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Der Tod in Raten: Zurück bleibt nur kontaminierte Erde.

Uganda

Altes Gold und neue Wege

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Schmuck tragen ohne schlechtes Gewissen – das geht: Während eine Berliner Designerin nur mit recyceltem Metall arbeitet, holt eine Stiftung Arbeiter in Uganda aus den Minen. Einige von ihnen sind jetzt Imker

Eine Einkaufsstraße in Deutschland, irgendeine. Die Goethestraße in Frankfurt vielleicht, oder die Münchner Maximilianstraße, Kurfürstendamm oder Königsallee. Überall drücken sich Schmuckgeschäfte und Juweliere aneinander, die schönsten Preziosen glänzen hinter erwärmten Schaufensterscheiben in der Mittagssonne. Ringe und Reifen, Smaragde und Saphire, Pavéfassung und Prinzessschliff. Sie sollen schmücken, mehr noch, Dankbarkeit und Wertschätzung symbolisieren, die Liebe besiegeln. Die Uhr zum Jubiläum, der Anhänger zum Muttertag, der Ring zur Verlobung – wer mag da schon an die hässlichen Seiten der schönen Stücke denken? „Schmuck ist emotional“, sagt Lilian von Trapp. „Und wenn man so etwas verschenkt, dann möchte man eben nicht an kontaminierte Böden und zerstörte Natur denken. Schon gar nicht an schwerkranke Minenarbeiter in Afrika oder Kinder, die in Indien Steine schleifen.“

Die studierte Juristin führt ein Schmucklabel unter eigenem Namen, Lilian von Trapp, das sind klare Formen und kluge Details, minimalistische Schmuckstücke aus recyceltem Gold und Vintage-Diamanten. Eine Überzeugung, „ich könnte es einfach nicht anders machen“, sagt die Designerin. Als sie vor ein paar Jahren den Familienschmuck erbt, Preziosen ihrer Mutter und zweier Großmütter, muss sie sich überlegen, ob sie die aus der Zeit gefallenen Stücke in Safe und Schmuckkästchen verstauben lässt. Oder etwas eigenes daraus macht: Erste Entwürfe aus dem zusammengeschmolzenen Erbe für sich selbst, viel Zuspruch, 2016 wurde die Marke daraus. „Ich bekomme viele Nachrichten von Leuten, die sich den Problemen der Industrie bewusst sind und nach genau so einer Alternative gesucht haben“, sagt von Trapp.

Dass trotzdem viele Menschen nicht um das grausame Geschäft hinter all dem Glanz wissen – oder nicht wissen wollen –, das liege auch an den schwindelerregenden Preisen, die sie blenden. Hunderte, Tausende, Zehntausende Euro – da kann es doch nur mit rechten Dingen zugehen! Mit dem Schmuck und den rechten Dingen ist das allerdings so eine Sache: Zumindest in Bezug auf die Umwelt geht beides kaum zusammen. Schon der Kleinbergbau von Hand, der rund 15 Prozent der weltweiten Goldproduktion ausmacht, hat verheerende Folgen für die Natur. In fast allen Ländern Lateinamerikas, in vielen Regionen Afrikas und Asiens wird so gearbeitet, 20 bis 25 Millionen Menschen weltweit verdienen ihr Geld im kleinhandwerklichen Goldminensektor, somit sind etwa 100 Millionen Menschen indirekt Teil der Versorgungskette.

Es gibt zwei Arten des sogenannten Small-Scale Minings: Bei der einen wird tief in die Erde gebohrt, bis zu 400 Meter. Beim „Surface-Mining“ wiederum wird nur die obere Erdschicht abgetragen, dafür erstrecken sich die Flächen über viele Hektar hinweg. Gibt es in der Erde nichts mehr zu holen, bleiben bei beiden Arten riesige Krater zurück, weite Flächen, auf denen nichts mehr wachsen, nichts mehr leben kann, tote Erde, zerstörte Ökosysteme. Und die Menschen? Die leiden auf vielfache Weise am Bergbau, der oft ihre einzige Einnahmequelle darstellt.

„Das Gold finden sie nur in kleinsten Partikeln vor, das hat mit den Nuggets, wie man sie aus Filmen kennt, überhaupt nichts zu tun“, erklärt Lilian von Trapp. „Und um diese kleinsten Teilchen vom Stein zu lösen, benutzen die Minenarbeiter Quecksilber.“ Oft hantieren sie mit bloßen Händen mit dem gefährlichen flüssigen Metall, dass sich auf den Steinen mit den Goldpartikeln verbindet. Was entsteht sind kleine silbrige Bällchen, die dann verbrannt werden. „Dabei atmen die Arbeiter hochgiftige Dämpfe ein. Außerdem kontaminiert das Quecksilber die Erde und geht auch ins Grundwasser ein“, sagt von Trapp. Bei größerem Goldvorkommen finden auch Cyanidlaugungen statt, ohne jeden Schutz werden Becken für die giftigen Salze und Säuren in den bloßen Boden gegraben.

