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Ziel ereicht - „mit einer Mischung aus Wehmut und Erleichterung“ steht Anja Blacha am Südpol.

Interview

Anja Blacha nach Expedition zum Südpol: „Männerdomänen sind für Frauen erreichbar“

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Die Extremsportlerin Anja Blacha kämpfte sich fast 58 Tage über die 1400-Kilometer-Strecke bis zum Südpol. Ihre Expedition widmet sie allen Frauen, die Vorurteile bekämpfen.

Anja Blacha (29) ist in Bielefeld aufgewachsen, heute lebt und arbeitet sie in Zürich. 2019 hat sie als erste deutsche Frau den K2 bezwungen, davor als jüngste Deutsche den Mount Everest. Auch die Seven Summits - die höchsten Berge der Kontinente - hat sie bestiegen. Nun hat sie erfolgreich den Südpol erreicht und erzählt im FR-Interview über die Strapazen und ihre Botschaft an die Welt am Ende der Reise.

Frau Blacha, 1400 Kilometer auf Skiern durch Schnee und Eis, das ist für viele Menschen unvorstellbar. Wie war es denn?

„Leute sagten auch zu mir: Du musst dein Land repräsentieren. Eine Errungenschaft für die Heimat quasi demonstrieren. Für mich war das aber immer ein No-go, eine Deutschlandflagge mit auf eine Expedition zu nehmen.“

Anja Blacha

Extrem intensiv. Die Strecke, die Dauer, und die Tatsache, dass alles genau geplant sein musste. Hätte ich nur eine Streichholzschachtel vergessen, hätte ich die Expedition zum Scheitern gebracht. Auch der Körper muss sich an die Kälte und die Dauerbelastung gewöhnen. Beine, Rücken, Nacken, Fersen – alles muss sich daran gewöhnen. Für den Kopf ist es ebenfalls eine Herausforderung. Tag für Tag für Tag unterwegs. An einigen Tagen musste ich mich je nach Wetterbedingungen sehr konzentrieren. Die Kommunikationsmöglichkeiten mit dem Satellitentelefon sind begrenzt. Die Summe dieser Dinge, mit denen man über einen langen Zeitraum umgehen muss, machen das Ganze intensiv.

Beim Essen mussten Sie vorab die Kalorien für jeden Tag kalkulieren. Ging die Rechnung auf?

Die Rechnung ging sehr gut auf. Ich habe weniger abgenommen als erwartet. Ich kam sehr gut mit den Rationen aus und hatte sogar Freude am Essen.

Sie haben auf sämtliche Luxusartikel verzichtet. Hatten Sie nicht auch nur ein Buch oder so etwas eingepackt?

Nein, nicht einmal das.

Wird es abends im Zelt dann nicht irgendwann langweilig?

Man hat gar nicht so viel Zeit. Auf der zweiten Hälfte der Tour bin ich mit meinem Tagesrhythmus viel effizienter geworden. Ich habe das Zelt so schnell wie möglich aufgebaut, sofort den Kocher angemacht, um Wasser fürs Abendessen fertig zu bekommen. Ich habe versucht, jede unproduktive Minute zu vermeiden. Eine Besonderheit in der Antarktis ist, dass die Sonne auch nachts scheint. Daher habe ich zum Ende hin über Tage hinweg, als ich mehr Strecke machen wollte, die 24 Stunden durchbrochen. Ich habe mir gesagt, ich mache jetzt einen 26- oder 27-Stunden-Tag. Ist ja egal, wenn ich in den nächsten Tag hineinkomme, den kann ich ja ebenfalls überziehen. Ich musste mich einfach gedanklich von den 24-stündigen Kalendertagen frei machen. So konnte ich das Verhältnis zwischen produktiver und unproduktiver Zeit verbessern.

Was haben Sie vermisst?

