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Die Angstmaschine

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Der Wasserwerfer 10.000 soll Angst machen.
Der Wasserwerfer 10.000 soll Angst machen. © Bundespolizei

Die deutsche Polizei bekommt ein neues "Hilfsmittel der körperlichen Gewalt" - schon sein Anblick soll Demonstranten in die Flucht schlagen. Es heißt "Wasserwerfer 10.000". Von Sven Stillich

Von Sven Stillich

Wir nennen ihn Transformer", sagt ein junger Polizist. Und wirklich: Würde sich das blaue Ungetüm vor ihm nun aufrichten und in einen riesigen Roboter verwandeln, der auf seine Gegner Wasser speit - es würde passen. Wie ein Besucher aus der Zukunft steht er da, der neue Wasserwerfer der deutschen Polizei: fast zehn Meter lang, mit einem Tank für 10.000 Liter Wasser, offizielle Bezeichnung: "Wasserwerfer 10.000". Es ist die Zukunft dessen, was Demonstranten auf deutschen Straßen und Plätzen erwartet.

Erst einmal dürfen aber die potenziellen Bediener des Geräts, das im Fachjargon als "Hilfsmittel der körperlichen Gewalt" gilt, ran an das Monstrum. Die deutsche Polizei hat den neuen Typ schließlich bestellt. Was die Polizei an diesem Wintertag im Hubschrauberhangar der Bundespolizei in St. Augustin bei Bonn der Presse präsentiert, ist ein Prototyp. Kaum jemand hat den neuen Fahrzeugtyp bislang gesehen oder gar angefasst.

Mit großen Augen klettern Polizisten in dem blauen Ungetüm herum, hauen sich vor Freude gegenseitig auf die Schulterklappen und machen Fotos mit ihren Digitalkameras - von außen, von innen, von sich vor dem Wasserwerfer und vor allem für die Kollegen zu Hause. "Lass uns doch mal reinsetzen", sagt ein Polizist zum seinem Nebenmann - "vielleicht bin ich schon in Rente, wenn er zum Einsatz kommt." Damit hat er sich mit Gewissheit verschätzt, 2010 soll der neue Wasserwerfer bereits einsatzbereit sein.

50 Exemplare sind bestellt

"Es war einfach an der Zeit, unsere Flotte zu modernisieren", sagt Achim Friedl, der für das Bundesinnenministerium monatelang an der Neukonzeption der Wasserwerfer gearbeitet hat, "die alten Modelle fangen an zu rosten, Beanstandungen treten auf, und sie entsprechen nicht mehr dem Stand der Technik." Die 117 derzeit eingesetzten Wasserwerfer der Polizei wurden in den 70er Jahren entwickelt, das älteste aktive Fahrzeug ist 26 Jahre alt.

Nun sind 50 neue "Wasserwerfer 10.000" hat die Polizei bereits bestellt, 78 Fahrzeuge sollen es insgesamt werden. Die Flotte soll also reduziert werden - jedoch "bei gleicher Leistungsfähigkeit", wie Referatsleiter Friedl betont. Gebaut wird das Gerät von der Firma Rosenbauer aus Österreich, die eigentlich auf Feuerwehr- und Katastrophenschutz-Fahrzeuge spezialisiert ist. Rund 900.000 Euro wird ein Exemplar kosten.

Nicht nur Friedl wirkt stolz, wenn er über den "Wawe 10" spricht. Auch Karl-Heinz Meyer, sein Kollege aus dem Bundespolizeipräsidium, verfällt bei der Präsentation in einen schwärmerischen Tonfall: "Das einzige, das übrig geblieben ist: Es ist ein Fahrzeug, das mit Wasser gefüllt ist und spritzen kann. Alles andere ist neu."

In der Tat: Der bis zu 31 Tonnen schwere Koloss ist vollgestopft mit Technik: mit modernstem Digitalfunk, mit drei Kameras, mit einer Kopierstation für Audio- und Videomaterial; neu auch das Außenmikrofon, mit dem die Insassen die die Verständlichkeit ihrer eigenen polizeilichen Durchsagen überprüfen können. "Wenn die draußen anfangen zu johlen, kann niemand sagen, da drinnen wurde genuschelt bei einem Platzverweis", sagt Projektgruppenleiter Guido Koch von der Bundespolizei und grinst.

