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Die Angst, Menschen nahezukommen: Unsere Autorin am U-Bahnhof Alexanderplatz. Sie möchte lieber anonym bleiben.
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Die Angst, Menschen nahezukommen: Unsere Autorin am U-Bahnhof Alexanderplatz. Sie möchte lieber anonym bleiben.

Soziale Phobie

Die Angst und ich

Bin ich gut genug? Warum lachen die jetzt? Soll ich was sagen? Warum bin ich nicht wie die anderen? Jeder kennt diese Fragen, aber unserer Autorin nehmen sie den Atem und die Lust am Leben.

Ich stelle mir vor, morgen ist Wahlsonntag. Ich gehe in die Kabine und suche mir auf dem Stimmzettel ein neues Leben aus. Kreuze an „Neue Wohnung“ oder „Alte Wohnung und neuer Mann“ oder „Alte Wohnung und neuer Job“. Wenn es „keine Angst mehr haben“ gäbe, ich würde auf alles andere verzichten.

Meine Angst hat einen Namen: Soziale Angst, soziale Phobie – Angst vor anderen Menschen, Angst, Ich zu sein in dieser Welt. Für mich ist es nicht die Angst, jemanden auf der Straße nach der Uhrzeit zu fragen oder mich im Restaurant zu beschweren, wenn das Essen nicht schmeckt, sondern die Angst, Menschen nahezukommen. Zum Beispiel in einer Fortbildung eine Woche lang denselben Menschen zu begegnen, in einer größeren Gruppe, in Teamsitzungen, aber auch mit Freunden oder in der Familie das Wort zu ergreifen, etwas zu erzählen, an Fußballnachmittagen, Elternabenden, Ausflügen mit anderen Eltern teilzunehmen. Alles muss überstanden werden, denn ich gehe immer davon aus, dass die anderen mich nicht mögen oder mich nicht sehen und ich mir meinen Platz erkämpfen muss. Kampf gleich Anstrengung, die Freude am Leben geht langsam gen Null.

Die ewigen Baustellen

Meine Angst hat hohe Spitzen. Sie ragt in mein Leben hinein und wirft einen Schatten auch auf Dinge, die anderen wahrscheinlich Spaß machen, Geburtstagsfeiern, Abendessen mit Freunden, Betriebsausflüge… Seit über dreißig Jahren lebe ich wie festgesteckt in einer Klammer, trage ich diese Angst mit mir durch die Welt und halte sie immer gut verborgen in mir. Die Maske der Gelassenheit, hinter der Gedankenstürme toben, kostet mich viel Kraft, die ich nirgendwo anders einsetzen kann, nicht im Privatleben, nicht im beruflichen Fortkommen. Die Fragen geben keine Ruhe – bin ich gut genug, hab ich das richtig gemacht, hätte ich nicht lieber das tun sollen, hat die mich jetzt komisch angeguckt, jetzt müsste ich aber mal richtig laut werden, warum hab ich jetzt bloß wieder diese blöde Frage gestellt, warum bin ich so verkrampft, jetzt könnte ich doch mal richtig locker sein, mich zurücklehnen, genießen, mich entspannen, jetzt müsste ich doch endlich mal locker sein können, warum lachen die jetzt, warum gehöre ich nicht dazu, soll ich jetzt was sagen, aber hat das jetzt Hand und Fuß und ist es lustig, warum ist das alles nur so kompliziert, wann hört das endlich auf, warum bin ich nicht wie die anderen?

Die Fragen lähmen und verstopfen mein Denken, ich komme nicht weiter, lebe in ewigen Baustellen, Liebe, Arbeit, nichts kommt auf eine gerade Bahn. Mein Leben verlangsamt sich, ich brauche mehr Licht, mehr Hoffnung, mehr Worte. Möchte diesen ewigen Fragen etwas entgegensetzen, um sie zu stoppen, möchte einen Weg finden, um hier rauszukommen. Alle Versuche, die Angst wegzutherapieren, waren erfolglos, vielleicht zerspringt sie ja jetzt an diesen Worten.

