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Schwarz-weiß Foto einer Gewitterwolke über dem Regenwald. In der unteren Bildhälfte ist der Amazonas zu sehen.
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Dramatische Wolkenformationen im amazonischen Regenwald: Sebastião Salgado dokumentiert das wechselhafte Wetter der Region.

Bildband

„Amazônia“ von Fotograf Sebastião Salgado: Wie der Regenwald zur Heimat wurde

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Auf seinen Reisen durch Amazonien hat der Fotograf Sebastião Salgado in den Wäldern und bei den Menschen eine Heimat gefunden. In seinem neuen Bildband dokumentiert er ihre Schönheit, aber auch den Kampf ums Überleben

Sebastião Salgado wurde am 8. Februar 1944 in Almorés im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais geboren. Er gilt als einer der bedeutendsten lebenden Fotografen, obwohl der studierte Ökonom erst 1973 mit der Fotografie begann. Neben den Auftragsarbeiten, widmete er sich eigenen langfristigen, weltweiten Projekten. Alle in Schwarz-Weiß. So entstanden zum Beispiel seine Bildbände „Genesis“ und „Afrika“. Er dokumentierte in verschiedenen Ecken der Welt die barbarischen Arbeitsbedingungen, die dort noch immer herrschen. Um das machen zu können, kooperierte er zum Beispiel auch mit einem brasilianischen Bergbauunternehmen. Er wurde dafür sehr kritisiert.

Dieses Jahr hat er einen Band über Amazonien veröffentlicht. Mehr als 400 Fotos von einer Landschaft, die zusammen mit ihrer Bevölkerung vernichtet wird. Salgado hat die Region seit fast vierzig Jahren immer wieder besucht. Er weiß aus eigener Anschauung, wie bedroht sie ist und er weiß auch, wie unersetzlich die tropischen Regenwälder für den Erhalt eines lebensfreundlichen Klimas auf der Erde sind. Fast ganz am Ende des Buches findet sich eine Karte, die man auf keinen Fall überblättern sollte. Ihr kann man entnehmen, dass in der Zeit von 1988 bis 2019 etwa 17,25 Prozent des Amazonas-Regenwaldes zerstört wurden. Man entdeckt dort auch, dass selbst in den Schutzgebieten der Waldbestand heftig reduziert wird.

Neuer Bildband von Fotograf Sebastião Salgado: Die Schönheit Amazonies und der Kampf um den Regenwald

Zu jeder Aufnahme gibt es am Ende des Bandes eine kurze, eine viel zu kurze Erläuterung. Das Foto, das wir auf dieser Seite abdrucken, gehört zu einer Folge von Bildern, die tropische Stürme zeigen. In einer allgemeinen Bemerkung dazu scheiben die Salgados: „Nur an wenigen Tagen erscheint über dem Amazonas-Regenwald ein klares Stück blauen Himmels oder eine kompakte graue Wolkendecke. Ansonsten bieten die Wolkenformationen ein ständig wechselndes Schauspiel.“

Der Band ist voll dieser dramatischen Himmelsbilder. „Ein Kumulonimbus ist bei Weitem die beeindruckendste meteorologische Formation. Sie ragt mehrere tausend Meter in den Himmel, spuckt Eisstücke und Winde mit bis zu 200 km/h aus und schickt zugleich Blitze, starke Winde und heftige Niederschläge in Richtung Dschungel.“ Amazonien ist, so notwendig es ist für die Gesundheit der Erde, selbst kein Wellness-Gebiet.

Es wurde nicht umsonst vor mehr als einem halben Jahrhundert auch die „Grüne Hölle Mato Grosso“ genannt. Zu dem Foto selbst heißt es nur – fast beschönigend: „In der Region fällt der Regen so dicht, dass dieser Berg des Imeri-Gebirgszugs wie ein Vulkan aussieht. Gemeinde Sao Gabriel da Cachoeira, indigenes Schutzgebiet der Yanomami, Bundesstaat Amazonas, 2018.“

Autor und Werk

Sebastião Salgado begann 1973 seine Karriere als Fotograf in Paris und arbeitete in der Folge für die Fotoagenturen Sygma, Gamma und Magnum Photos. 1994 gründete er gemeinsam mit seiner Frau Lélia Wanick Salgado die Agentur Amazonas Images (heute ihr Studio), die sein Werk exklusiv vertritt. Salgados fotografische Projekte wurden in zahlreichen Ausstellungen und Büchern gezeigt.

