+
Vor einem Jahr: Nach der Amokfahrt herrscht Chaos in der westfälischen Stadt.

Amoklauf in Münster

Verletzte Seelen am Kiepenkerl

7. April 2018: Ein 48-Jähriger lenkt in Münster einen Kleinbus in eine Gruppe von Menschen. Vier Personen sowie der Täter sterben, mehr als 20 werden zum Teil schwer verletzt. Ein Jahr danach ist die Amokfahrt in der Stadt noch immer sehr präsent.

Mit der Beschaulichkeit ist es um 15.27 Uhr vorbei. Abrupt. Entsetzlich. Endgültig. Ein psychisch labiler Deutscher rast mit seinem Campingbus in Tische und Stühle vor einem Lokal am Kiepenkerl, einem Denkmal in Münsters Innenstadt, reißt willkürlich Menschen in den Tod und erschießt sich anschließend selbst. Es ist kein Terroranschlag, wie zunächst befürchtet, sondern ein erweiterter Suizid. Für die Opfer macht das keinen Unterschied. An die vier Toten und mehr als 20 Verletzten erinnert mitten in der westfälischen Stadt eine im Boden eingelassene Gedenktafel. Schlicht und einfach gehalten, dennoch oft fotografiert. Bis heute.

Aktuelles: Halle - Mindestens zwei Tote bei Schießerei

Es ist Montag, 1. April 2019. Die Sonne meint es gut an diesem Nachmittag mit Münster. Es ist frühlingshaft warm und die Plätze vor den beiden Gasthäusern „Großer Kiepenkerl“ und „Kleiner Kiepenkerl“ sind gut besetzt. Nichts an der Szenerie ist ungewöhnlich – bis auf die Menschen, die an der Ecke des Platzes in Richtung Dom stehenbleiben. Sie zücken Kamera oder Handy und fotografieren. Den Platz mit seinen Tischen und Bänken, die Gedenktafel. Auch Vera und Peter Brosche aus Bitburg in der Eifel. Peter Brosche stellt sich so, dass das Gasthaus im Hintergrund ist, seine Frau macht ein Foto. „Wir saßen hier, zwei Wochen bevor der schreckliche Vorfall passiert ist“, erzählt Vera Brosche. „Wir haben Glück gehabt.“ Münster werden sie immer mit der Amokfahrt verbinden.

Luise Thierack war am 7. April 2018 im Café „Fyal“, als am Kiepenkerl Menschen ihr Leben verloren. Keine 500 Meter Luftlinie entfernt. „Wir haben uns über den Hubschrauber gewundert, aber ansonsten nichts davon mitbekommen“, berichtet die Münsteraner Studentin. Erst als sie nach Hause kam und Freunde über Whatsapp fragten, ob es ihr gut gehe, erfuhr sie von der Dimension dieses Nachmittages. Heute sitzt die Studentin mit ihrer Freundin Elisa Krammer vor dem Gasthaus „Großer Kiepenkerl“. Zufällig. Die Sonne scheint vor der „guten Stube“ Münsters so schön. Wie am 7. April 2018.

Hier zu sitzen fühlt sich für Luise Thierack nicht anders an. Am Kiepenkerl spüre sie keine veränderte Sicherheitslage, dafür aber, wenn Weihnachtsmarkt ist in Münster. „Dann ist die Innenstadt abgeriegelt. Da merkt man das.“ Ihre Freundin, die in Berlin studiert, entgegnet, dass dies in der Hauptstadt bei Großveranstaltungen noch viel extremer sei. Kein Wunder, in Berlin war es ein Terroranschlag, der 2016 zwölf Menschen aus dem Leben riss.