Ich kann mich nicht anfreunden mit ihr und verstehe kein Wort von dem, was sie mir sagen will. Sie ist unnötig und bedrohlich und wenn sie kommt, wenn jeder Gedanke mir direkt in den Bauch fährt, dann habe ich Lust zu kotzen. Wie Katzen Haarbüschel rauswürgen, so möchte ich dann diese Gedanken und diese Empfindungen loswerden, das Herzklopfen, die Schweißausbrüche, den Druck auf der Brust, die Starre im Nacken und Gesicht. Manchmal kotze ich dann wirklich, über dem Waschbecken oder der Toilette, und manchmal hilft es auch. Wenn der Körper nicht mehr kann und keine Fragen mehr da sind, kommt die Erschöpfung wie eine Erleichterung. Bin dann nur noch Ich ohne Fragen und denke endlich eindimensional, dass ich traurig bin, dass es keine Antworten gibt, dass da oben auch niemand hilft.

Ich bin acht und weine jeden Morgen. Von Charlottenburg nach Spandau gezogen, alles ist anders. Der Blick aus dem Hochhaus in einen menschenleeren Innenhof, der Weg zur fremden Schule über den Hof, unter Häusern hindurch, über Straßen und durch andere Häuser hindurch, endloser Weg. Ich weine, bevor ich losgehe und weine auf dem Weg, und erst in der Schule höre ich langsam auf. Die Lehrerin macht sich Sorgen. Als meine Mutter mit in die Schule kommt und die Direktorin mich fragt, ob ich mich denn nicht wohlfühle in der neuen Schule, schüttle ich entschieden den Kopf und mache mein fröhlichstes Gesicht.

Aufwachen ohne Angst

Mit 14 schreibe ich einen Text mit dem Titel „Keine Angst mehr vor euch“, in dem ich mir ausmale, wie es wäre, eines Morgens aufzuwachen und mutig in der Welt zu stehen, meine Meinung zu sagen, mich nicht mehr einschüchtern zu lassen, mich wohlzufühlen in meiner Haut: „Ich spürte ganz deutlich, ich hatte mich verändert. Ich fühlte mich ganz glücklich, ohne Grund eigentlich. Und noch etwas anderes spürte ich. Zuerst konnte ich es nicht so richtig in Worte fassen, aber dann fiel es mir ein. Mut. Lebensmut vielleicht sogar? Keine Angst mehr vor den anderen Menschen? Keine Hemmungen mehr vor ihnen haben, das wäre eigentlich schon ein Lebensziel; wenn ich am Ende meines Lebens sagen könnte: ,Ich habe keine Angst mehr vor ihnen‘, hätte ich mein Leben wirklich genutzt. Aber das hat wohl noch niemand erreicht. Alle haben Hemmungen. Viele sagen zwar, dass sie überhaupt keine hätten, aber irgendwann stehen auch sie irgendwo, vor einer Tür, vor einem Abhang, und dann gehen sie nicht etwa mutig weiter, sondern kehren lieber wieder einen Schritt zurück. Sicher ist sicher, und zu ausgeflippt und mutig ist vielleicht doch gar nicht so gut. Schließlich sind die anderen ja immer da, kritikbereit, immer bereit zu spotten. Man hat Angst vor ihren Augen, die fast alles sehen, was so geschieht und wenn die einen nicht voll im Einsatz sind, sind noch genug andere da.“

Gewinne mit dem Text einen Preis bei einem Jugendschreibwettbewerb, alle sind stolz auf mich, Eltern, Lehrer, ich ja auch, aber ich verpasse die Gelegenheit zu sagen, dass ich mit dieser Angst wirklich jeden Morgen aufwache, wie unerträglich das ist und dass ich Hilfe brauche. Niemand bringt das Geschriebene mit mir in Verbindung. Denn ich bin gut in der Schule, kann mit Worten umgehen, habe Freunde.

