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Bei einem Unfall auf der A2 werden sechs Menschen verletzt. Viele Autofahrer fahren statt zu helfen an der Unfallstelle vorbei.

Unfall auf A2

Die Angst vor dem Helfen

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Autofahrer umkurven schwerverletzte Unfallopfer auf der A2 bei Magdeburg, statt ihnen zu helfen. Notfallmediziner Peter Sefrin spricht im Interview über die Angst vor dem Helfen und Gaffer an Unfallorten.

Professor Peter Sefrin ist einer der führenden deutschen Notfall- und Katastrophenmediziner. Er verfügt über jahrzehntelange Erfahrung als Praktiker im Einsatz und war unter anderem an der Einrichtung des Notarztdienstes in Würzburg beteiligt. Bis zu seiner Emeritierung im September 2006 war Sefrin Professor für präklinische Notfallmedizin an der Universität Würzburg. Heute arbeitet er unter anderem als Bundesarzt im Deutschen Roten Kreuz (DRK).

Professor Sefrin, ein schwerer Unfall auf der Autobahn, viele Autofahrer fahren statt zu helfen über die Standspur an der Unfallstelle vorbei. So war es an diesem Wochenende in Magdeburg. Täuscht der Eindruck, dass die Verweigerung der Hilfe und die Unvernunft inzwischen fast die Regel ist?
Eine Seltenheit ist dieses Verhalten jedenfalls ganz sicher nicht. Zwar gibt es darüber keine Statistik, denn die Gaffer werden von der Polizei häufig einfach weggeschickt. Aber fest steht, dass die Menschen von spektakulären Unfällen wie dem in Magdeburg angezogen werden. Man kann sagen: Je größerer ein Unfall, desto sicherer hat man es mit Gaffern zu tun.

Nicht die Erste Hilfe ist also die Regel, sondern die unterlassene Hilfeleistung?
Hier handelt es sich oft nicht nur um unterlassene Hilfeleistung, sondern um Behinderung der Rettungskräfte. In diesem Fall kann die Polizei besondere Maßnahmen ergreifen, unter anderem auch Geldbußen verhängen. Die unterlassene Hilfeleistung resultiert oft aus der Tatsache, dass die Leute Angst haben, bei der Ersten Hilfe etwas falsch zu machen, denn ihr Erste-Hilfe-Kurs liegt häufig viele Jahre zurück. Und dann gibt es natürlich diesen fürchterlichen Voyeurismus. Was die Medien nur vermitteln, das wird den Zeugen eines Unfalls live geboten. Und dieses Erlebnis wird dann mit dem Smartphone festgehalten und in den sozialen Medien verbreitet – übrigens so schnell, dass die Nutzer sozialer Medien oft früher über einem Unfall unterrichtet werden als die Rettungskräfte.

Wer sich nicht auskennt, seine Kenntnisse aus dem Erste-Hilfe-Kurs in der Fahrschule vergessen hat, der hat möglicherweise Angst, Fehler zu machen und fährt weiter. Ist das nicht verständlich?
Das ist nicht nur nicht verständlich, es ist abwegig. Es ist ein Feigenblatt, die Ausrede von Menschen, die nicht helfen wollen. Es gibt nur einen wirklich gravierenden Fehler bei der Ersten Hilfe – keine Erste Hilfe zu leisten. Im Übrigen gilt, dass selbstverständlich von keinem Laien professionelle Hilfe erwartet wird, sondern nur die banalste Hilfeleistung.

Woran denken Sie da?
Erstens: Wählen der Notrufnummer 112. Zweitens: Absichern der Unfallstelle. Drittens: Bilden einer Rettungsgasse, also eines Fahrwegs, damit der Rettungsdienst durchkommt.

Hat die Hilfsbereitschaft in den vergangenen Jahren abgenommen oder war sie schon immer gering und zugenommen hat nur das Vergnügen am Bild vom Unfallort?
Jedenfalls kann man nicht generell sagen, dass sie zugenommen hat. Darum versuchen wir seit Jahren, die Aufklärung zu verbessern und damit die Motivation zur Ersten Hilfe zu steigern.

Wie ließe sich die Hilfsbereitschaft der Menschen erhöhen. Neben Aufklärung käme auch eine verschärfte Strafverfolgung wegen unterlassener Hilfeleistung in Betracht.
Mit juristischen Konsequenzen lassen sich diese Problem bestimmt nicht lösen. Noch einmal: Es geht darum, die Aufklärung über die Erste Hilfe zu verbessern, und die Motivation zur Ersten Hilfe zu erhöhen. Was wollen Sie da mit schärferen strafrechtlichen Sanktionsdrohungen? Zur Hilfe prügeln können Sie die Menschen nicht.

Interview: Christian Bommarius

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