Die da drinnen: Das sind fünf Beamte, die im Cockpit so angeordnet sind wie die Punkte einer eine "Fünf" auf dem Spielwürfel. Einer fährt, einer kümmert sich um die Dokumentation des Einsatzes, und aus der Mitte heraus gibt ein Kommandant Befehle an zwei Beamte hinter ihm, die per Joystick drei Hohlstrahlrohre bedienen - zwei vorne, eins hinten. Radius: 115 Meter, Entfernungsmesser ab Werk, maximaler Wasserdurchsatz: 3300 Liter Wasser in der Minute. Das sind 1100 Liter mehr als das derzeitige Modell. "Das neue Fahrzeug hat auch ein ganz neues Auftreten als das alte", sagt Achim Friedl, "auf solche psychologischen Effekte haben wir beim Design sehr geachtet."

Und wirklich: Wer vor dem neuen Wasserwerfer steht und kein Polizist ist, der bekommt Angst. Stellt sich vor, wie es wäre, wenn ein solcher Koloss auf ihn zurast - wie auf dem Hamburger Schanzenfest im Sommer, als zwei Wasserwerfer ohne Vorwarnung in die feiernde Menge fuhren und begannen, Unbeteiligte mit dem harten Wasserstrahl zu attackieren. Panik brach aus, das Wasser drückte Festbesucher zu Boden.

Warum das alles?

Immer wieder erlitten Demonstranen und Umstehende bei Wasserwerfer-Einsätzen Augen- und Ohrenverletzungen, Blutergüsse, auch Rippenbrüche wurden vermeldet. Bereits das aktuelle Modell ist also in der Lage, Angst und Schrecken zu verbreiten - die neue Generation jedoch ist speziell dafür gestaltet.

Jedes Detail soll beeindrucken: die martialische, fast haushohe Front, die nach vorne geneigte Windschutzscheibe, die so hoch angebracht ist, dass sie erst über den Köpfen der Demonstranten beginnt, die sich nach hinten verjüngenden Linien der Karosserie. An den glatten Wänden soll niemand hochklettern können.

Der 10.000er soll sogar den Aufprall von Betonplatten überstehen können, die aus dem dritten Stock eines Hauses geworfen werden - ein Szenario, das etwas aus der Luft gegriffen zu sein scheint. Schließlich scheint die Zeit der gewalttätigen Großdemonstration vorbei zu sein. Heutzutage müht sich die Polizei meist mit Kleingruppen ab statt mit großen Massen an Demonstranten. Ein Heiligendamm wird es so schnell nicht mehr geben. Warum also das alles? "In den vergangenen Jahren hat die Gewaltbereitschaft gegenüber Polizeibeamten bei Demonstrationen enorm zugenommen", sagt Achim Friedl, "gerade bei links- oder rechtsradikalen Szenarien." Natürlich könne er auch kritische Stimmen verstehen. Solche, die bei Wasserwerfern sofort an Günther Sare denken, der 1985 in Frankfurt von einem solchen Gefährt überrollt wurde. Die in einem Wasserwerfer also eher ein aggressives Werkzeug staatlicher Gewalt sehen als ein "geschütztes Tankfahrzeug", wie das Gerät beim Bundesinnenministerium offiziell heißt. "Aber man muss sich auch ansehen, was in Hamburg passiert oder regelmäßig am 1. Mai in Berlin", sagt Friedl. 440 Polizisten sind dort nach offiziellen Angaben verletzt worden, im Vorjahr seien es 112 gewesen. "Was sollen wir da machen?", fragt Friedl: "Gummigeschosse einsetzen oder sogar scharf schießen? Das brauchen wir nicht, wenn wir mit Wasser zum Erfolg kommen können."

Beim neuen Typ könnten die Bediener außerdem den Wasserdruck genauer regeln. "Bei Sitzblockaden beispielsweise müssen wir nun nicht mehr gleich mit dem heftigsten Wasserstrahl rangehen", sagt Karl-Heinz Meyer, "da können wir nun erst einmal einen weichen Wasserstrahl nutzen", eine Art Wasserglocke, "die Respekt einflößt." Doch egal, wie man es nennt: Am Ende bleibt ein Wasserwerfer ein Wasserwerfer.

Draußen, vor dem Hubschrauberhangar fahren Polizeiwagen vor. Die Vorstellung in St. Augustin ist zu Ende, einige Beamte posieren noch vor dem "Transformer" für Fotos. Bald wird sich der "Wasserwerfer 10.000" auf den Weg nach Hamburg machen - auf eigenen Rädern, über die Autobahn, zwischen Last- und Privatwagen. In Hamburg und in Berlin soll der Prototyp dann drei Monate lang unter der Leitung der Bundespolizei getestet werden. In der zweiten Jahreshälfte soll das erste Serienfahrzeug in Dienst gehen - in welchem Bundesland, wird noch entschieden. "Da, wo das erste gebraucht wird", sagt Karl-Heinz Meyer von der Bundespolizei und lächelt - "und so wie es derzeit aussieht, wird das wahrscheinlich nicht das Saarland sein."

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