Dass ich mal einen Tag ausruhen kann ohne schlechtes Gewissen. Ansonsten nichts so richtig. Klar ist es schön, wieder eine richtige Dusche zu haben und besser mit der Welt in Kontakt treten zu können.

War die Tour rückblickend einfacher als erwartet oder sind Sie an Ihre Grenzen gekommen?

Ich war im Vorfeld recht besorgt – würde ich das schaffen? Habe ich mich übernommen? Insbesondere, wenn ich mir angeschaut habe, wer diese Tour bislang gemacht hatte – das waren in zehn Jahren drei Expeditionen, allerdings jeweils von einem näheren Startpunkt zum Ziel: Ben Saunders ist ein absolutes Muskelpaket, der seit 20 Jahren kaum etwas außer Polarexpeditionen macht. Henry Worsley ist ebenfalls südlicher gestartet und wollte eine komplette Traverse, also von Küste zu Küste, schaffen. Er ist gestorben. nachdem er den Südpol passiert hatte. Davor noch ein Team aus zwei sehr erfahrenen Bergsteigern. Da habe ich mich gefragt: Kann ich das? Aber es ging. Insgesamt sogar etwas besser, als ich es erwartet hatte.

Wie haben Sie sich unterwegs orientiert?

Das meiste Kartenmaterial hört spätestens ab dem 85. Breitengrad auf. Die Expeditionsroute, die ich gewählt hatte, ist kaum dokumentiert. Die Navigation selbst funktioniert über ein paar Wegpunkte: Die habe ich vorab gesteckt und ins GPS eingespeichert. Dann navigierte ich von Wegpunkt zu Wegpunkt – da liegen jeweils rund 100 Kilometer dazwischen. Dazu nutzte ich einen Kompass, da ich nicht die ganze Zeit das GPS-Gerät in der Hand halten konnte. Ich folgte dem Kurs. Ich kann auch anhand der Sonne navigieren, die Sonne steht um eine bestimmte Zeit in einer bestimmten Himmelsrichtung. Das ist angenehmer als auf den Kompass zu schauen. Ich hatte aber auch viele Tage mit sogenannten Whiteouts, an denen konnte ich den Himmel nicht vom Boden unterscheiden. Da verliert man leicht die Orientierung, ich wusste stellenweise nicht, ob ich bergauf, bergab oder seitlich gehe. Ich habe mir dann den Kompass um den Bauch geschnallt und stoisch die ganze Zeit darauf geschaut, um den Kurs zu halten.

Sind Ihnen Tiere begegnet?

Zumindest anfangs war es noch nicht ganz so einsam ...

Nur ganz am Anfang, bei der Pinguinkolonie in Gould Bay. Ansonsten leben keine Tiere auf dem Kontinent, da war absolut nichts.

Wie motiviert man sich denn jeden „Tag“ aufs Neue?

Ich weiß, das Ziel kommt nicht näher, wenn ich nicht weitergehe. Und vom Aufschieben wird die Strecke auch nicht kürzer. Also Augen zu und durch. Klar gab es viele Tage, an denen ich erschöpft war und lieber ausschlafen wollte. Aber aufgeben wollte ich nie.

Was war die schlimmste Situation?

Von den Wetterbedingungen her ein Sturm ganz am Anfang. Der war krass. Auch Experten meinten, sie hatten noch nie solch einen Saisonstart mit einem extremen Unwetter über einen derart langen Zeitraum. Ansonsten gab es Phasen, als es nur schleppend, monoton und quälend voranging. Viele Tage mit Nebel und schlechter Sicht – das drückt auch aufs Gemüt.

Konnten Sie die Landschaft auch genießen?

Ja. Kurz nach dem Sturm kamen in 150 Kilometer Entfernung die Berge am Horizont in Sicht. Sie wurden von Tag zu Tag größer und schöner. Ich bin durch ein Tal aus blauem Eis gefahren. Auf der anderen Seite hoch durch das Bergmassiv. Es war wunderschön, hat richtig Spaß gemacht und ich hatte auch Superwetter.

