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Amokschütze ist wohl psychisch krank

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Von: Thomas Borchert

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Spurensuche am Tatort: Das Einkaufszentrum blieb am Tag nach den Schüssen geschlossen. Mads Claus Rasmussen/Ritzau Scanpix Foto/AP/dpa
Spurensuche am Tatort: Das Einkaufszentrum blieb am Tag nach den Schüssen geschlossen. Mads Claus Rasmussen/Ritzau Scanpix Foto/AP/dpa © dpa

Ein 22-Jähriger schießt in einem Kopenhagener Einkaufszentrum um sich und tötet drei Menschen. Die Tat richtet den Blick auf die Defizite im dänischen Gesundheitswesen

Nach Aussage der Kopenhagener Polizei waren sie „rein zufällige Opfer“: Eine 17-jährige Dänin, ein gleichaltriger Landsmann und ein 47 Jahre alter Russe, der in Dänemark wohnte, sind am Sonntagabend im Einkaufszentrum „Field’s“ beim Amoklauf eines offenbar psychisch kranken Waffennarren getötet worden. Der mutmaßliche Täter, ein 22-jähriger „ethnischer Däne“, wie die Polizei sehr schnell nach der Festnahme bekanntgab, hatte am frühen Sonntagabend vier weitere Menschen mit Schüssen aus seinem Gewehr und einer Pistole schwer verletzt: eine 40-jährige und eine 19-jährige Dänin sowie einen 50-Jährigen und eine 16-Jährige aus Schweden. Eines der Opfer befand sich am Montag noch in kritischem Zustand.

Nach Informationen des TV-Senders DR suchte der Mann noch kurz vor der Tat vergeblich Hilfe bei einer Psychiatrie-Hotline. Am Montag verfügte der Haftrichter 24 Tage Untersuchungshaft und ordnete die Unterbringung dafür in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung an.

Wie am Montag berichtet wurde, vergingen zwischen der ersten Alarmmeldung aus der weitläufigen Einkaufsmeile am Kopenhagener Stadtrand um 17.35 Uhr und der laut Polizei „undramatischen“ Festnahme des 22-Jährigen im Freien 13 Minuten. Der mutmaßliche Täter hatte an zwei Orten auf Menschen geschossen und „Field’s“ danach zu Fuß verlassen, während Besucher:innen massenhaft ins Freie flüchteten. Andere verbarrikadierten sich in Lagerräumen und Toiletten.

Laut Polizeisprecher Søren Thomassen deutet nichts darauf hin, dass der Amokschütze Kompliz:innen hatte oder seine Opfer gezielt nach Herkunft, Aussehen, Alter oder Geschlecht auswählte. „Wir haben keine Anhaltspunkte dafür, dass es sich hier um eine Terrorhandlung handelt“, sagte Thomassen.

Während sich manche fragten, ob Terror auch bei einem Täter mit Migrationshintergrund oder muslimischem Glauben ebenso schnell ausgeschlossen worden wäre, verbreiteten sich in sozialen Netzwerken auch Gerüchte über rechtsradikale Verbindungen und rassistische Motive des 22-Jährigen. Belege dafür gab es keine.

Im Gegensatz zu den anderen nordeuropäischen Ländern (allen voran Finnland) hat Dänemark bisher noch keinen derartigen Amoklauf in einem Einkaufszentrum oder auch in Schulen erlebt. Relativ schnell enthüllte sich aus den zunächst knappen Mitteilungen der Polizei und von Medien herausgefischten Social-Media-Posts des 22-Jährigen ein vor allem aus den USA immer wieder bekanntes und trostloses Muster: Der 22-Jährige hatte kurz vor der Tat mehrere Bilder und Videos in sozialen Medien verbreitet, die ihn mit seinem Gewehr zeigen. Es soll ein bei Schützenvereinen üblicher Waffentyp sein, für den der Festgenommene laut Polizei keine Zulassung hat. Im Video hält er die Waffe auch an seinen Unterkiefer – und kommentiert die Szene mit den Worten: „I don’t care.“

Im Text darunter heißt es, ebenfalls auf Englisch: „Quetiapin doesn’t work.“ Quetiapin ist ein weit verbreitetes medizinisches Präparat zur Behandlung von Schizophrenie sowie von manischen und depressiven Episoden bei bipolaren Erkrankungen. Polizeisprecher Thomassen bestätigte: „Er ist der Psychiatrie bekannt.“ Seine zuletzt am Wochenende aktualisierte Youtube-Playlist „Killer Music“ enthielt laut der Zeitung „B. T.“ mehrere morbide Titel mit Anklängen an das Schulmassaker an der US-Highschool Columbine 1999, bei dem 15 Menschen getötet wurden.

Die Psychiatrie gilt als extrem vernachlässigter Teil der dänischen Gesundheitsversorgung. Hilfesuchende junge Menschen berichten immer wieder über ihre Abweisung und lange Wartezeiten, sofern sie nicht als suizidgefährdet eingestuft werden. Die Vorsitzende des Ärzteverbandes, Camilla Rathcke, beschrieb zufällig am selben Tag, als die Nachricht vom Amoklauf in „Field’s“ die Titelseite der Zeitung „Politiken“ füllte, auf deren Meinungsseite die Kinder- und Jugendpsychiatrie als „Bankrotterklärung für unseren Wohlfahrtsstaat“. Sie forderte Ministerpräsidentin Mette Frederiksen zu einer „gigantischen Verbesserung“ unter anderem durch mehr Behandlungsplätze in psychiatrischen Einrichtungen auf.

Frederiksen sprach den Angehörigen der Opfer und Verletzten ihr „tiefstes Mitgefühl“ aus und nannte die Tat „unbegreiflich. Herzzerreissend. Sinnlos.“ Hunderttausende hatten am Wochenende zum Auftakt der Sommerferien die in Dänemark gestartete Tour de France gefeiert. In Kopenhagen verbreiteten bis zu der Schreckensmeldung aus dem Einkaufszentrum auch das traditionell Anfang Juli laufende Jazzfestival und das benachbarte Roskilde-Rockfestival nach zwei Jahren Corona-Zwangspause ausgeprägte Feststimmung.

Erst am vorigen Wochenende waren in Oslo zwei Menschen bei einem Anschlag vor einer Homosexuellenbar getötet worden. Der mutmaßliche Täter, ein Norweger iranischer Abstammung, war 2016 von einem Gericht als „paranoid schizophren mit schwerer Medikation“ eingestuft worden. Die norwegischen Behörden stuften die Tat dennoch als terroristisch ein.

Polizeisprecher Søren Thomassen. m. Sylvest/Ritzau Scanpix Foto/AP/dpa
Polizeisprecher Søren Thomassen. m. Sylvest/Ritzau Scanpix Foto/AP/dpa © dpa

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