Angst verbergen

Mit 16 kommen immer öfter Gedanken ans Sterben. Schreibe meinen Eltern einen langen Brief, wie schwer mir vieles fällt, wie erschöpft ich bin und wie traurig. Sie sind ehrlich besorgt, aber sie haben schon so viel Kummer mit meiner älteren Schwester, die Drogen nimmt, auf Trebe ist. Es bleibt bei ein paar Gesprächen, dann höre ich wieder auf, ein Problem zu sein. Ich finde keine Worte, um den anderen zu sagen, was ich fühle, keine Sprache, um auszudrücken, dass ich aus dem Leben mit ihnen, aus der Geborgenheit gekippt bin. Auch vor meinen Freundinnen verberge ich die Angst, die mich auch in die Schule begleitet, immer öfter, bis zum Abitur, bis zum Studium. Ich schäme mich so sehr dafür und hoffe am meisten, dass mich niemand wirklich sieht. Schreibe mit Anfang 20: „Wie soll man auskommen mit den Leuten? So viele Fallen, jeden Tag, jeden Moment. Menschen nur, die nicht anders können als den anderen zur Last zu fallen, ihnen wieder ins Gedächtnis rufen, dass das Leben problemvoll und eine schwere Bürde ist. Normalerweise. Das andere, dieses leichte Dahinschweben und sorglose Offensein für die Welt ist die Ausnahme, die diese Regel bestätigt.“

#Umbr Erst mit 23, als ich mich an der Uni nicht mehr auf mein Studium konzentrieren kann, sondern nur noch darüber nachdenke, wer mit wem spricht und wer mit mir und wie lange und warum jetzt wieder nicht, da gehe ich in die psychologische Beratung für Studenten und beginne darüber zu reden. Diese erste Therapie wird nach kurzer Zeit abgebrochen, denn die Krankenkasse lehnt den Antrag ab. Andere Therapien werden folgen.

Ich bin seit über 30 Jahren müde. Die vielen Fragen in meinem Kopf und das ständige Michverstecken haben mir viel Kraft geraubt. Jetzt auch noch die Wechseljahre und jeden Morgen eine andere Laune. Suche nach Gründen für mein Nichtnormalfunktionieren: die Kindheit, ein Genfehler, die Chemie im Hirn defekt, oder die vielen Schrammen und Beulen des Lebens und die Unbeständigkeit, in der ich lebe? Eine Freundin sagt, ich sei eben eine „Lebenskünstlerin“, nicht für eine normale Arbeitswoche und eine stabile Beziehung geschaffen. Aber habe ich die Wahl? Gehört das alles zusammen, die Angst und dieses Durcheinander in meinem Leben, dass ich mich für nichts richtig entscheiden kann, mir immer einen Fluchtweg offen halten muss?

Eine tägliche Prüfung

Auf der Baustelle „Arbeit“ habe ich in den letzten Jahren viele Hürden genommen, trotz der Angst, habe kleine Erfolge gehabt, die mich glücklich gemacht haben und die Angst für eine Weile verschwinden ließen. Nur ein paar Tage lang, dann waren die Risse wieder da und das In-die-Welt-Hinausgehen eine tägliche Prüfung. Jetzt versuche ich, neue Wege zu gehen, umzusatteln. Arbeite in der Erwachsenenbildung, ein paar Tage, die Leute sind nett, es macht Spaß, mehr geht im Moment sowieso nicht. Aber ein erfülltes Berufsleben sieht anders aus. Möchte mehr schreiben und vielleicht doch als Lehrerin in einer Schule arbeiten, habe viele Ideen und finde an manchen Tagen Kraft und Klarheit dafür, an anderen möchte ich am liebsten nur noch meine Nase in Bücher halten, ein bisschen am Computer klimpern und mich so wenig wie möglich mit anderen Menschen auseinandersetzen.

Eine Beziehung, in der ich mich geborgen fühlen könnte, die vielleicht einiges auffangen und mir Halt geben würde, gibt es schon lange nicht mehr. Mein Herz ist ein kleiner, müder Motor geworden. Hatte in den letzten zehn Jahren gefühlte Millionen Versuche mit Männern, die ich meistens über Kontaktanzeigen kennen gelernt habe. Dort hält sich die Angst seltsamerweise in überschaubaren Grenzen und ich gehe fast völlig furchtlos zu den ersten Treffen mit unbekannten Männern. Habe auf diesem Weg Wessis und Ossis, Arbeitslose und Ingenieure kennengelernt, Männer, in die ich mich verliebt habe, darunter Männer, die die Liebe in einer Alkoholpfütze ertränkten, andere, die ihre Trennungskinder so gewissenhaft überbetreuten, dass keine Zeit mehr übrig blieb, Männer, die mit dem Leben selbst nicht zurechtkamen und eine Mutti-Krankenschwester-Psychologin brauchten, und Männer, die logen, dass sich die Balken bogen. Manchmal waren die Männer vielleicht auch genau die Richtigen, bei denen habe ich das Gefühl dann manchmal einfach so verloren und nie wieder gefunden.

