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Reportage

Amoklauf in Colorado – „Gestern hat Boulder seine Unschuld verloren“

  • Johanna Soll
    VonJohanna Soll
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Ein Amokläufer ermordet in Colorado, Boulder, zehn Menschen. Unsere Stimme aus den USA, Johanna Soll, lebt in Boulder und berichtet exklusiv.

  • Am Montag (22.03.) erschoss ein Amokläufer in einem Supermarkt in Boulder in den USA zehn Menschen.
  • Manche Bewohner:innen kritisieren die Waffengesetze in Colorado, andere fordern eine strengere Überprüfung der Kaufinteresseten.
  • Biden-News: Alle Informationen über Joe Biden, den 46. Präsident der USA, finden Sie auf unserer Themenseite.

Boulder – „Aus Deutschland sind Sie? Gute Güte, was denken Sie jetzt bloß von uns?“, fragt Elaine Simon, 71, am Tatort, dem King Soopers Supermarkt in Boulder, Colorado, ein Tag nach dem Amoklauf, bei dem zehn Menschen starben. Elaine Simon und ihr Ehemann Peter Simon, 79, befinden sich im Ruhestand und sind überzeugte Boulderites, Bewohner Boulders, die ihre Stadt lieben.

Überhaupt ist der Lokalpatriotismus hier sehr stark ausgeprägt. Die US-Kleinstadt mit etwa 105.000 Einwohnern befindet sich 50 Kilometer nordwestlich von Denver, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Colorado. Boulder liegt am Fuß der Rocky Mountains, wann immer man sich nach Westen wendet, erblickt man bei unverstelltem Blick die Front Range, eine Bergkette der Rocky Mountains. Auch der Tatort hat diese malerische Kulisse.

Amoklauf in Boulder: Anklage in zehn Fällen

“Ich wohne hier ganz in der Nähe, nur ein paar Blocks entfernt und habe im Homeoffice gearbeitet als es passierte. Ich bekam einen Warnanruf der Polizei, das Haus nicht zu verlassen, während Hubschrauber über unser Haus flogen“, sagt Rosie Fivian, 54, Architektin. „Seit zwanzig  Jahren kaufe ich in diesem Supermarkt ein, wie auch meine Familie und Freunde. Ich bin mehrmals die Woche in diesem Einkaufskomplex und kenne einige Geschäftsinhaber.“

Am Montagnachmittag (Ortszeit) erschoss ein Amokläufer hier zehn Menschen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das Tatmotiv des 21-jährigen Verdächtigen, Ahmad Al Aliwi Alissa, der verletzt noch am Tatort festgenommen wurde, noch immer unbekannt. Er wurde inzwischen wegen Mordes in zehn Fällen angeklagt und befindet sich zurzeit in Untersuchungshaft. Der Bruder des Verdächtigen sagte gegenüber „The Daily Beast“, sein Bruder sei psychisch krank, sehr unsozial und paranoid.

USA: Supermarkt in Boulder wurde zum Tatort

“Ich habe den Supermarkt gerade verlassen und war auf dem Heimweg, als ich Schüsse hörte. Viele Polizeiautos fuhren an mir vorbei. Ich hatte den Laden erst vor ein paar Minuten verlassen“, schildert Donovan McMahon, 19, Student an der University of Colorado, seine Erlebnisse am Tag des Amoklaufs. Wie Rosie Fivian wohnt auch er in der Nähe. Inzwischen ist der Tatort weiträumig abgesperrt, auf der gegenüberliegenden Straßenseite haben die Fernsehsender Stellung bezogen mit ihren Übertragungswagen, Zelten, Sendemasten und Scheinwerfern.

Hinter dem Zaun, der als Absperrung dient, ist die zerstörte Fensterfront des Supermarktes zu sehen. Aber der Zaun erfüllt noch eine weitere Funktion: Er dient als Halterung für Blumensträuße, die durch seine Löcher gesteckt oder vor ihm niedergelegt werden oder für Schilder und Banner, die an ihm befestigt werden. Viele Menschen, die davor stehen, starren zu Boden oder vor sich hin, manche haben ihre Hände zum Gebet gefaltet, andere machen Fotos.

Die Angestellte eines Supermarktes kniet vor einem Zaun und gedenkt der Todesopfer. Ein Schütze hat am 22.03.2021 im Bundesstaat Colorado zehn Menschen in einem Supermarkt getötet.

Bewohner:innen Boulders fordern Verbot von privatem Waffenbesitz

Das Wetter am Tag danach passt zur Stimmung: Es ist 4 Grad kalt und der Himmel ist von grauen Wolken bedeckt – an einem Ort, der durchschnittlich 300 Sonnentage im Jahr hat und auch im Winter meist sonnig ist. Sonnig ist auch das Gemüt vieler Menschen in Boulder – normalerweise. Hier fragt schon mal eine ältere Frau im Pickup-Truck, ob sie einen nach Hause fahren soll, wenn man schwer beladen mit dem Fahrrad vom Einkaufen kommt. Da sind die gut gelaunten Busfahrer, die oft Musik hören, jeden Fahrgast freundlich begrüßen und beim Aussteigen einen schönen Tag wünschen. Deutschen fällt der freundliche Umgang der Menschen hier das ganz besonders auf.

