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Der israelische Sänger Aviv Geffen mag die deutsche Kanzlerin.
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Der israelische Sänger Aviv Geffen mag die deutsche Kanzlerin.

Populismus

?Angela Merkel ist das Gegenteil von Trump?

Der israelische Sänger Aviv Geffen spricht im Interview über Freiheit, seine Liebe zu Deutschland und warum er sich mächtig fühlt. Geffen ist in seiner Heimat auch wegen seiner Haltung bekannt.

Von Uli Kreikebaum

Aviv Geffen ist am Morgen aus London eingeflogen, am Abend fliegt er nach Amsterdam, morgen nach Mailand. In seiner Hotelsuite in Köln gibt er elf Interviews – in Jogginghose und Socken. Neben ihm liegt ein offener Koffer mit einer Stange Marlboro, der wohl populärste Sänger Israels trinkt fortwährend Espresso und raucht. Geffen ist in seiner Heimat nicht nur wegen seiner Musik, sondern auch wegen seiner Haltung bekannt: Er fordert unentwegt, mit den Palästinensern wieder über Frieden zu verhandeln und die besetzten Gebiete zurückzugeben. Dafür wird er geliebt, gehasst – und immer wieder bedroht.

Mr. Geffen, vor 20 Jahren haben Sie gesagt: Für die Jugend gibt es nichts mehr, für das es sich zu kämpfen lohnt, deswegen verliert sie sich im Internet. Sie sangen von der „Fucked up generation“ – das Lied „It’s cloudy now“ wurde aus dem Radio verbannt, aber zur Hymne junger Israelis. Heute sind Rechtspopulisten und Extremisten überall auf dem Vormarsch, es gibt Trump, Putin, Erdogan, Orban, Le Pen. Lohnt es sich wieder, zu kämpfen?
Ja, unbedingt, es muss dringend etwas geschehen, die Jugend muss sich endlich wieder politisch bemerkbar machen. Und ich spüre auch, dass sie das tut. Es ist noch nicht so laut, so sichtbar, und Google beherrscht die Welt mehr als je zuvor – aber die Menschen, gerade die jungen, werden demonstrieren für eine gerechtere, menschliche Welt. Ich weiß, dass das passieren wird. Es wird eine Welle von Protesten geben, bis zu Revolutionen.

Woher schöpfen Sie die Zuversicht?
Ich bin natürlich eigentlich eher pessimistisch. Ich war selber spielsüchtig, ich sehe, wie Generationen von Menschen lethargisch vor Laptops und Smartphones sitzen, ich tue es ja selber auch ständig! Ich spüre, wie die Poesie im Leben vieler Menschen verloren geht. Dagegen versuche ich, anzusingen – und darin finden sich viele Menschen wieder. Ich glaube aber wirklich, dass es bald einen Wendepunkt geben wird. Die Leute wollen nicht komplett fremdbestimmt leben. Und sie merken langsam, dass sie es längst tun. Aber Trump werden die meisten hoffentlich nicht folgen.

Die Amerikaner haben Ihn gewählt und inzwischen sitzt er im Weißen Haus. Wird sich mit ihm viel verändern – auch, was das Verhältnis zu Israel angeht?
Für mich war es ein wirklicher Schock, dass er gewählt wurde – er hat eine Kampagne gemacht, die mich stark an Hitler erinnert hat: Er hat Arbeit für alle versprochen, Angst vor Fremden geschürt, Ausweisungen und Einreiseverbote für Muslime angekündigt, Lügen und Menschenverachtung verbreitet. Schierer Populismus. Gruselig. Ich dachte ja immer, die Klischeebilder, die man von den Amerikanern im Fernsehen sieht, stimmen nicht, für mich waren die Vereinigten Staaten immer das Land von Kurt Cobain und dem grandiosen Radiomoderator Howard Stern. Aber es gibt tatsächlich einen ganzen Haufen Idioten. Und der größte von ihnen ist jetzt an der Macht.

Welchen Schluss ziehen Sie daraus?
Immer mehr Fanatiker bestimmen, wo es lang geht. Es gibt Putin, jetzt Trump, die Engländer treten aus der EU aus, bald wird Frankreich vielleicht rechtsextrem regiert. Das ist schrecklich. Deswegen muss jeder einzelne sich dagegen wehren. Es ist noch nicht zu spät. Wir sind noch da!

Was bedeutet Trump für Israel?
Ich denke, dass sich die Regierung eher freut. Ich glaube, dass Obama Benjamin Netanjahu gehasst hat. Obama ist kein Hardliner, Trump schon. Wir werden sehen. Es ist nicht so sehr die Frage, was Trump für Israel bedeutet, sondern für die Welt.

Sie engagieren sich seit vielen Jahren für die Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern, fordern die Aufgabe der besetzten Gebiete – und haben sich damit auch viele Feinde gemacht.
Ich sage, Du kannst nicht das Leben anderer Menschen kontrollieren. Du kannst es versuchen, Du wirst es aber nicht schaffen. Wenn Du es versuchst, erntest du Hass. Lass den Menschen ihren Raum, ihre Freiheit – nur so können wir miteinander leben. Klar habe ich Feinde, aber auch viele Freunde. 50 Prozent der Menschen in Israel teilen inzwischen meine Meinung: Sie wollen einen neuen Friedensprozess. Netanjahu hat das Wort Frieden dagegen von der politischen Tagesordnung gestrichen.

