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Solidarische Aktion: Der japanische Künstler Dragon76 ruft mit einem Wandgemälde dazu auf, den Hass zu stoppen.

Zahlreiche Angriffe

Anti-asiatischer Rassismus in den USA: Die Angst geht um in Chinatown

  • Sebastian Moll
    VonSebastian Moll
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Seit Donald Trump von Covid-19 als „China-Virus“ sprach, mehren sich in dem berühmten New Yorker Viertel Attacken auf chinesisch-stämmige Menschen. Ein Gesetz soll sie vor Gewalt schützen. Aber hilft es wirklich?

New York - Das „Kongh Sikh Tong“ ist ein Insidertipp, normalerweise verirrt sich kaum ein nicht-chinesischstämmiger Gast in das kleine Restaurant an der Bayard Street im Herzen der New Yorker Chinatown. Das knappe Dutzend Tische ist überwiegend von Stammgästen aus der Nachbarschaft besetzt, Menschen wie Karlin Chan, der seit seinem zweiten Lebensjahr – also seit mehr als 60 Jahren – hier lebt.

Chan liebt das Lokal, er kommt fast jeden Nachmittag hierher, um einen Teller marinierte Schweinelendchen oder frittierte Paprikaschoten zu essen. Doch heute mag Chan, ein kräftiger Sinoamerikaner mit schlohweißem Schopf, das Essen nicht so recht schmecken. Denn erst vor Kurzem ist es auf dem Bürgersteig direkt vor der Tür des „Kongh“ schon wieder passiert: Eine 55 Jahre alte Frau aus der Nachbarschaft war arglos auf dem Weg nach Hause, als ihr völlig unvermittelt ein Mann im Vorbeigehen mit voller Wucht ins Gesicht schlug. Die Frau blieb bewusstlos liegen und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Zum Glück erholte sie sich vollständig.

Anti-asiatischer Rassismus in den USA: Menschen in Chinatown fürchten um Sicherheit

Viel schlimmer als die körperlichen Verletzungen waren jedoch die psychischen Folgen des Angriffs – für das Opfer selbst, aber auch für die Menschen in der berühmtesten chinesischen Nachbarschaft in den USA. „Die Leute haben Angst“, sagt Karlin Chan. „Insbesondere die Älteren trauen sich kaum mehr auf die Straße.“ In New York herrscht in diesen Tagen eigentlich Partystimmung, man genießt den Sommer und die Lockerungen in der Corona-Pandemie. Die Parks und die Restaurants sind voll, die Menschen gehen zu Konzerten und ins Kino und feiern die wiedergewonnene Freiheit.

An vielen Orten in Chinatown herrscht hingegen Beklemmung. Die Wiederkehr des New Yorker Lebens und der sprichwörtlichen New Yorker Energie ruft hier eher das Gegenteil von Euphorie hervor: Mehr Menschen auf der Straße bedeutet mehr Angst vor Übergriffen. Für die Menschen in Chinatown war Covid noch um ein Vielfaches schlimmer, als für die meisten anderen US-Amerikanerinnen und -Amerikaner. Schon Anfang des Jahres 2020, einige Zeit bevor die breitere Bevölkerung die Auswirkungen der Pandemie zu spüren bekam, litt das Viertel. Die Menschen mieden Chinatown. Der damalige US-Präsident Donald Trump sprach vom „China Virus“ und schürte damit Ängste. Viele glaubten, sie könnten eine Ansteckung mit Covid-19 vermeiden, indem sie Menschen chinesischer Herkunft aus dem Weg gingen. Aber nicht nur das: Es mehrten sich auch die Übergriffe gegen asiatisch-stämmige Menschen.

Aktivist Karlin Chan hilft Menschen, die Übergriffe erlebt haben.

Bis zum Ende des vergangenen Jahres zählte die Hilfsorganisation „Stop Asian American and Pacific Islander Hate“ insgesamt 2800 Gewalttaten, das sind 150 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Ihren Höhepunkt erreichte die Hasswelle im März diesen Jahres, als ein Mann in drei Massage-Studios in Atlanta acht asiatisch-stämmige Angestellte niederschoss. Der Amoklauf trat eine nationale Welle der Entrüstung los. In vielen Städten der USA gingen die Menschen zu Hunderttausenden auf die Straße. Der vermeintlich duldsamen und stillen Minderheit war der Geduldsfaden gerissen. #StopAsianHate wurde zum millionenfach genutzten Hashtag in den sozialen Netzwerken.

#StopAsianHate: Gewalttaten gegen asiatisch-stämmige Menschen in den USA nehmen deutlich zu

Auch die neue Regierung in Washington reagierte. US-Präsident Joe Biden verurteilte die Gewalt aufs Schärfste. Ein neues Gesetz wurde rasch durch den Kongress geschleust, damit lokale Behörden schneller und leichter rassistisch motivierte Delikte gegen die asiatische Minderheit verfolgen können. Doch genutzt hat das bislang wenig. Die Gewalt geht weiter. Kurz nach der Verabschiedung des Gesetzes wurde am helllichten Tag in Midtown Manhattan eine philippinisch-stämmige Frau brutal zusammengetreten. In Queens wurde einem Mann mit einem Messer das Gesicht zerschnitten. In Pennsylvania wurde ein junger asiatischer Mann, der unter psychischen Problemen litt, von der Polizei niedergeschossen. Es war genau die Art von Polizeigewalt, die im Fall von George Floyd zu einem weltweiten Aufruhr führte. Insgesamt stieg die Gewalt gegen asiatisch-stämmige Menschen im ersten Quartal 2021 erneut um 164 Prozent an.