„Wie kommt jemand nur dazu, so etwas zu tun?“, fragt Peter Simon. „Es gibt einfach zu viele Verrückte da draußen – und Waffen“, antwortet seine Ehefrau Elaine Simon. „Alle Waffen in Privatbesitz gehören verboten – ohne Ausnahme! Es ist egal, wie die Regierung das hinkriegt, aber so kann es einfach nicht weitergehen. Wir haben genug, es reicht!“ Der Supermarkt-Amoklauf in Boulder ist nicht der einzige dieser Art in Colorado.

USA: Amoklauf in Boulder ging lange Serie von Massenschießereien vorher

Internationale Beachtung fanden bereits 1999 der an der Columbine High School in Littleton, bei dem 15 Menschen starben und 24 verletzt wurden, sowie 2012 der Amoklauf in einem Kino in Aurora, bei dem 12 Menschen erschossen und 58 weitere zum Teil schwer verletzt wurden. Der Amoklauf am Montag in Boulder ist der jüngste in einer langen Serie von Massenschießereien in Colorado. In der Metropolregion Denver gab es zwischen 1999 und 2019 mehr Amokläufe an Schulen als in jeder anderen der 25 größten Metropolregionen der USA. Außerdem befindet sich Colorado in der tragischen Rangliste der fünf Bundesstaaten mit den meisten Massenschießereien an Schulen sowie an anderen Orten.

„Auch dieses Ereignis wird ab jetzt zur Geschichte Colorados gehören – leider. Wir müssen etwas verändern, damit so etwas nicht mehr passiert“, findet Sierra B., 25, Reinigungskraft aus Longmont, einer Kleinstadt in der Nähe. Sie ist oft zum Arbeiten in Boulder. „Viele sagen, es brauche strengere Waffengesetze, aber ich glaube, Leute werden immer einen Weg finden um an Waffen zu kommen. Meines Erachtens sollte man eher die Überprüfung von Waffenkaufinteressenten verbessern und sie gründlicher durchführen.“

USA: Amokläufer in Boulder wurde bereits zuvor straffällig

Der Verdächtige ist bereits strafrechtlich in Erscheinung getreten: 2018, noch zu Schulzeiten als damals 18-Jähriger, wurde er wegen eines Körperverletzungsdelikts zu einem Jahr auf Bewährung und 48 Sozialstunden verurteilt. Er hatte einen Mitschüler aus dem Nichts angegriffen und ihm mehrmals gegen den Kopf geschlagen. Nach Angaben des Verdächtigen, habe das Opfer sich Wochen zuvor über ihn lustig gemacht und ihn rassistisch beleidigt. Diese Tat hätte jedoch nach dem einschlägigen Waffengesetz nicht dazu geführt, dass der Verdächtige keine Schusswaffe hätte kaufen können.

Das Ehepaar Simon ist sich einig, dass mit der Häufigkeit von Schießereien auch eine gewisse Abstumpfung eintritt. Erst wenn ein derartiger Vorfall in der geliebten Heimatstadt passiert, schrecke man auf und merke, in was für einem kaputten Land man lebe. Rosie Fivian möchte ihr Leben indes nicht von Angst beherrschen lassen und stellt bestimmt klar: „Natürlich werde ich wieder hier einkaufen, sobald wiedereröffnet wird.“

Amoklauf in Boulder – „Nirgends ist man sicher“

Bei Elizabeth English, 78, Gründerin und Geschäftsführerin eines Filmfestivals in Boulder, überwiegt ein Tag nach dem Amoklauf noch die Bestürzung über die Tat: „Darüber, dass Amokläufe stattfinden, bin ich nicht überrascht, denn man kommt hier so leicht an kriegsähnliche Waffen. Was mich aber überrascht, ist, dass es in Boulder passiert ist, denn hier ist so etwas Schlimmes zuvor noch nie geschehen.“

Auf die Frage nach ihrer Gefühlslage nach dem Amoklauf, antworten die meisten mit „heartbroken“, untröstlich. Aber das englische Wort ist eigentlich treffender, denn nicht nur Liebe kann Herzen brechen, sondern auch Gewalt und Tod sind dazu in der Lage. „Gestern hat Boulder seine Unschuld verloren“, sagt Elaine Simon, „man hat immer gedacht, dass so etwas hier nicht passiert, aber das ist naiv. In den USA kann so etwas jederzeit überall passieren – nirgends ist man sicher. Auch nicht hier in Boulder.“ (Johanna Soll)

Rubriklistenbild: © David Zalubowski/dpa

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