Sie haben den Kriegsdienst verweigert, schminken sich und tragen Frauenkleider, um Homophobie anzuprangern. Dazu fordern Sie, die besetzten Siedlergebiete an die Palästinenser zurückzugeben. Woher kommt ihr Impuls, aufzubegehren?
Mein Großonkel ist Moshe Dajan, der Held des Sechstagekriegs. Ich bin wegen vorgeschobener Wehwehchen nicht zum Militär gegangen und plädiere seit Jahren dafür, die besetzten Gebiete zurückzugeben – klar, haben sich viele darüber aufgeregt, aber das ist lange her. Inzwischen hat die israelische Gesellschaft zumindest einen Teil ihrer Machismen abgelegt. Woher der Freiheitsdrang kommt? Meine Eltern waren Bohémiens, die immer gesagt haben, was sie dachten. Vielleicht daher? Keine Ahnung.

Brauchen Sie eigentlich noch Personenschutz?
Nein, zum Glück nicht, nur in Shows, wenn ich auftrete. Die meisten Leute haben kapiert, dass ich weiter sage, was ich denke, auch wenn viele nichts von Aussöhnung wissen wollen und sich nicht vorstellen mögen, den Palästinensern einen eigenen Staat zu geben. Als Juror von „The Voice of Israel“ sage ich im Fernsehen meine regierungskritische Meinung, ich kritisiere die Siedlungspolitik, ich sage, dass es keinen Gott gibt außer Google – und alles wird ungeschnitten gezeigt. Es hat sich überhaupt manches zum Besseren gewandelt für mich persönlich: Früher wurde ich oft angefeindet, weil ich bei Auftritten Make-up trage, aber die Leute haben sich daran gewöhnt.

Sie sind Atheist und sagen: Musik ist meine Waffe und meine Religion. Fühlen Sie sich mächtig?
Ja, sehr. Durch die Konzerte, weil sehr viele Menschen meine Platten kaufen, aber auch, weil ich in den Medien sagen kann, was ich denke. Das ist ein großes Privileg. Ich glaube, dass Kunst die stärkste Waffe überhaupt ist, Kunst im Allgemeinen und Poesie im Besonderen. Sie erinnert Menschen an ihre Gefühle. An die Gründe für ihre Traurigkeit, aber auch an die Möglichkeit von Veränderung, und an die Möglichkeit, zu lieben.

Sie standen nur ein paar Meter von Jitzchak Rabin entfernt, als der bei einer Kundgebung 1995 ermordet wurde. Ein paar Minuten vorher hatten Sie ihn umarmt. Welche Rolle spielt dieser Moment für Ihr Leben?
Mit dem Mord an Rabin ist der Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern gestorben. Es war die Kugel, mit der Israels Zukunft gestorben ist. Er hatte ja gerade der Nation gesagt, dass wir auf dem Weg sind, dauerhaft in Frieden zu leben. Ich habe daran geglaubt. Der Mord war das traumatischste Ereignis meines Lebens, ich bin danach für zwei Jahre nach London geflohen. Aber ich habe durch dieses Trauma auch die Kraft geschöpft, dass ich der Gewalt und dem Hass mit meiner Musik etwas entgegensetzen muss, dass ich kämpfen muss für die Kinder, die Familien, die Zukunft. Es hat mich unglaublich angespornt. Ich wäre sonst heute ein anderer.

Sie haben danach mit kugelsicherer Weste gespielt. Machen Sie das immer noch?
Nein, das war zum Glück nur einmal. Ich werde natürlich noch bedroht und beschimpft, fast täglich. In den Straßen werde ich angepöbelt, manchmal auch gerempelt, Menschen drohen mir. Aber ich habe mich daran gewöhnt, dass das Leben immer riskant ist. In Israel ist ja für jeden normal, mit einer gewissen Bedrohung zu leben. Man schert sich irgendwann nicht mehr darum. Es geht ja auch gar nicht anders.

Ein Teil ihrer Familie wurde im Holocaust umgebracht – sie sagen immer wieder: Ich mag Deutschland sehr. Erklären Sie bitte, was Sie mit Deutschland verbindet.
Ich habe viele Freunde in Deutschland, auch viele Fans. Ich kann sie nicht dafür verantwortlich machen, was ihre Väter oder Großväter getan haben. Der Holocaust wird immer ein schwarzes Loch in meinem Herzen bleiben. Aber es gibt längst eine neue Generation: Es kommt nicht von ungefähr, dass sehr viele junge Israelis in Berlin leben. Sie lieben das Lebensgefühl dort. Sie lieben die Offenheit der Menschen und auch des Landes. Deutschland ist sehr liberal. Junge Menschen aus Israel leben unbeschwert mit den Deutschen zusammen und lieben sie. Für die ältere Generation ist das schwierig zu verstehen, für mich nicht. Die Welt verändert sich – in dieser Hinsicht zum Guten.

Sie haben eine Vorliebe für deutsche Frauen, waren zweimal mit einer Deutschen verheiratet.
Ja, das stimmt, ich weiß auch nicht, warum. Vielleicht, weil ich so hyperaktiv bin und die deutschen Frauen eher streng und kontrolliert sind. Irgendwie ziehen deutsche Frauen mich an. Sie sind sehr hübsch und tiefsinnig. Einige zumindest ... Irgendwie verliebe ich mich immer in deutsche Frauen.

Was denken Sie über Angela Merkel?
Ich mag sie. Sie ist zurückhaltend, sachlich, das Gegenteil von Trump.

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