Niedersachsen

Anklage sieht 97 Taten als belegt

Das Urteil gegen den einstigen Pfleger Niels H. wird für Donnerstag erwartet.

Nach rund sieben Monaten soll am heutigen Donnerstag der Prozess um die beispiellose Mordserie des ehemaligen Krankenpflegers Niels H. in zwei niedersächsischen Krankenhäusern enden. Das Landgericht Oldenburg verkündet sein Urteil gegen den 42-Jährigen, dem die Anklage weitere 97 Morde an Intensivpatienten vorwirft. H. selbst entschuldigte sich am Mittwoch in seinem letzten Wort vor Gericht bei allen Betroffenen für seine „schrecklichen Taten“.

Der in zwei früheren Prozessen schon wegen sechs Patiententötungen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilte H. steht seit Oktober erneut vor Gericht. Dabei geht es um zahllose zusätzliche Taten, die er zwischen 2000 und 2005 während seiner Arbeitszeit an Krankenhäusern in Oldenburg und Delmenhorst begangen haben soll, indem er Patienten eigenmächtig Medikamente verabreichte.

Der aktuelle Prozess ist das Ergebnis umfangreicher Ermittlungen, die während des vorangegangenen Gerichtsverfahrens in den Jahren 2014 und 2015 eingeleitet wurden. Damals verdichteten sich die Hinweise darauf, dass der Ex-Pfleger noch weitaus mehr Verbrechen begangen haben dürfte, als bis dahin angenommen.

Ursprünglich waren 100 Morde an Patienten im Alter von 34 bis 96 Jahren angeklagt, nach der komplexen mehrmonatigen Beweisaufnahme hält die Staatsanwaltschaft 97 Taten für belegt. Ihrer Auffassung nach wollte H. die Patienten durch Medikamentenvergiftungen in eine lebensbedrohliche Lage bringen, um sie wiederzubeleben und damit Ärzte und Kollegen zu beeindrucken. Viele überlebten nicht.

Der Angeklagte habe sich „als Retter gerieren“ und feiern lassen wollen, sagte die Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohrmann in ihrem Plädoyer. Auch andere Motive wie die „Lust“ am Entscheiden über Leben und Tod seien möglich. Die Frage lasse sich aber nicht sicher beantworten, weil H. sich dazu nicht geäußert habe. Sie forderte zusätzlich die Feststellung der besonderen Schuldschwere.

H. gestand in dem aktuellen Verfahren 43 Taten. An 52 wollte er sich nicht mehr erinnern können, fünf Mordvorwürfe stritt er ab. Anders als in den zwei früheren Prozessen äußerte er sich auch selbst. Die Vertreter von Angehörigen mutmaßlicher Opfer, die als Nebenkläger an dem Prozess teilnehmen, forderten eine Verurteilung wegen 99 Morden sowie die Anordnung der Sicherungsverwahrung.

Die Verteidigung forderte ebenfalls eine lebenslange Haftstrafe. Sie ging von 55 Morden und 14 Mordversuchen aus, in 31 angeklagten Fällen beantragte sie Freispruch. Sicherungsverwahrung sei rechtlich unzulässig und praktisch unnötig, weil sich dadurch am Zeitpunkt einer möglichen Entlassung nichts ändern werde.

Aufgrund der vorangegangenen Verurteilungen sitzt H. seit 2009 im Gefängnis. 2005 wurde er auf frischer Tat ertappt, danach begann die Aufarbeitung. Diese verlief schleppend und kam erst während des zweiten Prozesses ab Ende 2014 auch systematisch in Gang. Auch die beiden Krankenhäuser, an denen H. früher arbeitete, stehen seit längerem massiv in der Kritik.

Es gibt Hinweise, dass Kollegen und Vorgesetzte teils relativ früh Verdacht schöpften, ohne dass Konsequenzen folgten. Vier Mitarbeiter des Klinikums Delmenhorst sind deshalb angeklagt und müssen sich demnächst vor Gericht verantworten. Auch gegen Verantwortliche des Oldenburger Krankenhauses wird ermittelt.

Laut dem vom Gericht beauftragten psychiatrischen Gutachter leidet H. an einer Persönlichkeitsstörung, ist aber schuldfähig. Der Experte geht davon aus, dass H. von einem Bündel verschiedener Motive angetrieben wurde. Darunter seien Geltungsbedürfnis und Selbstüberhöhung, Sensationslust und der Wunsch, sich auf eine Stufe mit Ärzten zu stellen. Dazu komme ein Mangel an Empathie. (Sebastian Bronst, afp)

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