Begegnungen der besonderen Art, aus denen nichts gewachsen ist außer ab und an mal ein- oder dreimonatige Versuche. Ein ganzer Friedhof voller Liebesleichen. Ich weiß nicht, ob dieses ewige Scheitern auch was mit meiner Störung zu tun hat. Angst vor Nähe, vor dem Glücklichsein? Erklärungen, die so abgenutzt klingen, fremd, die mir nicht passen wollen. Aber ich finde keine andere. Von meiner Angst vor Menschen habe ich meinen Männern erst in den letzten Jahren erzählt. Dachte dann immer, gleich steht er auf, schaut mich noch mal an, schockiert und mitleidig, und ist dann weg. So war es aber nie. Das war nie der Grund für eine Trennung, im Gegenteil, die Männer zeigten Interesse, wollten verstehen und mir helfen. Aber wie soll das gehen mit dem Helfen?

Habe immer noch viele Freunde. Bin dankbar, dass sie da sind. Einige finden in ihrer Arbeit oder in ihren Kindern den Sinn, der sie trägt, viele schlagen sich so wie ich mit ihren beschädigten Seelen und Lebensumständen rum und versuchen, das Ganze zusammenzuhalten. Eine Freundin sagt, sie vereine in sich die drei A’s: arm, allein, arbeitslos. Wir sind tapfer, ermutigen uns gegenseitig, gehen essen, tanzen, ins Kino, trinken Alkohol und laufen dann unserer Einsamkeit wieder direkt in die Arme.

Rescue-Tropfen

Letztes Jahr wurde ich verschickt. Auf Mütterkur. Einundzwanzig Tage mit fünfzig Frauen auf engem Raum. Jetzt noch habe ich Albträume davon. Erinnere mich, wie ich dort nachts aufwachte, schweißgebadet und mit hämmerndem Herz. Meridiane klopfen, Rescue-Tropfen, Kotzen, Gespräche mit der Therapeutin, nichts half wirklich. Wenn die Angst abends manchmal abklang, so war sie doch am nächsten Morgen bestimmt wieder da und der Gang zum Frühstücksraum jedes Mal wie ein Sprung in den Abgrund. Es gab nur einen Moment der Gnade. Weiß nicht, ob es mit unserem morgendlichen Bewegungsprogramm zu tun hatte, jedenfalls saß ich am Tisch mit anderen Frauen und merkte auf einmal, dass da gar keine Anspannung mehr in mir war. Ich konnte etwas sagen, ohne vor- oder nachher lange darüber nachdenken zu müssen, konnte witzig sein, ohne mich anzustrengen, konnte den anderen Frauen unverkrampft ins Gesicht schauen. Eine halbe Stunde von fünfhundert war ich „beschwerdefrei“.

Bekomme eine Einladung zu einem Sonntagsfrühstück mit zwei Kolleginnen samt deren Männern und Kindern. Mag diese beiden Kolleginnen besonders gern, aber trotzdem beginne ich sofort, das Für und Wider abzuwägen, habe Lust und gleichzeitig auch nicht, mir fallen gleich mehrere Ausreden ein, falls ich doch nicht will. Aber ich will ja. Also sage ich zu, und der Ton in meiner Mail klingt sogar freudig. In den Tagen davor fährt es mir jedes Mal direkt in den Bauch, wenn ich an dieses Frühstück denke. Die Fragen sind wieder da – soll mein Freund mitkommen oder soll ich lieber alleine gehen, worüber soll ich reden, soll ich sagen, wie es mir im Moment wirklich geht, soll ich lieber pünktlich oder ein bisschen später kommen, wie lange soll ich bleiben …?