Heute sind alle Poller da, die den Platz von der Straße trennen, am Unglückstag waren sie es nicht. „Ein Restrisiko gibt es immer und überall“, meint Luise Thierack. Die junge Frau studiert Geografie und Ökonomie und schreibt derzeit ihre Bachelorarbeit. Thema: Angsträume. „Davon gibt es hier in Münster nicht so viele.“ Der Bremer Platz auf der Ostseite des Hauptbahnhofs sei einer, oder nachts als Joggerin am Aasee unterwegs zu sein, zählt sie auf. „Das ist natürlich sehr individuell.“

Für die Beschäftigten der beiden Restaurants am Kiepenkerl ist der Ort nahe dem Münsteraner Dom bis heute belastend – aller Schönheit von Fachwerk, Blumenschmuck und Kopfsteinpflaster zum Trotz. Die Juniorchefin des „Großen Kiepenkerl“ bittet, von Fragen an die Angestellten abzusehen. Die Wunden seien noch tief, man wolle nicht zu viel über die Tat reden. Im Gespräch mit der dpa beklagt die Wirtin des Lokals Katastrophentourismus am Tatort. Gäste seien nur gekommen, um sich bei ihren Angestellten über diesen Tag zu erkundigen, sagt Wilma von Westphalen. „Meine Mitarbeiter haben sich bei diesen Fragen im ersten Moment zusammengerissen, sind dann hinten in der Küche weinend zusammengebrochen.“ Am morgigen Jahrestag hat der „Große Kiepenkerl“ erst ab 17 Uhr geöffnet. Am Abend sind nur Mitarbeiter eingeteilt, die bei der Amokfahrt keinen Dienst hatten. Zwei Kollegen mussten wegen psychischer Probleme aufhören.

Wenn Markus Lewe am Kiepenkerl vorbeifährt, muss er an die Mitarbeiter dort denken. „Sie tun mir leid. Einige haben bis heute das Geschehen noch nicht verarbeitet“, sagt Münsters Oberbürgermeister. Er wünsche sich deshalb, dass es dort am Jahrestag und auch sonst keinen Katastrophentourismus gibt. Respekt möchte er, keine Neugier. Die Menschen sollten den Platz als friedlich wahrnehmen und von dessen münsterländischem Flair angezogen werden.

Aus Richtung Dom kommt jetzt der rote Münsterbus angerollt, ein Doppeldecker für Stadtrundfahrten. Er bleibt am Kiepenkerl für einen Moment stehen. Mit Sicherheit erfahren die Businsassen nicht nur etwas über die Figur, sondern auch, was hier vor einem Jahr geschehen ist. Wirtin Wilma von Westphalen hat sich sehr über die Touristenführer der Stadt Münster geärgert. Diese seien sehr nah an den Platz herangekommen. „Sie haben ihre Führung direkt vor dem Haus gemacht.“ Nach einer Beschwerde bei der Stadt sei es aber sehr schnell besser geworden.

Sabine Auth ist aus Iserlohn nach Münster gekommen. Sie zeigt heute ihrer Mutter die Stadt, in der deren Enkel studieren und arbeiten. „Das ist ein toller Platz, alles ist sehr gepflegt“, schwärmt Auth. Natürlich denke sie an das, was hier passiert ist. Aber deshalb sei sie nicht gekommen. „Zum Glück saßen wir damals nicht hier.“ Auch ihre Töchter waren am 7. April 2018 anderswo in Münster unterwegs. Eine studiert Medizin. Sie hörte von einer Freundin, die an jenem Tag im Krankenhaus war, dass etwas passiert sei, es ganz viele Verletzte gebe und sich das Krankenhaus darauf vorbereiten solle.

Nachdem der Kleinbus in die Menschenmenge gefahren und die Sicherheitslage unklar war, hatte die Polizei Oberbürgermeister Lewe aufgefordert, die Stadt zu verlassen. Das kam für den 54-Jährigen nicht infrage. „Auf einem Schiff bleibt der Kapitän auch bis zum Schluss.“ Auf die Hilfsbereitschaft der Menschen sei er bei aller Trauer bis heute stolz, sagt der OB. Am Sonntag findet ein Gedenkgottesdienst statt. Lewe wünscht sich eine würdige Erinnerung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare