Bereits beschädigte Häuser stürzten durch die neuen Erdstöße endgültig ein.
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Bereits beschädigte Häuser stürzten durch die neuen Erdstöße endgültig ein.

Erdbeben in Italien

„Die Angst ist zurück“

  • Regina Kerner
    vonRegina Kerner
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Wieder bebt die Erde in Italien, Tausende sind obdachlos. Experten befürchten weitere Erdstöße.

Es ist apokalyptisch. Unser Dorf ist erledigt.“ Was der Bürgermeister von Ussita am Mittwochabend einem italienischen Fernsehsender am Telefon sagte, ließ das Schlimmste befürchten. Die Ortschaft mit ihren 444 Einwohnern war gerade von einem zweiten Erdstoß erschüttert worden, minutenlang und in ungeheurer Stärke spürbar, wie Augenzeugen später schilderten. Denn Ussita lag nah am Epizentrum zwischen den mittelitalienischen Regionen Umbrien und Marken. Im malerischen historischen Ortskern stürzten die Häuser ein, so wie es gerade erst vor zwei Monaten rund 50 Kilometer weiter südlich in Amatrice, Accumoli und Arquata del Tronto geschehen war. Damals starben fast 300 Menschen unter den Trümmern.

Am Mittwochabend kehrten Angst, Panik und Weltuntergangsstimmung überall ins Apenningebirge zurück. Das erste Mal bebte die Erde um 19.11 Uhr, in einer Stärke von 5,4. Die Menschen flüchteten trotz sintflutartigen Dauerregens ins Freie. Der Strom fiel vielerorts aus und das Handynetz war unterbrochen. Aber das alles war nur eine Vorwarnung, wie sich herausstellte. Der heftigste Stoß kam um 21.18 Uhr: Stärke 5,9 – kaum schwächer als in der Nacht des 24. August. Wie eine Bombe habe er sich angefühlt, sagte eine Frau. Bis zum Morgen folgten mehr als 200 kleinere Nachbeben. Tausende verbrachten die Nacht in ihren Autos oder in Zelten, die nach der Katastrophe im August aufgebaut worden waren.

Doch am Donnerstagmorgen hörte es dann nicht nur auf zu regnen und der Himmel klarte auf, was den Rettungskräften die Arbeit erleichterte. Nachdem im ersten Tageslicht das Ausmaß der Schäden abschätzbar wurde, zog der Chef des Zivilschutzes, Fabrizio Curcio, eine erleichterte, wenn auch vorläufige Bilanz: „Die Situation ist weniger dramatisch als gedacht.“ Zwar sind Ortschaften wie Ussita, Visso, wo auch die Kirche eingestürzt ist, Castelsantangelo sul Nera und Camerino stark zerstört. Möglicherweise sind sogar noch mehr Häuser beschädigt worden als beim Beben im August und erneut sind Tausende obdachlos geworden, bis zu 3000 Menschen. Doch dieses Mal gab es keine Verschütteten und Toten, rechnet man einen 73-Jährigen nicht ein, der wegen der Aufregung an einem Herzinfarkt starb. Innenminister Angelino Alfano sprach am Donnerstagmorgen von einem Wunder. Im Unterschied zum Beben von Amatrice waren die Menschen aber dieses Mal nicht im Schlaf überrascht worden und hatten ihre Häuser nach dem ersten Erdstoß am frühen Abend verlassen.

Ganz überraschend kamen die neuen Erschütterungen nicht. Seismologen hatten darauf hingewiesen, dass die Erde unter dem Gebirgszug des Apennin noch nicht zur Ruhe gekommen ist. Seit dem 24. August waren mehr als 16 000 leichte Nachbeben gemessen worden. Am Donnerstag waren sich die Wissenschaftler noch nicht einig, ob für die jüngsten schweren Erdstöße, deren Epizentrum in nur acht Kilometer Tiefe lag, dieselbe Verwerfung in der Erdkruste verantwortlich ist, die das Beben im August ausgelöst hatte. Sie könnte mit ihrer Energie eine weitere Bruchstelle aktiviert haben, erklärten Experten des Instituts für Geophysik und Vulkanologie. In diesem Fall werde sich die Zahl weiterer Nachbeben stark erhöhen, warnten sie.

Das Zittern der Erde war am Mittwochabend in ganz Mittelitalien zu spüren, bis ins knapp 200 Kilometer entfernte Rom und sogar noch in Neapel und Mailand. In den sozialen Netzwerken wurden etliche Handyfilme von wackelnden Deckenlampen gepostet. In der italienischen Hauptstadt rannten verängstigte Menschen auf die Straßen. Das Außenministerium in Rom wurde geräumt, nachdem Putzteile herabgefallen waren. Regierungschef Matteo Renzi meldete sich per Twitter: „Ganz Italien umarmt die abermals hart getroffenen Bürger.“ In den schon vor zwei Monaten zerstörten Ortschaften hatte man eigentlich begonnen an den Wiederaufbau zu denken. Die letzten Zeltstädte waren erst in der vergangenen Woche abgebaut worden. Ehemalige Bewohner sind in Hotels oder Übergangswohnungen an der Küste untergebracht, etliche sind jedoch inzwischen in die noch bewohnbaren Häuser zurückgekehrt.

Das neue Beben brachte nun in den gesperrten „Roten Zonen“ viele schon beschädigte Häuser zum Einsturz. Aleandro Petrucci, Bürgermeister von Arquata del Tronto, wo im August 51 Menschen gestorben waren, berichtete am Abend in Radiointerviews von schreienden Frauen und Chaos: „Hier gibt es Szenen der Panik.“ Alle verbliebenen Bewohner hätten sich in ein großes Zelt auf dem Sportplatz geflüchtet, in dem sie seit dem 24. August mit Essen versorgt werden. „Keiner will zurück in die Häuser.“ Auch Sergio Pirozzi, Bürgermeister von Amatrice, sagte: „Die Angst ist zurück.“ Der Zivilschutz erwägt, sämtliche in der Region obdachlos Gewordenen in Unterkünfte an der Küste zu bringen. Auch weil bald Schnee und Kälte im Apennin Einzug halten.

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