Über sein neues Buch sagt Salgado: „Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass dieses Buch in 50 Jahren nicht als Bestandsaufnahme einer verlorenen Welt gelten wird. Amazônia muss fortbestehen.“

Womit wir bei dem anderen Thema des Buches sind: bei den indigenen Völkern. Auf den wenigen, den Band einleitenden Seiten, erzählt Salgado vor allem von ihnen und von den Schutzmaßnahmen, die erforderlich sind, um ihr Weiterleben zu ermöglichen. Man kann sie nicht besuchen, ohne vorher dafür zu sorgen, dass man nicht nur selbst, sondern keine der uns stetig begleitenden Viren und Bakterien eine Gefahr für die Bewohnerinnen und Bewohner des Waldes darstellt. Zu jeder Visite gehört eine Quarantäne. Man weiß inzwischen, welche Schäden Missionare und Ethnologen nicht erst durch ihre Tätigkeit sondern schon allein durch die Anwesenheit des Ökosystems, das sie selbst sind, anrichten können.

Sebastião Salgado dokumentiert seine gefundene Heimat bei den Menschen in den Urwäldern des Amazonasbeckens

Zur Zeit leben noch 370 000 Indigene im Amazonasgebiet. Sie sprechen 150 verschiedene Sprachen. Über die Zo‘é schreibt Salgado, sie lehnten das Privateigentum ab, die Frauen hätten dort mehrere Männer und die Lüge sei ihnen völlig unbekannt. Skepsis gegenüber solchen „Beobachtungen“ ist sicher angebracht.

Neben Ethnologinnen und Ethnologen hat auch Salgado Jean-Jacques Rousseau und Friedrich Engels gelesen. Das hilft einem Dinge zu sehen, manchmal auch dort, wo sie nicht sind. Sehr schön ist in diesem Zusammenhang auch die Geschichte vom Yamurikuma-Fest bei einigen Stämmen der Xingu. Bei dieser Gelegenheit übernehmen für ein paar Tage die Frauen das Kommando und verwandeln die Männer in Schweine. Wir blicken jetzt mit ganz anderen Augen auf Odysseus und seine Geschichte mit Circe. Die berühmteste Volksgruppe sind die Yanomami.

Sie standen im Zentrum des Yanomami-Streits. Er erschütterte ab dem Jahre 2000 die Grundpfeiler der Völkerkunde. Welches Recht hat ein Wissenschaftler Menschen zu befragen, daraus ein Buch, einen Film zu machen, ohne die Betroffenen am Erlös zu beteiligen? Muss er sie nicht aufklären darüber, was er macht und sie um ihre Zustimmung bitten? Wie sollen sie aber zustimmen können, wenn sie weder eine Ahnung haben von seiner Wissenschaft, noch von der Rolle, die sie in seiner Gesellschaft spielt? Ist in einer solchen Situation eine Verhandlung auf Augenhöhe überhaupt vorstellbar?

„Amazônia“ von Sebastião Salgado, herausgegeben von Lélia Wanick Salgado. Hardcover, 35.8 x 26 cm, 4,19 kg, 528 Seiten, 100 Euro. Ebenfalls erhältlich als signierte und limitierte Collector’s Edition sowie in vier Art Editionen. www.taschen.com FR

„Amazônia“ von Sebastião Salgado: Ein eindrucksvoller Einblick in den umkämpften Regenwald und seine Bewohner

Das sind Fragen, auf die Salgado nicht eingeht. Aber aus der Schilderung seines Vorgehens wird deutlich, wie sehr die scheinbar rein akademische Debatte inzwischen den praktischen Umgang mit den indigenen Gruppen beeinflusst.

Wir blicken fasziniert auf die von Salgado fotografierten Menschen und rufen uns in Erinnerung, was er gleich zu Beginn seines neuen Bildbands schreibt: „Als ich Mitte der 1980er Jahre zum ersten Mal ein indigenes Volk im Amazonas-Gebiet besuchte, hatte ich Angst, Menschen zu begegnen, deren Leben sich so radikal von meinem eigenen unterscheidet… Nach nur wenigen Stunden in ihrer Gesellschaft begann ich mich, zu entspannen und akzeptiert zu fühlen. Die Emotionen, die wir teilten – zu lieben, zu lachen, zu weinen, glücklich oder wütend zu sein -, waren unsere gemeinsame Sprache. Ich fühlte mich wie zu Hause – wie in meinem eigenen Stamm, im Stamm aller Menschen…

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