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„Ich sehe mich selbst am See meiner Kindheit.“
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„Ich sehe mich selbst am See meiner Kindheit.“

Erziehung

Das Glück am Haken

  • Viktor Funk
    VonViktor Funk
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Wer einen Fisch fangen will, braucht Geduld. Und noch mehr als das. Viktor Funk bringt seinem Sohn das Angeln bei – oder ist es umgekehrt?

Für einen Augenblick verliere ich mich in der Zeit und in meinen Erinnerungen. An diesem Spätsommertag steht mein fünfjähriger Sohn am Auto, die kleine Angel in der Hand, die Rettungsweste angezogen, bereit, ins Boot zu klettern. Er wartet, bis ich nachkomme. Und so wie er da steht, voller kindlicher Ungeduld und Aufregung, die das Leben so lebenswert machen, da sehe ich vor meinem geistigen Auge mich selbst am See meiner Kindheit. Ich warte darauf, dass mein Vater und mein Großvater endlich kommen. Warum trödeln sie nur so lange? Wir wollen doch angeln!

Wenn Glück sich in Bildern festhalten ließe, dann wäre dieser Moment mit meinem Sohn am See so ein Glücksbild. In diesem Augenblick ist das Leben perfekt. Jetzt sind in meinen Gedanken vier Generationen meiner Familie vereint, Generationen, die nicht das Glück hatten, einander kennenzulernen, und sich doch so nah sind. Was mich mein Großvater und mein Vater gelehrt haben, das ist zu meiner Aufgabe geworden: meinem Sohn die Tradition weiterzugeben und ihn am Wasser das zu lehren, worum es so häufig im Leben geht – um Balance, um Gleichgewicht zwischen Kraft und Verstand, zwischen Hartnäckigkeit und Einsicht, zwischen Handeln und Geduld.

Manche Menschen lachen, wenn ich ihnen sage, dass man im Angeln Parallelen für alle Lebenslagen findet. Ich möchte sogar behaupten, man kann aus dem Angeln eine einzige Maxime für das gesamte Leben ableiten. Balance, das ist es, worum es geht.

Das wird mir einmal mehr deutlich, als mein Sohn am Boot spielt, das wir an unserem Angelplatz am Ufer befestigt haben. Schon den ganzen Vormittag lang klettert er hinein und wieder heraus. Dann wirft er ein paar Mal mit seiner Angel aus, dann basteln wir aus Schilfblättern Schiffe und lassen sie davontreiben.

Als er wieder ins Boot klettern will, bewegt es sich. Mein Sohn springt, klammert sich an der Sitzbank fest und landet mit den Füßen im Wasser. Er hat das Gleichgewicht verloren.

Sein Gesicht ist angespannt, in seinen Augen ist der Schrecken zu sehen. Dann lachen wir beide so laut, dass kein Fisch sich mehr in unsere Nähe traut. Ich ziehe meinem Sohn die Gummistiefel aus, kippe das Wasser heraus. Er fröstelt. Und grinst.

Es ist unser erstes gemeinsames Jahr am Wasser. In seinem Alter konnte ich gerade mal eine Bambusrute in den Händen halten und kleine Weißfische aus meinem Heimatsee in Kasachstan fangen. Meinen ersten Karpfen fing ich erst mit 14 Jahren in Deutschland. Mein Sohn aber hat schon zwei große Karpfen gefangen. Zumindest erzählt er das so. Schließlich war er ja dabei, als sein Großvater einen Karpfen fing, und er war dabei, als ich einen fing. In seiner Vorstellung ist Dabeisein alles.

Seine Neugierde, die unzähligen Fragen, ob unter jedem Stein am See ein Schatz vergraben liegt, und warum er nicht noch mehr Futter ins Wasser werfen darf, wieso er auf dem Boot ruhig sein soll, wenn doch die Fische im Wasser nichts hören können – das Angeln mit einem Kind gleicht einem Feuerwerk an Glücksgefühlen, aber gelegentlich verzweifle ich auch. Wie hat es nur mein Vater mit mir ausgehalten?

