das Aktionsbündnis „Hanau ist überall“ setzte trotz Corona-Auflagen einen kreativen, dynamischen Prozess in Gang. „Die Vielen“, ein Zusammenschluss von Kulturhäusern, stellen uns ihre Infrastruktur zur Verfügung. Wir werden die Bilder und Namen der Opfer rassistischer Gewalt an bestimmte Gebäudefassaden projizieren, haben ein Video mit Überlebenden des Holocausts und Angehörigen von Opfern in Hamburg gedreht. Unser Bündnis hat mehrere Mahnwachen angemeldet. Wir werden Transparente und beschriftete Kartons aus Fenstern, von Balkonen, an Dächer und Außenwände hängen. Dazu rufen wir auch bundesweit unsere Unterstützer – Privatpersonen, Ladeninhaber, Schulen, Theater, Kulturhäuser, Kneipen – auf.

Interview: Sophie Vorgrimler

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Zum Kriegsende im Mai 1945 entdeckte George Allen die Reste der Besprechungsprotokolle Adolf Hitlers*. Ein Fund, der Geschichte schreiben sollte.

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