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Die einzigen Amerikanerinnen und Amerikaner, die vom Absturz Cuomos nicht wirklich überrascht sind, sind die Menschen in New York.
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Die einzigen Amerikanerinnen und Amerikaner, die vom Absturz Cuomos nicht wirklich überrascht sind, sind die Menschen in New York.

Skandal

„Ich werde dich zerstören“: Schwere Vorwürfe gegen New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo

  • Sebastian Moll
    VonSebastian Moll
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Der New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo galt als Politiker mit großer Zukunft. Doch dann wurde bekannt, dass er die Zahl der Covid-Fälle beschönigt haben soll. Außerdem beschuldigen ihn mehrere Frauen der sexuellen Belästigung.

  • Andrew Cuomo, Gouverneur von New York, sieht sich schweren Vorwürfen ausgesetzt.
  • Er soll Zahlen während der Corona-Pandemie relativiert haben.
  • Außerdem erheben mehrere Frauen wegen sexueller Belästigung Anklage gegen den Politiker.

New York – Im April vergangenen Jahres hat es reichlich Grund gegeben, sich irgendwie orientierungslos zu fühlen. Die Welt stand kopf, die Gegenwart war so verwirrend wie die Zukunft – und ungewiss. New York war zum globalen Epizentrum der Pandemie geworden, das pausenlose Heulen der Krankenwagen-Sirenen machte die ausgestorbene Stadt noch gespenstischer als ohnehin schon. Im Hudson ankerte ein Krankenhaus-Schiff, im Central Park war ein Feldlazarett entstanden, die Subway war zur Rushhour menschenleer.

All das hätte David Freedlander, ein gestandener politischer Reporter aus Brooklyn, noch verkraften können. Was ihn am meisten verwirrte, war jedoch, dass plötzlich alle Andrew Cuomo liebten. Die täglichen Pressekonferenzen des Gouverneurs waren Quotenrenner, junge Frauen liefen mit T-Shirts herum, auf denen sie sich dazu bekannten, Hals über Kopf in den 63 Jahre alten Gouverneur verknallt zu sein.

Andrew Cuomo: Man hasst ihn wieder – nicht nur in New York

„Ich hoffe nur, dass diese Pandemie bald vorbei ist, damit ich Cuomo wieder hassen kann“, schrieb Freedlander damals in einer „Politico“-Kolumne. Der eingefleischte New Yorker Linke hatte den raubeinigen Landesherren mit dem ausgeprägten Machtwillen über die Jahre als Feindbild internalisiert. Plötzlich war dieser zum Volkshelden geworden, zum Anti-Trump, zum Fels der Vernunft in der Brandung des Wahnsinns, die Amerikas Grundfesten auszuhöhlen drohte.

In den vergangenen Wochen wurde Freedlanders Wunsch nun teilweise erfüllt. Man hasst Andrew Cuomo wieder, nicht nur in New York, sondern in den gesamten USA. Die Aura des Corona-Helden, der sein Volk mit sicherer Hand durch die Katastrophe steuert, ist inmitten eines sich rasant ausbreitenden Skandals um Andrew Cuomo erloschen. Diejenigen, die in ihm einen aufgehenden Stern am US-amerikanischen Politik-Firmament gesehen hatten, sind zutiefst enttäuscht.

Andrew Cuomo: Gouverneur sei „manipulierend, grob und arrogant“

Die einzigen Amerikaner:innen, die vom Absturz Andrew Cuomos nicht wirklich überrascht sind, sind die Menschen in New York, Leute wie David Freedlander, die seit zehn Jahren miterleben mussten, wie Andrew Cuomo mit seiner Mischung aus Doppelzüngigkeit und plumper Einschüchterung den Staat regiert und die Stadt New York gängelt. Schon als Cuomo 2002 erstmals für den Gouverneursposten kandidierte, nannte die „New York Times“ ihn „manipulierend, grob und arrogant“.

Das hat nun auch die Welt jenseits des Hudson gemerkt, nachdem sie Cuomo, ähnlich wie Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani nach 9/11, ein dreiviertel Jahr lang als Helden gefeiert hatte. Die Charaktereigenschaften, welche die „Times“ Cuomo vor 20 Jahren nachgesagt hatte, sind nun auch durch geschickte PR-Manöver kaum mehr zu vertuschen.