In Momenten, in denen ich nicht weiter weiß, erinnere ich mich daran, wie mein Vater mir den Haken beköderte, die Brassen und Woblas, Verwandten der Rotaugen, vom Haken löste, mich mahnte, nicht ständig dahinzulaufen, wo jemand gerade einen Fisch herauszog. Ich erinnere mich daran, wie mein Großvater Tomaten, Gurken und Brot für mich auf den großen Steinen am See aufschnitt und sein Hemd um mich legte, um mich in der Kühle des Abends zu wärmen.

Hier, am See bei Frankfurt, wärmt mein alter Schlafsack meinen Sohn. Wir sind zum ersten Mal zum Nachtangeln hier, er hat sich den Platz ausgesucht. Es ist eine beliebte Stelle, der Durchbruch von einem zu einem anderen See. Als wir aufbauen, springen ein paar Fische vor unserem Platz.

Freiwillig, ohne Diskussion, Überredung und Bestechung klettert mein Sohn am Abend ins Zelt und in den Schlafsack. Sein Gesicht drückt sich in mein altes Angelkissen, die Augen geschlossen, ganz leise ist sein Atmen zu hören. Ich sitze vor dem Zelt, der See ist spiegelglatt, die Wolken schieben sich vor den Mond, und nur ein paar Motorgeräusche aus der Ferne sind zu hören.

Ich habe nicht so weit ausgelegt, wie die Fische gesprungen sind. Hoffentlich nehmen sie das Futter wahr und kommen näher. Hätte ich weiter ausgelegt, was an dieser Stelle sinnvoll ist, dann müsste ich bei einem Biss zwingend ins Boot steigen. Aber ich will nicht aufs Wasser, während mein Sohn im Zelt allein zurückbleibt.

Nachts wache ich auf, meine Hand spürt den Kleinen neben mir, er schläft tief. Ich lausche, irgendwo platscht es, viel zu weit weg. Am Morgen färbt die Sonne den Himmel violett, Vögel beginnen zu singen. Ich stehe auf, koche mir einen Espresso, und mit dem Geschmack frischen Kaffees auf den Lippen fotografiere ich den See im ersten Tageslicht. Wie gern würde ich jetzt den Bissanzeiger aufheulen hören, meinen Sohn wecken und mit ihm zusammen den Fisch drillen. Aber es bleibt still. Stattdessen verliere ich an diesem Vormittag mein Gleichgewicht.

Die Fische sind aktiv, rollen und springen, sogar ganz nah bei den ausgelegten Ködern. Aber sie beißen nicht. Und wenn schon uns Erwachsenen Geduld schwerfällt, wie schwer muss es für einen Fünfjährigen sein, zu verstehen, dass man manchmal nichts tun kann, außer zu warten?

Mein Sohn vertreibt sich die Zeit mit Steinewerfen. „Bitte lass das“, sage ich. Er klettert ins Boot hinein und wieder heraus. „So fangen wir nie etwas, es ist zu laut“, mahne ich ihn. Er will Futter mischen. „Das brauchen wir doch gar nicht.“ Ihm sei langweilig, sagt er. „Dann spiel etwas“, antworte ich. Er wirft wieder Steine ins Wasser … und dann platzt mir der Kragen.

***

Ich schnappe ihn mir, tue erst so, als wollte ich ihn ins Wasser werfen und setze ihn dann auf einen Balken am Ufer. Der Schreck, mein Zorn oder was auch immer treiben ihm die Tränen in die Augen. Still fluche ich auf mich selbst, begreife nicht, warum ich das getan habe, bereue es längst und halte meinen Sohn fest.

Als wir unsere Sachen zusammenpacken, sehe ich kleine Fische aus dem Wasser springen. Barsche.

„Wollen wir noch ein paar vom Boot aus fangen?“, frage ich.

„Ich will nach Hause.“

Ich ärgere mich über mich selbst. Alles lief gut, bis mein eigener Frust darüber, dass wir nichts gefangen haben, mich falsch handeln ließ.

„Wir machen ein paar Würfe und fahren dann, okay?“

Ich deute sein Schweigen als Einverständnis.

Es gibt in diesem See eine Stelle, an der ich fast immer Barsche fange. Dort rudere ich hin. Die Sonne scheint, leichter Wind kräuselt das Wasser. Als wir in der Nähe sind, werfe ich aus, und sofort attackiert ein Fisch den Köder. Der erste Barsch. Mein Sohn nimmt seine Angel, klemmt die Schnur mit dem Zeigefinger fest, klappt den Bügel der Rolle zurück, holt aus und wirft. Sein kupferfarbener Spinner fliegt. Nach mehreren Würfen entscheidet er sich, ins offene Wasser zu werfen, nicht zu den überhängenden Bäumen.