Ein Foto zeigt Sie in Siegerpose vor den Flaggen am Südpol. Was ging in diesem Moment in Ihnen vor?

Es war eine Mischung aus Wehmut und Erleichterung. Wehmut, weil es viele schöne Momente gab. Das Expeditionsleben hat mir Spaß gemacht und war nun vorbei. Auch wenn ich nicht immer die Zeit hatte, es zu genießen. Erleichterung, weil es ein sehr gutes Gefühl war, zu wissen, jetzt kann ich den Schlitten und die Skier ablegen – und ich muss sie morgen nicht wieder anlegen, sondern kann ins Flugzeug steigen. Zum Thema Flaggen: Auf den Gipfeln meiner Bergexpeditionen waren immer Menschen mit den Flaggen ihrer Länder vertreten. Leute sagten auch zu mir: Du musst dein Land repräsentieren. Eine Errungenschaft für die Heimat quasi demonstrieren. Für mich war das aber immer ein No-go, eine Deutschlandflagge mit auf eine Expedition zu nehmen.

Sie sind viel in der Welt unterwegs, arbeiten in der Schweiz. Sehen Sie sich überhaupt als Deutsche?

Ich bin schon Deutsche, allein von meinen Wurzeln her. Aber für mich hat das nur eine recht geringe Bedeutung, beziehungsweise, ich schätze einfach die Vielfalt.

Und darauf wurden Sie häufig angesprochen?

„Es gibt viele, die bezweifelt haben, dass ich das durchstehe“, sagt Blacha.

Eigentlich auf jedem Berggipfel. Wenn man die anderen Bergsteiger sieht, zwei Drittel haben die Flagge von ihrem Heimatland dabei und machen Fotos damit. US-Amerikaner sowieso. Die meisten anderen aber auch. Für mich war es immer so eine Sache: Als Deutsche macht man das nicht. Mit einer deutschen Flagge habe ich dort noch nie jemanden gesehen. Wir sind ja auch erst über den Fußball wieder dazu gekommen, unsere Flagge zu zeigen. Ich denke, das hat da nichts verloren, weder in der Bergwelt noch am Südpol.

Anja Blacha: Extremsportlerin erreicht Südpol

Eine Fahne hatten Sie am Südpol dann aber doch dabei, darauf stand: „Not bad for a girl - almost impossible for everyone else“ („Nicht schlecht für ein Mädchen - fast unmöglich für alle anderen“). Das Motto Ihrer Expedition, weil Sie Extremsport als Männerdomäne verorten und auf Vorurteile aufmerksam machen wollen. Lässt sich das mit dieser Botschaft ändern?

Ich glaube, dass es sich bereits dahingehend verändert, dass sich mehr Frauen so etwas zutrauen. Es gibt natürlich Unterschiede in der Physis zwischen Männern und Frauen. Ich würde nicht behaupten, dass Frauen stärker sind, wenn es um reine Muskelkraft geht. Aber nehmen wir den Gewichtsverlust: Männer verlieren viel Gewicht auf langen Expeditionen – und Frauen, das merkt man sowohl in der Bergwelt als auch bei Polarexpeditionen, können viel länger von ihrer Energie zehren, haben mehr Durchhaltevermögen und eine größere Leidensfähigkeit. Es gibt Unterschiede, bei denen man sagen kann: Ja, da haben Frauen andere, aber sehr hilfreiche Qualifikationen. Nicht nur im Extremsport. Auch in anderen Bereichen, sei es in der Technik. Auch andere Männerdomänen sind für Frauen erreichbar.

Geht es bei Extremsport überhaupt um Kraft?

Kraft hilft in manchen Fällen. Je schwerer der Schlitten ist, umso mehr Kraft brauche ich. Das ist ein Grund, warum ich mir im Vorfeld einige Kilos angefuttert habe. Je mehr Körpermasse ich dem Schlitten entgegenwerfen kann, desto einfacher wird’s. Aber andere Sachen sind vielleicht entscheidender.