Die Angst steigt langsam in den Tagen davor und versaut mir schon den Vorabend. Fühle abwechselnd Angst und Wut, dass ich mich überhaupt darauf eingelassen habe, warum ich nicht gleich abgesagt habe. Und warum mich die anderen ständig einladen müssen. Dann ist Sonntagvormittag, und das Frühstück verläuft leider nicht anders, als ich es mir vorgestellt habe. Ich grüble zu viel vor mich hin, bin nicht so schnell im Reden wie die anderen, fühle mich ausgeschlossen, zwinge mich dann doch dazu, mal was zu sagen, aber als ich etwas erzähle, habe ich wieder dieses Gefühl, dass die Aufmerksamkeit sich von mir abzieht, dass niemand mir wirklich lange zuhören will. Sitze dann den Rest der Zeit ab, frage einiges, setze mein freundlichstes Gesicht auf und bin froh, als ich aufstehen und mich verabschieden kann. Als ich meinen Freund danach treffe, bin ich schon in einem Loch gelandet und komme da den ganzen Nachmittag nicht mehr raus. Habe das Gefühl, wieder versagt zu haben, denke, dass die anderen interessanter sind, sich wohler fühlen, ihr Leben im Griff haben und dass es sinnlos ist, immer wieder zu versuchen, es endlich gut zu machen.

#Umbr Einer der wenigen Menschen, mit denen ich angstfrei zusammenleben kann, ist mein Sohn. Alles ist echt an ihm und an mir, wenn wir zusammen sind. Ich muss mich nicht anstrengen und so tun, als wäre ich jemand anderes. Wir können wortlos frühstücken, ohne dass es peinlich ist, es gibt keinen Druck. Er wird groß und immer größer, und ich schaue ihm glücklich dabei zu. Kraftquelle nennt man so was wohl, und das ist es auch.

Ich schäme mich, so zu sein, wie ich bin. Schäme mich für mein verkorkstes Ich, und für die Angst schäme ich mich auch noch mal. Erst vor etwa zwei Jahren habe ich angefangen, darüber zu reden, mit Freunden und meinen Partnern und anderen. Um zu entschuldigen, dass ich nun zu diesem oder jenem Treffen auch wieder nicht gehen konnte. Viele reagierten ungläubig, angesichts dessen, was ich in meinem Leben alles schon geschafft hatte, eine Karriere im Kulturbereich, viele Freunde und Bekannte, immer bereit, Neues zu probieren. Einige wollen es immer noch nicht glauben. Was mich dazu führt, immer ausdrücklicher auf die Angst hinzuweisen und darauf, dass es sie wirklich gibt, sie wissenschaftlich untersucht wird, sie einen Namen hat. Aber hilft es mir wirklich, dass ich ein Etikett auf diese Krankheit kleben kann?

Frage mich, wer ich ohne diese Angst wohl wäre, wie ich leben, wo ich arbeiten würde. Ich bin ausgebildete Lehrerin und könnte in einer Schule arbeiten – aber gibt es ein bedrohlicheres Umfeld als die Schule? Konfrontation mit Menschen, offene Ablehnung, sich durchsetzen müssen, zu sich stehen, all das, was ich nicht kann.

Voller Wut

Im letzten Jahr habe ich es trotzdem versucht, in einer Schule in Spandau. Bin darauf zugerast wie auf eine Klippe. Hatte Angst vor den Schülern, vor den Kollegen, Albträume, Herzrasen, Schweißausbrüche in der Nacht. Mein Freund lag dann irgendwann auch wach neben mir und sagte: Spandau ist doch kein Kriegsgebiet. Hab gelacht, aber morgens immer wieder gekotzt, wenn ich dort hinfahren musste. In einer Nacht habe ich mich betrunken und große Wörter in mein Tagebuch gekritzelt, war voller Wut, dass ich mir das wieder angetan hatte. Morgens war ich dann ganz ruhig, hab mich an den Computer gesetzt und dem Schulleiter meine Kündigung geschickt. Habe versucht zu schildern, wie es mir ging und dass es mir leid täte. Habe nie eine Antwort bekommen. Seitdem erscheint der Gedanke, in einer Schule zu arbeiten, immer wieder, er verspricht Sicherheit und ein hohes Einkommen, und manchmal habe ich auch wirklich Lust zu unterrichten und denke, dass ich dort endlich meine Angst überwinden könnte. Aber bis dahin komme ich gar nicht mehr.

Denke immer häufiger, dass ich vielleicht seit Jahren gegen die Chemie in meinem Kopf kämpfe, einfach nur falsch eingestellt bin. Und wenn ich jetzt Ja sagen würde zu Medikamenten, könnte man mir nicht sagen, dass ich nicht alles versucht hätte: Gesprächstherapien, Verhaltenstherapien, Gestalttherapien, Familienaufstellung, The Work, Hypnose, Homöopathie, Bachblüten, Yoga, Meditation, Autogenes Training, Akupunktur... Das reicht für hundert Leben. Vielleicht habe ich manches zu schnell fallen gelassen, nicht ausgiebig genug geübt, vielleicht wäre ja ein Ansatz der richtige gewesen.

