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Gebrochenes Herz: Ein Anwohner befestigt Zeichen der Trauer und Erinnerung an einem der Tatorte. 

Kanada

Amoklauf schockt Kanada

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In der Provinz Nova Scotia erschoss ein Mann mindestens 16 Menschen. Die Polizei rechnet mit weiteren Opfern, denn der mutmaßliche Täter schlug an mehreren Orten scheinbar willkürlich zu. Auch er selbst ist tot.

Ein Amoklauf in der kanadischen Atlantikprovinz Nova Scotia schockiert die Bewohnerinnen und Bewohner des Landes. Mindestens 16 Menschen wurden Opfer eines Amokläufers, der vom späten Samstagabend bis in den Sonntag hinein durch die ostkanadische Provinz gezogen war. Am Montagmorgen konnte nicht völlig ausgeschlossen werden, dass es weitere Opfer der Bluttat gab, die noch nicht entdeckt wurden. Auch der mutmaßliche Täter kam ums Leben.

Der Amoklauf von Nova Scotia ist der schlimmste in der jüngeren Geschichte Kanadas. Bisher galt diese traurige Bezeichnung dem „Montreal-Massaker“ vom Dezember 1989, als ein Student aus Hass auf Frauen 14 Studentinnen der Polytechnischen Hochschule von Montreal erschoss. Über das Motiv des mutmaßlichen Täters von Nova Scotia, des 51 Jahre alten Gabrial Wortmann, lagen am Montagmorgen noch keine Informationen vor.

Er besaß in Dartmouth bei Halifax ein Labor für Zahnersatz und kam bei der Festnahme durch die Polizei ums Leben. Ob er beim Versuch der Festnahme am Sonntagmittag von der Polizei erschossen wurde oder sich selbst tötete, ist eine der bisher unbeantworteten Fragen in dieser Tragödie.

Die schreckliche Nachricht drängte die News über die anhaltende Corona-Krise in den Hintergrund. Der Amoklauf hatte am Samstagabend in der Gemeinde Portapique an der Fundy Bay begonnen, etwa 100 Kilometer nördlich der Provinzhauptstadt Halifax. In diesem kleinen Ort, der nur rund 100 Einwohnerinnen und Einwohner zählt, besaß der mutmaßliche Täter nach Berichten aus Halifax zwei größere Grundstücke mit Wohnhäusern.

Am späten Samstagabend gingen bei der Polizei Notrufe über Schüsse und brennende Häuser in der Gemeinde ein. Nach den bruchstückhaften Informationen der Polizei und von Augenzeugen, die sich in kanadischen Medien äußerten, könnte der mutmaßliche Täter Häuser in Brand gesteckt und dann auf fliehende Menschen geschossen haben.

Der Mann soll sich zunächst in einem der Häuser von Portapique versteckt haben, bevor er mit einem Auto die Flucht antrat. Dabei handelte es sich um ein Fahrzeug, das wie ein Wagen der Bundespolizei Royal Canadian Mounted Police (RCMP) aussah.

Vermutlich hatte er selbst ein Auto wie ein RCMP-Fahrzeug angemalt. Er soll zudem auch eine entsprechende Uniform getragen, aber keine Beziehung zur RCMP haben. Am Sonntagmorgen hatte die Polizei in den sozialen Medien ein Foto des Wagens veröffentlicht und die Bevölkerung gewarnt, sich diesem nicht zu nähern. In der Nacht zum Sonntag wurde dann in einem noch etwas weiter nördlich gelegenen Ort ebenfalls ein brennendes Haus gemeldet.

Einträge von Familienangehörigen in den sozialen Medien, auf Facebook und Instagram, weisen darauf hin, dass der mutmaßliche Täter in weiteren Orten Menschen tötete, darunter ein Ehepaar sowie eine Grundschullehrerin. Unter den Opfern ist auch eine RCMP-Polizistin, die seit 23 Jahren im Polizeidienst war. Verletzt wurde ein weiterer Polizist. Mit einem Schusswechsel an einer Tankstelle 35 Kilometer nördlich von Halifax endete die Jagd der Polizei auf den mutmaßlichen Täter.

Nachdem im Laufe des Sonntags zunächst nur von einigen Opfern des Amokläufers und später lediglich von möglichen Toten und Verletzten die Rede war, wurde erst am Abend in Halifax zunächst mitgeteilt, dass es mindestens zehn Todesopfer an verschiedenen Orten in der Provinz gebe.

Dann gab die Chefin der Bundespolizei RCMP, Brenda Lucki, bekannt, es habe mindestens 13 Todesopfer neben dem Schützen gegeben. Am späten Sonntagabend kanadischer Zeit wurde Zahl der Opfer nochmals auf 16 erhöht. Möglicherweise habe der Täter zu Beginn seiner Tat ein Motiv gehabt, das sich dann aber in „Wahllosigkeit“ gewandelt habe, mutmaßte Lucki.

Ein Polizeisprecher teilte mit, die Tatsache, dass der mutmaßliche Täter mit einem vermeintlichen, selbst angemalten gefälschten Polizeiwagen unterwegs gewesen sei, deute auf eine länger geplante Tat hin. Offensichtlich hatte der mutmaßliche Täter persönliche Beziehungen zu einigen, aber nicht zu allen Opfern gehabt. RCMP-Chefin Lucki erklärte, bislang gehe die Polizei nicht von einem terroristischen Akt aus.

Kanadas Premier Justin Trudeau sprach den Angehörigen sein Mitgefühl aus. „Meine Gedanken sind bei allen, die von diesem schrecklichen Ereignis betroffen sind“, sagte er. Die Leiterin der RCMP in Nova Scotia, Lee Bergerman, sprach von einem entsetzlichen Tag für die Provinz. „Was sich über Nacht und in den Morgen hinein ereignet hat, ist unbegreifbar und viele trauern über den Verlust von Angehörigen.“

Kanadas Atlantikprovinzen sind für die Lebensfreude und Gemeinschaft ihrer Menschen bekannt. Da Treffen zum gemeinsamen Trauern durch die Corona-Krise nicht möglich sind, wurden in den Sozialen Medien vielfach Lieder der Hoffnung veröffentlicht und gesungen.

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