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Amanda Knox hat sich verlobt und arbeitet als Reporterin. Sie will unter keinen Umständen zurück ins Gefängnis.

Amanda Knox

Ist Amanda Knox eine Mörderin?

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Der Mord an der 21 Jahre alten Meredith Kercher Anfang November 2007 hat sich über die Jahre zu einem Justizkrimi ausgewachsen. Das oberste Gericht Italiens entscheidet nun erneut im Fall der ermordeten Studentin.

Sie lebt ein unauffälliges Leben im Westen von Seattle. Sie hat sich vor ein paar Wochen mit einem Musiker verlobt, der aus Liebe zu ihr aus New York an die US-Westküste gezogen ist. Sie schreibt für eine Lokalzeitung über Theateraufführungen und Nierendialyse. Sie arbeitet in einem Buchladen. Und wenn sie einmal mit einem Journalisten spricht, dann muss es einer wie Jonathan Martin sein – einer, der den Fall kennt. Mit ihm plaudert sie zwar, sagt aber auch nicht, wie ihr wirklich zumute ist. „Als ich den Fall angesprochen habe, machte sie völlig zu“, schreibt der Kolumnist der Zeitung „Seattle Times“ über seine jüngste Begegnung mit Amanda Knox.

Die Anwälte der 27 Jahre alten Frau haben der italienischen Nachrichtenagentur ANSA gesagt, ihre Mandantin sei „in Sorge und angespannt“. Amanda Knox hat allen Grund dazu. Denn das höchste Gericht Italiens beschäftigt sich am Mittwoch mit der Frage, ob die US-Amerikanerin Verantwortung trägt für den Mord an einer britischen Austauschstudentin in Perugia vor mehr als sieben Jahren. Es ist der inzwischen fünfte Prozess um den „Engel mit den Eisaugen“, wie die Frau aus Seattle seit Jahren in den Medien genannt wird. Knox wird am Mittwoch nicht in Rom sein. Doch sollte das Gericht den Schuldspruch aus dem Jahr 2014 bestätigen, könnte ihr die Auslieferung nach Italien drohen.

Der Mord an der 21 Jahre alten Meredith Kercher Anfang November 2007 hat sich über die Jahre zu einem Justizkrimi ausgewachsen. 2009 werden Amanda Knox und ihr damaliger Freund, der Italiener Raffaele Sollecito, in einem Indizienprozess zu langen Haftstrafen verurteilt. Zuvor haben die Richter bereits den Ivorer Rudy Guede für 30 Jahre ins Gefängnis geschickt. Seine Strafe wird später auf 16 Jahre reduziert.

2011 spricht ein Berufungsgericht die US-Studentin aus Mangel an Beweisen frei. Amanda Knox kehrt in ihre Heimat zurück. Doch im Frühjahr 2013 hebt der Kassationsgerichtshof in Rom den Freispruch wieder auf.

Monate später geht der Prozess von vorne los – allerdings ohne die Angeklagte. Damals sagt Amanda Knox der britischen Zeitung „Guardian“, sie werde niemals freiwillig nach Italien zurückkehren, sondern sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, wieder ins Gefängnis gesteckt zu werden.

Im Januar 2014 dann wieder ein Schuldspruch. Amanda Knox soll für mehr als 28 Jahre in Haft, Sollecito für 25 Jahre. Gegen das Urteil legen Knox’ Anwälte im Sommer 2014 erneut Berufung ein, die am Mittwoch in Rom verhandelt wird.

Die Richter können den Fall wieder an eine andere Instanz verweisen. Sollten sie aber den Schuldspruch aufrechterhalten, dann könnte ein juristischer Kampf um die Auslieferung von Amanda Knox an Italien ausbrechen. In den USA gilt der Rechtsgrundsatz, dass niemand zweimal für ein- und dasselbe Verbrechen vor Gericht gestellt werden darf.

Doch nach italienischem Recht handelt es sich um einen Fall, der immer noch nicht abgeschlossen ist. Außerdem haben die USA einen Auslieferungsvertrag mit Italien abgeschlossen. Knox kann sich deswegen wahrscheinlich nicht auf US-Recht berufen. Doch selbst wenn Rom einen Auslieferungsantrag stellt, könnte sich die Geschichte über viele Jahre hinziehen. Knox könnte das US-Außenministerium verklagen, das in solchen Fällen entscheidet. Sie könnte Kinder bekommen, jedes Baby verzögert eine Auslieferung um drei Jahre. Letztlich könnte auch das US-Außenministerium eine Überstellung der Frau nach Italien nicht genehmigen und einen diplomatischen Streit riskieren.

Die Achterbahnfahrt geht also weiter. Eine Frage allerdings wird auch der fünfte Prozess um den Tod der britischen Studentin nicht hinreichend beantworten können. Ist Amanda Knox eine Mörderin? Klar ist nur: Das Opfer wurde damals tot aufgefunden – vergewaltigt, mit durchschnittener Kehle und zahlreichen Messerstichen im Körper.

Doch was genau damals in Perugia geschah, hat sich nicht zweifelsfrei rekonstruieren lassen. War es ein Sex-Spiel unter jungen Leuten, das tödlich endete? War es ein banaler Streit um eine verschmutzte Toilette? Ermittlungspannen der italienischen Behörden und Falschaussagen der Beschuldigten haben eine Klärung zusätzlich verkompliziert.

So beteuert Amanda Knox seit Jahren ihre Unschuld. Mindestens den Kolumnisten von der „Seattle Times“ hat sie überzeugt. Jonathan Martin schreibt, die Beweislage gegen Knox sei so dünn, dass sie in den USA wahrscheinlich niemals angeklagt worden wäre.

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