#Umbr Was haben sie mir gebracht, die Hunderte von Stunden in Therapie? In einer Verhaltenstherapie wollte man mir ein Denkmodell überstülpen, ich sollte sehen, endlich einsehen, dass ich die Angst besiegen könnte, wenn ich sie nur immer wieder und sehr lange aushalten würde. Habe dagegen gehalten, gesagt, gucken Sie mal, wie oft ich das schon ausgehalten habe, wie oft ich mich in Gruppen begeben habe, vor Gruppen gesprochen habe, und es hat absolut gar nichts verändert. In anderen, besseren Therapien habe ich verstanden, dass in meiner Kindheit nichts Schlimmes passiert ist, außer dass man mich fast übersehen hat. Dass ich nicht genügend vorbereitet wurde auf das Leben mit anderen, weil man mir nicht beigebracht hat, meine Gefühle und meine Wünsche wichtig zu nehmen. Dass ich Weltmeisterin geworden bin im Verstehen der anderen, ihrer Wünsche und Bedürfnisse, weil ich so nichts falsch machen kann, denn so müssen die anderen mich doch gern haben. Aber es funktioniert ja nicht, denn irgendwo in mir ist dieses komische kleine Ich, das tobt und poltert. Und mir auch noch Angst macht.

Vor ein paar Monaten war ich dann auch mal in einer Selbsthilfegruppe Soziale Angst. Tolle Menschen dort, mutige Menschen, die sich nicht von ihrer Angst auffressen lassen wollen. Viele nehmen Medikamente, alle arbeiten oder studieren und ertragen tapfer die inneren Kämpfe. Für mich war es nicht das Richtige. Habe mich beim ersten Mal vorgestellt, meine Angst beschrieben, viele haben freundlich geguckt, genickt. Einige aber haben gar nicht reagiert. Da saß ich dann, und die anderthalb Stunden wurden immer länger und ich habe gedacht, wo bin ich denn hier gelandet, hier muss ich die Angst aushalten, dass die anderen jetzt denken, „was ist das denn für eine“, und ich kann sie nicht fragen, ob sie das wirklich gerade denken und es gibt niemanden, der uns zur Seite steht, kein Psychologe, der das Ganze ein bisschen lenken, etwas draus machen könnte. Habe es nur noch ein zweites Mal dahin geschafft und die Gruppe dann endgültig verlassen.

Es bleiben jetzt nicht mehr viele Alternativen: vielleicht noch eine Psychoanalyse, eine Karriere als Säuferin oder eben Psychopharmaka. Mein Therapeut sagt, diese Medikamente machen nicht glücklich, aber sie können einen Anschub leisten, den ich im Moment brauchen könnte. Weiß nicht, wie ich eine solche Entscheidung treffen soll. Bin durch die vielen Fragen und hunderttausend möglichen Antworten ziemlich entscheidungsschwach geworden. Frage mich, wenn ich mich für die Chemie entscheide – bin ich dann nicht ein Feigling, müsste ich es nicht ganz alleine schaffen, waren dann die vielen Versuche, diese ganzen Therapien nicht sinnlos, und wenn das plötzlich hilft, habe ich dann nicht die ganzen Jahre umsonst gelitten, ist dieser Gedanke allein nicht viel schrecklicher, und was wird sich verändern, wenn ich sie nehme, werde ich mich gar nicht mehr wiedererkennen, werde ich mich ganz verlieren, und was werden die anderen sagen, werden sie es merken, soll ich es ihnen überhaupt sagen, und wie geht es weiter?

Oder werde ich auf einmal ein bisschen mehr Spaß haben an diesem komischen Leben, ein paar Schritte weitergehen können, nicht mehr so müde sein, eine neue Arbeit beginnen, mich freuen, wenn man mich zu Geburtstagen und Weihnachtsfeiern einlädt, Kraft finden für die Liebe und ein Ich sein, das nur noch ab und zu ein kleines bisschen Angst hat? Ich würde die große Angst nicht sehr vermissen.

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