Karlin Chan überrascht das alles nicht. „Wir bekommen von der Politik doch nur Lippenbekenntnisse.“ Ein Anti-Diskriminierungsgesetz sei gut und schön. Aber es ersetze nicht die Taten, die er bislang vermisst – etwa einen verstärkten Polizeischutz in Chinatown. Deshalb patrouilliert er selbst seit Monaten mit einer Gruppe Freiwilliger durch sein Heimatviertel, bietet älteren Menschen auf dem Nachhauseweg Schutz an, meldet der Polizei verdächtige Personen, greift, wenn es sein muss, selbst ein. „Ich bin keiner, der eine Auseinandersetzung scheut“, sagt der 1,80 Meter große Mann. Doch was er natürlich nicht leisten kann, ist, über Nacht die Einstellungen der Menschen zu ändern. Die sitzen tief. „Dieses Land ist auf Rassismus aufgebaut“, sagt Karlin Chan. Und er weiß, wovon er spricht.

Wenn die Bullen kommen, werden sie zum zweiten Mal zu Opfern. Die Angreifer behaupten einfach, die Chinesen hätten angefangen.

Karlin Chan, Aktivist

Chan hat in seinen 60 Jahren in Chinatown zu viel erlebt, als dass er sich Illusionen hingibt. Schon seit den 1970er Jahren hilft der Mann, der sich als „Community Activist“ bezeichnet, Opfern von Übergriffen. Einwanderern der ersten Generation etwa, die nicht gut Englisch können. „Wenn die Bullen kommen, werden sie zum zweiten Mal zu Opfern. Die Angreifer behaupten einfach, die Chinesen hätten angefangen.“ Verurteilungen für die Täter, so Chan, gäbe es nur selten. Dennoch: Chinatown sei seine Heimat, und er wolle niemals von hier fortziehen. „Die Touristen finden es hier exotisch. Die Wahrheit ist aber, dass es ein Slum ist.“ Ein Viertel aus billigen, maroden Wohnquartieren und – gerade in der Pandemie – ungenügendem Schutz für Menschen, die man sonst nirgends haben will.

In der Geschichte der USA wurden Eingewanderte aus China noch nie willkommen geheißen. Das hat Chan in seiner eigenen Familie erlebt. Sein Großvater kam als Arbeiter um die Wende zum 20. Jahrhundert in die USA. Wegen des „Chinese Exclusion Act“, des einzigen Einwanderungsgesetzes der Vereinigten Staaten, das eine bestimmte ethnische Gruppe zum Ziel hatte, durfte er seine Familie nicht mitbringen. Besuche waren nur alle paar Jahre möglich.

Die sogenannten Schutzengel sorgen sonst in der New Yorker U-Bahn für Schutz, nun patrouillieren sie durch Chinatown.

Das Gesetz wurde erst 1965 wieder revidiert. Sowohl Chans Vater als auch sein Großvater waren alleine in den USA, die Familien blieben in China. „Die Chinatowns in den USA waren reine Junggesellenviertel“, sagt Chan. Sein Vater konnte seine eigene Mutter – Chans Großmutter – 30 Jahre lang nicht ein einziges Mal sehen.

Kein neues Phänomen: Anti-asiatischer Rassismus in den USA

Chan selbst wurde noch in China geboren und kam im Alter von zwei Jahren in die USA. Er gehörte zur ersten Generation von Chinesen, die in den USA eine eigene Familie gründen durften. „Rassismus gegen Asiaten“, sagt er, „war 70 Jahre lang offizielle nationale Politik“. So ist die jüngste Welle des Hasses für ihn kein Schock. „Das hat es in der amerikanischen Geschichte immer wieder gegeben.“

Zum ersten Mal zu meiner Lebzeit entwickeln die asiatisch-stämmigen Amerikaner ein Selbstbewusstsein als Minderheit.

Karlin Chan, Aktivist

Während des Zweiten Weltkriegs etwa, als 120 000 japanisch-stämmige US-Amerikanerinnen und Amerikaner in Internierungslager gesperrt wurden. Als Begründung genügte ihre ethnische Herkunft. Nur wenige der Internierten waren in Japan geboren worden, die meisten gehörten der zweiten oder dritten Generation japanischer Auswanderer an. 1800 von ihnen wurden krank und starben in den Lagern.

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1982 wurde dann der chinesisch-stämmige Vincent Chen in einer Bar in Michigan mit Baseballschlägern zu Tode geprügelt. Die Angreifer machten ihn für den Verlust von Arbeitsplätzen in der Autoindustrie verantwortlich, weil sie ihn für einen Japaner hielten. Dabei war Chen in der chinesischen Provinz Guangdong zur Welt gekommen.

Die Geschichte des anti-asiatischen Rassismus in den USA hat Karlin Chan zwar nicht zynisch gemacht. Aber er ist „zurückhaltend realistisch“, wie er sagt. Dass sich unter Biden und seiner asiatisch-stämmigen Vizepräsidentin Kamala Harris viel ändert, glaubt er nicht. Schon gar nicht, solange Biden China als das große Feindbild für die USA zeichne: „Das hilft uns überhaupt nicht.“

Eines macht Chan aber doch Hoffnung. „Zum ersten Mal zu meiner Lebzeit entwickeln die asiatisch-stämmigen Amerikaner ein Selbstbewusstsein als Minderheit.“ Die jungen Leute, Einwanderer der zweiten und dritten Generation, duckten sich nicht mehr weg. Sie täten nicht mehr alles, um nicht aufzufallen, sondern sie wehrten sich. „Wir waren bislang immer unsichtbar“, sagt Chan. Doch das sei nun ein für alle Mal vorbei. (Sebastian Moll)

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