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1979 in Westberlin: Da war die Ampel schon über 100 Jahre alt. imago

Ampeln

Die Ampel feiert Geburtstag

Seit 150 Jahren regelt die Ampel den Verkehr, anfangs lief das allerdings noch recht chaotisch.

Diese vier armen Polizisten, wie sie da standen und winkten und lotsten, als wären sie Dirigenten eines Orchesters. Um sie herum herrschte das pure Verkehrschaos. Pferdekutschen drängten sich durch die Straßen, zweirädrige Droschken, Omnibusse und Karren voller Holzboxen und Säcke, von Gäulen gezogen.

Zwischen den Gefährten eilten Menschen in Richtung Westminster-Palast oder zum Regierungsviertel. Kreuz und quer ging das. Ein Gewusel. Die uniformierten Herren an jener geschäftigen Kreuzung im Zentrum Londons versuchten ihr Bestes, den Verkehr zu regeln. Und doch wurden in nur kürzester Zeit an diesem Ort zwei Abgeordnete auf dem Weg zur Arbeit im Parlament schwer verletzt, ein Polizist starb.

Signale aus der Schifffahrt

Das war im Jahr 1868 und die britische Hauptstadt damals schon eine Metropole mit mehr als drei Millionen Einwohnern und entsprechend vielen Verkehrstoten pro Jahr. Die Parlamentarier erreichten ihren Arbeitsplatz im Palace of Westminster oft nur unter Lebensgefahr. Weshalb der Ingenieur John Peake Knight den Einsatz einer Ampel vorschlug und sie auch gleich erfand.

Am 9. Dezember 1868 – manche Quellen berichten auch fälschlicherweise vom 10. Dezember – stellte der Chef von Scotland Yard das verkehrsregelnde Gebilde am Parliament Square nur wenige Meter entfernt vom Glockenturm Big Ben auf – fast genau an jener Stelle, wo heute Winston Churchill in Form einer Statue selbstzufrieden auf die ständig verstopfte Kreuzung blickt.

Es handelte sich um die erste Ampel der Welt – gusseisern, gasbetrieben und acht Meter hoch. Die Farben Rot und Grün in der Gaslaterne erinnerten an die Signale aus der Schifffahrt und dem Schienenverkehr. Die grellen Lichter sollten in der dunklen Nacht für Orientierung sorgen.

Grün bedeutete „Vorsicht“, Rot hieß „Stopp“. Tagsüber ahmten zwei angebrachte mechanische Flügel die Bewegungen eines Polizisten nach, der den Verkehrsteilnehmern mit seinen Armen Zeichen gibt. Am Fuß der Säule stand ein Beamter und bediente die Anlage.

Flugblätter klärten auf

Mit der Einführung der Ampel verteilte die Polizei tausende Flugblätter, die das System und die Bedeutung der „Street Crossing Signals“ erklärten. Die Reaktionen der Londoner waren durchmischt. Während in der Zeitung „Illustrated Times“ die Ampel gelobt wurde und „The Morning Post“ in ihr einen Erfolg erkannte, verglich das Magazin „Punch“ den Pfosten mit einem angsteinflößenden Gespenst.

Ein Kutschen-Kunde sprach auf dem Weg über die Brücke ins Regierungsviertel von einem „fürchterlichen Omen“. Tatsächlich funktionierte das Gebilde erstmal nicht wie gewünscht. Viele Fahrer verstanden die Zeichen nicht oder ignorierten sie schlichtweg. Hinzu kam, dass die Technologie oft versagte, Gasexplosionen waren die Folge.

Und dann die Katastrophe. Ein Polizist wollte eines Tages das Gas abdrehen, da explodierte das Ding, verbrannte dem Beamten das Gesicht. Einige Quellen schreiben sogar, er wurde getötet. Sofort schaltete Scotland Yard das System ab. Es war erst Januar des Jahres 1869 und die erste Ampel der Welt so gut wie am Ende.

Nach dem spektakulären Misserfolg in London dauerte es bis 1914, als die erste elektrische Ampel in Cleveland im US-Bundesstaat Ohio in Betrieb ging. Nachdem New York die Erfindung übernahm, startete die verkehrsregelnde Anlage seinen Siegeszug durch die Welt. Am Potsdamer Platz in Berlin wurde 1924 ein fünfeckiger und acht Meter hoher Ampelturm errichtet, in dessen Kabine ein Polizist saß und das Signal per Hand steuerte. 

Der Turm gilt als erste Ampel Deutschlands. Die Briten brauchten noch ein bisschen länger, vielleicht geprägt durch ihre negativen Erfahrungen. Erst im Jahr 1926 installierte auch London eine Reihe von elektrischen Ampeln entlang der bekannten Straße Piccadilly.

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