Mit welchen Vorurteilen wurden Sie persönlich konfrontiert?

Es gab viele die – offen oder stillschweigend – bezweifelt haben, dass ich das kann und durchstehe. Rein aufgrund meiner Physis. Häufig heißt es auch, wenn eine Frau das schafft, dann kann es nicht so schwierig sein. Wenn jemand wie ich auf den Mount Everest steigt, okay, dann ist es de facto nichts mehr wert. Wenn ich es auf den K2 schaffe, ist auch der K2 nichts mehr wert, sonst würde ich es ja nicht schaffen.

Das wurde Ihnen so zugetragen?

Ja. Es entsteht eine neue Perspektive: Wenn so jemand das schafft, dann kann das Ziel ja nicht so schwierig sein. Das ist eine Denkhaltung, die ich immer wieder erlebe. Umgekehrt wird man als burschikos und männlich verschrien. Entweder wird das Ziel herabdegradiert oder die Frau als männlich umdeklariert. Oder es heißt: Wenn eine Frau das schafft, hat sie Glück gehabt. Oder Fremdhilfe. Doch bei dieser Expedition konnte ich diese beiden Komponenten ausschließen.

Welche Rückmeldungen bekommen Sie für das Motto „Not bad for a girl“?

Offensichtlich versteht es leider nicht jeder. Manche Leute verstehen es einfach als „Hey, nicht schlecht für ein Mädel“ – im klassischen Sinne. Ansonsten erhalte ich auch positiven Zuspruch.

In welcher Form?

Einige Follower auf Instagram schreiben zum Beispiel „Hey, total gutes Vorbild, das so durchzuziehen.“ Auch schön finde ich, wenn Väter von Töchtern schreiben, dass sie nicht wollen, dass ihre Kinder mit Vorurteilen kämpfen müssen. Einer hatte mich gebeten, einen Brief an seine Tochter zu schreiben, solche Sachen. Es ist cool zu sehen, dass sich da auch Männer für die nächste Generation einsetzen.

Interview: Andreas Sieler

Zur Expedition

1381 Kilometer hat Anja Blacha auf ihren Skiern, einen Schlitten ziehend, von Berkner Island bis zum Südpol zurückgelegt - nach 57 Tagen, 18 Stunden und 50 Minuten erreichte sie im Januar ihr Ziel. Eine Expedition mit Steigung und gegen den Wind: Der niedrigste Punkt lag 80 Meter über dem Meeresspiegel, der höchste - der Südpol - auf knapp 2800 Metern. Typisch für die Region sind die sogenannten katabatischen Winde: Sie wehen kalte Luft vom hoch gelegenen Südpol in Richtung Küste. Die Temperaturen liegen in der Region weit unter Null. „Ich hatte kein Thermometer dabei, doch laut den Wetterberichten lag die Höchsttemperatur bei minus fünf Grad, die kälteste Temperatur bei minus 35 Grad. Das kann aber auch etwas abweichen“, sagt Blacha. 

Der Startpunkt der Expedition liegt weiter nördlich vom Südpol als der vorhergehender Expeditionen - wodurch sich die Strecke um 50 bis 200 Kilometer verlängert. Und: „Ich bin die erste Frau, die solo auf dieser Strecke unterwegs war“, sagt Blacha. „Es gibt zwar nicht für alle Polarexpeditionen offizielle Statistiken – für Antarktisexpeditionen ist die Statistik vollständig geführt –, aber man würde es finden, wenn es etwas gegeben hätte. Wahrscheinlich habe ich zudem den Rekord für die längste Polarexpedition in diesem Stil einer Frau.“ Der Stil bedeutet: solo, unassisted & unsupported - also alleine, ohne Unterstützung, Nahrungsabwürfe oder anderweitige Hilfen.

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