„Es gibt zwar zertifizierte Goldquellen, die fair und achtsam arbeiten“, sagt die Designerin. „Was aber bleibt, ist die Zerstörung der Erde – denn Gold lässt sich nun mal nur aus dem Boden gewinnen.“ Mit dem eigenen Label, mit recyceltem Gold und wiederverwendeten Edelsteinen ein glänzendes Gegenprogramm zum scheußlichen Kleinbergbau entwerfen – das war Lilian von Trapp nicht genug. Seit der Gründung ihrer Marke spendet sie kontinuierlich einen Teil der Erlöse an entsprechende Organisationen und Projekte. „Natürlich kann ich als junge Marke auch nicht ohne Ende spenden“, sagt von Trapp. „Aber der Kunde kann spenden, während ich das Gold und die Arbeit beisteuere.“ Also hat sie eine limitierte Kette entworfen, 100 Prozent der Erlöse gehen direkt an die Earthbeat Foundation. Mit der Stiftung reiste Lilian von Trapp unlängst nach Uganda, um sich selbst ein Bild von den Missständen zu machen.

2013 wurde die Foundation von Guya Merkle gegründet, die mit Vieri selbst ein Schmucklabel in Berlin führt, das sich der ethisch korrekten Gewinnung von Edelmetallen verschreibt. Die Aufgaben der Stiftung sind klar: Aufklärung auf den westlichen Märkten, mit den Minenarbeitern vor Ort Perspektiven abseits des Small-Scale Minings finden. „Wir wollen natürlich keine postkolonialen Strukturen fördern und mit dem erhobenen Zeigefinger auf die Menschen zugehen“, sagt Projektleiterin Julia Gajewski. „Wenn wir in diesen Regionen nur mit einer Nachhaltigkeits-Kampagne anreisen, dann können die Menschen davon noch nicht leben“, erklärt die studierte Philosophin.

Ihnen müssen lukrative Wege raus aus den Minen aufgezeigt werden. Dabei ist es wichtig, zu begreifen, wie abhängig vom Tagebau viele Menschen etwa in Ostuganda sind, wo die Earthbeat Foundation maßgeblich agiert. „Für die Menschen dort geht es um das bloße Überleben“, sagt Gajewski. „Und wenn es um die eigene Existenz geht, dann ist erstmal eben nicht so wichtig, ob man in 20 oder 30 Jahren Leber- oder Nierenschäden hat, Herzversagen oder das Gehirn nach und nach degradiert.“ All das können Folgeschäden der achtlosen Arbeit mit Quecksilber sein. Häufig vergrößert der Kleinbergbau aber auch die sozialen Probleme.

„Die Familien der Arbeiter profitieren nur selten davon, weil das schnell verdiente Geld oft sofort wieder ausgegeben wird“, so Gajewski. Für Glücksspiel etwa oder Prostitution, was die Ausbreitung von HIV-Infektionen begünstigt. Auch Drogenmissbrauch und Alkohol oder häusliche Gewalt spielen in den Familien oft eine Rolle, die von der deprimierenden Arbeit im Bergbau abhängig sind. „Das ist einfach keine nachhaltige Einnahmequelle“, sagt Gajewski. Gerade, weil Gold ja ohnehin eine endliche Ressource ist. Schätzungen zufolge wird das Edelmetall in ungefähr 30 Jahren im Boden gar nicht mehr zu finden sein, schon jetzt ist sein Abbau unverhältnismäßig aufwendig.

Also setzen sich die Mitarbeiter der Foundation mit den Arbeitern und ihren Familien, mit ganzen Dörfern in Uganda zusammen, und überlegen, was alternative Einnahmequellen sein können. Beim jüngsten Projekt, dem „Heartbeat Garden“, kristallisierte sich der Wunsch der Gemeinde heraus, zur Landwirtschaft zurückzukehren. Es ist das Projekt, das auch Schmuckdesignerin Lilian von Trapp auf einer Reise begleitete. In der Region Busia können sich die Menschen derzeit kaum noch durch den Pflanzenanbau finanzieren, er wird in der Regel also nur als Subsistenzwirtschaft betrieben.

Um daraus wieder ein auch über die Selbstversorgung hinaus ertragreiches Geschäft zu machen, wurde die Foundation auf mehreren Ebenen aktiv: Erstmal stellte sie Ausstattung und Werkzeuge, außerdem finanzierte sie entsprechende Kurse. „Besonders toll finde ich, dass die Experten, die meist aus Kenia kommen, vor Ort auch fünf Kursteilnehmer dazu ausbilden, selbst solche Kurse zu leiten“, sagt von Trapp. „So soll sich das Wissen weiter ausbreiten.“ Nach dem Konzept der Permakultur pflanzt die Gemeinde sieben verschiedene Nutzpflanzen an, die sich untereinander im Wachstum unterstützen, Pestizide sind überflüssig, natürlicher Dünger kommt etwa von Hühnern, die auch Fleisch und Eier liefern.