„Wenn der Spinner ins Wasser fällt, dann warte kurz, er muss ein bisschen absinken“, sage ich, „die Barsche stehen da tiefer“. Er wartet, kurbelt los und wirft bald wieder aus. Ich zweifele daran, dass er dort etwas fängt. Doch dann schreit er auf, die Rutenspitze zittert, er hat seinen ersten Fisch gehakt.

Am liebsten würde ich ihm helfen, die Angel nehmen und den Fisch vorsichtig drillen. Doch wenn mir früher Erwachsene halfen und mir dabei die Angel oder das Werkzeug wegnahmen, ärgerte es mich. Also lasse ich ihn. Fiebere mit ihm. Er lacht und schreit und seine Beine wollen springen, sein ganzer Körper freut sich. Und dann hebt er den Barsch heraus, das Wasser perlt von dem Fisch ab, er leuchtet golden-grün in der Sonne, und mein Sohn strahlt.

Er besteht darauf, dass wir unseren Fang mitnehmen. Am Ende liegen fünf Barsche auf unserem Küchentisch. Ich schneide sie auf, wir entdecken kleine Krebse und kleine Futterfische in ihren Mägen. Ich brate sie knusprig, und als wir sie essen, fragt mein Sohn, warum wir nur eine Nacht am See geblieben sind. Ich bin erleichtert und dankbar für diese Frage. Wir haben beide unser Gleichgewicht wiedergefunden. Und wir planen den nächsten Ausflug.

***

Eine Woche später sind wir wieder am See, dieses Mal entscheide ich mich für eine Stelle, einen Steg am Nordufer. Von hier aus kann ich den Schilfgürtel und eine lange Sandbank in der Mitte des Sees befischen. Wir bauen auf, fahren zusammen die Köder aus und können uns schneller als erwartet über den ersten Fisch freuen, einen Stör. Er ist etwas länger als einen Meter und sieht mit seinen wenigen Schuppenreihen, den langen Barteln und der spitzen Schnauze richtig urig aus. Mein Sohn ist am meisten von seinem Mund fasziniert, den dicken Lippen, die auf dem Grund die Nahrung aufnehmen.

Ich bereite neues Futter vor, gekochten Hanf, Weizen und Tigernüsse. Beködere den Haken. Wir fahren die Angel aus, etwas weiter weg von der ersten Bissstelle, legen den Köder aus und rudern zurück. Der Wind lässt nach.

Nachts hält mich der Vollmond wach. Der See liegt so still und unbewegt vor mir, dass ich mir fast wünsche, seine Ruhe nicht mit einem Biss zu stören. Als die Morgendämmerung einsetzt, reißt mich ein Bissanzeiger von der Liege. Ich stehe am Steg, die Rute in meiner Hand krümmt sich. Hinter mir schläft mein Sohn. Der Fisch lässt sich nur langsam heranholen, zieht durch Wasserpflanzen. Ich ziehe so stark wie nötig und so schwach wie möglich. Ins Boot? Nein. Warten, langsam kurbeln, wieder warten. Und dann ist der Fisch im Freiwasser, bietet vor dem Steg noch seine letzten Kräfte gegen mich auf und ergibt sich schließlich.

Um sieben Uhr wecke ich meinen Sohn.

„Wir haben einen Karpfen gefangen“, sage ich.

„Zeig.“

„Wollen wir Fotos machen?“

Nach dem Fotografieren koche ich uns Tee, wir frühstücken und packen unsere Sachen.

Monate später sage ich zu meinem Sohn, dass wir dieses Jahr vielleicht nicht mehr angeln fahren. Es wird immer kälter. Er verzieht das Gesicht. „Aber wir können an den Rhein fahren, da gehen wir spazieren und suchen uns Stellen für das nächste Jahr“, schlage ich vor. Er nickt. Und er ändert seine Wünsche für den sechsten Geburtstag, der bald ansteht. „Ich will ein Auto mit Fernsteuerung und Angelköder“, sagt er. „Aber die Köder will ich mir selbst aussuchen!“ (Viktor Funk)

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