2020: Cuomo gilt als Hoffnungsträger und Anti-Trump. Johannes EISELE/AFP

Die Maske des guten Onkels, des „Lov-Gov“, wie Medien ihn zwischenzeitlich getauft hatten, wurde Andrew Cuomo vor einem Monat entrissen. Bei einer Pressekonferenz in Albany begann Cuomo ungefragt über einen Staatsabgeordneten herzuziehen. Dieser, ein koreanisch-stämmiger Delegierter aus Queens, sei vor Jahren in einen unaufgedeckten Korruptionsskandal um chinesische Nagelstudios in New York verwickelt gewesen. Die eigenartige Beschäftigung mit dem Delegierten Ron Kim ließ die Journalist:innen aufhorchen – sie begannen zu recherchieren. Kurz darauf erschienen mehrere Artikel über das Verhältnis zwischen Herrn Kim und dem Gouverneur.

Andrew Cuomo: Management der Corona-Krise

Wie sich herausstellte, hatte Kim als Vorsitzender eines Ausschusses für ältere Mitbürger:innen maßgeblich daran mitgewirkt, Andrew Cuomo dafür zur Rechenschaft zu ziehen, wie er während der Covid-Krise mit New Yorker Altersheimen umgegangen war. Cuomo hatte symptomlos infizierte Pfleger:innen weiterarbeiten lassen. Zudem hatte er, um die Krankenhäuser zu entlasten, Covid-Kranke mit milderen Symptomen in den Altersheimen belassen.

Das Ergebnis war verheerend. Das Magazin „New Yorker“ beschrieb den Effekt wie ein Streichholz in einem trockenen Nadelwald. Die Todeszahlen in den Heimen waren katastrophal. Und zu den Opfern zählte der Onkel von Kim, ein verdienter Armeeveteran. Doch um sein gepflegtes Image als Covid-Held nicht zu beschmutzen, soll Andrew Cuomo die Zahl der Toten verheimlicht oder zumindest beschönigt haben.

Andrew Cuomo wettert gegen Abgeordneten – „Ich werde dich zerstören“

Am Abend nach der Sitzung, in der Kim Andrew Cuomo mit diesen Vorwürfen konfrontierte, klingelte bei den Kims das Telefon. Am anderen Ende der Leitung war der Gouverneur selbst und er war außer sich. „Ich werde dich zerstören“, schrie er Kim so laut an, dass dessen Frau es bis ins Wohnzimmer hören konnte. „Ich werde morgen hinausgehen und der Welt sagen, was für ein schlechter Abgeordneter du bist. Du bist fertig.“ Kim entschloss sich, den Drohungen nicht nachzugeben und die Wahrheit an die Öffentlichkeit zu bringen.

1997: Andrew Cuomo als frisch ernannter US-Bauminister

Dies löste eine Welle von Enthüllungen aus: Plötzlich quollen die sozialen Medien vor Cuomo-Geschichten über. Es schien, als wären nahezu alle, die in den vergangenen 20 Jahren in der New Yorker Politik zu tun hatten, irgendwann einmal mit Cuomo oder seinem Team aneinandergeraten. „So viele Menschen sind vom ihm eingeschüchtert oder misshandelt worden“, twitterte Yuh-Line Niou, Staatsabgeordnete aus Manhattan.

Andrew Cuomo: Gouverneure stellt intime Fragen über Privatleben

Und es traten im Windschatten von Herrn Kim weitere Menschen an die Öffentlichkeit: etwa jene Frauen, die sich von Andrew Cuomo im Laufe der Jahre sexuell belästigt gefühlt hatten. Ehemalige Mitarbeiterinnen erzählten, dass Cuomo ihnen intime Fragen über ihr Privatleben gestellt und sie gefragt habe, ob sie jemals mit einem älteren Mann geschlafen hätten. Eine 36-jährige Mitarbeiterin berichtete, er habe sich ihr in den Weg gestellt und einen Kuss aufgezwungen. Bei anderer Gelegenheit habe er ihr eine Partie Strip Poker vorgeschlagen. Eine andere Frau behauptet, Cuomo habe ihr in seiner Residenz ungefragt unter die Bluse gefasst.

Nachdem die erste Frau mit ihren Erlebnissen an die Öffentlichkeit gegangen war, gingen bei mehreren New Yorker Zeitungen Dokumente über ihre angeblich mangelhafte berufliche Qualifikation ein. Die Frau kandidierte zu jenem Zeitpunkt selbst um ein politisches Amt. Die Beschreibung passte bestens in Andrew Cuomos Verhaltensmuster. (Sebastian Moll)

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