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Am Ende der Fahnenstange

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Von: Johannes Dieterich

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Die Skyline von Pretoria - noch ohne Fahne.
Die Skyline von Pretoria - noch ohne Fahne. © Imago Images

Südafrikas Kulturminister Nathi Mthethwa wünscht sich ernsthaft einen 100-Meter-Flaggenmast. Das kommt nicht bei allen gut an.

Den Zusammenhang zwischen sterbenden Regimen und überlebensgroßen Denkmälern kennt man aus biblischen – der Turmbau zu Babel – oder ganz und gar unbiblischen Zeiten: Albert Speers Pläne für die Nazi-Welthauptstadt „Germania“. Demselben Prinzip, allerdings auf etwas bescheidenere Weise, suchte Südafrikas Kulturminister Nathi Mthethwa zu folgen, indem er seine angeschlagene Heimat mit kühnem Schwung in die Annalen der Weltgeschichte katapultieren wollte. Und zwar mit einem 100 Meter hohen Fahnenmast, der nach dem Grundsatz ‚meiner ist länger‘ auf einem Hügel bei Pretoria errichtet werden soll.

Der Pfahl solle seine Landsleute an die Demokratie erinnern und wie sie dazu gekommen seien, stellte Mthethwa sein Projekt im Parlament vor. Ob er damit auf Nelson Mandelas „langen Weg zur Freiheit“ anspielte, blieb unklar. Jedenfalls soll die am Ende der Fahnenstange befestigte zehn auf 15 Meter große Flagge von so gut wie überall zu sehen sein. Und weil nach den Worten des Ministers „Bildung kontinuierlich sein muss“, werde die Fahne nachts angestrahlt. Dabei scheint Mthethwa allerdings vergessen zu haben, dass in Südafrika fast jeden zweiten Tag der Strom und damit die Bildung ausfällt.

Massive Kritik

Gedacht hat er dafür an den Arbeitsmarkt („das Projekt schafft Jobs“), an den Tourismus („die Fahne wird zur Sehenswürdigkeit“) und ausdrücklich auch an die Stahlindustrie, die die lange Lanze anfertigen darf. Sie sei ein „Symbol für die Einheit“, den „nationalen Stolz“ und „sozialen Zusammenhalt“ der Menschen in Südafrika, fügte der Minister hinzu: Für derart hehre Ziele sei der veranschlagte Preis von umgerechnet 1,2 Millionen Euro nachgerade ein Witz. Vor allem wenn man bedenke, was andere Nationen für ihren Eiffelturm, ihre Freiheitsstatue oder ihren Jesus, den Erlöser, ausgaben, pflichteten ministerielle Speichellecker ihm in den Medien bei.

Tausende von Künstler:innen, die sich von Mthethwa während der Pandemie im Stich gelassen fühlten, wollten davon allerdings nichts wissen. „Warum gehen diese 22 Millionen Rand nicht an Kreative, die hungern oder sich aus Schwermut selber umbringen?“, fragt Schauspielerin Lerato Mvelase in Anspielung an einen ihrer Kollegen, der vergangenes Jahr Selbstmord beging. „Hau endlich ab, wir hassen Dich alle“, wird die TV-Personality Bonang Matheba auf Twitter wesentlich deutlicher. Produzent Zola Hashatsi setzt noch drauf: „Du bist so nutzlos wie das T in Buffet.“

Auch die Forderung nach der Entlassung des Ministers wird laut. „Wenn Sie sich mit derartig mittelmäßigen Leuten umgeben, setzen Sie sich selbst dem Verdacht der Mittelmäßigkeit aus“, gibt Sizwe Pamla, Sprecher des Gewerkschaftsdachverbandes Cosatu, Präsident Cyril Ramaphosa zu verstehen. Angesichts der rapide steigenden Benzin- und Nahrungsmittelpreise sowie der Millionen an Menschen im Land, die während der Pandemie ihren Job verloren, sei der lange Fahnenmast womöglich doch keine gute Idee, wenden inzwischen selbst die selten gewordenen Apologeten des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) ein. Ist der Minister etwa taub geworden?

Offenbar war er nur kurz einem megalomanen Schlummer verfallen. Die „Vielfalt der Stimmen“, die in den vergangenen Tagen laut geworden seien, müssten als „willkommene Feier der lebhaften politischen Kultur unseres Landes“ betrachten werden, hieß es am Donnerstag in Mthethwas Ministerium. Die Entscheidung um die „monumentale Flagge“ müsse einer „grundsätzlichen Überprüfung“ unterzogen werden. Und die Moral von der Geschichte: Auch bei der längsten Fahnenstange langt man irgendwann an deren Ende an.

Nathi Mthethwa.
Nathi Mthethwa. © Imago Images

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