Wie sich so ein Vorhaben verselbstständigen kann, das zeigt ein weiteres Projekt der Foundation: 2016 äußerte eine weitere Gemeinde in Ostuganda, dass sie sich in der Imkerei probieren wolle. „Ich habe nie daran gedacht, dass es in Afrika natürlich auch Bienen gibt“, sagt Projektleiterin Gajewski und lacht. „Dass dementsprechend also auch Wachs und Honig gewonnen werden können.“ Auch damals stellte die Stiftung die erste Ausrüstung, Schutzanzüge und Smoker zum Beispiel, schaffte Bienenstöcke an und initiierte Imkerkurse. 90 Leuten wurde in einem Jahr der Umgang mit den in Afrika aggressiveren Honigbienen beigebracht, von den 240 Stöcken sind bisher etwa 70 Prozent mit Bienenvölkern besiedelt.

„Im Februar konnten sie schon den ersten Honig ernten“, sagt Gajewski. „Und jetzt kommt schon der nächste Honig.“ Wie gewinnbringend das Imkerunternehmen auch auf lange Zeit arbeiten kann, wird sich zeigen. „Natürlich müssen wir uns klarmachen, dass wir durch solche Projekte nicht sofort alle Menschen aus den Minen holen können“, sagt Gajewski. „Was wir aber können, ist Ansätze für lukrative Alternativen stiften, die langfristig die Abkehr von der gefährlichen Minenarbeit fördern.“ Wichtig sei, dass die Menschen das Unternehmen sofort als das ihre begreifen, dass sich ein Stolz entwickelt und überdies zumindest kleinere finanzielle Spielräume entstehen, um selbst weiterführende Investitionen zu tätigen.

Und eben dafür wiederum ist entscheidend, dass die Mitarbeiter der Stiftung den Minenarbeitern auf Augenhöhe begegnen. „Unsere Gesellschaft muss begreifen, dass es in Afrika eben nicht nur diese schlimme Armut gibt, sondern auch sehr viele tolle Initiativen aus den Ländern selbst, die etwas daran ändern wollen“, sagt Julia Gajewski. Das treffe auch und gerade auf die Geschäfte in der Goldproduktion zu. „Es gibt viele junge, gebildete Leute, die dieses westliche Bild von Afrika als ewigen Entwicklungskontinent, der ständig unsere Hilfe braucht, korrigieren wollen. Die sich engagieren und gegen korrupte Systeme angehen.“

In das System, das Gold aus den Händen der Minenarbeiter über Mittelsmänner zu den Raffinerien führt, greift die Stiftung bewusst nicht ein. Zu schwer sei es ohnehin, eben jene Mittelsmänner zu identifizieren, zu gefährlich kann es werden, tiefer in die Kette vorzudringen. „Für uns und die Minenarbeiter, mit denen wir arbeiten, haben sich bisher noch keine gefährlichen Situationen ergeben, keine Drohungen von irgendeiner Seite“, sagt Gajewski. Noch ist die Earthbeat Foundation zu klein, um dem System vor Ort – und auch der großen Lobby dahinter – gefährlich zu werden. Und so zynisch das auch klingt: „Es gibt ja genügend Nachschub an Menschen, die man ausbeuten kann“, sagt Julia Gajewski. „Wenn wir einer Gemeinde helfen, aus dem Geschäft auszusteigen, dann gibt es etliche andere, die ihre Nachfolge antreten würden.“ Für westliche Organisationen ist es schwer nachvollziehbar, wie der Kreislauf vor Ort überhaupt funktioniert – und wer letzten Endes am stärksten davon profitiert.

Fest steht: Die Schmuckläden mit den schimmernden Preziosen hinter sonnengewärmten Schaufenstern, die Juweliere auf dem Berliner Kurfürstendamm oder der Düsseldorfer Kö, die verdienen schon etwas am Gold. „Nachdem ich mich so intensiv mit dem Thema beschäftigt und die Zustände vor Ort gesehen habe, ist mir immer deutlicher geworden, dass recyceltes Gold die einzige Lösung ist“, sagt Lilian von Trapp. Und auch keine unmögliche Lösung: Fast 170 000 Tonnen Gold sind auf der Welt derzeit im Umlauf, ein nicht unbeträchtlicher Teil in Form von altem Schmuck und ungetragenen Erbstücken, die in Safes und Kästchen schlummern.

Die Designerin selbst bezieht ihr Gold etwa aus Auflösungen von Juweliergeschäften oder über Pfandleiher, Stücke mit wiederverwendeten Diamanten, erstellt sie nur auf Anfrage. „Wenn jeder das Gold, was er besitzt, aber nicht braucht oder trägt, zurückgeben würde in einen Kreislauf, aus dem Neues entsteht, dann gäbe es viele Probleme der Industrie gar nicht“, sagt Lilian von Trapp. „Es ließe sich mit all dem alten Gold wunderbar neuer Schmuck machen.“ Der beste Beweis sind ihre eigenen Entwürfe.

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